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Eigene Jennifer Fox 4000

Jennifer Fox beim Q & A zu ihrem Film "The Tale" anlässlich der Aufführung beim Filmfest München

 

Autorenfilmer*Innen wollen sich mitteilen, wollen den Zuschauer*Innen etwas erzählen, was ihnen wichtig erscheint. Nicht selten sind das individuelle, eigentlich private Dinge. Für Regisseur*Innen und Drehbuchautor*Innen gibt es unterschiedliche Gründe, eigene Erlebnisse in ihre Filme zu integrieren. Natürlich kennt man sich mit dem Milieu und den Figuren, die man selbst erlebt hat, besonders gut aus und kann dadurch wahrhaftigere und emotionalere Geschichten erzählen. Auch verfügt man automatisch über ein tieferes Verständnis der Beweggründe und Empfindungen seiner Filmfiguren. Man schreibt oder verfilmt also etwas, wo man sich sehr gut auskennt, ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Zudem bringt man bei der Umsetzung eigener Erfahrungen zugleich seinen individuellen Blickwinkel mit ein, also die Art, wie man die Welt und die Menschen so sieht. Mindestens ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die oftmals die Kindheit oder Jugend betrifft, als innere Aufarbeitung von Ereignisssen, als Katharsis. So haben derartige Filme nicht selten sogar eine therapeutische Funktion für die Verarbeitung von Erlebtem.

 

Lebensgeschichte als kreativer Steinbruch

Eigene Erfahrungen von Regisseur*Innen fließen auf sehr unterschiedliche Weise in Filme ein. Zumeist handelt es sich dabei um eine Art Rohmaterial von dem man sich inspirieren lässt und welches einem eine besondere Genauigkeit im Erzählen ermöglicht. So soll beispielsweise die Regisseurin Sofia Coppola in ihrem Film "Lost in Translation" (2003) - zu dem sie das Drehbuch geschrieben und den sie inszeniert hat, diverse Elemente aus ihrem eigenen Leben und ihren Erfahrungen als junge Frau in einer fremden Kultur verwendet haben. Oder auch Alfonso Cuarón hat in seinem Film "Roma" (2018) eigene Erinnerungen an seine Kindheit in den Film über die Geschichte eines Kindermädchens in Mexiko-City einfließen lassen. Noah Baumbach hat in "Der Tintenfisch und der Wal" über den 12-jährigen Frank und seinen 16-jährigen Bruder Walt davon erzählt wie die Kinder von der Scheidung der Eltern betroffen sind. Letztlich war das seine eigene Geschichte. Jahre später hat der gleiche Regisseur in seinem Film "Marriage Story", seine eigene Scheidung von der Schauspielerin Jennifer Jason Leigh thematisiert. Und auch Altmeister Ingmar Bergmann hat in seinem herausragenden Spätwerk "Fanny und Alexander", seinem letzten Film, eigentlich das schwierige Verhältnis seiner Schwester Margareta und ihm selbst du ihrem Vater verarbeitet.

Woody Allen, Federico Fellini, so viele Regisseure haben eigene Erfahrungen irgendwie in manche ihrer Filme eingebracht. Zumeist war es aber irgendwie vermischt mit Fantasie. Doch in einigen wenigen Fällen, haben Regisseur*Innen auch recht genau ihre eigenen, manchmal traumatischen Erfahrungen filmisch verarbeitet. Das Selbsterlebte in Form von Filmen zu verarbeiten verlangt Filmemacher*Innen manchmal sehr viel ab. Insbesondere wenn es sich um existenzielle Erfahrungen handelt, bei denen es einem bereits im kleinen Kreis schwer fällt, darüber zu sprechen. Umso erstaunlicher, wenn derartige Erlebnisse sich in irgendeiner Form in Filmen wiederfinden. Oft geschieht es unbemerkt, verborgen, doch manchmal auch offensichtlich und bewusst, dass selbst erlebte, schicksalhafte Ereignisse zu Filmen werden.

So beispielsweise in dem hervorragenden Film "Hoffnung" (Norwegen/Schweden 2019, 125 Minuten) der norwegischen Regisseurin Maria Sødahl oder auch in dem beeindruckenden Film The Tale von Jennifer Fox. (USA 2018, 114 Minuten). Die beiden Filme beleuchten sehr verschiedene Themen, die radikale Offenheit, autobiographische Hintergründe aufzuarbeiten, verbinden sie dennoch. Wir wollen beide Filme, die gänzlich unterschiedliche Herangehensweisen an die eigenen Erfahrungen betrachten und ihre Hintergründe aber auch eine Reihe weiterer prominenter Beispiele autobiographischer Filme vorstellen.

 

Hoffnung

In dem Film "Hoffnung" erhält die Theaterregisseurin Anja einen Tag vor Heiligabend die Diagnose, dass sie einen Gehirntumor hat und nur noch etwa drei Monate Zeit zu leben. Der Film erzählt auf sehr realistische Weise davon, was es mit ihr, ihrem Mann und den Kindern macht. Erzählt von Ärzten deren Aussagen widersprüchlicher nicht sein könnten, von Ängsten von einer Ehekrise und endet schließlich mit den Vorbereitungen zu einer Operation. Die Regisseurin des Films, Maria Sødahl hat, sieben Jahre nach ihrer eigenen Diagnose „Krebs im Endstadium“ diesen Film gemacht. Zum Zeitpunkt ihrer Diagnose war sie sicher, nie wieder einen Film drehen zu können. Ihre eigenen Erfahrungen mit der Diagnose und der Erkrankung hat sie in diesen starken Film einfließen lassen. Der Film erzählt von dieser emotional extrem schwierigen Zeit sehr objektiv und neutral, was bewundernswert gut gelungen ist. Man ist sehr dicht an den Hauptfiguren dran und glaubt ihnen jeden Moment vorbehaltlos.

 

The Tale

In diesem Film verarbeitet Jennifer Fox die eigene Erfahrung eines sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit. Die Filmemacherin schrieb fünf Jahre an dem Drehbuch. In dem Film erzählt sie nicht die Vorfälle ihrer Kindheit linear als inszenierter Spielfilm über ihre Kindheit, sondern sie arbeitet mit einem Kunstgriff. Die Regisseurin erzählt von der 48-jährigen Dokumentarfilmerin und Journalistin Jennifer aus New York, deren Mutter beim Aufräumen alter Kartons Hinweise gefunden hat, dass ihre Tochter im Alter von 13 möglicherweise Opfer eines Missbrauchs auf einer Pferdefarm geworden ist. Die Mutter ruft ihre Tochter an, die sich zunächst an keinen Missbrauch erinnern kann oder will.

Durch die Beharrlichkeit ihrer Mutter, wird Jennifer dazu gezwungen, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und nach und nach diesem Missbrauch auf die Spur zu kommen. In die Szenen mit der erwachsenen Jennifer mischen sich immer wieder Erinnerungen des Kindes auf dem Reiterhof. Ihre Recherchen bringen immer mehr Details ans Tageslicht, welche die Protagonistin über Jahrzehnte erfolgreich verdrängt hatte. Gegen Ende des Films stellt Jennifer ihren einstigen Peiniger auf einer Preisverleihung bei welcher der inzwischen gealteterte Täter für seine angeblichen Verdienste ausgezeichnet wird, zur Rede. 

 

Lost in Translation

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Sofia Coppola, Regisseurin von "Lost in Translation", hier auf dem Münchner Filmfest

 

Die Regisseurin Sofia Coppola hat in ihrem Film "Lost in Translation" (2003) - zu dem sie auch das Drehbuch selbst geschrieben hat, Situationen und Erfahrungen als junge Frau in einer fremden Kultur filmisch verarbeitet. Die Regisseurin lebte in den 1990er Jahren viel in Tokio und pendelte regelmäßig zwischen den USA und Japan. Dieser seltsame Zwischenzustand durch den Jetlag die vielen unterschiedlichen Sprachen, die Unbehaustheit und die spontane Kameradschaft unter ebenfalls sich verloren fühlenden Ausländern mündeten in ihren Film. Bill Murray und Scarlett Johansson spielen die Hauptrollen, zwei einsame, altersmäßig weit voneinander entfernte Menschen, die aus ihrer Schlaflosigkeit in der Metropole eine ungewöhnliche Freundschaft, ja vielleicht sogar eine unausgelebte Liebe entstehen lassen.

 

Sie küssten und sie schlugen ihn

Francois Truffaut, einer der wichtigsten Regisseure Frankreichs, hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn nach eigenen Angaben gar nicht haben wollte. Entsprechend schwierig hat sich auch die Kindheit und Jugend des genialen französischen Regisseurs und Mitbegründers der Nouvelle Vague gestaltet. Was das mit ihm gemacht hat, hat er in seinem Film "Les 400 Coup" / "Sie küßten und sie schlugen ihn" filmisch verarbeitet. Der französische Autorenfilmer erzählt in seinem ersten Spielfilm von dem kleinen Antoine der von seinem Stiefvater auf eine Polizeiwache geschleppt und in mehrere Erziehungsheime gesteckt wurde. Dieses Schicksal hat Truffaut als Kind selbst so erlebt. Und es sollte nicht der einzige Film bleiben, in welchem Truffaut das Thema Kindheit oder eigene Erlebnisse in den Vordergund geholt hat. Mit dem Film schaffte Truffaut seinen Durchbruch als Regisseur.

 

Amacord

Federico Fellini hat in seinem Meisterwerk "Amarcord" (1973) Erinnerungen an seine Kindheit in der italienischen Provinzstadt Rimini filmisch erzählt. Amacord erzählt episodisch vom Leben in den 1930er Jahren und verwebt Erinnerungen und Träume Fellinis miteinander. Im Mittelpunkt steht der 16-jährige junge Titta der in Rimini zu Zeiten des italienischen Faschismus aufwächst. Zu Beginn des Films werden nahezu alle Hauptfiguren des Films, wie etwa Titta, seine Familie, aber auch Gradisca, die städtische Schönheit, für die Titta schwärmt, vorgestellt.
Aber auch Volpina, eine seltsame Prostituierte, die am Strand lebt wird eingeführt. Amacord begleitet all diese Figuren episodisch von Frühling zu Frühling ein Jahr lang und erzählt am Ende, was sich alles verändert hat. 

 

Das Gesetz der Begierde / "La Ley del Deseo"

Auch Pedro Almodóvar hat in einigen seiner Filme persönliche Erfahrungen filmisch umgesetzt. Seine Erfahrungen als schwuler Mann und Filmemacher sind in "Das Gesetz der Begierde" (1987) eingeflossen. In einem späteren Film, Leid und Herrlichkeit / "Dolor y Gloria" (2019) hat Aldomovar autobiografisch von seinem Leben erzählt.

 

I killed my mother

Xavier Dolan verarbeitet fast in jedem seiner Filme persönliche Themen. Bereits sein Erstling, "I killed my mother / "J'ai tué ma mère" (Kanada, 2009) verarbeitet das schwierige Verhältnis als schwuler Mann zu seiner Mutter. Auch in seinem Film "Mommy" (Kanada, 2014) erzählt er, wenn auch etwas versöhnlicher von dieser schwierigen Beziehung.

 

Die Fabelmans

Steven Spielberg hat auf unterschiedliche Weise persönliche Erfahrungen und Erlebnisse in seine Filme einfließen lassen, beispielsweise in "E.T." oder auch in "Der Soldat James Ryan". Am deutlichsten wurde dies aber in der Nacherzählung seiner eigenen Kindheit in den 50er Jahren in dem Film "Die Fabelmans" (USA 2022). Der Film ist quasi Spielbergs coming of age Geschichte, er erzählt aber auch von Spielbergs frühem Zugang zu 16mm Film und von der schmerzhaften Trennung der Eltern.

 

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Walter Spiske, Mark Hintzen und Elisabeth Ullrich in "Claudio" einem Spielfilm mit autobiographischen Zügen (Regie: Mathias Allary)

 

Alter Ego

Das Erzählen der eigenen Erlebnisse ermöglicht es auch, sich mit seinen Filmfiguren leichter zu identifizieren und ihre Handlungsmotivationen glaubwürdiger und berührender zu erzählen. Nicht selten findet sich in den Werken von Regisseur*Innen Filmfiguren, die man als "alter Ego" (anderes ich) der Regisseur*Innen bezeichnen kann. Manche Regisseure hatten, wenn sie in mehreren Filmen eigene Erlebnisse erzählt haben, immer die selben Schauspieler besetzt, welche sie in den Filmen repräsentieren sollten. Bei Francois Truffaut war das Jean-Pierre Léaud und bei Federico Fellini Marcello Mastroianni. Die Schauspieler sind dann im Laufe der Filme und Jahre mit den Geschichten mitgealtert. Truffaut zeigte seine Figur Antoine Doinel bereits als Kind in "Sie küssten und sie schlugen ihn", wie auch in diversen Filmen als Erwachsener ("Geraubte Küsse", F 1968, "Tisch und Bett" F 1970 ) und auch bei Fellini alterten Marcello Mastroianni und Fellinis Erlebnisse kontinuierlich und parallel ("8 1/2" I 1968, "Stadt der Frauen" usw.).

 

Herausforderungen

Darüber, was eigene Stoffe beim Schreiben von Drehbüchern bewirken und worauf man unbedingt achten sollte, berichten wir in unserem Beitrag über eigene Erlebnisse im Drehbuch. Und natürlich spielt die mögliche eigene Befangenheit, wenn man nicht nur das Drehbuch geschrieben hat sondern zudem auch noch die Regie führt, eine ganz besondere Rolle. Nicht immer sind die tatsächlichen Abläufe des eigenen Erlebens erzählerisch optimal für einen Film, der ja immerhin unterhalten und eine gewisse Spannung erzeugen soll. Deshalb ist es besonders wichtig, dass man dazu in der Lage ist, die spannenden, die emotionalen, die besondere Elemente aus dem eigenen Leben herauszufiltern und damit möglichst frei und unter Beachtung dramaturgischer Regeln kreativ neu zu unabhängigen Geschichten werden zu lassen.

 

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