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Produktion von "Schmerzblatt", eine Doku-Fake einer Gruppe Studierender bei Prof. Mathias Allary

 

Spielfilme, die so tun, als seien sie Dokumentationen, greifen die strikte Trennung der Genres auf raffinierte Weise an...

Doku-Fake, oder auch Mockumentary genannt, ist ein eigenes Genre ohne eigene Genreregeln. Es bedient sich vorhandener Regeln, die im dokumentarischen Arbeiten der Medien entstanden sind, und kopiert diese, ohne die Realität abzubilden.

Doku-Fakes übernehmen lediglich die dokumentarischen Erzählmuster, den Code und seine gestalterischen Vorgaben und verpacken darin inszenierte Inhalte. Diese Inhalte sind stets bewusst falsch, wollen den Zuschauer ganz bewusst täuschen, ohne dass dieser es zunächst bemerkt. Irgendwann allerdings muss er es bemerken, denn das Genre funktioniert nur dann, wenn der Zuschauer den Schwindel bemerkt. Ist dies nicht der Fall, hat der Zuschauer nur einen weiteren Dokumentarfilm gesehen und die falschen Informationen schlichtweg geglaubt, der Film geriete in eine gefährliche Nähe zu Propagandafilmen.

 

Erzählmuster

Dabei zählt man sowohl klassische dokumentarische Konventionen als auch jene des Fernsehens zu den Werkzeugen der Doku-Fakes. Die Filme und Sendungen, die sich dieser Formen bedienen, erzählen nicht nur den vorgegebenen falschen Inhalt, sondern sie machen auch das erzählende Medium selbst zum Thema, haben also eine starke Selbstreferenz. Ein gefälschter Dokumentarfilm ist also immer zugleich auch eine Dokumentation des Genres "Dokumentarfilm" an sich.

Je nach Ansatz kann man die Doku-Fakes unterteilen in Parodie, Kritik oder Dekonstruktion eines Genres oder Formates. Oftmals wird quasi als historische Reminiszenz auf zurückliegende Erzählmuster zurückgegriffen, wie den angeblich objektiv beobachtenden Dokumentarfilm oder die argumentative, beweisführende Reportage. Dabei haben insbesondere die Dokumentarfilmer selbst viel dazu beigetragen, Klischees ihres Genres zu generieren, welche von Doku-Fakes dankbar aufgegriffen werden. Dazu gehören:

          Wacklige Handkamera
  Such- und Einstellarbeit der Kamera (technischer Zoom) werden mit verwendet
  Versteckte Kamera
  Unzureichende Ausleuchtung in Innenräumen
  Bei historischen Fakes Schwarzweiß-Material
  Personen, die den Abbruch der Aufnahme einfordern
  Dokumentarstil, der den Zuschauer direkt anspricht
  Berichterstatter mit Reportermikrofon (z. B. 421er) in der Hand
  Seriöse, wahrheitsevozierende Offstimme (Nachrichten, Wochenschau etc.)
 

Sachverständige, Wissenschaftler mit Statements

 

Statistiken, Tabellen, Übersichten

 

Aufnahmen von mangelhafter Qualität, mit technischen Fehlern, die man im Allgemeinen nur verwendet, wenn es sich um einmalige, unwiederbringliche Originale handelt

   

 

Elemente des klassischen Dokumentarfilms werden aus ihrem Zusammenhang gerissen, werden transformiert und mit anderen, inszenierten Inhalten versehen. Das Erkennen der dokumentarischen Erzählweise gehört dabei mit zum Spiel, welches den Zuschauer in einem permanenten Schwebezustand zwischen Wahrheit und Fiktion hält.

 

Kritik am eigenen Genre

Sinn dieser Doku-Fakes ist es, Medienkritik zu üben und den Zuschauer zu einer kritischen Haltung gegenüber der im Dokumentargenre üblichen Tatsachenbehauptung anzustiften. Nicht wirklich nachvollziehbar ist, dass vom Zuschauer Schwarzweiß-Filmmaterial, meistens als authentischer bewertet wird als Farbfilm.

Das Fernsehen selbst kennt die Doku-Fake speziell in den diversen Comedy-Formaten, etwa in der Variante der Nachrichtenparodie. Falsche Nachrichten haben in den 70er Jahren schon Rudi Carell oder etwa "Monty Python's Flying Circus" in ihre TV-Shows eingebettet. Dabei wird auch authentisches Filmmaterial durch falsche Kommentierung oder Neumontage manipuliert. Einer der frühesten Doku-Fakes der Mediengeschichte war vermutlich Orson Welles Hörstück "Krieg der Welten" nach H. G. Wells, in welchem den ahnungslosen Radiohörern von einem teilweise hysterischen, verzweifelten Redaktionsstab die Invasion vom Mars als Live-Reportage dargeboten wurde. Bersonders perfide: Ein scheinbar reguläres Musikprogramm wurde ständig unterbrochen von Sondermeldungen und Liveschalten.

Doku-Fakes werden durch den Aspekt, dass das darin Gezeigte möglicherweise eben doch wahr sein könnte, besonders perfide. Dabei kann auch ein echter Dokumentarfilm ja stets nur eine Sichtweise oder nur eine Wahrheit aufzeigen, niemals aber eine absolute Wahrheit, denn die gibt es nicht.

 

Beispiele

"Das Millionenspiel", TV-Show mit Dieter Thomas Heck, WDR 1970,  in der unter Zuschauerbeteiligung ein Kandidat von Killern gejagt und daran gehindert werden soll, in die laufende Sendung ins Studio zu gelangen und die Siegerprämie zu kassieren. Drehbuch: Wolfgang Menge, Regie: Tom Toelle. Auf der gleichen Romanvorlage von Robert Sheckley basierte auch 1982 „Le Prix du Danger“ mit Michel Piccoli. Weil die WDR-Verantwortlichen versäumt hatten, die Rechte an der Vorlage zu erwerben, konnte das Fernsehspiel 30 Jahre lang nicht gesendet werden.

"Kubrik, Nixon und der Mann im Mond" von Bart Sibrel behauptet, die Amerikaner seien gar nicht auf dem Mond gelandet und belegt diese These durch authentisches Archivmaterial und Interviews mit Politikern aus der Zeit der Mondlandung.

"This Is Spinal Tap" von Rob Reiner, USA 1984- die Geschichte der angeblich lautesten Band der Welt, begleitet von Dokumentarist Marti DeBergi (Rob Reiner)

"Hard Core Logo" von Bruce McDonald (1996) erzählt in Tradition von "Spinal Tap" die Geschichte einer angeblich legendären Punkband mit allen Exzessen und Lebensträumen, allerdings hat es diese Band nie gegeben.

"C'est arrivé près de chez vous" / "Mann beißt Hund": In diesem Film gibt das belgische Dokumentarfilmteam vor, einen Serienkiller in seinem Alltag zu begleiten, der nach und nach auch aus Morden besteht, an denen das Team zuletzt auch teilnimmt. Remy Belvaux, André Bonzel und Benoit Poelvoorde. Belgien 1992

Zelig (Woody Allen, USA 1983) - die Geschichte eines menschlichen Chamäleons, eines Menschen, verkörpert von Woody Allen, der sich gänzlich der Zeit und Situation, in der er auftaucht, anpasst.

"Blair Witch Project" (The Blair Witch Project, Daniel Myrick, Eduardo Sánchez, USA 1999)

"Im Fadenkreuz", Fahndungs-Show-Fake von Studierenden 2005

"Schmerzblatt", Trennungs-Show zur erfolgreichen Zerschlagung glücklicher Beziehungen, von Studierenden 2006

"Dubois" - Kurzfilm von Daniel Vogelmann, Fake-Dokumentation über ein musikalisches Management-Seminar, HFF München 2005

"Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan", Larry Charles, USA 2006

"Zwischenfall vor einer Bank", von Ruben Östlund (Reenactment, S 2010, Länge 12 Min.)
Rekonstruktion eines Banküberfalls der schief ging.

"This Ain't California" (Marten Persiel, Deutschland 2012) 

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