MC18 NOV17x2

Social Media Icons Shop 55

Leyla Gang Telefon 4000

Idil Üner mit blauem, kabelgebundenem Plastiktelefon in "Liebe, Leben, Tod" (Regie: Mathias Allary)

 

Times are changing

Adieu Telegramm und Telefonzelle. Internet, Handy & Co hätten unzählige Kinogeschichten der Filmgeschichte schlichtweg zerstört. Eine ganze Reihe von Filmen setzten in ihrer Dramaturgie bei Gegebenheiten an, die jüngeren Zuschauer-inne-n heute fremd sind. Vor allem technische Gegebenheiten haben bestimmte Konstellationen überhaupt erst möglich gemacht, über die wir heute mit unseren Kommunikationsmöglichkeiten nur noch müde lächeln können. Und trotzdem, oder gerade deshalb, hatten viele Filmklassiker ganz besondere Dramatik.

 

Telefone im Film

Denken wir nur an die nicht vorhandenen Handys, wegen denen so manche Filmfigur in bedrohlichen Situationen verzweifelt nach Telefonzellen suchen musste. Zu den großen Filmlegenden in denen die Telefonzelle Bedeutung hat, gehört sicherlich North by Northwest (Der unsichtbare Dritte) von Alfred Hitchcock, in dem Werbefachmann Roger Thornhill (Cary Grant) durch eine Verwechslung von Verbrechern verfolgt wird und nur mit Hilfe einer Telefonzelle aus einer misslichen Situation heraus kommt. In Deutschland wurden die letzten Telefonzellen und Telefonsäulen im Verlauf des Jahres 2022 abgeschaltet.

Auch der Liebeskrimi "Charade" (Regie: Stanley Donen 1963) mit Audrey Hepburn und Cary Grant, die in Paris nach einem verborgenen Geldversteck suchen, wäre ohne klassische, kabelgebundene Telefone undenkbar. Unvergessen auch die Hotel-Szene in "The Graduate" (Reifeprüfung, Regie Mike Nichols 1967) wo Dustin Hofmann als Absolvent Ben von der Hoteltelefonzelle aus sein Rendezvous mit Ann Bancroft einfädelt.

Wie viele Filmgeschichten beruhen auf der Prämisse, dass sich die Protagonisten nicht miteinander verständigen können? In frühen Tonfilmen kommen noch Telefonate mit Geräten vor, in die man so laut sprechen musste, dass man bequem vom Nebenraum aus das Gespräch Anderer belauschen konnte. Moderne Telefone oder gar Handys hätten hier unzählige Filmstories schlichtweg unmöglich gemacht.

 

Anonyme Bedroher

Telefon 4000

 

Oder die gar schrecklich bedrohlichen anonymen Anrufer, die es heute dank ISDN und IP Telefonie einfach nicht mehr so gibt, weil jeder Anschluss zurückverfolgt werden kann. Früher waren dafür aufwändigste Fangsschaltungen notwendig, die wochenlang im Voraus eingerichtet werden mussten. Nicht wenige Polizeifahnder hatten es mit anonymen Anrufen von Tätern zu tun, die ihre Anrufe immer kurz vor Ablauf der Mindestzeit beendeten, die man brauchte, um analoge Anrufer zu orten.

Man denke nur an Hitchcocks "Bei Anruf Mord", wo Grance Kelly nach dem Leben getrachtet wird. Oder an "Mitternachtsspitzen" mit Doris Day, (Regie: David Miller, 1960) in welchem immer wieder eindringlich der anonyme Telefonbedroher aufgefordert wird, sich zu offenbaren.

 

Beweissicherung

Oder das Mitschneiden von Telefonaten, was nur mit aufwändigen Zusatzgeräten auf Tonbandgeräten gelang. Der Politskandal-Thriller "Die Unbestechlichen" über die Watergate Affaire (Regie: Alan Pakula 1976) wäre ohne die damals raffinierten Abhörmethoden gar nicht denkbar gewesen. All die wunderbaren Tonbandgeräte in den Spionagefilmen des kalten Krieges haben diese Filme doch erst richtig aufregend gemacht. Wie unspannend wäre die Handlung heute, wenn man einfach bei der Telekom die Herausgabe der Aufzeichnungen beantragen müsste.

 

Recherche

Schreibmaschine 4000

 

In wie vielen Filmen wurden endlos Telefonbücher gewälzt um herauszufinden, wer wo wohnt oder mit wem vielleicht in Verbindung steht. Bibliotheken mussten aufgesucht, unzählige Fachbücher gewälzt werden, um komplexe Zusammenhänge, Beziehungsgeflechte etc. zu verstehen. Wie sinnlich waren doch diese Meterhohen Buchwände im Vergleich zu einem langweiligen Mausklick auf den Button der Suchmaschine im Internet.

Oder wenn man an so manchen Erpresserbrief denkt, den die Detektive oder Kommissare allein auf Grund der Farbbänder einer Schreibmaschine aufklären konnten. Ist es da nicht geradezu langweilig, wenn moderne Drucker gleich im Ausdruck eine eigene Kennung, die so genannte Steganographie (Micropunkte nach einem bestimmten Raster im Schriftbild, eine Art unsichtbares Wasserzeichen) verstecken, in der Datum und Druckertyp enthalten sind?

 

Zeitungen

In unzähligen Filmen erfahren die Protagonisten wichtige Nachrichten natürlich nur aus der Tageszeitung, manchmal zufällig, im Café, beim Friseur oder weil sie nervös und unruhig die frisch gedruckte Zeitung dem Zeitungsverkäufer aus den Händen reißen. Man stelle sich Belmondo in "Außer Atem" (Jean-Luc Godard) ohne Tageszeitung vor... Auf die Idee, mal auf sein Smartphone zu schauen, oder gar per Push-Mitteilung die Informationen geradezu aufgedrängt zu bekommen, konnte so viele Jahre Filmgeschichte lang niemand kommen...

Oder was wäre Charles Foster Kane in "Citizen Kane" ohne den "Daily Inquirer", die Tageszeitung die er kauft und zu einem Klatschblatt umwandelt oder "Superman" ohne den "Daily Planet"?

Besonders spannend sind Vermischungen der klassischen Haptik von Zeitungen mit der Idee biegsamer ultradünner Displays wie etwa in Harry Potter der "Daily Prophet" oder in Minority Report die "USA Today" jeweils mit bewegten Videobildern.

 

Fernsehen

In vielen Filmen sehen die Hauptfiguren für die Filmhandlung relevante Ereignisse auf dem Fernseher oder auf der Kinoleinwand. Und natürlich hatte in vielen Filmen nicht Jeder einen Fernseher. In dem großartigen JFK erfahren die Amerikaner vom Attentat auf John F. Kennedy aus dem Fernsehen in einem Lokal und zeigen gemeinsam ihre Betroffenheit unmittelbar und Kinowirksam.

 

Telegramme

Wie viele Filmszenen, wie viele Dramaturgien leben davon, dass plötzlich und unvermittelt Jemand durch ein Telegramm eine wichtige Nachricht erhält. Was wäre "High Noon / Zwölf Uhr Mittags" wenn Will Kane, der Marshall der Kleinstadt Hadleyville kein Telegramm erhalten hätte, in dem stand, dass der rachsüchtige Bandit Frank Miller Mittags um zwölf mit dem Zug dort eintreffen werde.Besondere Anlässe wie Hochzeiten, Geburten und mehr wurden mit Telegrammbotschaften und Glückwunschumschlägen zu einem besonderen Ereignis. Doch auch schlimme Nachrichten, wie plötzliche Todesfälle oder die Einberufung zum Kriegsdienst wurden in Filmen per Telegramm übermittelt. Beispiele: "Corridor Of Mirrors" (Regie: Terence Young, GB 1948) / "Union Station" (Regie: Rudolf Maté, USA 1950) / "High Noon" (Regie: Fred Zinnemann, USA 1952) "Eine Klasse für sich" (Regie: Penny Marshall, USA 1992)  / "Eine zauberhafte Nanny – Knall auf Fall in ein neues Abenteuer" (Regie: Susanna White, GB 2009).

Oft wurde dramaturgisch der letzte Schritt der Informationsweiterleitung genutzt und Jemand Anderer nahm das Telegramm in Empfang und händigte es nur zögernd oder gar nicht dem Empfänger, der Empfängerin aus. Auch bei polizeilichen Ermittlungen spielten Telgramme im Kino immer wieder eine entscheidende Rolle. Das perfekte filmische Mittel, um Informationen an geeigneter Stelle zu gewähren oder auch zu verweigern.

Bis ins letzte Viertel des 20 ten Jahrhunderts hinein waren Telegramme die schnellste Möglichkeit, schriftliche Nachrichten zuverlässig zu übermitteln. Weil sich der Preis für diese Leistung nach der Anzahl der Buchstaben richtete, entwickelte sich der so genannte "Telegrammstil", der verkürzte Sätze wie: "Eintreffe Montag Abend, Mama" zu Folge hatte.

Das Staunen, schnelle Nachrichten sogar vom anderen Ende des Atlantiks bekommen zu können, hat mit dem Aufkommen der email deutlich abgenommen. In Deutschland zumindest war dann ab 1. Januar 2023 Schluss damit, der Dienst wurde eingestellt, er wurde schlicht kaum mehr genutzt. So wird es sicher nicht lange dauern, bis junge Zuschauer nicht mehr verstehen werden, weshalb die von Boten überbrachte per Funk übertragene, auf schmalen Papierstreifen ausgdruckte  Nachricht für die Filmfiguren so wichtig war.

 

Musik

Schon mal über die guten alten Schallplatten nachgedacht, die man aufgelegt hat, wenn Besuch kam oder man eine Party feierte? Über das Vergessen der Musik und der Zeit, wenn die Nadel in der letzen Rille kratzte. Was wäre die Filmgeschichte ohne all die vielen technischen Unzulänglichkeiten, Kommunikationsprobleme und Widrigkeiten früherer Generationen? Unzählige Dramen, Liebesgeschichten oder Komödien wären unmöglich gewesen. Welch ein Glück, dass es zu Beginn der Filmgeschichte weder Internet, Handys noch Tablets gab...

 

Banner K Kreativtraining pur 5000

Kameraworkshop Banner 8 23 4000

Weitere neue Artikel

Unsere Welt, das Leben um uns herum bietet unzählige spannende Geschichten, die geradezu danach rufen, verfilmt zu werden...

Krise oder Transformation? Ein Plädoyer für neue Formen des Dokumentarischen

Sie ist eine der ältesten Techniken, um realistische Animationen zu schaffen: Die 1914 erfundene Rotoskopie.

In Filmabspännen stehen oft viele Producer. Was machen die eigentlich alle und welche Unterschiede gibt es?

Was können sie und was können sie nicht? Rückblenden als Bruchstellen der filmischen Illusion

Welche Weihnachtsfilme werden wohl in diesem Jahr auf uns herniederschneien? Wir haben Euch den ultimativen Timetable zusammengestellt....

Der Begriff klingt bescheiden. Was macht ihn so entscheidend für die Fähigkeiten und das Funktionieren von Technik?

In diesem Interview erzählt uns der Regisseur Kevin Koch ein paar Hintergründe zu der Entstehung seines Films "Prince de la Ville", der auf der FOFS 2025 gezeigt wurde.

Auf dem FOFS 2025 teilte der Regisseur Willy Fair seine Geheimnisse mit uns, wie sein preisgekrönter Film "Death's Peak" entstand.

Die Filmgeschichte war noch jung, als erste Stummfilme künstlich erschaffene Wesen als Thema entdeckten. Wie die Roboter im Kino Karriere machten...

Der Film "Jumah" erzählt von Xingyue, die sich in Zentralchina als Außenseiterin fühlt. Wir hatten beim FOFS 2025 Gelegenheit mit den beiden Regisseurinnen zu sprechen

Nicht immer braucht es ein hohes Budget um an der Kinokasse viel Geld einzuspielen. Welches waren erfolgreiche Low-Budget Filme?

Kurzfilme auf Filmfestivals einreichen ist gar nicht so einfach,- wie kann man seine Chancen verbessern?

Sie gehören untrennbar zur Ikonographie des Horrors: Zombies. Die Rückkehr der – nicht mehr ganz so frischen – Toten ist ein popkultureller Dauerbrenner.

Adobe baut seine Firefly KI zu einem Produktionszentrum aus und erfüllt damit viele Wünsche...

Wie KI den Filmbereich verändert, wurde auf einem Panel der Medientage 2025 mit Yoko Higuchi-Zitzmann und Max Wiedemann diskutiert.

Viele frühe Horrorfilme sind verschollen oder zerstört, doch einer der frühesten Horrorfilme, Edisons "Frankenstein" ist noch erhalten

An Profisets will man mit wenigen, leistungsstarken Akkus arbeiten. Wie es gelingt, alle Geräte von einem Akku aus zu versorgen...