Die letzte Runde- Das Kolloquium

 

Ein weiterer Erfahrungsbericht- Bewerbung für den Produktionsstudiengang

 

Der Raum im 2. Stock war mir bereits sehr vertraut - im Winter hatte ich hier schon einmal Bierkästen vor der Kälte draußen gerettet. Nun sollte in diesem Raum über meine Zukunft entschieden werden. 30 Bewerber lagen noch vor mir, bevor ich als immerhin vorletzter der Kommission gegenüber treten sollte. Seit einem halben Jahr hatte ich nun intensiv den Medien-Teil der Süddeutschen Zeitung gelesen und mich mit den Eigenschaften deutscher Fernsehwerbung vertraut gemacht. Ich hatte mir aus der HFF-Bibliothek mindestens 50 mehr oder minder sehenswerte Filme mit größerer und kleinerer historischer Bedeutung gesucht, hatte im „Lexikon des deutschen Films" die „wichtigsten deutschen Filme" nachgelesen, die ich nicht angeschaut hatte.

 

Auch hatte ich einen Regisseur in all seinen Details vorbereitet. Ich wusste, warum ausgerechnet ich Film-Produzent werden wollte, was ich in meiner Bewerbung geschrieben hatte und ich kannte die Personen, die mich gleich erwarten würden.

So saß ich also im Gang - zusammen mit einem anderen Bewerber und einem Studenten, der die Neuankömmlinge etwas beruhigen sollte Dass ich trotz der guten Voraussetzungen nervös war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Ich füllte ein Formular aus und wartete. Die Prüfungskommission hatte eine gute halbe Stunde Verspätung... Schließlich war ich dann doch noch an der Reihe. Sechs Tische waren zu einem Rechteck zusammengestellt, an drei Seiten saßen jeweils zwei Personen der Kommission, an der vierten Seite saß ich. Zum Glück gab es ein Wasserglas, sonst wäre mein Mund trotz meiner Zuversicht sicherlich irgendwann ausgetrocknet.

 

Nun stellten die Professoren sowie der Hochschul-externe Filmprofi reihum ihre Fragen. Die verbleibenden zwei Personen waren als Beisitzende und Schriftführer anwesend. Der Professor für den Studiengang Produktion wollte wissen, warum ich mich nicht mehr selbstständig machen wollte, wie ich es in meiner Bewerbung letztes Jahr noch explizit geplant hatte. Der Professor für Medienwirtschaft erkundigte sich nach den geplatzten Kabel-Verkäufen der Deutschen Telekom und der Spielfilm-Professor fragte mich, was ich an München denn besonders schätzen würde. Die Antwort, dass es sich um ein Kulturzentrum handle, erwies sich als nicht so gelungen, denn als er wissen wollte, welcher Kultur ich mich denn am meisten hingeben würde, musste ich leider passen. Schließlich hatte ich das letzte halbe Jahr genug damit zu tun gehabt, meine Bewerbung vorzubereiten...

 

Kurz und gut: Die Fragen hängen sehr stark vom jeweiligen Bewerber ab, von seinen Aufgabenlösungen und der Begründung des Berufswunsches. Worauf ich mich hätte vorbereiten können, konnten mir auch die Studenten nicht sagen, die ich während meiner Gasthörerschaft kennen gelernt hatte. Das einzige was ich erfuhr, war die Aussage, dass es sehr stark um einen als Person geht. Tja, was immer das heißen mag... Ich für meinen Teil war erst mal froh, dass das Kolloquium zu Ende war. Denn bei den Fragen wurde doch recht lange nachgebohrt und meine oberflächlichen Antworten flogen leider auf. Ich verließ den Raum und kaum hatte sich die Tür hinter mir geschlossen, verwandelte sich meine versteinerte Miene in ein missmutiges „Bäääh! - Die haben mich auseinandergenommen.".

 

Das Ende vom Lied

Eigentlich hätte ich nicht mehr an eine Zulassung für die HFF glauben dürfen, aber die Hochschule war mir mittlerweile so vertraut geworden, dass ich darauf hoffte den Mist, den ich erzählt hatte, durch Selbstsicherheit überspielt zu haben. Doch es half alles nichts. Noch bevor der Brief eintraf, erfuhr ich von der Dame im Sekretariat, dass die Antwort der Kommission negativ ausgefallen war.

 

Der Weg über die Praxis kam für mich nicht in Frage, obwohl ich inzwischen weiß, dass die HFF nicht der beste und einzige Weg zum Film sein muss. Zum Glück hatte ich mich auch an verschiedenen klassischen Universitäten beworben und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Abstand gewann ich zu dem Thema. Natürlich ist auch etwas Selbstbetrug dabei, wenn ich mir einrede, dass die HFF keine Muster-Universität ist und man als Produzent einen finanziell gefährlichen Job hat. Aber im nachhinein bin ich doch froh, mich nicht in diesem wirtschaftlich bedenklichen und sehr deterministischen Ausbildungsweg wiederzufinden.

 

Nun studiere ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im ersten Semester Kommunikations- wissenschaft (leider das einzige Fach, welches für Medien-Interessierte Sinn macht, wenn man sich nicht nur mit Technik auseinandersetzen möchte). Psychologie hab ich im Nebenfach belegt. Die Werbung ist trotzdem nicht in weite Ferne gerückt und mir stehen Wege offen, die ich mit einem HFF-Diplom wohl nicht hätte einschlagen können.

Das Einzige, das ich etwas bedauere ist, dass ich zwei Jahre für die HFF-Bewerbung verschwendet habe. Andererseits habe ich nun einen kleinen Packen Praktikumzeugnisse und nicht zuletzt zwei Semester HFF-Gasthörerschaft vorzuweisen. Und die kleine Pause nach dem Abitur motiviert richtig, wieder die Schulbank zu drücken. Insofern: „Never know what it was good for..."

 

Filmhochschule - ja oder nein?

Ein wichtiger Punkt der gegen ein Filmstudium spricht ist, die Tatsache, dass die Ausbildung für den Filmnachwuchs an vielen Filmhochschulen alles andere als optimal ist. Was hier aus verschiedensten (vor allem personal- und verwaltungspolitischen) Gründen jahrzehntelang an Chancen vertan wurde ist höchst bedenklich. Das Ergebnis lässt sich am aktuellen Stand des deutschen Film- und Fernsehspiels ablesen.

 

Stundenplanausfälle gehören an der Filmakademie in Ludwigsburg genauso zum Alltag wie ein schlecht organisierter Studienablauf, der es den Studenten unnötig erschwert ihre Studienzeit sinnvoll zu gestalten. Auch die Wissensvermittlung in allen Bereichen rund um Film ist nicht unbedingt gegeben. So berichten Regie-Studenten der HFF Potsdam, dass sie kaum die Möglichkeit haben die technische Seite des Filmemachens zu erlernen. Die praktischen Kameraseminare sind in erster Linie den Kamerastudenten vorbehalten und die Arbeit am Schneidetisch den Schnitt-Studenten. Auf diese Weise sollen die Regie-Studenten gezwungen werden, ihre Kollegen der Kamera- und Schnittabteilung zu beschäftigen. Dabei sollte sich doch gerade ein Regisseur in allen Bereichen des Films bestens auskennen...

 

Zahlreiche Studenten bedauern, dass die Abteilungen Szenischer Film und Dokumentarfilm voneinander getrennt sind. Dabei würden viele sehr gerne beide Bereiche erlernen. An der HFF München besteht aber zumindest die Möglichkeit auch Filme aus dem Bereich, den man nicht studiert, zu realisieren. Namhafte Regisseure wie Caroline Link oder Hans Christian Schmid haben dort übrigens Dokumentarfilm studiert und sind heute durchaus auch im Bereich Spielfilm tätig. Vielleicht ist dies für den ein oder anderen eine Überlegung wert sich in Richtung Dokumentarfilm zu orientieren. Die Trennung der beiden Abteilungen an den Filmhochschulen geht allerdings soweit, dass Regie-Studenten für szenischen Film nicht erlernen, wie man für Filme recherchiert. Das man diese Fähigkeit nicht nur für Dokumentarfilme benötigt, wird dabei völlig übergangen.

 

Der Wunsch, möglichst schon den ersten Übungsfilm sendefähig zu gestalten, erstickt jede Art von Experimentierfreude. Nicht einmal der Lerneffekt, sich gegenseitig als Kamera,- Ton,- oder Regieassistenz zu helfen, ist mehr die Regel. Wer kann, holt sich gleich Profis. Damit geht die einzige Möglichkeit verloren, außerhalb der späteren Weichspül-Movies zu arbeiten.

 

Die Anzahl der Produktionsstudenten ist meist deutlich geringer als die der Regiestudenten. Die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn nicht alle Regiestudenten Produzenten für ihre Projekte finden, kann man sich vorstellen... Diese Methode scheint sich allerdings durchzusetzen, sie wird gleich an mehreren Hochschulen praktiziert.

 

Das Studium an einer Filmhochschule ist ein Vollzeitstudium. Auch wenn nicht immer eine Anwesenheitspflicht vorherrscht, so sollte man aus eigenem Interesse, besonders bei anschließenden Prüfungen, regelmäßig teilnehmen. Wer darauf angewiesen ist, neben dem Studium Geld verdienen zu müssen, wird es wegen der wenigen freien Zeit schwer haben. Auch die Semesterferien sind meist schon mit eigenen Projekten verplant.

 

Vorteile der Filmhochschule

Aber auch die Vorteile einer Filmhochschule sollen nicht unerwähnt bleiben. Ein wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass man durch die Schule quasi gezwungen ist eigene Filme zu machen. Für Menschen, die erst unter Druck wirklich arbeiten können - ein idealer Zustand. Da man als einzige Person nicht ein ganzes Filmteam stellen kann, ist man auf helfende Hände angewiesen. Die lassen sich schnell durch die vorhandenen Kommilitonen (so fern man nicht gleich Leute von außerhalb einbezieht) finden, die dann ihrerseits bei eigenen Projekten Hilfe bedürfen.

 

Dadurch lernt man in kurzer Zeit sehr viele Leute mit gleichen Zielen kennen und eignet sich neben dem theoretischen Wissen das einem die Schule vermittelt noch einen großen Teil an praktischem Wissen an. Einen Film zu drehen erfordert eine nicht unerhebliche Summe an Geld. Auch wenn alle kostenlos mitarbeiten, braucht man immer noch das nötige Film-Equipment. Wenn eine Filmhochschule einem dies unentgeltlich zur Verfügung stellt und Projekte sogar noch finanziell unterstützt (wenn auch sehr, sehr gering) ist man bei der Realisierung schon einem großen Schritt weiter.

 

Fazit

Abschließend soll an dieser Stelle noch angemerkt werden, dass eine Filmhochschule weder den einzigen noch den besten Einstieg in die Welt des Films bietet. Manche Studenten glauben, dass es völlig ausreicht an einer Filmhochschule aufgenommen worden zu sein und absolvieren ihr Studium im Tiefschlaf, andere erlernen gleichzeitig in der Praxis unendlich viel mehr. Ebenso wenig ist ein abgeschlossenes Film-Studium eine Garantie für eine erfolgreiche Filmlaufbahn. Auf der anderen Seite ist zu bedenken, dass viele bekannte Regisseure (z.B. Tom Tykwer) nie eine Filmhochschule von innen gesehen haben. Manche haben sich erst gar nicht beworben und es auf eine andere Art versucht, andere sind schlicht und ergreifend abgelehnt worden. Letztlich kommt es immer auf die persönliche Begabung an, Rahmenbedingungen in denen sich diese entwickelt und gefördert wird, können in- und außerhalb von Filmhochschulen gefunden werden.

 

Namhafte Absolventen wie Oscar-Anwärterin Caroline Link, Hollywood-Regisseur Roland Emmerich oder Sönke Wortmann sind sicher gute Zugpferde für das Image einer Filmhochschule, aber nicht Alltag. Dieser sieht oft anders aus. 78 Prozent aller Ehemaligen der HFF München schlagen sich mit Fernsehjobs durch, 10 Prozent arbeiten in der Werbung, 7 Prozent für Forschung und Lehre. Namen wie die des Moderators Michael Schanze, der auch Student an der HFF München war, werden dagegen seltener im Zusammenhang mit der Hochschule genannt.

 

Man sollte sich bewusst sein, dass das Studium an einer Filmhochschule eine von mehreren Möglichkeiten darstellt eine Laufbahn in der Filmbranche zu beginnen. Über Praktika, Assistenzen, artverwandte Studiengänge wie z. B. Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Kommunikations- oder Medienwissenschaft kann der Einstieg genauso gelingen.