Breitwand

The wide side of Life

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Das Gesichtsfeld des Menschen und die Breite der Filmleinwände korrespondierten in der frühen Geschichte des Films selten miteinander überein. Mechanische Notwendigkeiten bei der Herstellung von Filmmaterial, Kameras und Projektoren ließen schon früh 35mm zum Weltstandard werden und fixierten die Bildbreite. Die gleichzeitige Festlegung von jeweils vier Perforationslöchern pro Filmbild und die Anordnung der Bilder untereinander legten zugleich die Bildhöhe fest.

Über ein halbes Jahrhundert lang waren so gut wie alle Filmvorführungen in der Leinwandbreite deutlich schmaler als das Gesichtsfeld der Zuschauer. Eine der wenigen Ausnahmen und einen frühen, revolutionären Vorgriff auf Cinemascope stellte die „Napoleon" -Verfilmung (1928) von dem französischen Regisseur Abel Gance dar, der mit drei nebeneinanderlaufenden Filmprojektoren den Film in einer Art Tryptichon in die Breite ausdehnte. Das Verfahren nannte er Polyvision.

 

Unterschätzte Erfindung

Ein weiterer Pionier des Breitwandfilmes kam aus Frankreich, Professor Henri Chrétien, der Ende der 20er Jahre ein Verfahren erfand, mit dessen Hilfe er breite Bilder optisch auf den 35mm Film zusammenquetschen und in der Projektion wieder in die Breite ausdehnen konnte. Das Verfahren, welches er sich patentieren ließ, nannte er Anamorphoscope.

Vergeblich bemühte er sich, Interessenten in der Filmindustrie zu finden. Doch warum sollte die überaus erfolgreiche Filmindustrie die hohen Kosten für die technische Umstellung auf sich nehmen? Der Schock der Umstellung auf den Tonfilm saß den Produktions- und Verleihfirmen noch tief in den Knochen. Erst als nach 25 Jahren Chrétiens Patente abgelaufen waren, interessierten sich plötzlich die amerikanischen Studios für seine Optiken.

 

Späte Entdeckung durch die Filmindustrie

Die Notwendigkeit, größerer, oder genauer weiterer Bilder erkannte die Filmindustrie erst, als das Fernsehen mehr und mehr Kinozuschauer an die heimischen Sofas zu fesseln drohte. 1953 wurde das bekannteste Breitwand-Verfahren, Cinemascope, in den USA eingeführt. Die 20th Century Fox kauften von Chrétien die Weltrechte (mit Ausnahme Frankreichs) und begannen mit der Produktion von „The Robe" mit Richard Burton in "Cinemascope", wie sie das neue Format tauften. Um ihn auch in konventionellen Kinos ohne Spezial-Optiken zeigen zu können wurde gleichzeitig auch auf normalem 35mm Academy-Format gedreht. (Kameramann: Leon Shamroy) Das Seitenverhältnis war 1:2,66 und der Ton lief auf einem separaten Laufwerk mit 35mm Magnetfilm in Vierkanal Ton, einem Vorläufer von Surround.

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Der weltweit zweite Cinemascope Film, der beinahe gleichzeitig gedreht wurde, war übrigens „Wie angelt man sich einen Millionär" Mit Marylin Monroe und Lauren Bacall unmittelbar gefolgt von der Jules-Verne Verfilmung „20.000 Meilen unter dem Meer" von den Disney-Studios. Zur Wahrung der Kompatibilität mit Nicht-Cinemascope Kinos drehten die Disney-Studios 1955 auch „Susi und Strolch" praktisch zweimal, nämlich in Cinemascope- und auch im 35mm Normal-Format.

 

Bekannte Formate

Daneben gab es auch alternative Verfahren, wie Cinerama, welches wie schon Abel Gance mit drei verkoppelten Kameras und Projektoren ein besonders breites Projektionsbild erzielte. Wegen des immensen Aufwands (identische Optiken, Gleichstand, identische Lichtbestimmung der einzelnen Filmteile etc.) konnte es sich jedoch nicht durchsetzen.

Bekannt ist auch Todd AO, (benannt nach Michael Todd, von der American Optical Corporation), ein Format, bei dem auf 65mm Film aufgenommen und im Kino im Idealfall mit 70mm vorgeführt wurde. Vista Vision hieß ein Format, bei dem der 35mm Film quer durch die Kamera lief und dessen Bilder 8 Perforationslöcher breit waren. Imax ist heute das bekannteste Format. Es arbeitet in der Kamera mit 65mm Film, der Quer durch die Kamera läuft und dessen Bilder 15 Perforationslöcher breit sind.

 

Fernsehen

Auch beim Fernsehen haben sowohl die Normen des alten Kinofilms, als auch die technischen Begrenzungen der Röhrenherstellung und Signalbandbreite das Format recht schmal werden lassen. 4:3 oder 1:1,33 war bis vor einem Jahrzehnt die Norm.

Bei der Ausstrahlung von Breitwand-Filmen wurden diese, je nach Gusto der Sender entweder mit schwarzen Balken (Letterbox) gesendet, oder durch lustloses Herumfahren des  4:3 Ausschnitts im Breitwandfilm (Pan&Scan) auf Fernsehformat zusammengestutzt.

Die dem menschlichen Sehen etwas näheren16:9 Fernseher setzen sich wegen ihrer Größe und der höheren Kosten nur sehr langsam durch.

 

Nicht nur Hollywood

„Ben Hur", „Die Brücke am River Kwai", „2001- Odyssee im Weltraum", „Krieg der Sterne" sind einige Beispiele für Filme, bei denen die Wirkung durch breite Formate enorm gesteigert wurde. Insbesondere zur Visualisierung von Science-Fiction wurde Breitwand zum Standard.

Aber auch die Nouvelle Vague setzte hier und da auf Breitwand. „Jules et Jim", „Le Mepris" oder „Round Midnight" sind in 1:2,35 gedreht. Der Marktführer und Technische Gegebenheiten Cinemascope ist das bis heute am häufigsten verwendete Breitwandformat. Ab den 60er Jahren wurde der Name des Objektivherstellers und Kameraverleihers Panavision zum Synonym für Breitwandfilme.

 

Technische Verfahren

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Um überhaupt breitere Bilder auf Film aufnehmen und projizieren zu können, gab es verschiedene Lösungsansätze.

  • Man veränderte lediglich das Bildfenster in der 35mm Kamera, verschenkte auf diese Weise viel Fläche auf dem Negativ und musste wegen der relativen Körnigkeit früherer Filmmaterialien Abstriche an der Projektionsqualität machen. Kamerakonstrukteure entwickelten hier frühe Verfahren, bei denen pro Bild nur 3 Perforationslöcher transportiert wurden (Techniscope).
  • Man verwendete spezielle Optiken (Anamorphoten), welche das breite Bild in die Höhe quetschten und damit das 35mm Negativ voll ausnutzten. In der Kinovorführung wurden dann die Bilder mit Anamorphoten am Projektor wieder im gleichen Verhältnis wie bei der Kompression in die Breite entzerrt. Die anamorprinzip.jpgVorsatzlinsen verringerten jedoch zugleich die Lichtstärke, die Schärfentiefe und Schärfe.

    Die Objektive waren sehr teuer und in der Anfangszeit standen sie in vielen Filmländern (auch in Deutschland) nicht zur Verfügung und mussten monatelang vorbestellt und zu hohen Kosten im Ausland angemietet werden.

    Die amerikanische Firma Panavision hatte Jahrzehntelang fast ein Monopol auf hochwertige Breitwand-Optiken. Diese waren nämlich speziell für Cinemaskope konstruiert, benötigten also keine Vorsatz-Anamorphote.
  • Es wurde mit größeren Aufnahmeformaten gedreht (55, 65mm) Auf diese Weise musste das Bild nicht so stark vergrößert werden und die Körnigkeit hielt sich in Grenzen. Mit den Verbesserungen des Filmkorns wurde es mehr und mehr unnötig, auf breitere Filmformate zu gehen.
  • Heute gibt es für die Aufnahme von Breitwandfilmen ein interessantes Format, welches Ideen früherer Entwicklungen, wie Super 16 oder Techniskope in moderner Form aufgriff. Als Wegbereiter dieses Formats gilt der schwedische Kameramann Rune Erickson, der bereits Super 16 vorangetrieben hat. Der Name des Formates ist Super 35 und es nutzt die gesamte Fläche (auch jene, wo bei den Kopien der Lichtton untergebracht ist) zwischen den Perforationslöchern des Filmes aus. Anamorphotische Optiken sind deshalb an der Kamera nicht notwendig. Wenn eine Projektion in Cinemascope gewünscht wird, findet die anamorphotische Kompression erst im Kopierwerk statt. Bekannte Super35mm Filme: „Greystoke", „Terminator 2", „True Lies", „Bis ans Ende der Welt", „Showgirls", „Schlafes Bruder", „Salz auf unserer Haut".

 

Still alive

In der kommerziellen Filmproduktion spielen die Anamorphot-Vorsätze der Cinemascope Ära keine Rolle mehr, doch im semi-professionellen und im Independent-Bereich leben die alten Vorsatz-Linsen weiter. Hier werden sogar mit 16 mm oder Doppel-Super 8 mm Verfahren entwickelt, mit denen Breitwandfilme gedreht werden können. Eines, DS Breitwand oder DS 16:9 genannt, basiert auf Doppel Super 8 Film (Das ist 16mm breiter Film mit beidseitiger Super-8 Perforation) welcher in einer umgebauten 16mm Kamera genau 2 Perforationslöcher pro Bild umfasst. (Super 8 = 1 Perforationsloch pro Bild). Da dies jedoch kein von der Industrie anerkannter Standard ist, findet man schwerlich Kopierwerke, die einem bei der Umkopierung auf Profiformate zu günstigen Konditionen weiterhelfen werden.

Der Wunsch, die Bildbreite von Filmen unserem Gesichtsfeld anzunähern wird wohl auch weiterhin die Entwickler beschäftigen.