Genres: Teen-Movies

Die Kassenknüller

Mark Hintzen, Elisabeth Ulrich und Walter Spieske in 'Claudio'

Mark Hintzen, Elisabeth Ulrich und Walter Spieske in 'Claudio'

Werfen wir einen Blick auf die all time favorites der hiesigen Lichtspielhäuser; ganz hoch oben auf der Liste: der Kassenknüller „American Pie 2, 3, 4“, gefolgt von einem weiteren Nachfolger – „Scary Movie 2, 3, 4“ – außerdem „Zickenterror – Der Teufel ist eine Frau“, die ambitionierte Comicverfilmung „Ghost World“, der Kirsten Dunst-Hit „Verrückt/Schön“, die deutschen Produktionen „Engel + Joe“ und „Nichts bereuen“ sowie die Blondinen-Farce „Natürlich blond!“ mit Reese Witherspoon usw. All diese Filme haben etwas gemeinsam: Keiner ihrer Protagonisten hat die magische 20 überschritten, somit fallen sie alle in eine folgenschwere Kategorie: Teenager.

 

Teen-Terror

Viele Eltern fragen sich, was sie eigentlich falsch gemacht haben, wenn ihre Tochter urplötzlich eine heiße Leidenschaft für Hard-Rock-Musik oder ältere Männer entdeckt; ebenso machen sie sich Vorwürfe, wenn sie im Zimmer ihrer Prinzessin eine Packung Zigaretten oder schlimmer noch einen angerauchten Joint entdecken. Was tun, wenn der Sohn sich mit schmutzigen Pornoheftchen unter der Matratze Befriedigung verschafft oder eines Nachts im Vollrausch zur Tür hereintorkelt und sich später nicht wie üblich auf der Toilette sondern im eigenen Bett des überschüssigen Alkohols entledigt? Wie können Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn die Tochter sich zwischen Basketballstar und Klassenlehrer entscheiden muss? Wie helfen sie ihrem Sohn dabei, das gerade bei Beate Uhse frisch bestellte Zubehör zu bedienen? Fragen über Fragen und die einzige Antwort muss lauten: „Eltern, solange eure Kinder nicht zu euch kommen, haltet euch raus!“ Das gilt selbstverständlich nicht für schwerwiegendere Angelegenheiten wie sexueller Missbrauch, Drogenkonsum, kriminelle Anwandlungen etc.

 

„Als ich noch jung war..."

Junge Leute an Brunnen

Zwischen Eltern und Jugendlichen scheinen manchmal Welten zu liegen.

Obwohl jeder Erwachsene die Schreckensphasen der Pubertät mehr schlecht als recht hinter sich gebracht zu haben meint, fällt es ihm häufig schwer, sich in die Jugend hineinzuversetzen: Sprüche wie „Früher war alles ganz anders“ oder „Wir hatten damals gar nicht die Möglichkeiten...“ rufen bei Jugendlichen Brechreiz hervor. Doch auch, wenn Eltern übertriebenes Verständnis für ihre Zöglinge aufbringen, stößt das bei denen meist auf Ablehnung; welcher Teenager möchte sich schon ernsthaft vorstellen, wie die Nacht seiner Schöpfung zum Höhepunkt gefunden hat?

 

Damit Eltern nicht vollends an ihrer Hilflosigkeit verzweifeln, sei ihnen geraten, Unterstützung von außen nicht bloß zu akzeptieren, sondern auch willkommen zu heißen. So ist die in Verruf geratene Zeitschrift „Bravo“ über Generationen hinweg zum Ratgeber der Jugend avanciert und ist aus der heutigen Pop-Kultur nicht mehr wegzudenken. Ebenso sind literarische Ergüsse wie z. B. Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“ ein absolutes Pflichtprogramm für Heranwachsende. Da sich aber nicht jeder Sprössling für Literatur begeistern lässt, hat es ein anderes Medium geschafft, wie kein zweites der Generation X-Y-Z aus dem Herzen zu sprechen: der Film.

 

Pickel, Partys, Pornoheftchen – die Probleme Heranwachsender als Publikumsmagnet

Szenenbild

Szenenbild aus "Claudio"

Nicht erst seit dem enormen Erfolg der College-Klamotte „American Pie“ (USA 1999) hat die Filmwelt entdeckt, dass der so genannte Reifungsprozess nicht nur viel Stoff, sondern auch viel Kasse verspricht. Die Hauptzielgruppe von Kinofilmen sind junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren; demnach ist es nicht überraschend, dass der Teenager-Film längst kein Sub-Genre mehr ist.

 

Genres

Im Gegenteil: Die Kategorisierung von Teen-Movies ist endlos. Wir hätten da die College-Comedy („American Pie“), den Teen-Horror („Scream“, USA 1996), den Teen-Thriller („Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast“, USA 1997), das Generationsportrait („Nowhere“, USA 1997), das Heranwachsenden-Drama („Stand By Me“, USA 1986), die romantische Teen-Comedy („Eine wie keine“, USA 1999), die tragische Teen-Love-Story („Eiskalte Engel“, USA 1999), den Independent-Teen-Film („Welcome to the Dollhouse“, USA 1995), den Teenager-machen-Musik-und-tanzen-Film („Dirty Dancing“, USA 1987; „Fame“, USA 1980), nicht inbegriffen generationsübergreifende Filme wie „American Beauty“ (USA 1999) oder gar die Verpflanzung von historischen Stoffen ins Teenagermilieu („10 Dinge, die ich an dir hasse“, USA 1999), die auf Motiven von Shakespeares „Der Widerspänstigen Zähmung“ beruht.

 

Wie alles begann...

So besitzt die Jugend nicht nur ihr eigenes Kinopanoptikum, sondern auch seine eigenen Stars: Die Liste reicht von Neve Campbell über Ryan Phillipe bis zu Julia Stiles. Denen blüht eine rosige Zukunft, wenn man bedenkt, dass selbst Stars wie Jodie Foster („Jeanies Clique“, USA 1980), Michelle Pfeiffer („Grease 2“, USA 1982), John Travolta („Saturday Night Fever“, USA 1977) und Tom Cruise („Lockere Geschäfte“, USA 1983) in Teen-Movies ihrem frühzeitigen Ruhm entgegentraten. Der Siegeszug über die Leinwände dieser Welt begann schon Anfang der 50er-Jahre mit Filmen wie „... denn sie wissen nicht, was sie tun“, in dem Teenager-Idol James Dean als „Rebel Without a Cause“ (Originaltitel) Weltruhm erlangte.

 

Standen damals noch Autorennen und Schmuseorgien in Autokinos als rebellischer Auswuchs gegen die Moralität der Schranken auferlegenden Erwachsenenwelt, so haben die Jungspunde der 80er und 90er Jahre sowie des neuen Jahrtausends mehr mit den eigenen Schwächen und Konventionen ihrer Generation zu kämpfen. Die strengen Lehrer und unterdrückenden Eltern sind der intriganten Highschool-Zicke und dem prügelnden Football-Spieler gewichen. Die Autorennen wurden zu hemmungslosen Saufpartys, und das heute als spießig geltende Autokino-Knutschen findet eine neue Verkörperung in jeglichen (Ab-)Arten des Sexualverkehrs (Motto: egal wo, egal wie, egal womit).

 

Alles Pie

Bei der Freizügigkeit, mit der heutzutage ehemalige Tabuthemen behandelt werden, bleibt einem schon mal das Lachen im Halse stecken. Nicht selten driftet die flotte Teen-Comedy in brachialen Klamauk ab; als frühes Beispiel dient hier die israelische „Eis am Stiel“-Reihe, die es schaffte, sich nach dem großen Erfolg des noch recht unterhaltsamen ersten Teils von Fortsetzung zu Fortsetzung an Kalauern, peinlichen Dialogen und erbärmlicher Handlung zu übertreffen. So wurde aus der peppigen Jungs-suchen-Mädels-am-Strand-Comedy ein öder Jungs-poppen-Mädels-am-Strand-Softporno.

 

Dennoch: Ohne „Eis am Stiel“ hätte wohl die erfolgreichste Teenager-Komödie der 90er Jahre nie das Licht der Leinwand erblickt: „American Pie“ war ein weltweiter Überraschungshit. Allein in Deutschland lockte der Film mehr als 6,5 Millionen Zuschauer in die Kinos. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass auch nur einer von ihnen die 40 überschritten hat. Dabei bietet „American Pie“ nichts wirklich Neues; keiner kann ernsthaft behaupten, dass die Handlung (eine Gruppe pubertierender Highschool-Bubis will endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren) in irgendeiner Art und Weise innovativ und nicht (von besagtem „Eis am Stiel“) abgekupfert sei. Zugegeben: Der Film ist in einigen wenigen Szenen zum Brüllen komisch – man denke da nicht nur an die Apfelkuchen-Szene (Hauptdarsteller Jason Biggs taucht ein in die Welt des „American Pie“), inzwischen wohl ein moderner Klassiker, sondern auch an „Damals im Ferienlager...“. Zum Schreien...

 

Derber Humor

Aber auch diese Art des derben Humors, der das Überraschungsmoment perfekt nutzt, fand bereits in dem Farrely-Klamauk „Verrückt nach Mary“ seinen Höhepunkt. Was ist es also, das Teenager aus aller Welt an diesem Film so begeistert? Vermutlich sind es genau jene Szenen, in denen die Jugend mit entwaffnender Ehrlichkeit bloßgestellt wird. Der Film tut das ohne erhobenen Zeigefinger, ohne falsche moralinsaure Botschaft; er macht einfach nur Spaß und besitzt durchaus eine versöhnliche Wirkung. So werden z. B. Horrorvorstellungen von Teenagern (Eltern überraschen ihren Sohn dabei, wie er sich selbst befriedigt) in brillanten Slapstick-Einlagen zu dem degradiert, was sie in Wirklichkeit sind: nichts als dermaßen peinliche und dennoch ungemein komische Situationen. Kein Drama. Keine Tragödie. Keine Katastrophe. „American Pie“ ist alles andere als ein „Problemfilm“ und hebt sich somit angenehm vom amerikanischen TV- und Kinoeinerlei, das „die Jugend und ihre Gefühle und Probleme [vielleicht etwas zu] ernst nimmt“ ab.

 

Dennoch hätte man sich eine etwas konsequentere Umsetzung gewünscht, denn die seichten Liebesgeschichtchen, von denen der Zuschauer leider auch in „American Pie“ nicht verschont bleibt, versprühen wenig des makabren Esprits, der einem in besagten Szenen vor Lachen die Tränen in die Augen steigen lässt.