Was Netflix mit Anwenderdaten versucht, probiert Disney nun kleinteiliger mit Gesichtserkennung und Artificial Intelligence. Mit entsprechenden Algorithmen soll präzise erkannt werden, wann die Zuschauer lachen und wann nicht. (Früher hat man das mit gutem Gehör, Papier und Bleistift im Kino sitzend erledigt...)

 

Sind bessere Filme das Ergebnis? Jeder Produzent, der schon einmal einen kommerziellen Misserfolg landete, träumt davon, schon im Voraus zu wissen, ob ein Projekt beim Zuschauer ankommen wird oder nicht.

 

Geht das denn überhaupt, einen Film auf Erfolg hin maßzuschneidern? Sind die Zuschauer so gut einschätzbar, dass man Geschichten und Filme auf Erfolg hin optimieren kann? Müssen wir uns davor fürchten, dass Drehbuchautoren bald arbeitslos werden, weil Algrithmen und automatische Schreibprogramme aus Geschmacksbausteinen Geschichten zusammenhämmern? Und wie hat man vor Big Data versucht den Publikumsgeschmack zu durchschauen? Ein Überblick.

 

Literaturvorlagen

Auch ohne Big Data, Gesichtserkennung und Artificial Intelligence gab es eigentlich schon seit Anfang der Filmgeschichte diverse Ansätze, Publikumserfolge im Voraus bestimmen zu wollen. Man orientierte sich etwa am Erfolg in anderen Medien. Bereits früh gab es Literaturverfilmungen erfolgreicher Romane, selbst wenn diese in der Anfangszeit des Stummfilms oft nur zehn Minuten lang waren und nur rudimentär mit der Literaturvorlage zu tun hatten.

 

Auch heute noch optionieren große Produktionsfirmen diverse Roman,- aber auch Comic-Bestseller oder Game-Themen, um daraus Filme werden zu lassen. Oft genug gelingt der Trick, doch eine Garantie war es nie. Zahlreiche Literaturverfilmungen sind schlichtweg geflopt. Nicht alles, was man in Worten und mit Hilfe der Fantasie der Leser zu großer Wirkung gebracht hat, war in der verfilmten Version auch nur halbwegs so überzeugend.

 

Starbesetzung

Insbesondere im deutschen Kino setzt man gerne auf populäre Fernsehstars, die man in mehr oder weniger dürftigen Stories über die Leinwand jagt. Dass kann mehrheitlich gut gehen, geht aber auch regelmäßig schief, wie beispielsweise bei "Wie Männer über Frauen reden" (mit Oliver Korittke, Frederick Lau, Barnaby Metschurat), "Antonio ihm schmeckt´s nicht" (mit Christian Ulmen, Mina Tander) , "Der Vollposten" (mit Bastian Pastewka, Checco Zalone, Eleonora Giovanardi) oder "Seitenwechsel" (mit Wotan Wilke Möhring, Mina Tander, Anna Maria Mühe). Alle blieben finanziell weit hinter allen Erwartungen zurück.

 

Übrigens herrscht auch bei den Versuchen, Erfolgsmuster im Kino zu erkennen und zu vervielfachen, bemerkenswerte Einfalt. Hat "Männerherzen" Erfolg an den Kinokassen, werden zahllose Gender- bewegte Filme wie "Männertag", "Männersache", "Männer ticken, Frauen anders" oder "Wie Männer über Frauen reden", nachgeschoben, die teilweise aber  Flops an der Kinokasse waren.

 

Trotzdem rechtfertigen, gerade in den USA viele Schauspieler ihre Millionengagen damit, dass sie "bankable" wären, was bedeutet, dass man mit ihrem Namen Kasse machen könne. Oft trifft das zu, doch die regelmäßigen Verleihungen etwa der "goldenen Himbeere" für den schlechtesten Film küren regelmäßig auch Filme mit hochdotierten Stars.(http://www.razzies.com/)

 

Box Office

Die verkauften Kinotickets sind die Währung, mit der Filmverleiher über hundert Jahre der Filmgeschichte ermitteln, wie erfolgreich welche Filme an der Kinokasse waren. Das ist nicht allzu differenziert, weder weiß man, wieviele Frauen, wieviele Männer und erst recht nicht welchen Alters diese Kinokarten gekauft haben, noch, was genau sie an dem jeweiligen Film besonders interessiert hat. Dennoch gehen zahlreiche Sequels genau auf das Konto der Box Office Erfassung.

Von nahezu jedem Erfolgstitel gibt es daher Fortsetzungen, man kennt das, die Teile 2 bis 12. Ja, oft ging es gut, manchmal aber auch nicht. Transformers etwa, die völlig sinnfreie Filmwerdung von Roboterfiguren (des Spielzeugherstellers Hasbro) die gigantisch groß sind und sich gegenseitig bekämpfen, ging viermal gut. Es brauchte einen fünften Anlauf, nämlich "Transformers: Age of Extinction" bis die Zuschauer das Sequel mit Ignoranz abstraften.

 

Bewertungsportale

Sie sind der digitale Beweis der Selbsterfüllenden Prohezeihungen. Filme die viele Sternchen auf sich versammeln, werden von Usern mehrheitlich als gut bewertet. Die meisten Menschen orientieren sich bei Bewertungen tendenziell daran, wie die bisherigen Bewertungen ausgefallen sind. Ist ein Film bereits übel verrissen worden, schlägt man gerne in die gleiche Kerbe, wird er hoch gelobt, geht man davon aus, dass so viele Andere nicht irren können. Das Rudel hat gesprochen, erfolgreich ist auf Dauer nur der Erfolgreiche!

 

Einschaltquoten

Es ist ja nicht so, als wären die Fernsehsender vor "Big Data" nicht auf der Jagd nach verlässlichen Informationen über den Zuschauergeschmack gewesen. Das Zauberwort lautete "Einschaltquoten" und diese regieren seit Jahrzehnten, was in der Primetime und restlichen Abendprogramm von den Sendern ausgestrahlt wird. Obwohl sie nur an einer begrenzten Zahl von Menschen die Sehgewohnheiten erfassen, bestimmen die Einschaltquoten dennoch einen großen Teil der Programmentscheidungen. Es hat Gründe, weshalb im Deutschen Fernsehen, wenn man die inszenierten Formate betrachtet, mehrheitlich Krimis als Serien oder auch Einzelstücke zu sehen sind. Die auf diese Weise ermittelte Vorliebe der Zuschauer für Krimis, Liebesgeschichten sowie Familiendramen hat ihre Spuren in den Programmen hinterlassen.

 

Ob es wirklich das Einzige ist, was Zuschauer sehen wollen, darf getrost angezweifelt werden, wenn man an all die Priester, Nonnen, Ärzte und Kommissar-inne-n denkt, die über Deutschlands Bildschirme wandern. Vor allem wird wegen der Quoten, die eigentlich die öffentlich-rechtlichen Sender wegen ihres staatlichen Auftrags gänzlich ignorieren sollten (was sie aber nicht tun) wird im Fernsehen viel weniger riskiert, experimentiert, kreativ gestaltet.

 

 

Big Data

Das klingt, frei nach George Orwels "Big Brother" beängstigend, ist es irgendwie auch. Was Amazon mit seinen Empfehlungen macht, Kunden Produkte zu empfehlen, die andere Kunden, die das Gleiche angesehen oder gekauft haben, zusätzlich gekauft haben, wurde von Netflix ebenfalls als Empfehlungssystem genutzt. Doch Netflix geht weiter. Sie versuchen Flops bei ihren Eigenproduktionen zu vermeiden, indem sie die Zuschauerinteressen analysieren und daraus auf neue Formate und Inhalte rückschließen. Das Interesse von Netflix Zusehern für Politserien, den Regisseur Fincher und den Darsteller Spacey führten bekanntermaßen zu "House of cards".

 

Doch was genau bedeutet das für die Entwicklung neuer Filme und Serien? Entstehen dann immer ähnlichere Serien oder Variationen mit ähnlichen Zutaten? Sind die Daten schuld, dass aktuell lauter blonde, erfolgreiche Netflix-Serienfrauen ihre lesbische Ader entdecken und ihre Ehen aufs Spiel setzen? Nach eigenen Aussagen, aber vielleicht ist das auch nur PR, verwendet Netflix die Informationen vor allem bei der Auswahl von Filmen, die angekauft werden. Nicht aber, bei der inhaltlichen Konzeption neuer Serien.

 

So manche Netflix-Produktion ist schlichtweg mittelmäßig, wie etwa "War Machine", mit Brad Pitt. Das Bewertungssystem von Netflix, welches 2017 von der Fünf-Sterne Bewertung zu einem Daumen rauf/Daumen runter System versimplifiziert wurde, erlaubt da kaum Differenzierungen. Auch hier werden sich die meisten Zuschauer dem Mehrheitsvotum der Vorgänger anschließen. Herdentrieb 2.0

 

Big Data-Flops

Netflix ist eine Erfolgsgeschichte. Dass Big Data aber kein Schutz vor Fehlentscheidungen ist, beweisen die Flops, die Netflix auch zu verkraften hat. Ausgerechnet die mit 120 Millionen USD teuerste Netflix-Serie „The Get Down“, über die Entstehung des Hip-Hop in den 70er Jahren in New York angesiedelt, gilt als Megaflop. Auch die Historien-Serie „Marco Polo“, ebenfalls extrem teuer in den Produktionskosten, wurde keine Erfolgsgeschichte und hat angeblich 200 Millionen Dollar Verluste eingefahren. Kein Wunder, dass die Serie nach Staffel 2 eingestellt wurde.

Der Liste an Eigenproduktions-Flops schließen sich Serien wie "Hemlock Grove", "Bad Samaritans", "Between", "The Crown“, „Bloodline“ und "Chelsea" an. Angesichts der kräftig fließenden Einnahmen von Netflix sind diese zu verschmerzen, doch die Unfehlbarkeit der Netflixschen Algorithmen wird damit gründlich in Frage gestellt.

 

Gesichtserkennung

Die Disney Studios wollen nun eine neue Methode nutzen um wirklich jede Gefühlsregung der Zuschauer in jedem Moment eines Filmes genau zu analysieren. Künstliche Intelligenz und neue Algorithmen machen es möglich. Den Wunsch, den Zuschauer möglichst genau zu vermessen, hatten schon andere Unternehmen zuvor.

 

Die Dolby Labs etwa hatten Zuschauer mit Biosensoren verkabelt und Daten synchron zum Film aufgezeichnet und analysiert. Damit wollten die Labs beweisen, dass ihr Atmos-Tonsystem die emotionale Beteiligung der Zuschauer gegenüber normalem 5.1 Filmton spürbar erhöhte.

 

Alb-Traum Zuschauerinteraktivität

Nur Ahnungslose glauben, die Zukunft würde den Zuschauern unbegrenzte Entscheidungsfreiheiten geben, wie sich Geschichten weiter entwickeln werden. Jede Art von Interaktivität im Film muss vorproduziert werden. Scheinbare Entscheidungswege für Zuschauer sind häufig nur veränderte Reihenfolgen oder vorübergehende Weggabelungen, die dann wieder auf den vorgesehenen Hauptstrang führen. Echte Interaktivität ist nämlich hochkomplex. Mit jeder Verzweigung und Entscheidung eines Zuschauers erhöht sich die Komplexität weiter.

 

Abgesehen davon ist fraglich, ob ein Zuschauer, der keinerlei dramaturgische Fähigkeiten besitzt, nicht durch seine Entscheidungen sogar die schlechtestmögliche Variante, die Geschichte zu Ende zu erzählen, wählt.

 

Kreativität braucht mehr als Datensätze

Bisherige Versuche, aus Daten Geschmacksverdichtungen für das Generieren von Drehbüchern zu gewinnen, sind schlichtweg furchtbar gescheitert. Die Big Data Analyse ist eher eine massive Verfeinerung von Box-Office und Einschaltquoten-Auswertung, die aber weniger zu neuen kreativen Schöpfungen, als zu vielen Variationen von Bewährtem führt.

 

Auch der Ansatz, Programme Drehbücher generieren zu lassen, ist bislang eher als Irrweg zu betrachten. Es wird allerdings weiter daran getüftelt, doch ob die Komplexität menschlicher Fantasie jemals synthetisch nachgebaut werden kann, steht in den Sternen. Kreative rund um den Erdball kritisieren die Versuche, menschliche Emotionen und Reaktionen massgeschneidert zu Filmgeschichten umwandeln zu wollen.