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Emma Mackey als Maeve Wiley in "Sex Education" Cr. Samuel Taylor/Netflix © 2023

 

Sie ist nicht so einfach in eine Genre-Schublade zu stopfen, "Teen-Komödie" oder "High-School-Drama" treffen es jedenfalls nicht, obwohl der Name der im Zentrum stehenden Schule, "Moordale" mit seiner Nähe zur Teenie-Serie "Riverdale" solche Assoziationen durchaus aufkommen lässt. Die Netflix-Serie Sex-Education wird zu Recht hochgelobt. Das hat auch mit der Entwicklung toller Charaktere zu tun. Erdacht hat die Serie die britische Drehbuchautorin Laurie Nunn, die auch sehr viele der Serienfolgen geschrieben hat.

Sicherlich besteht die Qualität einer Serie stets aus ihrem Gesamtpaket, dem sogenannten Production-Value. Bei "Sex Education" stimmt verdammt viel, von der Besetzung über die Regie, die Ausstattung, das Kostümbild, die Kamera, das Licht bis hin zu den Drehbüchern. Und dort wieder finden sich eine erstaunliche Anzahl spannender Figuren wieder, die alle vielschichtig daherkommen. Man muss den Drehbuchautor*Innen wirklich ein Riesenkompliment machen, viele Serien-Drehbuchautor*Innen würden an so seinem Projekt scheitern.

Zugegeben, man hat wenn man die Serie zu schauen beginnt, allerlei Zweifel, ob einen die Geschichte rund um den Sohn einer Sex-Therapeutin und seines Freundeskreises überhaupt interessieren könnte. Zu den wichtigsten Figuren gehören sicherlich Otis (Asa Butterfield), Maeve (Emma Mackey), Eric (Ncuti Gatwa), Adam (Connor Swindells) und Jackson (Kedar Williams-St.).

Zu Beginn könnte man sogar ein wenig Sorge haben, dass man sich in einem der vielen Coming of Age- Highschool Filme befindet. In der ersten Folge ist man definitiv noch bereit, wieder abzuspringen von dem fahrenden Wagen, doch bereits in den nächsten Folgen ist man irgendwie hineingezogen worden und verfolgt neugierig die Entwicklungen in diesem überschaubaren Microkosmos.

Die Serie erzählt auf geniale Weise von teilweise komplizierten Familienverhältnissen, gegenseitigem Nicht-Verstehen, Kindern und Eltern, die alle mit irgendwelchen Problemen zu kämpfen haben und darunter hin und wieder völlig vergessen, dass sie sich lieben. Natürlich geht es auch auf eine bestechend unverkrampfte Weise um alle Arten von gutem und schlechtem, wildem und schüchternem Sex, den die verschiedenen Protagonisten visuell gänzlich unvoyeristisch erleben. Viele Bestandteile von „Sex Education“ - so etwa die glaubwürdig erzählte Queerness, die breite Palette von Ethnien und Religionen sind sehr organisch und glaubwürdig erzählt.

 

Nichts ist so, wie man denkt

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Asa Butterfield als Otis, Gillian Anderson als seine Mutter, Dr. Jean Milburn in "Sex Education"  Cr. Samuel Taylor/Netflix © 2023

 

Im Kern erzählt "Sex Education" von Jugendlichen, welche ihr Umfeld und zugleich ihre eigenen aufkommenden Identitäten entdecken. Die Figuren machen in den Staffeln zahlreiche unerwartete Wendungen und doch werden ihre Figuren und die generelle Tonalität nie verraten. Während viele Serien mit Stereotypen arbeiten, um nicht viel Erzählzeit auf Charakterisierungen verwenden zu müssen, sind die meisten Figuren in Sex Education überraschend vielschichtig, mehrdimensional und zugleich liebenswert beschrieben, was eigentlich permanent zu neuen Erkenntnissen und Sympathieverlagerungen führt.

Die Mädchen sind meist stärker und selbstbewusster als die Jungs. Und jede Person ist grundlegend anders. Im Grunde genommen ist so gut wie jede Figur eine Wundertüte, bei der man sich schlicht nie über den wahren Inhalt sicher sein kann. Und genau das macht viel von dem aus, was einen durch die Serie trägt.

Vor allem sind all die Veränderungen und Entwicklungen nicht irgendwie aus der Kiste gezaubert, sondern tatsächlich von den ersten Folgen der ersten Staffel an bereits im Kleinen, im Verborgenen angelegt. Das geht sogar so weit, dass manche eigentlich kleinen, geradezu komparsenhaften Rollen aus der ersten Staffel in späteren plötzlich weit nach vorne treten. So etwa die der Ruby, die plötzlich in Staffel Drei großen Raum einnimmt. Oder Dan, einer der Lover von Otis Mutter Jean, der nur ganz am Anfang versehentlich Otis Zimmer mit dem Bad verwechselt und dann für zwei Staffeln nicht mehr existiert um dann wieder um so präsenter aufzutauchen.

Vieles, was da am Anfang für die Zuschauer oft kaum merklich gesäht wurde, wird erst in der zweiten, dritten oder vierten Staffel geerntet. Da hat also Jemand ein extrem gut durchdachtes Konzept gehabt.

 

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Simone Ashley, Asa Butterfield in "Sex Education" Cr. Samuel Taylor/Netflix © 2023

 

Wechsel als Prinzip

Immer wieder schafft es die Serie, die Haltung der Zuschauer den Figuren gegenüber, radikal zu verändern. Das macht es spannend, weil wir durch tiefere Einblicke in die jeweiligen Schicksale auch unsere eigenen Vorurteile revidieren müssen.

Das beginnt bereits bei der zentralen Hauptfigur Otis, den man zu Beginn als einen verschupften, schüchternen und ständig emotional verwirrten Teenager erlebt und der aber im Verlauf der Serie immer cooler wird. Oder sein "Love Interest", die Mitschülerin Maeve, die man zu Beginn als dauerbissige Kämpferin gegen Alles und Jeden kennenlernt und die man im Verlauf der Serie als zutiefst verletzlich erlebt. Doch sie ist zunächst gar nicht so leicht zu dechiffrieren: Genau wie der Zuschauer übersieht auch Otis ihre kleinen Signale, wie etwa, dass Otis sie als Einziger zu ihrem Wohnwagen im Trailer-Park begleiten darf und damit das Geheimnis ihrer Unterkunft kennt.

 

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Emma Mackey als Maeve Wiley in "Sex Education" Cr. Samuel Taylor/Netflix © 2023

 

Oder da ist beispielsweise Adam, der Sohn des Schuldirektors. Gleich zu Beginn von"Sex Education" hat er Sex mit Aimee, ohne auch nur das geringste Gefühl zu zeigen. Er wirkt irgendwie anteilslos, fast autistisch. In den weiteren Folgen erfahren wir, dass dieses stoische Verhalten zentral für seine Figur ist. Wenn er auftaucht, ist er still, kann sich kaum artikulieren und ist häufig agressiv, insbesondere Eric, Otis bestem Freund gegenüber.

Doch kaum haben wir ihn als "Arschloch" verbucht, beginnen wir, in seinem zarten, oft überforderten Gesicht so viel mehr abzulesen, als die Figur durch Worte sagen könnte. Wir sind überrascht, wenn er sich völlig unerwartet öffnet, und sogar ein Lächeln über sein sonst scheinbar leeres Gesicht huscht. Angesichts seines tyrannischen Vaters begreifen wir manches an Adam, der nach und nach lernt, wie man mit anderen kommuniziert und für die Zuschauer irgendwann liebenswert erscheint.

 

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Connor Swindells als Adam in "Sex Education" Cr. Samuel Taylor/Netflix © 2023

 

Wir wollen an dieser Stelle nicht spoilern, deshalb werden Handlungsverläufe hier nicht erzählt. Doch die Art, wie man bei so vielen Figuren von ihrer äußeren Schale im Verlauf der Serie in immer tiefere Schichten Einblicke erhält und wie man mit ständigen neuen Einsichten konfrontiert wird, ist äußerst spannend. Wenn man es ernst meint mit der Idee der vielschichtigen Charaktere, dann kann man eine Menge von "Sex Education" lernen. Wenn Filmfiguren überraschende Dinge nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus sich selbst, den angelegten Charakteren heraus, tun, dann entwickeln sie Kraft und Glaubwürdigkeit, welche die Zuschauer neugierig machen.

 

Background-Infos

Gedreht wurden die Folgen auf der Sony Venice mit hochwertigen modernen Objektiven. Der Vintage-Look wurde dann nachträglich in der Postproduktion darüber gelegt. Die vielen hervorragenden Musiktitel stammen mehrheitlich aus den 70er und 80er Jahren. Ein Hauptschauplatz, die Moordale Schule wurde übrigens in einer ehemaligen Universität gedreht. Der Caerleon-Campus liegt Nahe Newport in Wales. Für die diversen Sexszenen, die es in der Serie auch gab, wurde Ita O'Brien, eine britische Sex-Coordinatorin eingestellt, welche die Schauspieler vor, während und nach den Szenen begleitete.

 

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DeObia Oparei als Erics Vater und Ncuti Gatwa als Eric  in "Sex Education" Cr. Samuel Taylor/Netflix © 2023

 

Noch etwas anders ist übrigens spannend bei der Serie zu beobachten,- nämlich wie viel die Regie und Kamera trotz eigentlich eingespielter Filmfiguren und identischer Sets doch ausmacht. Die einzelnen Folgen sind nämlich nicht alle ganz homogen in der erzählerischen Qualtität. Man erkennt stets am Timing, an der Schauspielführung und der Tonalität, wenn der Hauptregisseur Ben Taylor (S1 F1,2,3,4; S2 1,6,7,8; S3 1,2,3,5;) mal nicht Regie geführt hat und eine-r seiner Kolleg*innen Kate Herron (S1 F5-8), Sophie Goodhart (S2 F 2,3), Alice Seabright (S2 F 4,5) Runyararo Mapfumo (S3 F 4,6,7,8), Dominic Leclerc (S4 F 1,2,3), Michelle Savill (S4 F 4,5) und Alyssa McClelland (S4 F 6,7,8) verantwortlich für die Umsetzung waren. Und natürlich sind auch die unterschiedlichen Kameraleute zu spüren, in den Stafeln 1 bis drei waren dies Jamie Cairney (S 1-3) und Oli Russel (S1-3), in Staffel vier Andy McDonnell und Arthur Mulhern.

2022 wurde "Sex Education" als beste Comedy-Serie bei den International Emmy Awards ausgezeichnet. Im September 2023 ging die vierte und letzte Staffel auf Netflix an den Start. Dass Hauptregisseur Ben Taylor in der vierten Staffel nicht mehr dabei war, ist zu spüren,- die vierte Staffel hat eine andere Tonalität und weniger Tiefgang. Leider verirrt sie sich vor lauter gut gemeinter wokeness und queerness in überflüssigen Handlungsschleifen, die ersten drei Staffeln waren stringenter erzählt. Sie ist sicherlich nicht für jeden Zuschauerkreis zu empfehlen, aber wer neugierig ist auf neue Erzählweisen, spannende Charktere und starke Geschichten, kann hier viel lernen.

 

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