Das offizielle Fantasy Filmfest-Plakat mit Fay Wray

Mit Bill Paxtons Regiedebüt „Frailty“ (USA 2001) als Eröffnungsfilm hat sich das Fantasy Filmfest am 24. Juli in München nunmehr zum 16. Mal angeschickt, die Besucher mal auf zauberhafte, mal auf düstere und nicht selten auch auf witzige Weise in die Welt des Fantastischen zu entführen. Auf dem Programm, das nach München noch in Stuttgart, Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin zu sehen sein wird, stehen wie jedes Jahr Filme aus den Bereichen Science-Fiction, Horror und Thriller.

Den ersten Schock erleidet der interessierte Besucher freilich, noch bevor der Vorhang sich zum ersten Mal hebt: Selbstbewusste 8,50 Euro bzw. 8,00 Euro will der Veranstalter Rosebud Entertainment pro Eintrittskarte sehen. Lediglich einige Filme aus der Reihe „Planet B“ sind für 6,00 Euro am Start. Ein Schelm, wer sich da beschwert, schließlich gab es noch bis Ende März für schlappe 150,00 Euro Dauerkarten käuflich zu erwerben.

Der Festivalkatalog überschlägt sich in gewohnter Weise dermaßen mit Superlativen, dass dieses ultimative Ereignis selbst durch das kommende Fantasy Filmfest kaum zu übertreffen sein dürfte. Dabei gehen nicht nur die eigentlichen Glanzlichter in den allgegenwärtigen Lobeshymnen unter, es wird auch manch stilles Meisterwerk sein Publikum nicht erreichen, da ihm eine gerechte Beschreibung versagt bleibt. Ein Grund mehr, einige ausgewählte Filme des Programms näher zu beleuchten.

 

St. John’s Wort

Regie: Ten Shimoyama, Japan 2001

Nami unter der Dusche

Der Videospieldesigner Kohei (Yoichiro Saito) und seine Ex-Freundin Nami (Megumi Okina) wollen sich für ein Computerspiel Inspirationen in einem abseits gelegenes Haus holen. Alles auf eine Digitalkamera aufzeichnend durchstreifen sie das Gebäude und finden dabei immer mehr Indizien auf Namis Vergangenheit. Es handelt sich um ihr Geburtshaus, das einst von ihrem Vater, einem exzentrischen Künstler, bewohnt wurde. Langsam deutet immer mehr auf ein schreckliches Geheimnis hin, das sich in dem Haus und somit auch in Namis Vergangenheit verbirgt...

Gleich am Anfang des Filmes wird der Zuschauer in einen Sog von surrealistischen Bildern, hektischen Kamerabewegungen und grellen Farben gezogen. Diese extreme Darstellung wirkt erst sehr experimentell, fügt sich dann aber gut in den Verlauf der Geschichte ein. Der Aufbau des Filmes ähnelt einem Computerspiel, man wird den Gedanken einfach nicht los, dass die beiden Protagonisten sich in einem digitalen Horror-Action-Adventure à la „Resident Evil“ befinden. Die Story ist eigentlich schnell abgehandelt und an sich nichts besonderes, doch die Umsetzung ist sehr gut gelungen. Regisseur Ten Shimoyama schafft auf einfach Weise eine düstere Grundstimmung und vermischt dabei reale und digitale Welten. Unterstützt durch die wackligen Handkamera-Bilder und die hervorragenden Geräuscheffekte erzeugt der Film eine beklemmende Atmosphäre, manchmal etwas durchschaubar aber durchaus funktionierend. So sieht das Kino des 21. Jahrhunderts aus.

Michael Metz
 

Say Yes

Regie: Sung-Hong Kim, Südkorea 2001

Yun-hie und Jeong-hyun gefesselt in einer Scheune

Das junge Pärchen Yun-hie (Sang Mi Chu) und Jeong-hyun (Ju-hyuk Kim) fährt an die Ostküste, um sein einjähriges Zusammensein und den Verkauf von Jeong-hyuns Roman zu feiern. Während eines Stopps an einer Autobahnraststätte fahren die beiden beim Ausparken den grimmigen Em (Joong-Hoon Park) an, der sie um eine Mitfahrgelegenheit bittet. Schon bald entpuppt sich der grüblerische Mitfahrer als bedrohliche Klette, die das junge Pärchen weder im Hotel noch auf der Straße abzuschütteln weiß. Im Verlauf des Katz-und-Maus-Spiels klärt er Jeong-hyun über die Regeln auf: „Wenn du überleben willst, erlaube mir, deine Freundin zu töten.“

Dem bekannten Motiv des psychopathischen Einzelgängers, der sich willkürlich ein Opfer seines Spieltriebs sucht, weiß „Say Yes“ nicht viel hinzuzufügen. Regisseur Sung-Hong Kim setzt die kaltblütige Geschichte routiniert in Szene, kommt jedoch nicht gegen das unausgegorene Drehbuch von Hye-young Yeo an, das immer wieder Dialoge und Handlungen unnötig spreizt in der irrigen Annahme, das bereits plump Angekündigte müsse noch geheim gehalten werden. Das Finale kann – auch in der eigenen Logik des Genres – psychologisch nicht wirklich überzeugen. Was bleibt, sind einzelne packende Szenen, denen der dramaturgische Zusammenhalt abgeht.

Michael Wolf

 

Versus

Regie: Ryuhei Kitamura, Japan/USA 2000

KSC2-303 feuert mit einer futuristischen Waffe

Nach der Flucht aus einer Haftanstalt treffen der Gefangene KSC2-303 (Tak Sakaguchi) sowie sein Mitstreiter in einem Wald auf ein seltsames Verbrecherpack, das – statt ihnen zur ersehnten Freiheit zu verhelfen – undurchsichtigen Befehlen eines zunächst unbekannten Anführers (Hideo Sakaki) zu folgen scheint: Die Order lautet Abwarten und um jeden Preis das Leben von KSC2-303 sichern. Doch rasch eskaliert die Situation und die beiden Flüchtlinge finden sich samt einer hübschen, übersinnlich begabten Geisel (Chieko Misaka), die sie unfreiwillig gerettet haben, als Gejagte im „Wald der Auferstehung“ wieder. Neben den Verfolgern heften sich bald auch die beiden Wärter, denen die Flüchtlinge entwischt sind und denen sie noch eine Hand schulden, an ihre Fersen. Dass sich Tote in diesem Wald in rachsüchtige Zombies verwandeln statt sich zur ewigen Ruhe zu betten, ist nur ein Teil eines mystischen Geheimnisses, das den unwissenden KSC2-303 seit Jahrhunderten mit dem geheimnisvollen Anführer des Packs in einem ewigen Zweikampf verbindet...

Stilsicher brennt Regisseur Ryuhei Kitamura in „Versus“ ein wahres Feuerwerk an hervorragend choreographierten Kampfsportszenen im Rhythmus treibender Techno-Musik ab, die in eine kraftvolle, episch-schicksalhafte Geschichte nach Manga-Machart eingebettet sind. Der bravourös zwischen deftigem Splatstick und ironisch-pathetischem Mythos ausbalancierte Film besticht durch schräge Humoreinlagen und funktioniert gleichermaßen als unterhaltsames Popcorn-Kino wie als cineastischer Bilderrausch.

Michael Wolf
 

Avalon

Regie: Mamoru Oshii, Japan 2001

Ash in der virtuellen Realität

In einer tristen und von apathischer Routine bestimmten Zukunft klinkt sich eine eingeschworene Gemeinde von Spielfreaks zur Unterhaltung der Fans regelmäßig in die Welt von Avalon ein, einer realitätsnahen, potenziell tödlichen Kampfsimulation, die offiziell verboten ist. Seitdem die im wirklichen Leben menschenscheue Ash (Malgorzata Foremniak) während eines Kampfeinsatzes in einer Spielgruppe den Verlust eines Mitglieds zu verantworten hat, schlägt sie sich nur noch als Solospielerin durch die virtuelle Realität. Als die berüchtigte Einzelkämpferin von einer geheimen Spielstufe erfährt, bricht sie mit ihren Prinzipien und schließt sich einer anarchischen Spielgruppe an, um den Zugang zu knacken. Möglicherweise wird sie in der geheimen Stufe Aufschluss über das Verschwinden ihres ehemaligen Mitstreiters erhalten...

Mamoru Oshii („Kokaku kidotai“ alias „Ghost in the Shell“) realisierte sein aufwändiges, bildgewaltiges Stück mit US-Geldern und einer polnischen Darstellerriege an Originalschauplätzen in Warschau. Der intelligente Film überrascht angesichts des futuristisch-martialischen Sujets mit poetisch-schwermütiger Erzählweise, nicht nur in der Schilderung der trostlosen Lebenswirklichkeit der in aussichtsloser Sinnsuche befangenen Protagonisten; auch die explosiven Actionsequenzen strahlen fernab von naivem Technikfetischismus eine strategische, geradezu kontemplative Kälte aus. Ein mutiger Film, der der allgegenwärtigen Versuchung, mit schicken Effekten und oberflächlicher Action auf Zuschauerfang zu gehen, erfolgreich widersteht und sich ganz auf seine Charaktere, die in einem ständigen Taumel zwischen Realität und Ersatzrealität begriffen sind, konzentriert.

Michael Wolf
 

El Espinazo del Diablo

Regie: Guillermo del Toro, Spanien/Mexiko 2001

Jacinto im Wasserkeller

Der zehnjährige Carlos (Fernando Tielve) wird von seinem Vormund in ein Waisenhaus gegeben, nachdem sein Vater im spanischen Bürgerkrieg gefallen ist. Die abgelegene Santia Lucia-Schule wird von dem gutmütigen Professor Casares (Federico Luppi) und der vom Leben gezeichneten Direktorin Carmen (Marisa Paredes) nach besten Kräften geleitet. Schon bald nähren Gerüchte, die unter den Jungen kursieren, einen Verdacht, den Carlos seit einer schemenhaften Erscheinung hegt: Es scheint, als wandele ein ruheloser Geist durch die Schule, der Kontakt zu Carlos sucht. Doch der doppelzüngige Aufpasser Jacinto (Eduardo Noriega), der es augenscheinlich auf die Jungen abgesehen hat, setzt einiges daran, die Vergangenheit ruhen zu lassen...

Zwischen seinen beiden US-Produktionen „Mimic“ und „Blade II“ hat Regisseur Guillermo del Toro mit „El Espinazo del Diablo“ („Des Teufels Rückgrat“) seine Glanzleistung abgeliefert: Mitten in einer staubigen Wüstenlandschaft verbindet er Bürgerkriegsdrama und Geistergeschichte zu einem faszinierenden Ganzen. Der Mikrokosmos der Schule lässt die Sinnlosigkeit und die Leiden des Krieges über die Gedankenwelt der Kinder greifbar werden, deren unschuldiger, für das Fantastische offene Blick die entarteten, einer Dynamik des Bösen ergebenen Verhaltensmuster der Erwachsenen wirkungsvoll entlarvt.

Michael Wolf
 

Irréversible

Regie: Gaspard Noé, Frankreich 2002

Alex in einer Unterführung

Nachts in einer französischen Großstadt: Unter großem Polizeiaufgebaut schaffen Sanitäter den apathischen, völlig aufgelösten Marcus (Vincent Cassel) aus dem Schwulenclub „Rectum“. Zusammen mit Pierre (Albert Dupontel), dem Ex seiner Freundin Alex (Monica Belucci) hat er eine tödliche Schlägerei in dem Club angezettelt. Hinweise aus der Prostituiertenszene hatten die beiden auf einen gewissen Le Tenia (Jo Prestia) gebracht, der sich dem Vernehmen nach im „Rectum“ versteckt hielt. Wenige Stunden zuvor war Marcus’ Freundin von einem Unbekannten in einer Unterführung brutal vergewaltigt und übel misshandelt worden...

Genau wie „Memento“ erzählt der Film seine verstörende Geschichte vom Ende zum Anfang, in zwölf ungeschnittenen, stilistisch höchst verschiedenen Einstellungen, und erlaubt damit dem Zuschauer einen Augen öffnenden Einblick, der dem Protagonisten verwehrt bleibt. Schonungslos seziert Regisseur Gaspard Noé die Ereignisse einer Nacht, indem er ausgehend von der Katastrophe den Ablauf eines Niedergangs rekonstruiert. Die brillanten Leistungen der Darsteller fesseln den Zuschauerblick ebenso auf das Abstoßende wie auf das Schöne, zwei Pole, die der Film gleichermaßen intensiv erzählt. Ein kraftvolles Werk, das zu entsetzlich ist, um faszinierend genannt zu werden, und zu anmutig, um fatalistischer Denkweise verdächtig zu sein.

Michael Wolf
 

Horror Hotline... Big Head Monster

Regie: Cheang Pou Soi, Hong Kong 2001

Mavis steht vor einer Tür

In der erfolgreichen Radiosendung Horror Hotline wird es Zuhörern ermöglicht, über ihre übersinnlichen Erlebnisse zu Berichten. Die amerikanische Journalistin Mavis (Josie Ho) soll über diese skurrile Show eine Reportage ins Fernsehen bringen. Als ein mysteriöser Anrufer über eine Begegnung mit einem monströsen Baby vor 30 Jahren berichtet, stellt sie zusammen mit Ben (Francis Ng), dem Produzenten der Sendung, Nachforschungen an. Es stellt sich heraus, dass schon öfters Menschen eine Begegnung mit dem seltsamen Wesen hatten und dass dies meist in einer Katastrophe endete. Immer verworrener werden die Hinweise und alles deutet auf den Einfluss einer übersinnliche Macht hin.

Erst einmal, der Film ist besser als sein Titel verspricht, aber zu viel braucht man auch nicht zu erwarten. Regisseur Cheang Pou Soi beginnt mit einem ansprechenden Prolog, der eine gute Gruselstimmung vermittelt. Die Geschichte läuft dann langsam, teilweise aber mit einigen Längen, unter steigendem Tempo an und wird recht spannend weitererzählt. Obwohl die Storyline manchmal etwas verworren ist, kann man dem Geschen doch ganz gut folgen. Bis kurz vor dem Ende eine nette Geistergeschichte, die einen gewissen Scharm besitzt und durchaus ein paar gute Szenen aufweisen kann, jedoch zieht der schlechte, total aufgesetzte, Schluss die ganze Sache wieder gehörig runter. Da kann wahrscheinlich auch das alternative Ende auf der DVD nicht mehr viel retten.

Michael Metz
 

Koroshiya 1

Regie: Takashi Miike, Japan/Hong Kong/Südkorea 2001

Kakihara fordert mit zwei Metallspießen zum Kampf

Als der sadistische Yakuza Kakihara (Tadanobu Asano) erfährt, dass sein Boss Anjo mit 100 Millionen Yen spurlos verschwunden ist, trommelt er die übrigen Bandenmitglieder zusammen, um sich auf die Suche nach seinem Anführer zu begeben. Im Laufe der Nachforschungen macht sich Kakihara, der für seine gnadenlosen Verhörmethoden, die schon manchen potenziellen Informanten buchstäblich das Gesicht gekostet haben, weithin gefürchtet ist, selbst bei seinen Partnern rasch unbeliebt. Dabei hofft der sadomasochistische Blondschopf insgeheim nur auf einen würdigen Gegner, der Schmerzen ebenso leidenschaftlich austeilen wie einstecken kann. Möglicherweise findet er in dem geheimnisvollen Killer Ichi (Nao Omori), dessen abscheuliche Massaker selbst ihm Respekt abverlangen, den geeigneten Partner. Doch Ichis Persönlichkeit ist um einiges komplexer, als sein geradliniger Ruf vermuten lässt...

Regisseur Takashi Miike geht in „Ichi the Killer“ (so der internationale englische Titel) von einer klassischen Gaunerkomödie aus und zerschlitzt lustvoll ihr heiteres Gesicht mit schartiger Klinge zu einer bösen Fratze. Zu schräger Musikbegleitung entfaltet er eine krass-blutige Yakuza-Groteske, die den Zuschauer gleichermaßen Lachen und Leiden lehrt. Streckenweise verlässt er sich freilich allzu selbstverständlich auf die bittere Wirkung seiner sadistischen, nicht immer sorgfältig getricksten Bilder, was den im übrigen bemerkenswert niveauvollen Film bisweilen aus dem Tritt bringt.

Michael Wolf

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