Setaufnahme Kadrieren

Für die Wahl der richtigen Kadrage gibt es wichtige Kriterien. (Arbeitsfoto von den Dreharbeiten zu "Midsommar-Stories")

Patentrezepte für die optimale Einbindung von Personen in ein Bildfeld gibt es nicht. Dennoch haben mehr als 1000 Jahre Malerei und über 100 Jahre Filmgeschichte einige Gesetzmäßigkeiten hervorgebracht, die eine hohe Allgemeingültigkeit erreicht haben. Diese hat nicht nur mit Seherfahrung, sondern vor allem auch mit der menschlichen Wahrnehmung zu tun.

 

Wenn wir jemand sehen, der in eine bestimmte Richtung zeigt oder intensiv schaut, so versucht unsere Wahrnehmung automatisch zu erfassen, was sich in dieser derart indizierten Richtung befindet. Sehen wir einen Menschen, der in eine bestimmte Richtung geht, so interessiert uns in der Regel das Wohin mehr als das Woher. Wir achten stärker auf die noch folgenden Schritte, als das wir uns Gedanken darüber machen, wie wohl die letzten Schritte gewesen sind. Unabhängig davon, ob ein Mensch abgebildet wird oder nicht, besteht also instinktiv eine gewisse Interessenslage, was unsere Wahrnehmung angeht.

 

Die Abbildung vergessen machen

Eine der schwierigsten Aufgaben der Bildgestaltung ist es, den Zuschauer die Technik vergessen zu machen, dass er nur ein begrenztes Bildfeld vorgesetzt bekommt. Der Kinosaal und die Grenzen der Projektionsfläche sollen im Idealfall gar nicht wahrgenommen werden. Große Leinwände und ein Höhen-Seitenverhältnis mit großer Breite sind da eine gute Grundvoraussetzung, was die Wiedergabeseite angeht. Doch sie nützen nur wenig, wenn man auf der Aufnahmeseite die wichtigsten Grundregeln nicht beachtet. Was sind also die Standards, auf die man achten sollte, wenn man Personen aufnimmt?

 

Luft über den Köpfen, Headroom

Idil Üner in Liebe,Leben,Tod

Über den Köpfen der Schauspieler oder Personen sollte stets etwas Luft sein. Normwerte. wie hoch der Anteil an Freiraum über den Köpfen sein sollte, gibt es allerdings nicht. Die Größe des Abstands zwischen den Köpfen und der oberen Bildkante hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Einstellungsgröße spielt bei der Festlegung Headrooms, des Luftraums über den Köpfen die wichtigste Rolle. Ein weiteres Kriterium ist der Bewegungsspielraum, den die Person im Bild benötigt. Wenn sie schnell rennt, hüpft oder springt, muss der Bewegungsspielraum größer sein als wenn sie an einem festen Punkt bleibt. Auch für die untere und seitliche Begrenzung des Bildes gilt es ein paar Spielregeln zu beachten. Das Kinn einer Person sollte möglichst nicht an den unteren oder seitlichen Bildrand stoßen.

 

Blickraum, Talking Room

Personen sollen immer in das Bild hinein schauen können und nicht gegen den Bildrand. Wenn eine Person in eine bestimmte Richtung spricht oder schaut, sollte zu dieser Seite hin ausreichend Raum sein. Faustregel: In der Blickrichtung sollte stets mehr freier Bildraum sein als hinter dem Kopf der Person. Wir achten schließlich auch im realen Leben stets mehr auf die Augen des Menschen, als auf seinen Hinterkopf. Unser Wunsch, das Ziel des Blickes erfahren zu können, wird abrupt abgeblockt, wenn die Person im Bild unmittelbar gegen den Bildrand schaut. Dies kann ein gewünschter Effekt sein, man sollte ihn aber, wie alle Brüche mit den klassischen Regeln der Bildgestaltung nur sehr gezielt und selten verwenden.

 

Walking Room

Wenn Sie mit einer Person, die sich seitwärts bewegt, mitschwenken oder -fahren, sollte vor der Person, also dort, wohin sie sich bewegt, stets mehr freier Bildraum sein, als hinter ihr. Sonst vermittelt sich schnell der Eindruck, die Filmfigur schiebt den Bildrand vor sich her. Die freie Fläche gewährt Raum für die Handlung. Sie würden ja im realen Leben auch nicht einfach so loslaufen, wenn sie nicht wüssten, dass vor ihnen genug Platz ist, zu gehen. Niemand steht vor einer Wand und geht drauf los. Es entspricht unserem natürlichen Empfinden, einen Teil des Weges überblicken zu können. Der Anteil, den der Weg im Verhältnis zur Person ausmacht, ist ebenfalls von der Einstellungsgröße abhängig. Die Amerikaner sprechen auch von "Walking Room".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blick in Kamerarichtung

Mädchen im Mittelalter

Es ist ungünstig, wenn eine Person direkt in die Kamera schaut. Speziell bei Schuss-Gegenschuss-Aufnahmen, bei denen wir den Eindruck vermitteln wollen, dass die Personen sich gegenseitig anschauen und wir die Perspektive des jeweils anderen einnehmen, ist der Blick in die Kamera Tabu. Damit ist das Objektiv gemeint, der Blick direkt ins Kameraobjektiv irritiert den Zuschauer. Erlaubt ist er nur, wenn dramaturgisch der Zuschauer direkt angesprochen wird, etwa wenn eine Filmfigur als Erzähler durch einen Film führt und sich ab und an direkt an den Zuschauer wendet. Oder wenn sich in einer Reportage die Journalisten direkt an den Zuschauer wenden. Aber selbst dann ist es in der Regel besser, knapp neben das Objektiv zu schauen.

 

Ansonsten, das heißt in 99 % aller Fälle, gilt: Wenn eine Person in Richtung der Kamera schaut oder spricht, gibt der Kameramann ihr einen Punkt etwa am Rand des Kompendiums als Fixierpunkt für den Blick an. Man kann etwa den Griff der Filterschublade angeben oder aber ein kleines Stück Lassoband (Selbstklebendes Textilband, das Universalhilfsmittel auf allen Filmsets) auf den äußersten Rand des Kompendiums kleben.

Vorn am Kompendium der Kamera wird eine Markierung aufgeklebt, wohin die Darstellerin schauen soll

Vorn am Kompendium der Kamera wird eine Markierung aufgeklebt, wohin die Darstellerin schauen soll.

 

Blickrichtungen

Auch die Charakterisierung der Filmfigur sowie die Situation innerhalb einer Szene spielen eine große Rolle, was die Entscheidung für bestimmte Blickrichtungen angeht. Der kluge Held wird stets bemüht sein, die Tür zu dem Raum in dem er sich befindet, im Blick zu haben. Asiatische Kampfsport-Regeln beschreiben meist nicht nur Hand- und Fußstellung, sondern auch die Blickrichtung bei jedem Griff. In der Regel ist diese genau auf den Gegner gerichtet - eine Erwartung, die wir auch an die Filmfiguren haben, wenn Kampfsituationen erzählt werden. Auch die Konstellationen der Filmfiguren zueinander werden durch Blickrichtungen und Räume definiert.