Niki List

  • Das Risiko des Filmens

    Wer sich auf das Abenteuer des Produzierens einlässt, sollte über die Naivität und die Fähigkeit des Hoffens, zugleich aber auch über genügend Erfahrung verfügen, die möglichen Risiken einschätzen zu können. Das Produzieren von Filmen ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Die Komplexität eines aufwändigen Projektes, menschliche Faktoren und unvorhersehbare Zufälle können ein hoffnungsfroh begonnenes Vorhaben zu einem Desaster werden lassen.

     

    Dabei stellt das Überschreiten des Budgets eine der häufigsten Naturkatastrophen im Filmbusiness dar. Je nach Größe der Produktionsfirma können die Überziehungen mehr oder weniger gut verkraftet werden. Wenn Martin Scorsese bei „Gangs of New York“ mal eben 20 Millionen Dollar mehr verbraucht, werden auch in den USA Studiobosse und Investoren (darunter auch deutsches Fonds-Kapital) nervös. Doch der Film wurde fertiggestellt und war der Abschlussfilm der Berlinale 2003. Doch die Filmgeschichte ist reich an Beispielen, bei denen es nicht so gut ausging.

     

    Nicht fertiggestellte Produktionsdesaster

    Don Quixote

    Spektakulärstes Beispiel der letzten Zeit war das komplett mit europäischem Kapital finanzierte Epos „The Man who killed Don Quixote“ von Terry Gilliam ("12 Monkeys", "Münchhausen", "Brazil"). Das Budget von 32 Millionen Dollar, ein erstklassiger Cast (Jean Rochefort, Johnny Depp) und höchste Hollywood-Ansprüche des Regisseurs sollten die europäische Koproduktion auf höchstes Niveau hieven. Tatsächlich aber waren bereits die Drehvorbereitungen in Spanien mangelhaft und vom ersten Drehtag an schwebten dunkle Wolken über dem Projekt. Ob es der Flugverkehr war, der Originalton unmöglich machte, untrainierte Pferde, die durchgingen oder Komparsen, mit denen niemand geprobt hatte, jeder Drehtag übertraf den vorangegangenen noch an Schwierigkeiten. Platzregen verwandelte das Wüstenset in eine Schlammlandschaft und spülte die Filmausrüstung mit sich. Schließlich erkrankte Hauptdarsteller Jean Rochefort (Der Mann der Friseuse) und konnte nicht mehr weiterdrehen, der Todesstoß für das Vorhaben.

     

    Nick Knatterton

    Doch auch hierzulande gibt es Filme, die mit großem PR-Aufwand durch die Medien gingen und die auf Grund widriger Umstände nicht oder vorerst nicht fertiggestellt wurden. Da wäre etwa die Verfilmung von "Nick Knatterton" mit Niki List als Regisseur. Die 8 Millionen Euro schwere, hochgeförderte Produktion (Filmstiftung NW: 1 Million Euro). wurde von Helkon-Pictures produziert und prominent besetzt. Jens Schäfer, Jeanette Hain, Kordula Kohlschmitt, Axel Milberg und Wolfram Berger sollten die Krimi-Comicfigur der 50er Jahre ins Kino transportieren. Der Film wurde abgedreht, doch dann verunglückte der Produzent, Werner König, im November 2000 während der Motivsuche für den Film „The Extremists“ über risikofreudige Skifahrer in der Nähe des Wintersportorts Verbier tödlich. Der „Motor des Projektes“ fällt auf tragische Weise aus, von dem Film hört man nichts mehr. Die Mutterfirma, Helkon Media AG, die wie manch andere im New Media Hipe zu viele Risiken mit Aktionärskapital eingegangen ist, wird zahlungsunfähig. Am 1. 10. 2002 wird am Münchner Amtsgericht das Insolvenzverfahren eröffnet, das gedrehte Knatterton Material wird vorerst Konkursmasse.

     

    Zürich Transit

    Ein in Vergessenheit geratenes Projekt war "Zürich Transit" in den sechziger Jahren, eine ambitionierte Max-Frisch-Verfilmung des Romans „Sein Name sei Gantenbein“. Die Atlas-Film produzierte, die Besetzung war erstklassig (Ernst Schröder, Richard Münch, Agnes Fink) und mit dem Regisseur Erwin Leiser schien das Vorhaben auf dem besten Wege. Doch bereits nach einer Woche Dreh erkrankte Leiser schwer und konnte nicht mehr weiterdrehen. Ein Nachfolger wird in Bernhard Wicki gefunden, doch auch der erkrankte nach einer Woche schwer und konnte nicht mehr weiterdrehen. Es scheint, als liege ein Fluch der Pharaonen über dem Projekt, so wird die Produktion schließlich zum Versicherungsfall. So existiert lediglich eine etwa fünfminütige Szene von dem Film im Filmarchiv Düsseldorf.

     

    Der Atem Gottes

    So hieß eine Produktion der Kölner Cat Features GmbH, Tochter einer Firma die sich anfänglich mit Mitternachtsfilmen unbekleideter Menschen für die TV-Privatsender beschäftigte. Bei dem ambitionierten Kinofilmprojekt war nur hochkarätiger internationaler Cast eingebunden. Ob Donald Sutherland oder Klaus Maria Brandauer, alles was gut und teuer war, sollte mitspielen. Den Produzenten gelang es, beachtliche Fördergelder an Land zu ziehen, die sie durch großzügige Reisen und Marketingmaßnahmen rasch dezimierten. Mit den Zusagen hatten es die Darsteller wohl nicht so ernst gemeint und für den eigentlichen Drehbeginn war dann schließlich gar kein Geld mehr vorhanden. Der Film wurde nie gedreht, die Firma dicht gemacht.

     

    Napoleon

    Es sollte 1970 Stanley Kubriks größter Film werden, präzise vorbereitet, sein jahrzehntelanger Traum. Kubrik hatte das Projekt zusammen mit Producer Jan Harlan sehr weit vorangetrieben. Tausende Komparsen standen in Rumänien bereit, die unzähligen Uniformen waren bereits aus Papier, diverse Requisiten gefertigt worden. Da trat etwas ein, was in den hart umkämpften Kinomärkten der Welt schon so manchen Produzenten ruiniert hat: Ein anderer Film ähnlichen Napoleon-Sujets kam in die Kinos: „Waterloo“ (R: Sergei Bondarchuk), ebenfalls hochkarätig besetzt. Die Themenübereinstimmung hat Kubrik in keiner Weise beeindruckt, doch da „Waterloo“ an der Kinokasse durchfiel und nicht mal ein Zehntel seiner Herstellungskosten einspielte, zogen sich die Finanziers von Kubrik zurück und der Film wurde nie gedreht.

     

    Fertiggestellte Produktionsdesaster

    Cleopatra

    Zu den fertiggestellten Filmkatastrophen gehörte auch „Cleopatra“ (MGM) in den sechziger Jahren. Zuerst wurden die altägyptischen Studiobauten in England von einem Orkan davon gepustet, dann wurde Hauptdarstellerin Liz Taylor so schwer krank, dass ihr Leben nur durch einen Kehlkopfschnitt gerettet werden konnte. Lange nach ihrer Genesung wurde dann in Rom am Film weitergedreht.

     

    Münchhausen

    Auch ein anderes Gilliam-Epos, der "Münchhausen"-Film, stürzte seinen Produzenten Thomas Schühly ("Der Name der Rose", "Der Totmacher") ins Unglück. Wegen übergroßer Hitze konnte in Cinecitta in Rom nicht tagsüber gedreht werden. Umzug der Crewnach Almeria in Spanien. Die Kostüme bleiben am Flughafen Rom liegen, der Dreh verzögert sich weiter. Schwere organisatorische Fehler, etwa die Verwendung realer Kanonen statt Attrappen, verlängerten die Drehtage wegen aufwändiger Transportlogistik der tonnenschweren Originale ins Unendliche. Der Completion-Bond „Film Finances“ entsandte eigene Producer, um das explodierende Budget unter Kontrolle zu bringen. Ein vorläufiger Drehschluss wurde für den 7. November 1987 angesetzt, danach der Dreh abgebrochen und aufwändige Restszenen vereinfacht oder einfach gestrichen. Sean Connery, der die Rolle des Mondkönigs spielen sollte,  wurde durch den damals preisgünstigeren Robin Williams ersetzt. Am 23. November 1987 wurde mit einem „verbilligten“ Drehbuch weitergedreht.

     

    Fitzcarraldo

    1982 wäre "Fitzcarraldo" für Werner Herzog beinahe ein Desaster geworden. Der authentische Landtransport eines großen Schiffes per Manpower statt Filmtrick ließ die Kosten explodieren. Das Werk wurde dennoch fertiggestellt und kam erfolgreich in die Kinos.

     

    Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel

    "Heaven's Gate" oder "Das Tor zum Himmel" wurde von Michael Camino mit einem Wahnsinns-Budget verfilmt und war ein solcher Flop, das die Firma MGM bankrott ging. Das amerikanische Kinopublikum hatte wohl kein Interesse an ihrer wahren Vorgeschichte, die Sache mit den Indianern.

     

    Die Dunkelziffer

    Fast alle Dienstleister und Mitarbeiter in der Filmbranche wissen von Produktionen zu berichten, bei denen Gagen und Rechnungen schlicht und einfach nicht mehr bezahlt wurden. Sie kennen Filme, die nie fertiggestellt wurden oder trotz Endfertigung nie ein Mensch zu sehen bekommen hat. Dennoch findet man nur wenige Veröffentlichungen zu dem Thema. Niemand möchte gerne an seine Fehlschläge erinnert, in seiner Kompetenz in Frage gestellt werden. Fest steht, dass jeder Film Risiken und Unwägbarkeiten in sich birgt und dass solide Planung und Risikobegrenzung allemal besser sind, als Glücksrittertum und blinder Glaube. Selbst wenn die Produktion fertiggestellt werden konnte, kann der Kinoeinsatz mangels Zuschauerinteresse noch zum Desaster werden.

     

    Ein Hoffnungsschimmer für jene Filme, die an ihrer mangelnden Qualität gescheitert sind, zeigen die Videotheken auf. Speziell in den USA zeigt sich, dass der „Kuriositätsfaktor“ dazu führt, dass auch Filme, die im Kino absolut abgestürzt sind, zu heimlichen Rennern werden können. Während man sich nicht wagt im Kino als „schlecht“ identifizierte Werke anzuschauen, und womöglich dabei gesehen zu werden, eröffnet die Videothek die Chance sich jeden noch so schlechten Film heimlich und unerkannt anzuschauen.

     

    Die Aufzählung in diesem Kapitel ist unvollständig und sollte kontinuierlich erweitert werden. Sachdienliche Hinweise bitte per Mail ans Movie-College.

     

  •  

    Das Museumsquartier in Wien

    Das Museumsquartier in Wien

    Trotz der geringen Größe und Einwohnerzahl bietet das Land Österreich eine große Bandbreite an interessanten Filmen. Vor allem durch die Oscar-Auszeichnungen 2008 von Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ und 2013 Michael Hanekes „Armour“ (beide in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film) rückte Österreich als filmschaffendes Land weiter ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Natürlich kann man die Qualität künstlerischen Schaffens nicht nur anhand großer Preisverleihungen messen. Das Movie-College wirft einen kurzen Blick auf die Filmgeschichte Österreichs.

     

    Ein Überblick

     

    27. März 1896 – knapp 3 Monate nach der Premiere in Paris – erlebt auch Österreich seine erste Kinovorführung. 1910 gründete der Fotograf A. Kolm die "Erste Österreichische Kinofilmindustrie", in welcher der erste österreichische Spielfilm, Dokumentarfilm und die Wochenschau produziert wurden. Nun nahm die Filmproduktion zu. 1912 wurde Sasha-Film in Wien gegründet, welche gegen Ende des ersten Weltkrieges zu einer der größten Produktionsfirmen Europas versierte. Besonders erfolgreich liefen Monumentalfilme, wie zum Beispiel „Sodom und Gomorrha“ bei welchem Michael Curtiz (damals noch Mihály Kertesz) Regie führte.

     

    Mit Beginn des Naziregimes in Deutschland emigrierten jedoch viele Filmschaffende in die Vereinigten Staaten, wo manchen auch eine steile Karriere gelang, unter anderen Billy Wilder, Fred Zinnemann, Josef von Sternberg, Erich von Stroheim, Otto Preminger, Peter Lorre und Fritz Lang. Mit dem Anschluss 1938 wurde der eigenständigen Produktion dann ein jähes Ende gesetzt. Alle Produktionsfirmen wurden zur „Wien-Film“ zusammengefasst, Beschneidung der Meinungsfreiheit und Einführung einer strengen Zensur folgten. Es entstanden größtenteils sogenannte Kultur- und Heimatfilme, in denen andere Völker, sowie die Demokratie und die Habsburger-Monarchie verspottet wurden.

     

    In der Nachkriegszeit besann man sich zu tendenziell leichteren Stoffen und drehte hauptsächlich Heimatfilme und Komödien. Wie zum Beispiel E. Marischkas "Sissi-Trilogie", 1955-57 mit Romy Schneider oder etliche Filmchen mit Peter Alexander. Nur mühsam erholte sich die Filmszene von den Eingriffen der Regierung in den 30er und 40er Jahren.

     

    Mit den sechziger Jahren kam mit Filmemachern, wie Peter Kubelka und Kurt Kren frischer Wind auf. Durch den Avantgarde Film versuchten sie gängige Konventionen zu brechen und abseits der Sehgewohnheiten des Publikums neue Ausdrucksweisen zu finden.

     

    Die Aktivistin Valie Export präsentierte das „Tapp- und Tastkino“, einem Projekt bei dem sie, den Oberkörper bekleidet mit einer Holzkiste, an der vorne zwei Löcher zum Tasten gesetzt waren, sich selbst als Kino preisgab.

     

    Nun wollte man schon von revolutionären Änderungen träumen, doch Österreich brauchte noch ein bisschen Zeit. Die 70er Jahre wurden das Jahrzehnt mit der  geringsten Anzahl von Filmproduktionen überhaupt. Das die Entwicklung des „Neuen österreichischen Films“  nur langsam voranging und so vieles ungefördert - unbekannt blieb, ist mit großer Wahrscheinlichkeit dem Umstand zu verdanken, dass Österreich erst 1981 und somit als letztes westeuropäisches Land eine staatlich kontrollierte Filmförderung etablierte. Ab nun konnten im Idealfall auch künstlerisch anspruchsvollere Werke ihren Weg zum Publikum finden.

     

    Das Gartenbaukino in Wien

    Das Gartenbaukino in Wien © www.gartenabukino.at

    So kam es ab 1980 zum Aufschwung in der Filmszene. Niki List drehte 1982 eine interessante Komödie "Cafe Malaria“, mit einem jungen Andreas Vitasek und 4 Jahre später „Müllers Büro“, eine Mischung aus Krimikomödie und Musikfilm. Die Verfilmung von Klaus Manns Roman „Mephisto“ brachte 1981 als deutsch-österreichisch-ungarische Koproduktion einen Auslandsoscar ein. Regie führte hierbei István Szabó, in der Hauptrolle beeindruckte Klaus Maria Brandauer. 1976-1983 wurde die satirische Kriminalserie „Kottan ermittelt“ ausgestrahlt, welche großen Anklang fand und in Österreich auch heute noch oft und gerne gesehen wird.

     

    In den 90er Jahren wurde die Produktion von Komödien mit den sogenannten Kabarettfilmen wiederbelebt, welche gesellschaftskritischer waren als Komödien zuvor. Oft wurden typisch negative Charaktereigenschaften der Österreicher dargestellt. Als Schauspieler wurden Kabarettisten, wie Josef Hader (>Das Movie-College führte ein Interview), Roland Düringer, Alfred Dorfer oder Reinhard Nowak eingesetzt, die in wechselnden Rollen in verschiedenen Filmen auftraten. Als Vorreiter ist hier auch Helmut Qualtinger zu nennen, der unter anderem schon 1961 mit seinem Ein-Personen-Stück „Der Herr Karl“ auf diese Weise Aufsehen erregte. Wichtige Filme dieser Periode sind „Indien“ und „Muttertag“ von Harald Sicheritz (beide 1993), „Freispiel“(1995), „Hinterholz 8“(1998),  „Poppitz“(2002) und „MA 2412 – Die Staatsdiener“(2003).

     

    1999 erschien „Nordrand“, ein Film von Barbara Albert, mit Nina Proll in der Hauptrolle, der international viel Anerkennung – darunter eine Nominierung für den goldenen Löwen in Venedig – erntete und so von manchen als Wendepunkt im österreichischen Film angesehen wird. Es kam eine neue Generation von Filmemachern an die Reihe. Michael Haneke drehte 1989 seinen ersten Langfilm, im selben Jahr wie Michael Glawogger „Krieg in Wien“ veröffentlichte. Götz Spielmann und Ulrich Seidl gaben 1990 ihr Langfilmdebut.

     

    Im neuen Jahrtausend spielten sie eine wichtige Rolle. Weitere erfolgreiche FIlme waren das Zweiter Weltkriegs-Drama "Die Fälscher" (2007) von Stefan Ruzowitzky und "Fallen"(2006)  von Barbara Albert oder "Der Knochenmann" (2009) von Wolfgang Murnberger mit Josef Hader. 2006 drehte Andreas Prochaska einen der ersten Slasher-Filme Österreichs. Nach gängigen Horror-Klischees, mit geringem Budget und mundartsprechenden Laienschauspielern realisiert, erfreute er sich über 80 000 Kino-Besuchern. (Für Österreich ist das viel.) 2008 folgte auch prompt die Fortsetzung - wer hätte es erwartet - "In drei Tagen bist du tot 2". Mit "Das finstere Tal" konnte Andreas Prochaska nun 2015 acht der 14 Kategorien des Österreichischen Filmpreises für sich entscheiden. Der Österreichische Filmpreis wird seit 2011 von der Akademie des Österreichischen Films vergeben. 

     

    Die Filme der Regisseurin Jessica Hausner sollte man auch nicht missen. 1999 gründete sie gemeinsam mit Kameramann Martin Gschlacht und Regisseur Antonin Svoboda ("Immer nie am Meer") die Wiener Produktionsfirma coop99 und drehte unter anderem "Lourdes"(2009) und letztes Jahr ein historisches Drama über die Selbstmordsehnsüchte des Dichters Heinrich von Kleist: "Armour Fou"(2014).

     

    Schauspieler Karl Markovics gab 2011  mit "Atmen" sein Regie-Debut. Der Film handelt von einem 19-jährigen Insassen eines Jugendgefängnisses, der versucht in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Sein zweiter Film "Superwelt" feierte auf der Berlinale 2015 seine Premiere.

     

    Hier kann man vielleicht auch kurz den Namen Christoph Waltz erwähnen, der mit seinen Darstellungen in den Tarantino-Filmen "Ingloriuos Baterds" und "Django Unchained" jeweils einen Oscar gewann und schon unter Regisseuren wie Roman Polański und Tim Burton arbeitete.

    Aber da ich mich nicht der Illusion hingebe einen vollständigen Überblick über die Filmgeschichte schaffen zu können, wende ich mich in folgendem gezielt den vier zuvor erwähnten Autorenfilmern zu.

     

    Michael Haneke

     

    Ein Regisseur, auf den wir ein Augenmerk legen wollen ist Michael Haneke.

    1942 geboren wuchs er in Wiener Neustadt auf und begann in Wien Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften zu studieren, was er aber Zugunsten eines Jobs als Fernsehdramaturg in Baden-Baden abbrach. Nach mehreren Fernsehproduktionen, drehte er 1989 seinen ersten Kinofilm „Der siebente Kontinent“, erster Teil seiner Trilogie über die “Vergletscherung von Gefühlen“, gefolgt von „Benny`s Video“ und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“. Die Trilogie beleuchtet Abgründe menschlichen Daseins. Eine Familie begeht Selbstmord, ein anderer Protagonist filmt, wie er eine Freundin mit einem Bolzenschuss tötet, um zu sehen „wie das ist“, und ein Student läuft Amok.

     

    Dabei kommt es selten zur direkten Darstellung von Gewalt, Haneke belässt dies bei der Imagination des Zuschauers. Auch in seinem Film „Funny Games“(1997) und seinem szenegleichen Remake „Funny Games U.S.“(2007) nützt er die Einschlagskraft von psychischer wie physischer Gewalt, unterlegt mit Musik von John Zorn. Er geht noch weiter. Im Film wird von Anfang an klargestellt, dass die Mörder mit ihren Taten keinerlei Absichten verfolgen. Mit den so gewohnten Motiven Eifersucht und Erberschleichung kann man sich hier nicht weiterhelfen. Bei Haneke morden sie, einfach nur um zu morden. (Vielleicht steckt auch noch ein kleines bisschen Vergnügen dahinter, was das Ganze noch verstörender macht.)

     

    „Funny Games“ soll dabei ein Statement gegen den leichtfertigen und ironisierenden Einsatz von Gewalt in den Medien darstellen. Ob man diesen Zustand ändert, wenn man selbst so viel „Böses“ ablichtet, ist eine zu diskutierende Frage. Es stimmt, Haneke stellt anders dar und erzielt damit auch andere Effekte, aber das Grundmotiv bleibt Gewalt. Aber möglicherweise ist Angriff die beste Verteidigung.

     

    Michael Hanke drehte in Frankreich „Cachè“ und „Die Klavierspielerin“. Mit „Das weiße Band“(2009) gewann er die Goldene Palme von Cannes, mit „Liebe“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2013, sowie seine zweite Goldene Palme.

    Seit 2002 lehrt Haneke als Professor für Regie an der Filmakademie Wien.

     

    "Wenn ich jemanden schon vergewaltige - was ich als Filmemacher automatisch tue - dann möchte ich ihn wenigstens zur Selbständigkeit vergewaltigen, so dass er vielleicht beginnt, ein wenig über seine Rolle in dem Spiel nachzudenken." (- Michael Haneke in einem Interview, Süddeutsche Zeitung 6./7. März 2010)

     

    Michael Glawogger

    Freiluftschlachthof in Nigeria aus

    Freiluftschlachthof in Nigeria aus "Workingman`s Death" © M. GLAWOGGER

    Vor allem seine drei Dokumentarfilme „Megacities“, „Workingman`s Death“ und „Whore`s Glory“, gefilmt an Schauplätzen auf der ganzen Welt, brachten Michael Glawogger internationale Anerkennung ein. Sie zeigen Menschen in verschiedensten Ländern und Situationen zur Zeit der Globalisierung um die Jahrtausendwende. Als Beispiel: In 5 Episoden zeigt „Workingman`s Death“ Menschen unter schwerster körperlicher Arbeit: Kohle-Bergleute in der Ukraine; in Indonesien wird an einem aktiven Vulkan Schwefel gefördert; man sieht Arbeiter auf einem riesigen Freiluft-Schlachthof in Nigeria, Schweißer in Pakistan und Stahlarbeiter in China.

     

    1995 interviewte er in „Kino im Kopf“ professionelle sowie Laienregisseure über Ideen für Filme, welche nie umgesetzt wurden - 10 Entwürfe. Ausgewählt wurden die Gefilmten durch eine Annonce, wobei nur ihre Ideen, nicht ihre Biografien zählten. Doch es wäre nicht Glawogger, wenn es bei dieser dokumentarischen Sichtweise bleiben würde. Gemeinsam mit den Interviewten realisierte er für den Film einzelne Szenen dieser Entwürfe. Es entsteht ein wildes Durcheinander von verschiedensten Genres und verschiedensten Gestalten.

     

    Erfolgreich im deutschsprachigen Raum waren auch seine skurril-grotesken Komödien „Nacktschnecken“ und „Contact High“, mit Michael Ostrowski, Raimund Wallisch und Georg Friedrich in den Hautrollen. 2009 erschien die Literaturverfilmung „Das Vaterspiel“.

     

    2013 brach Michael Glawogger zu einer einjährigen Reise durch die Welt auf. Ein Bild der Welt sollte entstehen und dies geht nur „wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition". Er wollte einen Dokumentarfilm ohne Ziel und ohne Thema drehen. Während der Reise schrieb er Tagebücher, die wöchentlich in „Der Standard“ und in einem Blog der „Süddeutschen  Zeitung“ veröffentlich wurden. Im April 2014 verstarb er überraschend im Alter von 54 Jahren in Liberia, nachdem er an Malaria erkrankt war.

     

    Ein Verlust, der einen richtig traurig stimmt, wenn man die Projekte-Seite auf www.glawogger.com betrachtet. Viele interessante Ideen, welche jetzt nicht mehr entstehen werden können

     

    Götz Spielmann

     

    Götz Spielmann, geboren 1961 in Wels und aufgewachsen in Wien, studierte Drehbuch und Regie an der Filmakademie Wien. 1990 gab er sein Spielfilmdebut mit „Erwin und Julia“. Seine Filme „Die Fremde“(2000) und „Antares“(2004) waren Österreichs Einreichungen für eine Oscar-Nominierung. 2008 wurde Spielmanns Film „Revanche“ dann auch von der Academy in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert. „Revanche“ wurde von Kritikern viel gelobt und gilt bei vielen als Spielmanns bester Film. Unter anderem wurde auch die Kameraarbeit von Martin Gschlacht gelobt, welcher momentan bei vielen bedeutenden Produktionen in Österreich hinter der Kamera steht.

     

    2013 kam Spielmanns bislang neuester Film „Oktober November“ in die Kinos.

    In seinen Filmen widmet sich Spielmann zumeist schweren Themen, wie in „Antares“ der Untreue in einer Beziehung oder in „Oktober November“ dem Verlust eines Menschen. Wo manch andere sich in gefühlsduseligen und unglaubhaft dramatischen Szenen ergehen würden, besticht Götz Spielmann durch eine zurückhaltend beobachtende Sicht. Das ermöglicht realistische, intime Momente in seinen Filmen.

    Das Movie-College führte ein Interview mit Götz Spielmann.

     

    Ulrich Seidl

    Im Keller 2014

    "Im Keller" (2014) © Stadtkino Filmverleih

    Ulrich Seidl bedient sich ähnlich seinem Kollegen Michael Glawogger oft halb-dokumentarischer Mittel um seine Filme in Szene zu setzen. Dabei bildet er zumeist extreme Situationen ab. In seinem ersten Langfilm ´“Good News“ (1990) vergleicht er die Lebensumstände von Zeitungsverkäufern in Wien mit denen, die die Zeitung kaufen. In langen Einstellungen zeigt er die Trostlosigkeit und Eintönigkeit des Alltäglichen auf beiden Seiten.

     

    Auf eine gewisse Art verstörend sind eigentlich alle seine Filme. In „Tierischer Liebe“(1995) zeigt er intime Beziehungen zwischen Haustieren und ihren Besitzern. In „Jesus du weißt“ (2003) vertrauen sechs Christen dem Regisseur ihre Beichte an. Menschen, die ihre persönliche Verbindung zwischen sich selbst und Gott offenlegen. Eine Verbindung die wahrscheinlich das Intimste ist was es gibt. Sechs Portraits der Einsamkeit.

     

    Um das Thema Glaube geht es auch im zweiten Teil der Paradies-Trilogie (2012/13) „Paradies: Glaube“, in welchem Maria Hofstätter als alleinstehende Frau mit Wandermuttergottes-Statuen missionierend von Haus zu Haus geht und so versucht Österreich ein wenig katholischer zu machen. In „Paradies: Liebe“ reist die 50-jährige Hauptperson als Sextouristin nach Kenia um ihre Liebe - wie auch immer man dieses Wort jetzt definieren will -  zu finden und „Paradies: Hoffnung“ spielt in einem streng geführten Diätcamp für übergewichtige Kinder. Je einer der Filme war bei den Filmfestivals in Cannes, Venedig und Berlin vertreten.

     

    Sein neuester Film „Im Keller“ löste 2014 Debatten aus, weil zwei österreichische Politiker zurücktreten mussten, nachdem sie in einer Szene einen gemütlichen Stammrunden-Abend in einer mit Hakenkreuzen und Hitlerportrait geschmückten Kellerstube verbrachten.

     

    Seidl spitz zu, zeigt Realitäten, wie man sie weder sehen noch wahrhaben will. Jedoch wären die Filme nicht halb so erschütternd, wie sie sind, wenn man nicht auch viel Wahrheit in ihren Aussagen erkennen würde. Dabei weiß man nie wo die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm, Realität und Fiktion zu setzen sind. Die „Ästhetik“ des Hässlichen wird einem als Zuschauer so unbarmherzig auf die Augen gedrückt, dass man selbige am liebsten verschließen und aus Scham im Kinositz versinken würde, während man eine Schar Kinder verschüchtert und alles andere als happy „When you happy and you know it clap your fat“ singen hört.

     

    Auf die Frage, ob es bei ihm Gewissensbisse auslöse, dass seine Filme sensible Gemüter nachhaltig verstöre, antwortete Ulrich Seidl in einem Interview: „Nein. Meine Arbeit und die Kunst generell ist dazu da, den Menschen einen anderen Blick zu geben, also auch zu verstören. Die Kunst ist nicht dazu da, etwas zu bestätigen, sondern etwas aufzuwerfen. Wenn man nur selbstbestätigt aus dem Kino geht, hat das für mich keinen Wert.“ (Zitate von Ulrich Seidl aus einem Interview mit Martin Schwarz der zitty Berlin vom 30.04.2013)

    Als Moralist betrachte er sich trotzdem nicht. Er zeige nicht, was Gut und was Böse ist, sondern nur Menschen, ohne sie zu verurteilen.

     

    Humor?

    Wenn man die Werke bedeutender österreichischer Filmemacher betrachtet, kommt schnell die Frage auf, warum diese so oft so extrem - im Sinne von skurril, schamlos, ein bisschen verstörend -  sind. Ist es einfach eine Mode? Liegt es an diesem den Wienern angeblich eigenen, teils bösartigen Humor? Dieser ist sehr trocken und hintergründig. Er zielt nicht auf eine Pointe ab, der Betroffene muss hinter jedem Satz einen charmant verpackten Schlag ins Gesicht erwarten. Gleichzeitig sei der österreichische Humor viel „selbstzerfleischender“, so der deutsche/in Österreich auftretende Komiker Dirk Stermann in einem Interview mit der taz. „In Österreich bist du Teil des Grauslichen.“ 

    „Wir lassen es zu, schonungslos mit uns selbst umzugehen.“, so Ulrich Seidl. 

     

     

     

     

    Hier noch ein paar interessante Links zum Thema:

     - http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_österreichischer_Kinofilme

     - Für (S)exploitation- und Pulp-Fans:

       Der Vice Guide zu krankem österreichischen Film

     - Von der Finanzierung bis zur Festivaleinladung:

       http://www.falter.at/falter/2008/05/20/drehen-ist-nicht-das-problem/