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Während wir im richtigen Leben gerne auf schöne Jahreszeiten oder Ereignisse warten, ist das Warten auf den Bus oder die Bahn die zu spät kommen eher unangenehm. Warten klingt nach dem Gegenteil von Spannung, doch im Kino hat es große Momente hervorgebracht. Geduld, Verzögerung, Stagnation,- manche Filmhelden müssen das Gegenteil von Tempo investieren, um ans Ziel zu gelangen. 

Gewartet wird eigentlich dauernd irgendwo im Kino. Männer warten auf Frauen, Frauen auf Männer, unglücklich Verliebte auf irgendeine Rettung, Fallenstellende Detektive auf die Gangster, Verschüttete in Bergwerken oder unter Lawinen auf Retter, Bankräuber auf die Polizei, Entführer auf ihre Opfer. Und natürlich steht das alles irgendwie in einem Zusammenhang zur erzählten Filmzeit.

Es gibt Filme, in den die Zeit und das Warten auf ihr Verstreichen das wichtigste Spannungsmoment sind. Der Westernklassiker "Zwölf Uhr Mittags" (High Noon) von Fred Zinneman erzählt vom Sheriff Kane, der dringend bis 12 Uhr mittags Verbündete sucht, um gegen Banditen zu kämpfen. Doch Niemand will ihm helfen. Der Film dauert übrigens in etwa genau so lange, wie der in der Story erzählte Zeitraum. Auf seiner Suche werden immer wieder in den verschiedenen Szenen Zifferblätter und Zeiger von Uhren gezeigt. Kane kämpft verzweifelt gegen die verstreichende Zeit an, während am Bahnhof drei Banditen auf den Mittagszug warten, mit dem Ihr Bandenchef Miller ankommen wird. Während für die Banditen die Wartezeit schier endlos scheint, sucht Kane hektisch Irgendwen, der ihm im Duell mit den Banditen helfen könnte.

 

Das Warten im Cafe, Restaurant, an Bushaltestellen, Bahnhöfen...

Warten 4000

 

Hitchcocks wichtigstes Spannungsmoment, der Suspense arbeitete mit der Erwartungshaltung des allwissenden Zuschauers, was der oder den Hauptfiguren als Nächstes zustoßen werde. Da fällt einem natürlich gleich einmal Cary Grant als Werbefachmann Roger Thornhill in "North by Northwest" ein, wie er weitgehend sinnfrei an einem Highway an einer Bushaltestelle am Ende der Welt auf einen Informanten wartet, der ihm helfen könnte, aus seiner misslichen Lage zu kommen. Doch dann wird aus Langeweile Lebensgefahr und ein Flugzeug greift ihn an...

Ob es Tom Hanks als Forest Gump ist, der auf einer Bank an einer Bushaltestelle wartet, Sean Connery, der als Geheimagent 007 den Countdown einer die halbe Welt vernichtenden Rakete abbrechen muss, oder Jennifer Lawrence in "Hunger Games", die auf den nächsten gefährlichen Angriff aus einem Hinterhalt gefasst sein muss,- Warten kann unterschiedlicher nicht sein.

 

Schicksalhaftes Warten

 

Zeit wird den Menschen am intensivsten als Grunderfahrung vermittelt, wenn sie warten. Das ist auch im Kino nicht anders. Eine bekannte oder schlimmer noch unbekannte Zeitspanne liegt zwischen den Wartenden und dem Eintreten eines Ereignisses, welches erwünscht oder auch gefürchtet sein kann. Verlobte warten auf ihre Hochzeit, Jugendliche aufs Erwachsensein, Verurteilte warten auf ihr Urteil oder gar dessen Vollstreckung, Flüchtlinge auf ihren Asylantrag oder die Ausweisung, Kranke auf die Diagnose, ihre Behandlung oder gar den Tod.

Viele Filme erzählen von letzten Lebensphasen, von Menschen die dem Tod ins Auge sehen und darauf warten. Oft ist das Warten das wichtigste dramaturgische Element in diesen Filmen und der Zuschauer selbst wartet mit den Protagonisten auf das Eintreffen des erwarteten Ereignisses. Ganz gleich, ob es freudige Erwartung oder schiere Angst ist, ohne das Warten, die Erwartung, wäre das Kino nur halb so stark...

 

Filme mit "Warten" im Titel

 

Der Himmel soll warten (US 2000, Regie: Warren Beatty, Buck Henry)

Paris kann warten (US 2016, Regie: Eleanor Coppola)

Waiting for the moon (USA 2006, Regie: Jill Godmilow)

Warte bis es dunkel ist / Wait Until Dark ( USA 1968, Regie: Roger Ebert

Der Himmel wird warten (F 2017, Regie: Marie-Castille Mention-Schaar)

"Warten auf Bojangles" (F 2022, Regie: Régis Roinsard)

 

Filme in denen das Warten eine besondere Rolle einnimmt

Der alte Mann und das Meer (US 1958, Regie: John Sturges)

"North by Northwest" (Regie: Alfred Hitchcock, USA 1959)

Die endlose Nacht (D 1963, Regie: Will Tremper)

Fried Green Tomatoes (US 1992,  Regie: Jon Avnet)

The Green Mile (US 1999, Regie: Frank Darabont)

Cast Away - Gestrandet (US 2000, Regie: Robert Zemeckis)

Nicht Auflegen! (US 2003 Regie: Joel Schumacher)

Suicide Club (D 2010, Regie: Olaf Saumer)

Halt auf freier Strecke (D 2011, Regie: Andreas Dresen)

Vol Special (CH/F 2012, Regie: Fernand Melgar)

Killing Time - Zeit zum Sterben (Rum 2012, Regie: Florin Piersic Jr.)

L'attesa ( IT/FR · 2015, Regie: Piero Messina)

 

Thema: Filmtheorie Dieser Beitrag gehört zum Themenbereich Filmtheorie. Mehr zur Filmtheorie
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