Macht der Bilder

Helmut Griem nachts in Strasse

Helmut Griem in "Endloser Abschied", eine dialogfreie Szene des Films in der er ganz viel aus der Innenwelt der Filmfigur zum Ausdruck brachte

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Filme sind vor allem mal bewegte Bilder, in denen dem Zuschauer Geschichten erzählt werden, die im besten Fall berühren. Das, was den Zuschauer am ehesten berührt, was er am meisten glaubt, ist was er sieht, Dialoge bilden immer nur die zweite, schwächere Ebene.

 

Man könnte es auch so ausdrücken,- alles was man durch Handlung erzählen kann, sollte man nicht durch Dialoge erzählen. Gemeint sind Szenen, in denen die Filmfiguren etwas tun, was die Geschichte voranbringt. Auch Erstarren einer zuvor lebhaften Person ist eine Handlung, wenn wir beispielsweise begreifen, dass sich etwas in deren Leben geändert hat.

 

Ohne Dialoge

Erzählt man dialogfreie Szenen, so können diese symbolische, metaphorische, ja ikonenhafte Züge haben. Schließlich sollen sie ja eine für den Film relevante Aussage transportieren. Aber das müssen wir so zurückhaltend einsetzen, dass es nicht sofort ins Auge fällt.

 

Derartige Szenen erlauben es, das Innere der Filmfiguren zu veräußerlichen. Wir können uns voll und ganz darauf konzentrieren, den Menschen sichtbar werden zu lassen und seine/ihre Emotionen zu zeigen. Dies ist in dialogfreien Momenten ungleich stärker möglich, als wenn gesprochen wird.

 

Man kann die Einstellungen auf vielfältige Weise aufladen, Kameraposition (Untersicht, Aufsicht, Abstand), Ansicht der Person (Profil, Rückansicht, Frontal), Kostüm, Ausstattung, (Auswahl, Farbgestaltung), Motive, Objekte all das kann helfen, Aussagen zu unterstreichen. Die Kunst liegt darin, das Unterbewusstsein der Zuschauer anzusprechen.

 

Natürlich können und sollen wir in solche Einstellungen nicht zu viele Inhalte implementieren, der Informationsgrad sollte eher so gewählt werden, wie bei einem aussagekräftigen Foto. Wer derartige Aufnahmen überfrachtet, riskiert, dass dem Zuschauer Informationen entgehen.

 

Dialoge interessant visualisieren

 

Dialogszene zwischen Susanna Simon und Helmut Griem

Dialogszene zwischen Susanna Simon und Helmut Griem aus "Endloser Abschied" (Regie: Mathias Allary) Die Protagonisten ändern während der Szene immer wieder ihre Positionen und unterstreichen damit visuell den dramaturgischen Verlauf

Aber nicht immer oder vermutlich in den wenigsten Fällen, gelingt es, ohne Dialoge auszukommen, umso wichtiger, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man Dialoge dennoch so visualisiert, dass sie für den Zuschauer zumindest interessant erscheinen. Denn wenn die Protagonisten zwangsläufig mehr zu reden haben, kann man unter bestimmten Umständen recht schnell an die Grenzen stoßen.

 

Etwa der Klassiker, zwei Personen beim Essen. Aufgelöst in den Master, eine Halbtotale mit Tisch und Personen, sowie Schuss und Gegenschuss der Protagonisten, ist nach wenigen Hin,- und Her Schnitten rechte redundant und vor allem leblos. Das kann, wenn die Geschichte es verlangt, etwa bei Filmfiguren, die extrem distanziert sind, ja sinnvoll sein, will man aber etwas anderes aussagen, hat man ein Problem.

 

Welche Techniken helfen uns, diese und andere Dialogsituationen interessanter zu gestalten? Nun wenn wir es denn mit einem Bewegtbild-Medium zu tun haben, so wäre Bewegung ein erstes Mittel, Dialoge aus ihrer Starre herauszuholen. Dabei können sich sowohl die handelnden Personen als auch die Kamera bewegen.

 

Die Kamera bewegt sich

 

Bewegt man die Kamera, so sollte die Art der Kameraführung zu der Situation passen. Wir können auf die Personen verdichten, können um sie herum fahren, können zwischen ihnen hin und her schwenken. Das kann von Schienen, mit der Steadicam, Gimbal oder auch aus der Hand geschehen. Wenn man es vielleicht sogar schafft, diese Bewegungen in Korrelation zum Gesprächsverlauf oder wichtigen Akzenten/Wendepunkten anzulegen, dann entstehen spannende Momente.

 

Die Schauspieler bewegen sich

Helmut Griem und Susanna Simon

Susanna Simon und Helmut Griem in "Endloser Abschied", Bewegung, Zuwenden, Wegdrehen, Ausdrucksformen welche Emotionen visualisieren und Szenen spannender machen

Bewegen sich die Schauspieler, kann man ebenfalls mit sich verändernden Bildeindrücken, mit Annähern und Entfernen, Gehen und Kommen, Zögern, Abwenden, Zuwenden, mit so vielen Dingen arbeiten. Ein Dialog kann auch über Raumgrenzen hinweg weitergehen, wenn eine der Figuren etwas aus dem Nebenraum holt etc. Die Kamera kann entsprechend nach kadrieren, was zusätzlich neue Blickwinkel erzeugt.

 

Tabubrüche

Man kann durchaus auch durch den Wechsel der Kameraseite über die Achse arbeiten. Sie wissen ja, wenn man von einer Nahen, Halbnahen einer oder mehrerer Personen über die Achse spring, genügt es, die neue Situation kurz in einer weiteren Einstellung in der alle Protagonisten gemeinsam im Bild sind, zu erläutern. Schon kann man mit engeren Einstellungen weitermachen. Auch hier gilt wieder, dass derartige Änderungen am stärksten sind, wenn Sie als Akzent mit der Handlung korrespondieren.

 

Wichtige Momente

Wer Dialogszenen im Fernsehen und selbst vielen Kinofilmen analysiert, wird feststellen, dass sie oft bei Dialogen einfach immer zwischen denjenigen, die sprechen, hin,- und her schneiden. Doch das ist in vielen Fällen die schlechtere Variante. Häufig ist es viel interessanter für den Zuschauer, denjenigen zu zeigen, der das Gesagte gerade hört, hören muss, ertragen muss, erfühlt, ersehnt... kurzum, zu sehen, was Worte bewirken können, ist häufig spannender, als ein Gesicht, welches die Lippen bewegt.