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Stark vergrößertes Filmkorn (Grain) bei einem analogen Film

 

Eine Frage der Ehre

Für viele war es lange Zeit eine Gewissensfrage ob das klassische analoge Filmbild weiterhin Bestand haben oder die analogen Werte von digitalen Datenströmen überholt werden. Inzwischen ist klar, Video hat den analogen Film komplett abgelöst, dennoch sagen manche, der analoge Film wird in bestimmten Bereichen noch lange die Nase vorn haben, etwa wenn es um Qualität, Look und Ausdruck geht.

Die teilweise sehr hitzigen Diskussionen rankten sich einerseits um technische, andererseits um ästhetische Aspekte der beiden unterschiedlichen Verfahren analoger Film und Digital. Auch wenn wir dabei Gefahr laufen, in ein Wespennest zu stechen, so wollen wir versuchen, die wichtigsten Aspekte ein wenig zu entwirren und zu erläutern.

Letztendlich wird sich das Rad der Zeit, welches die digitale Cinematographie nach Vorne brachte, nicht zurückdrehen lassen. Obwohl auch im dritten Jahrzehnt des 21ten Jahrhunderts noch überraschend viele Kinofilme auf analogem Film gedreht werden. Grundsätzlich geht es bei unserem kleinen Vergleich um analoge optische und digitale Bildaufzeichnung. Es geht um unterschiedliche Verfahren, ihre Berührungen, Überschneidungen und Gegensätze. Es geht um die Aufnahmeseite und um die Abspielseite. Auf der ganzen Welt werden immer seltener im Kino 35mm-Kopien gezeigt, und wenn dann zum Teil auf sehr alten Projektoren. Die Kinos sind in Europa digitalisiert, das Handling der schweren 35mm Kopien hatte Nachteile gegenüber dem Versand von Festplatten, SSDs oder dem Datentransfer über IP (internet Protokoll).

Inzwischen diskutiert man über die Unterschiede längst nicht mehr so grundsätzlich und ideologisch als noch zur Jahrtausendwende, doch technisch und ästhetisch sind sie weiterhin durchaus vorhanden. Nicht alle davon sind für die Zuschauer konkret sichtbar, aber sie sind vor allem für Filmemacher und Cineasten durchaus noch immer spürbar. Schauen wir uns das mal genauer an...

 

Digitale Cinematographie

Bildwechselfrequenz

24p / 25p  speichert, so wie der analoge Film, 24 oder 25 komplette Bilder pro Sekunde (fps, frames per second). Die Aufzeichnung erfolgt mit Auflösungen von 1920x1080 (HD) oder entsprechend höher bei 4K oder 8K. High Definition liegt minimal unter der durchschnittlichen Super-16-Filmauflösung  von 2K. Auch, wenn der Name es nicht vermuten lässt: Die Bildrate lässt sich auch auf 25 und 30 Vollbilder einstellen, womit das System auch für Länder mit 60Hz-Stromnetz wie die USA problemlos als HDTV-Träger einsetzbar ist. Technisch gesehen unterstützen die Kameras die verschiedenen Vollbild-Raten (Segmented Frame Mode) und manchmal sogar noch Halbbild-Raten (Interlaced Mode). Die Standard-Belichtungszeit entspricht mit 1/48 Sekunde bei 24 B/Sek. der von Filmkameras.

Sensoren

Die modernen digitalen Kamerasensoren sind enorm leistungsfähig und bieten mit Full Frame oder 65 mm oft größere Abbildungsflächen als das klassische 35mm Bildfenster. Das ermöglicht oft eine geringere Schärfentiefe und einen filmischeren Look als mit einem 35mm Aufnahmeformat, was in etwa der Sensorgröße von APS-C entsprach.

 

35 mm – der Klassiker

Bis heute bietet das 35mm-Filmmaterial eine Auflösung von ca. 5 bis 6K und einen bisher von digitalen Kamera-Aufzeichnungssystemen nicht erreichten Farb- und Kontrastumfang. Was den Dynamikumfang und die Highlights angeht, so besitzt der analoge Film ein sehr weiches Highlight-Roll-off. Das bedeutet, dass Überbelichtungen tendenziell eher etwas ausglühen,der noch richtig belichtete Bereich sanfter in den überbelichteten übergeht. Digitale Kamera-Sensoren werden zwar immer besser, doch die Überbelichtungen machen sich eher durch Clippen und technisches Weiß bemerkbar, ohne dass es zu weichen Übergängen kommt.

Was den internationalen Programmaustausch angeht, so war der Film lange absoluter Spitzenreiter, inzwischen funktioniert das Digital aber genauso gut. Bis heute ist Film noch führend in der Disziplin Haltbarkeit. Auch die Ausgereiftheit der analogen Kameras, die über viele Generationen durch viel Dreherfahrung immer weiter optimiert wurden, wird nur von wenigen digitalen Kameras, wie etwa der Arri Alexa oder der Sony Venice erreicht. Sie lagen sehr gut in der Hand, auf der Schulter, auf dem Stativ. Filmkameras waren Arbeitstiere, stabil und zuverlässig. Im Gegensatz zu Videokameras haben sie weniger Probleme mit Feuchtigkeit, Kälte und Wärme. High-Speed-Aufnahmen bis zu Geschwindigkeiten von 4.000 fps waren lange Zeit nur mit Film realisierbar. Inzwischen gibt es natürlich auch digitale Varianten.

 

MovingLine Grain

Die Animation zeigt in unrealistischer Übertreibung die unterschiedliche Bildgenerierung im Analogen und im Digitalen. Hier eine Szene aus "Franta" mit Nicole Ansari und Jan Kurbjuweit (Regie.Mathias Allary)

 

Unterschiedliche Bildererzeugung

Wenn man die analoge Filmprojektion und die digitale Projektion einmal sprichwörtlich aus der Nähe betrachtet, und ganz dicht an eine 10 bis 12 Meter breite Leinwand herantritt, erkennt man rasch die Unterschiede in der Bilderzeugung. Das liegt einfach in der Natur der Sache, das Analoge Filmbild ist vielmehr der Zufälligkeit unterworfen, als das digitale Bild. Das liegt an den Silberpartikeln in der Filmemulsion. Viele Plugins moderne Bildbearbeitungssysteme versuchen, diese Unvollkommenheit zu immitieren. Der analoge Film arbeitet mit chemischem Filmkorn, welches über das Filmmaterial zufällig verteilt und bei jedem einzelnen Filmbild etwas anders angeordnet ist. Deshalb wirkt das Bild eher organisch, lebendiger und niemals statisch. Beim Film stellen benachbarte Silberteilchen (das Filmkorn), die bei jedem Filmbild ein wenig anders aussehen und etwas anders positioniert sind, jeweils die kleinste Auflösung der Bildinformation dar. Aus der Nähe sieht es aus, als würden sie tanzen, auch wenn sich das Bild an dieser Stelle gar nicht verändert. Genau dieser Umstand, die Zufälligkeit, wo sich jeweils die Farbpigmente befinden, erzeugt diesen unverkennbaren, irgendwie dem menschlichen Auge natürlicher wirkenden Bildeindruck. Diverse Plugins für die gängigen Schnitt,- und Farbkorrekturprogramme versuchen diesen Effekt nachzuahmen und damit den digitalen Aufnahmen eine organischere Wirkung zu geben, doch das gelingt nur begrenzt.

Beim Videobild haben wir es mit rechteckigen Farbquadraten zu tun, die jeweils stets an der gleichen Stelle sind, und sich nur dann von ihrem Farb-, und Helligkeitswert her ändern, wenn die Bildinformation sich ändert. Steht man direkt vor der riesigen Leinwand, so hat solch ein digitales Pixel bei HD Auflösung einen Quadratzentimeter Größe. Digitale Filmaufnahmen arbeiten mit Pixeln, die stets in einem festgelegten Raster liegen sowohl auf dem Kamerasensor als auch in der Projektion oder auf dem Flatscreen. Das ist technisch theoretisch sauberer, wirkt zugleich aber etwas steril. Was die Farben selbst angeht, so sind die Farben des analogen Films oft subtiler und die Übergänge feiner und komplexer. Das geschicht in der digitalen Welt viel rationaler, da entscheiden Algorithmen. Das macht das digitale Bild einerseits präziser und kontrollierbarer, aber viele empfinden diese Perfektion als leblos und ohne Charakter. 

Entfernt man sich wieder von der Leinwand, so kann das Auge das einzelne hüpfende Filmkorn oder das rechteckige Pixel nicht mehr erkennen. Was man aber spürt ist, dass das Filmbild mehr atmet, weniger starr, organischer ist als das digitale Bild. Film hat insgesamt eine weichere Tonwertverteilung, die auf die meisten Zuschauer angenehmer wirkt. 

Mehr über die Grundlagen von analogem Film und digitaler Cinematographie erfahrt Ihr im Grundkurs Kamera

 

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