...am hellichten Tag

Filmplakat von 1959

Original Filmplakat von 1959 von Helmuth Ellgaard (1913-1980), Pressezeichner und Illustrator zahlreicher Filmplakate. (Mit freundlicher Genehmigung von Holger Ellgaard)

In unserer Rubrik Filmtheorie/Filmgeschichte beleuchten wir Phasen und Eckpfeiler der internationalen Filmgeschichte. "Es geschah am hellichten Tag" setzte seinerzeit Zeichen in vielerlei Hinsicht, doch die Hintergründe der Produktion sind kaum bekannt. Philippe Dériaz war 1958 Aufnahmeleiter der Erstproduktion.

 

Seit 1958 wurde der Kriminalfilm fünfmal verfilmt. Das Original, noch in Schwarzweiß gedreht, bleibt unübertroffen. Damals, vor fast sechzig Jahren, bewies Heinz Rühmann als Kommissar Dr. Matthäi sein Talent auch für das ernsthafte Rollenfach. Michel Simon brillierte als unschuldig Geschasster, der Lynchjustiz eines Dorfes ausgesetzter einsamer Hausierer. Gert Fröbe wirkte in der Rolle des Kindermörders seiner dämonischen Schauspieldarbietung als Bösewicht im James-Bond-Film "Goldfinger" wegweisend.

 

Die Dreharbeiten zu "Es geschah am hellichten Tag" mussten von den Produktionsfirmen - der Schweizer Praesens-Film AG, der CCC-Film aus Berlin und der Chamartín Producciones y Distribuciones (Chamartín S.A.) aus Madrid - mehrfach verschoben werden. Im Februar 1958 starteten die Dreharbeiten. Der heute 85-jährige Filmjournalist Philippe Dériaz unterstand dem Produktionsstab. Als Aufnahmeleiter des Kriminalfilms disponierte und koordinierte er die Mitwirkenden und Kollegen, war verantwortlich für die gesamte Produktionslogistik, sorgte für die Sicherheit am Set. Er wirtschaftete unter größter Sparsamkeit und legte Rechenschaft über die Ausgaben ab. Immer unter der Maßgabe den künstlerischen Präferenzen von Regie und Szenenbild adäquat zuzuarbeiten. Wie viele seiner heutigen aktiven Berufskollegen übernahm er aus zwingenden Gründen Aufgaben auch aus anderen Abteilungen wie dem Regiestab und dem Ausstattungsstab. Für Movie-College beschreibt er nach Jahrzehnten seine Erfahrungen als Aufnahmeleiter der Erstverfilmung von Es geschah am hellichten Tag.

 

Vorab Wissenswertes zur Originalverfilmung und seiner Entstehungsgeschichte

Lazar Wechsler, Gründer der Praesens-Film, hatte mit Heidi seinen international durchschlagenden Kinohit produziert und mit dem Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) kooperiert. Das neueste Projekt sollte ein Sexualverbrechen an Kindern zum Thema haben. Im Mai 1957 übergab er Friedrich Dürrenmatt den Auftrag ein Drehbuch zu schreiben. Der bereits weit über die Schweizer Grenzen bekannte Schriftsteller verfasste eine Vorlage, die wiederum Wechsler im Alleingang umschreiben wollte. Der gebürtige Breslauer Hans Jacoby wurde jedoch sein Ko-Autor. Auf diese Weise erfüllte sich Rühmanns Voraussetzung für seine Zustimmung zum Rollenvertrag. Der große Schweizer Schriftsteller Dürrenmatt jedoch distanzierte sich von der Neufassung, schrieb die Vorlage ebenfalls um, gab ihr den Titel Das Verbrechen - Requiem auf den Kriminalroman. Das Buch wurde aus vertragsrechtlichen Gründen erst nach der Kinopremiere von Wechslers Filmstoff veröffentlicht.

 

Der aus Budapest stammende Regisseur Ladislao Vajda übernahm für den verhinderten deutschen Regiekollegen Wolfgang Staudte die Inszenierung. Den sperrigen Stoff publikumswirksam umzusetzen gelang Heinz Rühmann. Bereits ein Star im Komödenfach beherrscht er die unsympathisch erscheinende Charakterrolle des Kommissars Dr. Matthäi, ganz in der Dürrenmattschen Intention, in seiner ausschließlich dem Intellekt untergeordneten Vorgehensweise.

 

Es geschah am hellichten Tag repräsentiert den Gegenentwurf zu dem damals angesagten idealisierten Bild eines Polizeibediensteten von traditionellem Gut-Böse-Schema. Trotz gewisser zeitgemäßer Vereinfachungen überzeugt die Literaturverfilmung. Im ländlich-idyllischer Region das Thema einen Kindermörder vorzuführen, durch den ein Obdachloser in den Tod getrieben wird, eine solche Geschichtsvorlage ist nicht neu. Sie jedoch mit dem rücksichtslosen Vorgehen eines Stadtbeamten unter einer von Vorurteilen geprägten Dorfgemeinschaft komplex filmisch zu etablieren, diese Präsentationsform steht bis heute für hohe Filmkunst. Das Lexikon des internationalen Films beschreibt das grandiose Werk als Kriminalfilm voll atmosphärischer Spannung und psychologischem Raffinement, mit vorzüglichen Darstellern.

 

Dürrenmatt war der realisierte Filmstoff nicht kritisch genug. Er wollte ihn drastischer, bevorzugte das Unvereinbare. Wollte die Wechselwirkung von Anerkanntem und Widersprüchlichem stärker in den Figuren ausgearbeitet sehen. Anhand von Stilmitteln der Verfremdung sollte der Zuschauer aus der reinen Konsumrolle herauskatapultiert werden. Die anhaltende Präsens des Films nach seiner Idee noch nach über einem halben Jahrhundert beweist die Verwurzelung der Idee des Autors, das eigenständige Nachdenken anzuregen.

 

Die Uraufführung des schweizerisch-deutsch-spanischen Spielfilms fand am 4. Juli 1958 im Rahmen der 8. Berlinale statt. Der Film wurde von der Züricher Praesens-Film AG in Zusammenarbeit mit der Central Cinema Company Film (CCC-Film) aus Berlin, gegründet von Artur „Atze" Brauner, und der Chamartín Producciones y Distribuciones (Chamartín S.A.) aus Madrid produziert.

 

(Autor: Raoul Kevenhörster)

 

Philippe Dériaz Erinnerungen an die Dreharbeiten

Gerd Fröbe

Gerd Fröbe in "Es geschah am hellichten Tag" (Mit freundlicher Genehmigung: © CCC Filmkunst & Praesens Film)

Die Aufgabe eines Aufnahmeleiters ist wegen ihrer Mannigfaltigkeit schwer zu umreißen. Um es breit zu fassen: sie liegt darin, die Arbeit zu ermöglichen und voranzutreiben; er muss also vorbereiten und ausführen lassen. Der Aufnahmeleiter ist eine Art Feldweibel! Vor dem Produzenten ist er zuständig für die Durchführung des Tagesablaufes, verantwortlich für die Einhaltung der Tagesdispo sowie für den guten Fortschritt der Arbeiten durch Vermeidung von Leerläufen und Wartezeiten mittels Druck auf die Mitarbeiter, notfalls bis zum Regisseur. Ein Aufnahmeleiter ist nicht da, um geliebt zu werden; und beliebt ist er selten. Für alle an der Filmherstellung Beteiligten ist der Aufnahmeleiter prinzipiell, sozusagen vertraglich an allem schuld, sogar an der Wolke vor der Sonne.

 

VON INNEN UND VON UNTEN GESEHEN / The Making of "Es geschah am hellichten Tag"

So deutlich Es geschah am hellichten Tag in der Schweizer Filmproduktion jener Zeit herausragt, kann dieser Film nicht allein, können die Umstände seiner Entstehung und seiner Herstellung nicht „nackt" betrachtet werden; einige Umfeldkenntnisse also –Schilderungen sind notwendig. Doch soll wenig allgemein Bekanntes hier zu Sprache kommen, statt dessen meine Erfahrungen, Erkenntnisse, meine Sicht der Produktion von innen und von unten. Persönliches und Anekdotisches sollen die Stimmung beleuchten, Beispielhaft für die damaligen Bedingungen der Filmarbeit sein, auch wenn es nach mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr so stark auf den Nägeln brennt. Filmherstellung ist heute noch ein hartes Handwerk.

 

Motto:
Zu Anfang kommt der Produzent und alles andere bleibt wechselhaft

 

Mit der Praesens-Film gründete 1924 Lazar Wechsler (1896-1981) auch die richtig berufliche Schweizer Filmherstellung – das darf ihm nicht abgesprochen werden, selbst wenn er später den Schweizer Film in den Graben und fast ins Grab fuhr. Wechsler hatte zwar ab und an große Visionen, blieb aber sonst eigensinnig und engstirnig. Was er gern lautstark als gut für den Schweizer Film festlegte, das war in erster Linie gut für seine Praesens-Film. Auch wechselten diese Ansichten je nach politischer oder wirtschaftlicher Wetterlage kräftig und widersprachen sich. Mal war die Mundart das einzig Wahre, mal Hochdeutsch oder Englisch; mal galten nur heimische, bodenständige Begebenheiten, mal nur große internationale Stoffe. Wechsler wollte oft schweizerischer als die Schweizer sein, denen gar beibringen, was schweizerisch im Film sein soll. Er benahm sich gern als Papst oder eher Zar des Schweizer Films, sprach Verbannungen (er war in einigen Fällen nachtragend) aus und kümmerte sich um keinen Nachwuchs, was viele im damaligen Filmhandwerk und -betrieb ihm gleichtaten. Nicht nur insgeheim meinte er: „Der Schweizer Film bin ich".

 

Schlagworte Drehbuch und Besetzung

Gerd Fröbe und Heinz Rühmann

Gerd Fröbe und Heinz Rühmann in "Es geschah am hellichten Tag" (Mit freundlicher Genehmigung: © CCC Filmkunst & Praesens Film)

Nichts desto trotz wurden seine Filme in den 50ger Jahren immer umstrittener, und ihr Publikum, das sich meistens um die kritischen Betrachtungen nicht scherte, ging zurück. Statt nach Filmnachwuchs zu suchen und diesen zu pflegen, war damals der Rückgriff auf bestehende, „bewährte" Kräfte oder „anerkannte" Größen außerhalb des Filmfaches üblich. So leuchtete Dürrenmatt, dessen alte Dame seit Januar 1956 die Bühnen der Welt besuchte, Wechsler ein! Also bestellte der geschäftstüchtige Produzent beim mächtigen Geschichtenerfinder und Stückeschreiber eine Filmerzählung, schlug ihm Sexualverbrechen an Kindern als Grundthema vor. Wechslers Vorhaben mit Dürrenmatt regte einen Konkurrenten an, Ähnliches mit Max Frisch zu versuchen: es sollte ein Bergdrama sein. Frisch stieg aber nach einigen Vorarbeiten und Motivbesichtigungen aus (daraus entwickelte sich SOS Gletscherpilot, Victor Vicas, ebenfalls 1958).

 

Dürrenmatt nahm auf Filmgepflogenheiten und kommerzielle Überlegungen keine Rücksicht, musste sich dann Änderungswünsche gefallen lassen. Die Dorfhure wurde zur redlich arbeitenden ledigen Mutter. Das bittere, offene, angeblich dem Publikum unzumutbare Ende wurde durch einen dramatischen Schlusspunkt ersetzt (wobei sich einmal mehr die allgemeine Frage stellt, ob der Film narratologisch näher am Theater oder am Roman ist), usw. Hinterher verwirklichte Dürrenmatt seine ursprünglichen Absichten in Das Versprechen (1958).

 

Als Letzter ließ Heinz Rühmann Änderungen am Drehbuch durch seinen Hausautor vornehmen, um die Härte des Kommissars Matthäi am Schluss des Films zu dämpfen und um seinem persönlichen Bild als Publikumslieblings zu schmeicheln. Über diese neuen Seiten – wo Sätze zu lesen sind, die Dürrenmatt nie geschrieben hätte („Ein Reh springt über den Weg") – wurde jahrelang gemunkelt und gemutmaßt. Es gibt sie aber tatsächlich. Einige Tage nach Drehbeginn erhielten alle Mitarbeiter einen großen Umschlag mit eben diesen Seiten und der schriftlichen Bitte, die alten zu entsorgen. Ich sehe immer noch, wie alle fleißig Blätter zerreißen, während ich in mir hörte, Dürrenmatts Originalseiten könne man doch nicht vernichten; also behielt ich sie, samt der Anweisung, nach der ich die neuen Szenen an ihren Platz einsetzte. Hiermit sind die Änderungen genau belegt – und mein Drehbuch erwies sich mit der Zeit als das einzige vollständig erhaltene. Zusätzlich, weil die Vorlage von Dürrenmatt keine einzelnen Einstellungen beschrieb, trug ich sorgfältig in meinem Arbeitsexemplar ein, wie Vajda jede Szene in verschiedenen Aufnahmen auflöste und drehte; nicht alle diese verschiedenen Einstellungen befinden sich im endgültigen Schnitt. (Mein Drehbuchexemplar mit den alten wie neuen Seiten und meinen handschriftlichen Eintragungen liegt jetzt bei der Cinémathèque suisse / Schweizer Filmarchiv in Lausanne).

 

(Philippe Dériaz, 2016)

 

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Drehberichtes von Philippe Dériaz. 

 


Für die Unterstützung bei Recherchen und Bildmaterial danken wir insbesondere: Artur Brauner-Archiv im Deutschen Filminstitut - DIF, Pete Gassmann, Praesens-Film AG, Zürich, Sarah Polligkeit, Rechte / Material / Lizenzen, CCC Filmkunst GmbH, Berlin

 

Mehr zu Helmuth Ellgaard, dem Urheber des Original-Filmplakats finden Sie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Helmuth_Ellgaard