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In den letzten Jahren laufen immer wieder Dokumentarfilme in den Kinos, die so gänzlich anders aussehen, als das, was die Lexika als Dokumentarfilm definieren. Die Ansätze dokumentarischer Arbeiten haben sich im Laufe der Jahre stark verändert. Es hat immer wieder Streit gegeben unter den Dokumentarfilmern, ob Filme mit ähnlichen Gestaltungsmitteln arbeiten dürften wie der Spielfilm.

 

Regeln

Standbild aus Film über Nahrung

Darf man sich selbst in den Mittelpunkt einer Dokumentation stellen?

 

Was soll erlaubt sein im Genre, was demontiert die über lange Jahre gewachsene Autorität seriöser Dokumentarfilme? Es gibt eine Vielzahl von Fragen in Zusammenhang mit der Gestaltung eines Dokumentarfilms, Entscheidungen auf welche Weise man sich als Autor einbringen sollte, wie stark das Publikum den Macher hinter dem Film erkennen soll und darf. Wie verpflichtet die Autoren der Objektivität sind.

 

  • Darf man als Filmemacher in das reale Geschehen eingreifen?
  • Darf man sich selbst in den Mittelpunkt einer Dokumentation stellen?
  • Darf man Musik so einsetzen, dass sie Emotionen manipuliert?
  • Darf man in einem Dokumentarfilm als Autor seine eigene Meinung vertreten oder muss man verschiedene Standpunkte darstellen, aus denen der Zuschauer sich selbst eine Meinung bildet?
  • Filmt man nur das, was auch ohne Anwesenheit einer Kamera geschehen wäre oder darf man vielleicht sogar Situationen herbeiführen, Konflikte provozieren?

 

Verantwortung

Darf man Privatpersonen im Film bloßstellen oder hat man als Dokumentarist auch Verantwortung, dass die Gezeigten sich nicht selbst schaden? Besonders in der Anfangszeit des Mediums Fernsehen wussten viele Menschen nicht, welche Konsequenzen ihr Erscheinen in der Öffentlichkeit haben kann. Heute, wo permanent irgendwelche Seelenstripshows als Talkrunden über die Bildschirme laufen, sind die meisten Menschen weniger naiv was die laufende Kamera angeht. Trotzdem hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich in Dokumentarfilmen um Kopf und Kragen geredet haben, die ihren Job verloren, von ihren Nachbarn, Freunden geächtet wurden nachdem ein Film veröffentlicht wurde. Die Begeisterung, selbst im Mittelpunkt eines Filmes zu stehen lässt manchmal natürliche Schutzmechanismen des Menschen außer Kraft treten. Der Pressekodex gibt hier gewisse Richtlinien vor.

 

Zugegeben, bei Menschen, die anderen schaden, bei Kriminellen, bei korrupten Politikern denkt man, es sei richtig, wenn ihre Machenschaften aufgedeckt werden. Doch wo sind die Grenzen? Nicht jeder kann sich gleich eine ganze Armee von Anwälten leisten, die zurückschießen, wenn an der Hochglanzoberfläche gekratzt wird. Oft genug werden Menschen auch einfach des authentischen, des dramatischen Effekts Willen im Fernsehen bloßgestellt. Dokumentarist sein, heißt aber auch, eine gewisse Verantwortung zu übernehmen.

 

Moore & Co

Michael Moores Filme setzen sich über all diese Bedenken hinweg; sie verwenden die Welt und das vorgefundene Bild- und Tonmaterial ohne erkennbare Vorbehalte frei, um die gewünschte Meinung zu untermauern. Sein Film "Bowling for Columbine" um den Waffenwahn in den USA, der sich rund um das Highschool-Massaker in Columbine rankt, ist in jeder Hinsicht polarisierend, polemisierend und entlarvend. Wenn Moore da zwei Opfer des Massakers, die für ihr Leben behindert sein werden, die Kugeln, die sie trafen, dem Supermarkt K-Mart zurückgeben lässt, wo diese von den Tätern gekauft wurden, so ist dies eine Inszenierung. Auch in "Fahrenheit 9/11" wird das Bild- und Tonmaterial ausschließlich der maximalen Zuschauerwirkung unterworfen; ein kritisches Abwägen verschiedener Standpunkte bleibt weitgehend aus.

 

Ähnlich geht Morgan Spurlock, Filmemacher aus West Virginia mit "Super Size Me" vor. Er macht sich selbst zum Versuchskaninchen, schafft eine Situation, die es ohne den Film nicht gäbe. Wohl niemand ernährt sich 30 Tage lang ausschließlich von Fast-Food. Dennoch wird einem durch die Übertreibung klar, weshalb viele Kunden dieser Imbissketten mit Übergewicht kämpfen. Und ganz nebenbei entsteht ein unterhaltsamer, polarisierender Film, der die großen Fast-Food-Ketten das Fürchten lehrt. Spurlock spielt wie Moore eine Rolle, stellt sich selbst in den Mittelpunkt seines Filmes und untermauert die eigene These durch körperlichen Einsatz.

 

Berufsethik

Ihre Vorgänger, Leute wie Richard Leacock oder Don A. Pennebaker würden derartig inszenierte Sachverhalte vermutlich weit von sich weisen, doch die Zeiten haben sich geändert. Früher haben die Menschen den Bildern blind vertraut. Es galt, was man in den Nachrichten oder in der Tageszeitung sieht, ist auch wahr. Heute, wo jeder daheim selbst seine Fotos und Videos mit entsprechenden Programmen verändern kann, wo man weiß, wie oft manipuliert wird, ist auch der Anspruch an einen Dokumentarfilm ein anderer geworden. Das ändert auch den Anspruch, den manche Filmemacher an ihre dokumentarische Arbeit stellen. Vor 30, 40 Jahren hätte man solche Filme als zu manipulativ, zu polarisierend abgelehnt, hätte sich daran gestoßen, dass der Filmemacher sich selbst immer wieder ins Bild zwängt. Aber heute, wo jeder seine Videokamera auch auf sich selbst richten kann und dazu in die Kamera erklärt, dass er/sie sich jetzt auf Mallorca oder bei Tante Hilde befindet, ist diese Erzählform beinahe schon Gewohnheit.

 

Diese neuen Dokumentarfilme sind Entertainment und Gesellschaftskritik. Sie wägen nicht ab zwischen Standpunkten, sondern sie untermauern den eigenen mit allen filmischen Mitteln. Ohne kompromisslose Schwarz-Weiß-Malerei sind solche Botschaften undenkbar. Solange sie dies im Dienste einer richtigen Anschauung tun, ist das ein spannendes Mittel. Dennoch darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass ihre Botschaften auch durch manipulative Auslegungen und das Weglassen von nicht ins Bild passenden Informationen intensiviert werden. Würden die gleichen Mittel irgendwann in einem anderen Film eingesetzt, um etwa menschenverachtende Inhalte zu verbreiten, wäre das übelste Propaganda.

 

Die Sozial- oder Sensationsreportage ist die vielleicht nächste Verwandte dieser Filme. In diesem TV-Genre hat es immer wieder Beispiele gegeben, die allerdings ohne Entertainment-Absichten entstanden. Etwa, wenn Horst Stern Umweltsünden anprangerte oder Reporter sich in Protestmärsche gegen Wiederaufbereitungsanlagen einreihten. Doch auch unterhaltungswillige Satiresendungen gehören zu den nächsten Verwandten. Wenn im heimischen Fernsehen Hape Kerkeling mit laufender Kamera in deutsche Wohnzimmer hereinmarschierte, war er hier und da nicht wirklich weit von Moore & Co entfernt.

 

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