Idil Üner in "Liebe, Leben, Tod" (Regie: Mathias Allary)

 

Times are changing

Eine ganze Reihe von Filmen setzten in ihrer Dramaturgie bei Gegebenheiten an, die jüngeren Zuschauer-inne-n heute fremd sind. Vor allem technische Gegebenheiten haben bestimmte Konstellationen überhaupt erst möglich gemacht, über die wir heute mit unseren Kommunikationsmöglichkeiten nur noch müde lächeln können. Und trotzdem, oder gerade deshalb, hatten viele Filmklassiker ganz besondere Dramatik.

 

Telefone im Film

Denken wir nur an die nicht vorhandenen Handys, wegen denen so manche Filmfigur in bedrohlichen Situationen verzweifelt nach Telefonzellen suchen musste. Zu den großen Filmlegenden in denen die Telefonzelle Bedeutung hat, gehört sicherlich North by Northwest (Der unsichtbare Dritte) von Alfred Hitchcock, in dem Werbefachmann Roger Thornhill (Cary Grant) durch eine Verwechslung von Verbrechern verfolgt wird und nur mit Hilfe einer Telefonzelle aus einer misslichen Situation heraus kommt.

Auch der Liebeskrimi "Charade" (Regie: Stanley Donen 1963) mit Audrey Hepburn und Cary Grant, die in Paris nach einem verborgenen Geldversteck suchen, wäre ohne klassische, kabelgebundene Telefone undenkbar. Unvergessen auch die Hotel-Szene in "The Graduate" (Reifeprüfung, Regie Mike Nichols 1967) wo Dustin Hofmann als Absolvent Ben von der Hoteltelefonzelle aus sein Rendezvous mit Ann Bancroft einfädelt.

Wie viele Filmgeschichten beruhen auf der Prämisse, dass sich die Protagonisten nicht miteinander verständigen können? In frühen Tonfilmen kommen noch Telefonate mit Geräten vor, in die man so laut sprechen musste, dass man bequem vom Nebenraum aus das Gespräch Anderer belauschen konnte. Moderne Telefone oder gar Handys hätten hier unzählige Filmstories schlichtweg unmöglich gemacht.

 

Anonyme Bedroher

 

Oder die gar schrecklich bedrohlichen anonymen Anrufer, die es heute dank ISDN und IP Telefonie einfach nicht mehr so gibt, weil jeder Anschluss zurückverfolgt werden kann. Früher waren dafür aufwändigste Fangsschaltungen notwendig, die wochenlang im Voraus eingerichtet werden mussten. Nicht wenige Polizeifahnder hatten es mit anonymen Anrufen von Tätern zu tun, die ihre Anrufe immer kurz vor Ablauf der Mindestzeit beendeten, die man brauchte, um analoge Anrufer zu orten.

Man denke nur an Hitchcocks "Bei Anruf Mord", wo Grance Kelly nach dem Leben getrachtet wird. Oder an "Mitternachtsspitzen" mit Doris Day, (Regie: David Miller, 1960) in welchem immer wieder eindringlich der anonyme Telefonbedroher aufgefordert wird, sich zu offenbaren.

 

Beweissicherung

Oder das Mitschneiden von Telefonaten, was nur mit aufwändigen Zusatzgeräten auf Tonbandgeräten gelang. Der Politskandal-Thriller "Die Unbestechlichen" über die Watergate Affaire (Regie: Alan Pakula 1976) wäre ohne die damals raffinierten Abhörmethoden gar nicht denkbar gewesen. All die wunderbaren Tonbandgeräte in den Spionagefilmen des kalten Krieges haben diese Filme doch erst richtig aufregend gemacht. Wie unspannend wäre die Handlung heute, wenn man einfach bei der Telekom die Herausgabe der Aufzeichnungen beantragen müsste.

 

Recherche

 

In wie vielen Filmen wurden endlos Telefonbücher gewälzt um herauszufinden, wer wo wohnt oder mit wem vielleicht in Verbindung steht. Bibliotheken mussten aufgesucht, unzählige Fachbücher gewälzt werden, um komplexe Zusammenhänge, Beziehungsgeflechte etc. zu verstehen. Wie sinnlich waren doch diese Meterhohen Buchwände im Vergleich zu einem langweiligen Mausklick auf den Button der Suchmaschine im Internet.

 

Oder wenn man an so manchen Erpresserbrief denkt, den die Detektive oder Kommissare allein auf Grund der Farbbänder einer Schreibmaschine aufklären konnten. Ist es da nicht geradezu langweilig, wenn moderne Drucker gleich im Ausdruck eine eigene Kennung, die so genannte Steganographie (Micropunkte nach einem bestimmten Raster im Schriftbild, eine Art unsichtbares Wasserzeichen) verstecken, in der Datum und Druckertyp enthalten sind?

 

Zeitungen

In unzähligen Filmen erfahren die Protagonisten wichtige Nachrichten natürlich nur aus der Tageszeitung, manchmal zufällig, im Café, beim Friseur oder weil sie nervös und unruhig die frisch gedruckte Zeitung dem Zeitungsverkäufer aus den Händen reißen. Man stelle sich Belmondo in "Außer Atem" (Jean-Luc Godard) ohne Tageszeitung vor... Auf die Idee, mal auf sein Smartphone zu schauen, oder gar per Push-Mitteilung die Informationen geradezu aufgedrängt zu bekommen, konnte so viele Jahre Filmgeschichte lang niemand kommen...

Oder was wäre Charles Foster Kane in "Citizen Kane" ohne den "Daily Inquirer", die Tageszeitung die er kauft und zu einem Klatschblatt umwandelt oder "Superman" ohne den "Daily Planet"?

Besonders spannend sind Vermischungen der klassischen Haptik von Zeitungen mit der Idee biegsamer ultradünner Displays wie etwa in Harry Potter der "Daily Prophet" oder in Minority Report die "USA Today" jeweils mit bewegten Videobildern.

 

Fernsehen

In vielen Filmen sehen die Hauptfiguren für die Filmhandlung relevante Ereignisse auf dem Fernseher oder auf der Kinoleinwand. Und natürlich hatte in vielen Filmen nicht Jeder einen Fernseher. In dem großartigen JFK erfahren die Amerikaner vom Attentat auf John F. Kennedy aus dem Fernsehen und zeigen ihre Betroffenheit unmittelbar und Kinowirksam.

 

Musik

Schon mal über die guten alten Schallplatten nachgedacht, die man aufgelegt hat, wenn Besuch kam oder man eine Party feierte? Über das Vergessen der Musik und der Zeit, wenn die Nadel in der letzen Rille kratzte.

 

Was wäre die Filmgeschichte ohne all die vielen technischen Unzulänglichkeiten, Kommunikationsprobleme und Widrigkeiten früherer Generationen? Unzählige Dramen, Liebesgeschichten oder Komödien wären unmöglich gewesen. Welch ein Glück, dass es zu Beginn der Filmgeschichte weder Internet, Handys noch Tablets gab...