Es klingt fast nach Lottogewinn,- ein Praktikum oder gar ein Volontariat bei einer bekannten Fernseh-Soap, einer "Daily". Yep!!! Du hast es geschafft! Oder?

 

Sollte man meinen, doch die Realität, wie solch ein Praktikum häufig abläuft, deutet weniger darauf hin, dass man irgendetwas geschafft hätte. Nicht wenige, besonders die Volontäre mit längerer Verpflichtung, versuchen sogar vorzeitig aus dem Abenteuer wieder heraus zu kommen.

 

Wie alles begann...

Die Formate nennen sich Daily Soaps, Scripted Reality oder Reality Soap. Die Produktionsfirmen tragen gerne ein "Entertainment", "Serial Drama" oder andere coole Anglizismen im Namen, sie wollen international klingen. Die Fernsehsender die diese Soaps dann meist tagsüber senden, sind mehrheitlich privat und sollen, möglichst preiswert produziert, ihren Aktionären Gewinne bescheren.

 

Neben ein paar Dauerbrennern tauchen auch immer wieder neue Soaps auf und ringen um die Gunst der Zuschauer. Neue Titel und Konstellationen wollen dort übernehmen, wo ältere Erfolgsserien wie "Verbotene Liebe" aufgehört haben, doch oft mit mäßigem Erfolg. Zu den Gemeinsamkeiten mit den Vorgängern gehört das Liebesmotiv, welches sich nicht nur durch die Figurenkonstellationen sondern auch durch die Titel hindurch zieht. "Verliebt in Berlin", "Anna und die Liebe", "Sturm der Liebe" usw.

 

Die Titel lesen sich wie Headlines von Klatschzeitschriften oder Groschenromanen. "Mila", "Unser Tag" und "Frauenherzen" sind nur ein paar Beispiele abgestürzter Serien, die nicht die gewünschten Einschaltquoten bringen konnten. Überhaupt geht es kaum um Qualität oder  gar Inhalte, sondern vor allem um Zielgruppen und Marktanteile. Wer unter die 5% Marke rutscht ist so gut wie weg vom Fenster.

 

In diesem Umfeld nun landen viele junge, an den Medien interessierte Menschen um zu lernen und herauszufinden, ob Film und Medien wirklich etwas für sie sind.

 

Die billigen Kreativen

Viele Sets wären ohne Praktikanten oder Volontäre praktisch nicht realistisch drehfertig. Wobei die hier farbig markierten Praktikanten ja im Gegensatz zu vielen anderen Sets, immerhin in der Nähe der Kamera arbeiten können.

 

Voluntäre und Praktikanten bilden häufig das Rückrat der billig produzierten TV Serien, auch gerne Reality Soaps genannt. Kenner der Branche wissen,- über viele Jahre lang hätten vor allem Privatsender ohne Praktikanten einen großen Teil ihres Programms gar nicht herstellen können. Inzwischen hat sich die Situation durch den gesetzlichen Mindestlohn etwas zu Gunsten von Volontären oder unterbezahlten Free-Lancern verschoben.

 

Doch wie ergeht es diesen Praktikanten und Volontären, die für Soaps, Reality Shows und mehr tätig sind? Nun da gibt es sicherlich unterschiedlichste Erfahrungen, manche fühlen sich dort sogar ganz wohl, doch es ist schon erschreckend, wie oft sich Berichte von reinsten Horror-Praktikas genau aus diesem Programm-Segment ähneln.

 

Belastungsgrenzen

In  ihren Verträgen stehen 39 Stunden pro Woche, tatsächlich sind dies auch gerne 60 Stunden ohne zusätzliche Vergütung, wenn überhaupt Geld bezahlt wird. Häufig werden ihnen Aufgaben übertragen, die weit von ihrem vereinbarten Arbeitsbereich entfernt sind, nicht selten werden sie regelrecht überfordert. "Mach mal schnell" ist eine der häufigeren Job-Erklärungen an diesen Sets, die damit gemeinten Jobs umfassen von Putzen über Catering-Jobs so ziemlich alles, was gerade irgendwie erledigt werden muss.

 

Das Arbeiten als billige Arbeitskraft jenseits der Erschöpfungsgrenze ist mehrheitlich der Alltag und nicht die Ausnahme. Schließlich müssen für die meisten Daily Soaps an einem Drehtag jede Menge Sendeminuten entstehen, oft sogar ganze Folgen.

 

Hinzu kommen durchaus auch unerwartete Belastungen. In Privat-TV Zeiten etwa, in denen noch Talkshows a la Meiser, Arabella, Vera  etc. über die Bildschirme liefen, in denen Reihenweise Privatpersonen ihre innersten Schicksalsgeschichten vor Millionenpublikum ausschütteten, waren es oft Praktikanten, welche mit den Betroffenen den Kontakt hatten, mit ihnen Vorgespräche führten und sie betreuten. Und all das ohne jedes psychologische Wissen oder gar Lebenserfahrung.

 

Oftmals Menschen in schwierigen Lebenssituationen (ab und an auch Psychopathen), die hofften, ihre Leidensgeschichte der sympathischen Moderatorin oder dem herzensguten Moderator schildern zu können. Stattdessen landeten sie eben bei Praktikanten und wurden von diesen dann kurz vor Beginn der Aufzeichnung förmlich ins Studio hineingeschoben. Auch das waren Jobs massiver Überforderung welche viele Praktikant-inn-en als verstörend und was das Medium angeht zutiefst desillusionierend empfanden.

 

Von wem lernen?

Eigentlich dienen Praktika auch dem Erlernen von praktischen Fähigkeiten. Umso erstaunlicher oft, wer häufig bei diesen Produktionen die Bücher schreibt oder gar Regie führt. Von wem lernt man da eigentlich?

 

Nun man lernt nicht von hervorragenden Drehbuchautor-inn-en. Für so ein Drehbuch, welches selten nur banalsten Dramaturgieregeln folgt, bekommen die Autor-inn-en ca. 3000,- Euro bezahlt, für 30-43 Minuten Inhalt immerhin. Will man davon nach Abzug von Sozialabgaben und Steuer leben, geht das etwa 3 Wochen lang. Länger also kann an einem solchen Drehbuch nicht gearbeitet werden, ohne Minus zu machen. Dass man für abendfüllende Drehbücher gut und gerne auch mehr als ein Jahr benötigt, sei hier nur am Rande erwähnt.

 

Noch gruseliger wird es, wenn man selbst die wenige Akkord-Drehbucharbeit von Soaps, reduziert wird und man wie bei  Scripted Reality nur noch grob einen Rahmen schustert und dann weitgehend improvisiert.

 

Bei manchen Reality-Serien führt gerne auch mal die Maske oder Aufnahmeleitung die zweite Kamera, schreibt der Schauspieler sich selbst das Drehbuch oder wird der Aufnahmeleiter zum Regisseur. Nun mag man sagen, dass für so manche Formate a la "Frauentausch" vermutlich kaum elaborierte Regiefähigkeiten benötigt werden und doch liegen die Antworten auf die Frage, weshalb diese Formate so unfassbar schlecht sind, auch an dieser Stelle.

 

Chance für die Zukunft?

Wer sich erhofft, aus dem Praktikum könnte eine Langzeitbeschäftigung werden, wird meist enttäuscht. Selbst wenn danach Verträge angeboten werden, so sind diese klar befristet. Auch für Absolventen von Filmhochschulen werden diese gerne auf zweimonatlicher Basis gemacht, um rechtzeitig bevor nach zwei Jahren eine Anstellungspflicht folgen müsste, kündigen zu können. Das gilt auch für Volontariate, die pünktlich nach 18-20 Monaten beendet werden. Das machen nicht nur die Privatsender so, auch öffentlich-rechtliche bedienen sich seit längerem dieser Methoden.

 

Ähnliches gilt übrigens auch für eigens zur Entwicklung neuer Formate gegründete Redaktionsteams junger Hochschulabsolventen bei manchen Sendern, deren 2-3 Monatsverträge genau so lange verlängert werden, dass sie unter der Einstellungsverpflichtung ab 2 Jahren bleiben. Sie werden dann rechtzeitig vor diesem neuralgischen Termin gekündigt, weil die Redaktion angeblich aufgelöst werde. Das wird sie auch, allerdings ist längst das nächste Redaktionsteam frischer Nachwuchsleute am Start, welche die nächsten 2o Monate davon träumen werden, bei dem Sender eine Festanstellung zu bekommen.

 

Medien gehören zu den kreativsten und spannendsten Arbeitsbereichen. Doch man darf seine Augen nicht verschließen,- es gibt neben hochspannenden und lehrreichen Praktikas in denen einem viel beigebracht wird, leider auch jede Menge unterirdische Praktikas und Volontariate.

 

Es braucht schon eine Menge Kraft und Entschlossenheit, nach schlechten Erfahrungen noch Lust auf die Medienbranche zu haben. Nicht Wenige haben nach derartigen Praktikas und Volontariaten andere Lebenswege eingeschlagen...

 

 

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