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Ü-Wagen für Live-Übertragungen

Ü-Wagen des ZDF für Live-Übertragungen

 

Live- Übertragungen

Irgendwie klingt das modern, neuzeitlich, doch eigentlich gelangen wir unweigerlich in die Urzeit des Fernsehens, in der nämlich in Ermangelung von Videorekordern ebenfalls live oder so gut wie live (Zwischenfilm-Verfahren) gesendet wurde. Ganze Fernsehspiele wurden im Studio live durchgespielt, wie am Theater und sofort über den Sender gejagt. Der Unterschied, den Ü-Wägen ausmachen, liegt in der Örtlichkeit. Wurde damals fast ausschließlich vom Studio aus gesendet, kann man heute praktisch von jedem Ort der Erde aus Fernsehbilder senden, Mobilfunk/5G, gebündelte Mobilfunkverbindungen und IP-Übertragung machen fast alles möglich. Wenn man keine professionelle Bildqualität braucht, genügt theoretisch schon jedes hochwertige Smartphone, es hat sich also viel getan bis heute. Die Geschichte der Übertragung von Unterwegs begann bereits Ende der 20 er Jahre, als die ersten experimentellen mobilen Fernseheinheiten und später speziell angefertigten Fahrzeuge für die Übertragung hergestellt wurden.

 

Ü-Wagen

Heute sind solche mobilen Studios bei allen Sendern im Einsatz. Je nach Aufgabengebiet können dies kleine kompakte Einheiten in einem PKW sogar auf Mini oder Smart-Basis über mittlere Kleintransporter bis zu großen TV- Übertragungs-LKWs sein. Diese haben 10 - 20 Meter Länge und können bis zu 30 Tonnen schwer sein.

Für die Planung der richtigen Ü-Wagengröße spielen die Aufgabe, die Kostenseite aber auch örtliche Gegebenheiten eine Rolle. Wenn viele Kameras koordiniert sein wollen, kann es in den Ü-Wägen schnell eng werden. Die Bildtechniker, der Regisseur, der Tontechniker, vielleicht noch ein Redakteur, ein Sprecher oder der Kunde, da sind eine Menge Menschen auf kleinstem Raum untergebracht. Bei größeren Ü-Wägen ist der Technik-Bereich räumlich vom Regie-Bereich abgetrennt. Bei einigen Modellen lassen sich auch die einzelnen Bereiche durch Ausziehen wie bei manchen Wohnmobilen auch, etwas erweitern. Wenn die vorhandenen Parkmöglichkeiten klein sind, oder die Zufahrt durch enge Dorfstraßen erforderlich ist, so verbietet sich der Einsatz großer Sattelschlepper von allein.

Bei größeren Übertragungen fährt ein zweiter LKW, der sogenannte Rüstwagen mit, in dem die ganzen Kameras, Stative, das Tonequipment, etc. transportiert werden. Unter der Reihe Kamerakopf, Verstärkerelektronik, Optik, Stativ bzw. Pedestral, Suchermonitor und Kabel versteht man einen Kamerazug. In größeren Rüstwägen sind bis zu 10, 12 Kamerazüge untergebracht.

 

Signale senden

Grundriss eines größeren Ü-Wagens

 

Während bis in die 80er Jahre die im Ü-Wagen bereitgestellten Fernsehsignale hauptsächlich über Standleitungen, welche die Telecom zur Verfügung stellte, übertragen wurden, haben die heutigen Ü-Wagen zumeist integrierte Satelliten-Systeme. So eine mobile Satelliten-Sendeanlage (Uplink) wird heutzutage automatisch ausgerichtet.

Allerdings werden auch solche Fahrzeuge als Ü-Wagen bezeichnet, die gar keine eigene Antenne besitzen, sondern nur mit der Bildtechnik ausgestattet sind. Es gibt auch Ü-Wägen für reine Tonübertragung im Hörfunkbereich, die mit Mischpulten, analogen Bandgeräten oder digitalen Rekordern, Mikrofonen und Abhöreinrichtungen ausgestattet sind. Da kommen Kameras und Bildmischer gar nicht erst vor.

 

Kabel

Verkabelung

Verkabelung

 

Die verschiedenen Kamerazüge liefern ihr Bild und ggf. Tonsignal (früher über dicke Studiokabel) heute meist per Glasfaser zum Ü-Wagen, wo die Kabel auf Kabelrollen bereitgestellt werden. Je nach Ausführung wurden diese einzeln oder als Multicore-Kabel verlegt. Da kamen für eine typische Mehrkameraübertragung schon ziemliche Kabellängen und Mengen zusammen. Die wollen sicher verlegt, oft mit Gaffer-Tape verklebt sein, um nicht als Stolperfallen für das Publikum gefährlich zu werden. Türdurchgänge, Fenster, und die Entfernungen können zusätzliche potentielle Störungen im Signalweg bedeuten.

Besonders schwierig wird es, wenn längere Distanzen mit mehreren Kamerastandpunkten per Kabel übertragen werden müssen. Etwa verschiedene Stationen eines Autorennens, einer Skiabfahrt oder bei einem Karnevalsumzug. Die langen Kabelwege und die Notwendigkeit zusätzlich noch zahlreiche Mikrofonpunkte anzuschließen, sind eine große Herausforderung. Moderne Systeme führen die verschiedenen Signale bereits am Aufnahmeort in einer Box zusammen, von der aus nur noch ein dünnes Glasfaserkabel zum Ü-Wagen geführt werden muss. Moderne IP-Infrastrukturen wie SMPTE ST 2110 ermöglichen es, Video, Audio und Metadaten als getrennte IP-Datenströme über Netzwerke zu transportieren und zu routen.

 

Signalverteilung

Fernsehaufzeichnung über mehrere Kameras

Fernsehaufzeichnung über mehrere Kameras

 

Je nach Ü-Wagen gibt es Bildmischer, aber auch Schnitteinheiten, in denen die Bild- und Tonsignale bearbeitet und gespeichert werden können. Je nach Aufgabe kann es erforderlich sein in den Bildmischer und dann direkt auf den Summenausgang oder aber auf die Videorekorder zu gehen. Viele Ü-Wägen haben mehrere Bildmischer, da kann dann gleichzeitig mit dem einen Live gesendet und mit dem anderen auf Video geschnitten werden. Oder aber es können mehrere Ereignisse parallel bearbeitet werden. Etwa bei Sportübertragungen verschiedene Disziplinen gleichzeitig.

Während früher klassisch die Bild- und Tonsignale über Kreuzschienen gepatcht wurden, kann man bei modernen Ü-Wägen eine digitale Matrix nutzen, bei der softwaregesteuert die Bildquellen und die Eingänge verschaltet werden. Dabei werden in einem Arbeitsgang auch die Rückkanäle, z.B. das Kamera-Rotlicht, die Kamerakontrolle/CCU bzw. RCP für Blende, Farbgebung und weitere Kameraparameter, richtig verschaltet. Die Routing-Systeme werden von Computern gesteuert. Gefundene, bewährte Einstellungen kann man abspeichern und bei Bedarf wieder abrufen. Das spart viel Zeit wenn man sich regelmäßig wiederholende oder ähnliche Übertragungsaufgaben bewältigen muss. In den digitalen Signalwegen werden zusätzliche Informationen weitergegeben, etwa, um welche Kamera es sich handelt, Brennweite etc. Neben klassischen SDI-Routern werden IP-basierte Router und Software-Control-Systeme verwendet, hierbei gilt ST 2110 als professioneller Standard.

In ähnlicher Weise wie das Bild können auch die Töne auf einzelne Tonmischpult-Kanäle gelegt und dort gefiltert und abgemischt werden. Digitales Audio über Dante, AES67 oder ST 2110-30 ermöglicht Mehrkanalton und immersive 360 Grad Audioproduktion. Und man kann die Tonsignale natürlich auch aufzeichnen, dafür stehen entsprechende Tongeräte, die durchgehend digital arbeiten, zur Verfügung. Wenn Bild- und Tonsignale verarbeitet werden, kann es etwa bei drahtloser Bildübertragung zu einem Bild-Ton-Versatz kommen. Hier helfen Verzögerungs-Geräte, um die Signale aufeinander zu synchronisieren.

 

Redundanz

Nichts fürchtet der Techniker mehr, als technische Probleme bei Live-Übertragungen. Kabel, die fehlerhaft sind, Geräte die ausfallen, die Bandbreite der möglichen Katastrophen ist gigantisch. Immer wenn diese Fälle eintreten spricht man von Havariefällen. Deshalb ist man bemüht, in einem Ü-Wagen alles doppelt auszulegen und ggf. ganz schnell ersetzen zu können. Sei es durch schnelles auswechseln von Einschüben oder umpatchen auf andere Signalwege. Auch hier haben automatische Matrix-Systeme den Vorteil, sehr schnell auf alternative Signalwege umzuschalten. Fällt der Hauptcomputer der auch die Matrix steuert aus, so kann man per Netzwerk auch einen portablen Notcomputer (Notebook) anschließen.

Und falls alle Stricke reißen, gibt es auch in modernsten Ü-Wägen meistens noch klassische Steckfelder, die im Notfall die herkömmliche Verkabelung der Komponenten erlauben. Damit sind zwar viele Möglichkeiten versperrt, aber man kann ein Notprogramm von mindestens einer Kamera weitersenden bis der Hauptfehler behoben ist. Selbstverständlich lassen sich auch die Kommunikationsmittel wie Funk und Telefon sowie die Innenbeleuchtung bei Stromausfall per Fahrzeugbatterie weiter betreiben.

 

Monitore

Großer Ü-Wagen, dahinter Rüstwagen

Großer Ü-Wagen, dahinter Rüstwagen

 

Wie in einer normalen Bildregie im Studio gibt es auch im Ü-Wagen eine Reihe von Monitoren, auf denen man die einzelnen Eingangsbilder, als auch das Sende- oder Masterbild sehen kann. Kleine Rotlicht-Lämpchen signalisieren, welches Bild jeweils auf Sendung ist. Referenzmonitore bzw. hochwertige Broadcast-Monitoren mit korrekter Kalibrierung, Farbraum, Gamma sowie HDR Fähigkeit sind Standard. sollte für das Ausgangssignal zur Verfügung stehen. In kleineren Ü-Wagen kommen auch Multiviewer Bildschirme zum Einsatz auf denen zahlreiche Kameras, Vorschaubilder, Programmbilder, Messanzeigen und Statusinformationen angezeigt werden.

 

Remote Produktionen

Doch auch der Ü-Wagen verändert sich in seiner Bedeutung, manchmal ist er gar nicht mehr erforderlich. Inzwischen müssen Ü-Wagen nicht mehr zwingend im Mittelpunkt einer Produktion stehen. Dank neuer Remote Production / REMI können auch Kameras und Teile der Technik am Veranstaltungsort sein, während die Regie, Bildtechnik oder der Ton sich an einem ganz anderen Standort befinden können. Spätestens seit Corona sind auch Cloud- und softwarebasierte Produktionsumgebungen akzeptiert und üblich, welche den Aufwand deutlich reduzieren. Regisseure, Bildmischer, Toningenieure und Bildtechniker müssen nicht mehr zwingend gemeinsam im Ü-Wagen am jeweiligen Veranstaltungsort sein. Bei Remote Produktionen werden die Kamerasignale über schnelle Glasfaser- oder IP-Verbindungen zu einem Produktionszentrum übertragen, wo Techniker und Kreative sogar mehrere Veranstaltungen nacheinander "fahren" können. Manchmal sind Ü-Wagen deshalb nur noch als Hub für Kameras, Audio, Kommunikation und Signaltransport im Einsatz.

 

Arbeitsbedingungen

Angesichts der Tatsache, dass in so einem Übertragungswagen jede Menge Geräte Wärme erzeugen, haben die größeren Fahrzeuge Klimaanlagen. Diese und die Gerätetechnik brauchen ausreichend Stromversorgung. Deshalb wurden die größeren Ü-Wägen grundsätzlich über Starkstrom-Anschlüsse mit Strom versorgt. Heute kann die Versorgung oft auch aus normalen Netzanschlüssen, mobilen Stromverteilungen, Generatoren oder sogar Solar-Panels und Pufferakkus erfolgen. LED-Beleuchtung und effizientere Elektronik reduzieren den Energiebedarf deutlich. Bis vor wenigen Jahren war es üblich, für eine größere Live-Übertragung von ein paar Stunden etwa einen Tag lang vorzubereiten, dann wurde am nächsten Tag übertragen und am dritten Tag wieder alles abgebaut. Dank der moderneren Technik kann man heute mit einem Ü-Wagen viele dieser Abläufe in kürzerer Zeit bewältigen.

Je nach Größe des Fahrzeuges gibt es getrennte Arbeitsbereiche wie etwa: Video-Technik, Video-Regie-Bereich, Audio-Regie-Bereich- und den Editing-Raum. Neben Sport oder Event-Übertragungen gehören auch Konzerte, Theater oder Opernaufführungen zu typischen Aufgaben für Ü-Wägen. Heutige Ü-Wägen ermöglichen es, aus simplen Hallen Fernsehstudios zu machen. So werden auch mittlere Shows, auch wenn sie aufgezeichnet werden, mit Ü-Wägen produziert.

 

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