
So ein riesiges Event ist stets sehr herausfordernd, wir berichten jenseits von Pressemitteilungen und PR von unseren Festivaleindrücken. Kaum ein europäisches Filmfestival wird von einem solchen PR Feuerwerk begleitet, wie die Berlinale. Die gefühlten hunderten Mitteilungen über Filme, Menschen und Veranstaltungen kann eigentlich Niemand in Gänze lesen, geschweige denn verarbeiten. So bleibt einem nichts anderes übrig, als den individuellen Filter dazwischen zu schalten und zu versuchen, genau das herauszusuchen, was interessant sein könnte. Und auch das ist bei einem so riesigen Filmfestival eine ganze Menge. Immerhin laufen drei Filme aus Deutschland im Wettbewerb um um den Goldenen und die Silbernen Bären. "Gelbe Briefe" (İlker Çatak), "Meine Frau weint" (Angela Schanelec) und "Etwas ganz Besonderes" (Eva Trobisch). Zumindest eine der drei Auswahl-Entscheidungen muss man nicht nachvollziehen können.
Überhaupt muss einem klar sein, dass viele der Filme, die hier im Wettbewerb laufen, schlicht von Cannes, Venedig oder Toronto abgelehnt wurden. Die Berlinale ist nicht die erste Adresse an A-Filmfestivals wenn es um internationale Aufmerksamkeit geht. Das war nicht immer so, doch die ganz großen Namen laufen hier nicht mehr. Wie in den früheren Jahren wird man die besonderen Entdeckungen vermutlich eher in den Reihen Perspectives, Panorama und Forum machen können. Und so ganz nebenbei will man das Festival ja auch noch nutzen, um eine Reihe von Kolleg*Innen und Freunden aus der Branche zu treffen.
Donnerstag
Am Abend des 12. Februar wurde die Berlinale feierlich, leider bei strömendem Regen, mit dem afghanischen Liebesdrama "No Good Men", der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat eröffnet. Und ein erster goldener Bär, der Ehrenbär ging an Michelle Yeoh ("Everything Everywhere All at Once", Malaysia) für ihr Lebenswerk. Der Lufthansa-Streik hatte am Mittwoch all jene erwischt, die bereits einen Tag vor der Eröffnung der Berlinale anreisen wollten. Und, wie sich das gehört, rutschen pünktlich zur Berlinale die Temperaturen wieder in den Minusbereich im wahrsten Sinne des Wortes, aber wie man hört, soll Berlin ja vorbildlich sein, was die Beseitigung von Glatteis und anderen winterlichen Widrigkeiten angeht.
Freitag
Für die deutschen und insbesondere bayerischen Filmschaffenden ein zentraler Termin ist wieder der FFF Empfang, die bayerische Filmförderung lädt ein in die Bayerische Vertretung in der Behrenstraße 21. Man mag es kaum glauben, aber nicht wenige reisen extra für dieses eine Event aus Bayern an, um sich dort zu zeigen, Smalltalk zu halten und wieder zurück zu reisen. Lange fand der FFF Empfang an einem anderen Termin, weit von der Festivaleröffnung entfernt in der darauffolgenden Woche statt, viele sind deshalb zwei Mal nach Berlin gereist. Nun findet er gleich zu Anfang statt, das spart Reisekosten und schont die Umwelt. Leider regnet es auch am Freitag immer wieder, doch immerhin oberhalb der 0 Grad, also kein Blitzeis.
Und natürlich hat der Filmmarkt eröffnet. Dieser ist ein wichtiger Teil der Berlinale, er trägt dazu bei, dem Festival den A-Status zu verleihen und lockt Filmhändler und Rechteanbieter, Produzenten und Koproduzenten nach Berlin. Die Teilnahme am Markt (Kosten für Stände oder für den Market-Badge) sind niedriger als in Cannes oder Venedig, das spielt auch eine gewisse Rolle. Für Nachwuchsproduzenten bietet "Creative Europe" traditionell einen Umbrella an, einen großen Stand unter dem ausgewählte Produzent*Innen an einem Stand zu reduzierten Tarifen teilnehmen und sich connecten können.
Zu den Veränderungen der Berlinale gehört auch, dass die Akkreditierten keine der beliebten Berlinale-Taschen mehr erhalten. Und der coole Aufenthalts,- und Rückzugsort für die Presse im Untergeschoss des Berlinale-Palastes steht auch nicht mehr zur Verfügung und wurde durch einen nüchternen Büroraum im zweiten Stock des Debis-Hochhauses ersetzt.
Samstag

Zu den Samstags- Highlights zumindest der deutschsprachigen Schauspieler*Innen, Regisseur*Innen und Produzent*Innen gehörte sicherlich der Agenturempfang in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, wo sich in dichtem Gedränge viele der Kreativen der Filmbranche zusammenfanden. Das ganze wird tatkräftig organisiert, teilweise terminlich geplant von vielen Agent*Innen, die das Event nutzen um ihre Klienten zu vernetzen und in neuen Projekten unterzubringen.
In etwa zeitgleich fand das deutlich entspanntere Goethe-Frühstück der Goethe Institute in der Neuen Schönhauser Straße statt, ein Wiedersehen mit vielen Kollege*Innen. Auch hier herrscht Gedränge, aber es geht um Anderes. Auch hier Regiekolleg*Innen, viel Nachwuchs auch, viele aus der filmischen Kulturarbeit und mitten drin auch Volker Koepp, dieser großartige Dokumentarfilmregisseur, wie schön.

Nach ein paar Tagen Berlinale wird spürbar, dass der Berlinale, insbesondere natürlich dem Wettbewerb so etwas wie eine Kontinuität bei den großen Namen abhanden gekommen ist. Große Festivals verstehen sich darauf, große Regisseur*Innen an sich zu binden, sodass diese regelmäßig ihre neuesten Werke genau am gleichen Ort uraufführen. Doch selbst die Regisseur*Innen die früher die Berlinale regelmäßig mit ihren neuesten Filmen bespielten, wie beispielsweise Francois Ozon, Wes Anderson oder Richard Linklater bleiben ihr inzwischen fern und zeigen ihre Werke in Cannes, Venedig, Locarno. Man kann jetzt nicht gerade behaupten, dass die Vorgänger der jetzigen Festivalchefin, Tricia Tuttle, was das angeht, ein gutes Händchen gehabt haben, ob die neue Chefin es aber schafft das Ruder wieder herum zu reißen, ist fraglich.
to be continued...

