Filmzeit

Filmzeit und Realzeit

 

Außer bei einer Liveübertragung hat man es bei jedem Film, gleich ob fiktiv oder dokumentarisch, stets mit einer von der Wirklichkeit abweichenden Zeit zu tun. Das ist auch ganz im Sinne des Zuschauers. Wer will schon die ganze Zeit zusehen, wie Meister Gepetto seinen Pinocchio schnitzt? Oder Phileas Fogg tatsächlich 80 Tage braucht, um um die Welt zu reisen? Nur sehr selten dauert eine Handlung im Film genau so lange wie in Wirklichkeit. Das erwartet der Zuschauer auch nicht. Film ist nicht die Wirklichkeit, Film ist komprimierte, ist gestaltete, neue Realität.

 

Weniger ist mehr...

Geschehnisse, die sich real über längere Zeiträume hinziehen, werden im Film zu wenigen Minuten zusammengerafft und der Zuschauer akzeptiert das ohne jede Frage. Man hat sogar das Bewusstsein, an diesem langen Zeitraum teilgenommen zu haben, selbst wenn ein ganzes Menschenleben im Film erzählt wird.

 

Doppelte Zeit

Dann wieder werden Abläufe, die sehr schnell vonstatten gehen oder sogar gleichzeitig mit anderen geschehen, langsamer oder durch Zeigen paralleler Geschehen in doppelter Zeit dargestellt. Oder ein und dasselbe Geschehen wird im Laufe eines Filmes mehrfach wiederholt. Zeit kann für Filmhelden in Todesangst bei Bedarf unendlich lange gedehnt werden. Regisseure und Cutter lassen sich die Wartezeit, bis rettende Hilfe naht, genüsslich auf der Zunge zergehen. Und der Zuschauer akzeptiert es. Film vermag also in unserer Wahrnehmung physikalische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen, unsere natürliche Zeiterfahrung zu verwischen.

 

Zeitverluste

Doch wo genau, an welcher Stelle, findet dieser Verlust der wirklichen Zeit statt? Zunächst einmal natürlich im Drehbuch, wo nur ganz bestimmte Ereignisse erzählt und viele andere weggelassen werden. Am Drehort gibt es in Form jeder gedrehten Einstellung Momente realer Zeit. Jede Einstellung hält von Anfang bis Ende wirkliche Zeit fest. Doch wenn die Kamera ausgeschaltet wird, läuft die wirkliche Zeit am Drehort weiter und geht, weil die Kamera nicht mehr läuft, verloren. Wir sammeln also auf unserem Filmnegativ oder der Videoaufzeichnung Ausschnitte der realen Zeit. Sobald eine Einstellung im Schnitt mit einer davor liegenden und einer folgenden kombiniert wird, entsteht eine ganz andere Zeitebene, die Filmzeit.

 

Schaffen einer eigenen Wirklichkeit

In jeder Szene wird beim Schnitt reale Zeit herausgeschnitten und durch das Kombinieren eine eigene zeitliche Wirklichkeit geschaffen. Jede verwendete Einstellung ist natürlich ein Ausschnitt der realen Zeit. Die Kombination verschiedener Einstellungen (realer Zeitausschnitte) zu einer Szene vermittelt dem Zuschauer den Eindruck eines Zeitablaufs, der sich von der realen Zeit nicht unterscheidet. Das ist auch ein Ziel des Schnittes, zu einer Szene gehörende Einstellungen, die vielleicht über einen ganzen Drehtag verteilt gedreht wurden, als glaubwürdige zeitliche Handlungsfolgen in einen Fluss zu bringen. Das Ergebnis des Drehtags dauert als Szene vielleicht ein oder zwei Minuten.

 

Der Zuschauer

Wer sich auf einen Film einlässt, liefert sich einem zeitlichen Nirwana aus, einer nur in diesem Film existierenden Zeit. Als wie lang die filmische Zeit subjektiv empfunden wird, hängt von den Zuschauern ab. Ob sie sich langweilen oder ob die Zeit nur so rast, entscheiden sie selbst. Auch darüber, ob sie die im Film komprimierte, neue Zeit als glaubhaft, ja vielleicht sogar als real empfinden. Unser Gehirn bestimmt das Zeitempfinden. Um die Empfindung der Zuschauer in die eine oder andere Richtung zu lenken, sind dramaturgische Mittel nötig. Drehbuch, Auflösung und Schnitt können gleichermaßen Einfluss nehmen auf das Zeitempfinden der Zuschauer. Und weil Regisseure, Kameraleute oder Cutter zugleich auch immer Zuschauer sind, orientieren sie sich bei der Beurteilung an ihrem eigenen Empfinden. Solange die Handlungsabläufe innerhalb einer Szene in ihrer zeitlichen Abfolge so wirken, als wären sie real, akzeptiert der Zuschauer die filmische Zeitebene. Als Verstöße gegen das Zeitempfinden nimmt der Zuschauer eher Zeitraffer oder Zeitlupe wahr.

 

Zeitsprünge, Zeitachsen

Die ganz großen Verstöße gegen die Realzeit, das Weglassen von Zeit und Handlung zwischen einzelnen Szenen oder die Sprünge von Vergangenheit über Gegenwart bis in die Zukunft, akzeptieren die Zuschauer als dramaturgisches Mittel aus Gewohnheit mehr oder weniger unbewusst. Wie auch bei anderen Erzählformen erwarten es die Zuschauer sogar, nur die wesentlichen, die interessanten Zeitausschnitte zu erfahren. Völlig klar, dass Nick Nolte und Eddy Murphy in „Nur 48 Stunden“ („48 Hrs.“, USA 1983) lediglich 92 Minuten lang zu sehen sind. Gänzlich jenseits der zeitlichen Illusion bewegt sich der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ („Groundhog Day“, USA 1993), in dem Bill Murray den 2. Februar wieder und wieder erleben muss. Den umgekehrten Ansatz verfolgt John Badham in seinem Film „Gegen die Zeit“ („Nick of Time“, USA 1995), in dem Gene Watson (Johnny Depp) 90 Minuten bleiben, um dem Entführer seiner Tochter (Christopher Walken) auf die Spur zu kommen. Badham fügt sein in üblicher Weise produziertes Material zu 90 Minuten „fiktiver Echtzeit“ zusammen, ohne Auslassungen, Dehnungen oder Kompressionen.

 

Wie relativ Filmzeit ist, zeigt sich immer dann, wenn alte Stummfilme, die ursprünglich mit 16 Bildern in der Sekunde gedreht wurden, auf Projektoren oder Abtastern laufen, die eine Geschwindigkeit von 25 Bildern in der Sekunde haben. Die Filmzeit ist ungewollt beschleunigt, Chaplin läuft schneller, hat weniger Zeit für Liebeserklärungen und Herzschmerz. Die Filmzeit wird in der jüngsten Vergangenheit durch Videokünstler wie den Schotten Douglas Gordon in wiederum neue Realzeit eingepasst, indem er Filme langsamer ablaufen lässt. In einer seiner Installationen läuft Hitchcocks „Psycho“ in fünf Stunden. Ein John-Wayne-Western wird derzeit in Schweden auf über 5 Jahre gedehnt. Eine völlig veränderte Wahrnehmung von Filmzeit.