Mathias Allary

  • Wer suchet, ertrinket...

    Aki Kaurismäki, Vadim Perelman, Sir Alan Parker, Volker Schlöndorff, Sean Walsh, Bernd Eichinger

    Wer heutzutage über Film recherchieren will, hat es einfacher als noch vor 20 Jahren. Es müssen nicht mehr so viele Bibliotheken aufgesucht und Filmwissenschaftler befragt werden. Das Internet bietet eine Fülle an Informationen an, doch die wenigsten Seiten helfen wirklich weiter. Längst wird man bei der Eingabe von Filmtiteln oder Regisseursnamen in den gängigen Suchmaschinen mit Online-Händleradressen überschüttet, bei denen man DVDs und Blu-rays erwerben kann. Für die Recherche zu einer Hausarbeit, Klausur-, Magister- oder Bachelorarbeit sind diese aber gänzlich ungeeignet.

     

    Die Suche nach qualifizierten Seiten kann viele Tage in Anspruch nehmen, wir wissen das aus zahllosen E-Mail-Anfragen, die an das Movie-College-Team gerichtet werden. Im Folgenden wollen wir versuchen, sinnvolle Links für die Informationsbeschaffung vorzustellen.

     

    Filmländer

    Bei der Recherche zu Filmen aus der ganzen Welt helfen die ländereigenen Filminstitute weiter, die sich um den zeitgenössischen Film aber auch um Filmgeschichte bemühen. Hier eine kleine Auswahl an internationalen Filminstituten:

     

    Regisseure

    Man möchte es kaum glauben, aber renommierte Regisseure wie Reinhard Hauff, Sönke Wortmann etc. sind im Internet weder mit einer Home- noch mit einer Fanpage vertreten. Gerade für die Medienarbeit an Schulen oder Universitäten, in denen immer mehr über das Internet recherchiert wird, wäre eine irgendwie geartete Präsenz ungemein hilfreich. Es ist keine Generationenfrage, auch keine der Eitelkeit, rätselhaft, warum es relativ wenige Seiten über Regisseure gibt. Meistens bleibt es der Recherchearbeit Dritter überlassen, Fakten zu den Regiearbeiten zusammenzutragen und online zu stellen. Hier helfen allgemeinere Online-Nachschlagewerke wie Imdb.de, Kinopolis, film.de, das Lexikon des internationalen Films oder Jumpcut nur zu Beginn der Recherche weiter. Oftmals gibt es nur Seiten zu einzelnen Filmen der Regisseure, oder Fanpages, die dann indirekt Informationen liefern.

     

    Manchmal trifft man, wenn man Namen von Regisseuren in Suchmaschinen eingibt, eher auf Seiten von Schauspielern oder Stabmitgliedern, die mit den Regisseuren irgendwann einmal zusammengearbeitet haben. Mosaiksteinchen eben. Hier eine unvollständige Auflistung von Infoseiten zu Regisseuren bzw. ihren Arbeiten:

     
    Regisseure
  • Filmklappe work 500Wie kann man in Drehbüchern Handlungsstränge möglichst interessant und spannend aufeinander aufbauen?

  • Wie Drehbücher aufgebaut sind, kann man am Besten an Original-Drehbüchern erlernen. Hier eine Originaldrehbuchseite des mehrfach preisgekrönten Spielfilms "Liebe, Leben, Tod"

  • Liebesfilme haben auf uns schon immer eine bezaubernde Wirkung gehabt: Man verliert sich in einer Kino-Traumwelt und fiebert mit, egal ob es sich um eine junge, tödliche, zerstörerische oder zum Scheitern verurteilte Liebe handelt.

  • Katharina Thalbach

    Frau Mischke (Katharina Thalbach) in "Liebe, Leben, Tod"

     

    Filmkritik kann unterschiedliche Aufgaben verfolgen. Die tagesaktuelle, den Kinostart begleitende Filmbesprechung mit persönlicher Bewertung, jene Kritik, die analytisch Stärken und Schwächen eines Filmes aufzeigt, oder die über das Einzelwerk weit hinausgehende, Genres oder Zeitphasen thematisierende Betrachtung sind nur ein paar Beispiele.

     

    Barbara Sichtermann zu "Liebe, Leben, Tod" (DIE ZEIT)

    „Wer ‚Liebe, Leben, Tod‘ gesehen hat und sich nicht zufrieden mit einer Welt, die solche Wunder zuläßt und bezahlt, zu Bett gelegt hat, ist entweder ein Banause oder ein unverbesserlicher Alarmist. Allarys Film […] führte die sogenannte Perversion zurück in die Normalität, wo sie längst angekommen ist und wo sie Liebe verdient, dem Leben Reiz verleiht und selbst den Tod nicht scheut.

     

    […] Wir haben alle unsere Eigenheiten, sagt dieser Film, und mehr: Erst in unseren Eigenheiten liegt unsere Würde. […] Solange solche Orchideen im Programm blühen, will man die Kommerzsender und ihren Druck auf die öffentlich-rechtlichen akzeptieren. Aber nur so lange! Wenn im Fernsehen keine Allarys mehr ihre Visionen vorführen dürfen, kann man das Medium als auch künstlerisches abschreiben.“

     

    Bedeutung

    Kritik kann, wenn sie produktiv verstanden wird, dem Zuschauer den Zugang zum Film erweitern, neue Sichtweisen eröffnen aber auch die Schöpfer eines Filmes über ihre eigene Arbeit bewusster werden lassen. Dabei erlauben nicht nur die bewertenden Bestandteile der Kritik, sondern auch die Inhaltsangabe Rückschlüsse darauf, ob die erzählte Geschichte richtig verstanden, ob die evozierten Emotionen und Haltungen auch tatsächlich vermittelt wurden.

     

    Beispiel für den Aufbau

    Kinosaal

    Als relevantes Entscheidungskriterium für Kinobesuche oder DVD Käufe, sind Filmkritiken von großer Bedeutung. Daneben aber sind sie Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeiten

     

    Vom Aufbau her, wird in der Regel bei einer einfachen Kritik zunächst ein kurzer Inhalt zum Film geliefert, bevor dann die Kritik die gestalterischen und inhaltlichen Stärken und/oder Schwächen erläutert und zu einem Fazit kommt. Je nach Autor-in wird die Bewertung mehr persönlich oder neutraler zurückhaltend ausfallen.

     

    Konstruktive Kritik

    Die Kultur der Kritik hat maßgeblichen Einfluss auf die Qualität der Filme. Zeiten, zu denen in den Medien streitbare Geister über Einzelwerke, Stile und Tendenzen im Film gerungen haben, förderten die Risikobereitschaft und Entwicklungsfähigkeit der Filmemacher. Auch hitzige Diskussionen zwischen Publikum und Filmemachern waren letztlich, selbst wenn sie unangenehme Erkenntnisse zutage förderten, produktiv. Die legendäre Filmzeitschrift „Filmkritik“ (gegründet 1956 von Enno Patalas und dem 2001 verstorbenen Theodor Kotulla, herausgegeben unter Mitarbeit von Ulrich Gregor und Wilfried Berghahn), in welcher der Film bis 1984 auch im Sinne von Filmtheorie diskutiert wurde, kennt der heutige Filmnachwuchs schon gar nicht mehr.

     

    Die aufgeregten Diskussionen nach den Filmen sind selten geworden und beschränken sich auf Publikumsfragen nach den Herstellungskosten oder dem „Fun“ bei den Dreharbeiten. Und auch der prozentuale Anteil der Kritiken, die diesen Namen wirklich verdienen, hat deutlich abgenommen. Zudem wird der Begriff Filmkritik mehr und mehr verwässert durch fast wörtlich übernommene Pressetexte der Filmverleihe, die von werbefinanzierten Print-, Hörfunk oder Onlineredaktionen verbreitet werden.

     

    Schreiben

    Eine gewichtende, den Kern eines Filmwerks offenbarende Kritik schreibt sich nicht leicht. Das ist harte Arbeit, erfordert viel Sachverstand, Herzensbildung und Sattelfestigkeit, was die Filmgeschichte angeht. Noch gibt es sie hier und da, jene Kritiker, die sich auf diese Arbeit einlassen und trotz der Buffets und attraktiver Reisen zu Filmstarts beim Schreiben letztlich nur auf sich selbst vertrauen. Filmkritik im professionellen Sinne ist viel mehr als die persönliche Geschmacksanalyse eines Kinobesuchs. Sie hat mit Verantwortung, Vertrauen und Filmkultur zu tun. Eine zu beliebige Haltung der Kritiker, die keine wirklichen Abstürze und keine echten Annerkennungen von Spitzenleistungen zulässt, trägt zu mehr mittelmäßigen Filmen bei. Eine aufrichtige, in kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen verankerte Kritik dagegen eröffnet echte Erkenntnisse und Chancen.

     

    Im Übrigen begannen auch einige bedeutende französische Regisseure etwa der Nouvelle Vague, wie z. B. Francois Truffaut, Jean-Luc Godard und Claude Chabrol als Filmkritiker. mehr...

     

    Links

    Die Linksammlung zu Seiten mit Filmkritiken offenbart bereits deutliche Unterschiede in Haltung und Anspruch der Kritiken.

    Kritiken-Archiv

     


    Cineclub
    Cineman
    epd Film
    filmfacts
    filmforum
    filmkritik.at
    filmrezension.de
    filmtext.com

    new filmkritik für lange texte, die schwester von new filmkritik
    Zeichensprache.de




  • Das Drehen in Filmstudios bietet eine Menge Vorteile,- was muss man darüber wissen?

  • Jan Kurbjuweit, der Darsteller aus "Franta", im Interview mit dem Movie-College. Heute ist der Schauspieler hauptberuflich Synchronsprecher.

  • Nicole Ansari-Cox stand schon mit 19 Jahren (1988) in der Hamburger Kampnagelfabrik auf der Bühne und spielte anschließend in Zürich, Wien, London, Berlin und Venedig Theater. Hier spricht sie mit dem Movie-College.

  • Der zweite Teil des Interviews mit Nicole Ansari.

  • Kamera Workshop Kameras 2 500Bilder sind das Vokabular eines jeden Filmes und sie sind es, die dem Zuschauer am längsten im Gedächtnis bleiben.

  • Motivisch Denken

    Farben als Leitmotive

    Farben als Leitmotive in 'Franta'; Sabine Gutberlet und Jan Kurbjuweit" (Regie: Mathias Allary)

    Nein, es soll im Folgenden nicht um das Vereinsmotto des örtlichen Pfadfinderclubs gehen, sondern um ein gestalterisches Element, welches im deutschen Sprachraum geprägt wurde und deshalb selbst im amerikanischen und französischen Kino ohne Übersetzung als „Leitmotiv“ bezeichnet wird.

     

    Dieses Gestaltungselement vermittelt dem Zuschauer eines Films eine gewisse erzählerische Sicherheit und es erlaubt erzählerische Kunstgriffe, die einen Film reicher, gestalteter wirken lassen. Deshalb kann es nicht schaden, sich etwas eingehender damit zu beschäftigen.

     

    Verbinden und vereinen

    Film hat – wie auch Literatur und Musik – sehr viel Verwandtschaft mit der Mathematik. Im Verlauf einer Geschichte oder eines Filmes wiederkehrende Elemente sind in beinahe allen Filmwerken zu finden. Dies transportiert nicht nur Inhalte, sondern es verbindet, vereint die Struktur einer literarischen, filmischen oder musikalischen Komposition.

     

    In der Musik wird häufig Richard Wagner als Namensgeber der Leitmotive benannt, musikalische Erinnerungsmotive, die bereits Geschehenes beim Zuhörer erneut ins Bewusstsein rufen. Aber auch in Kompositionen von

     

    Hector Berlioz, Carl Maria von Weber oder Franz Liszt finden sich Leitmotive.

    In der Literatur hat das Leitmotiv eine vergleichbare Funktion, es ruft dem Leser – durchaus auch in Variationen – bestimmte Ereignisse, Situationen oder Personen wieder ins Gedächtnis.

     

    Vielfältige Erscheinungsformen

    Unter Leitmotiv versteht man beim Film ein Thema, ein Motiv, welches mit einer bestimmten Filmfigur, einer Örtlichkeit oder einer Idee verbunden ist und unter dramaturgischen Aspekten innerhalb eines Filmwerks wiederholt wird. Dabei erfährt es eine Verstärkung, wird eindringlicher für den Zuschauer. Dabei kann sich dieses Leitmotiv auf vielfältige Weise ausprägen.

     

    Kostueme aus Franta

    Gefärbte und übermalte Kostüme aus "Franta" (Kostümbild: Ute Burgmann, Regie: Mathias Allary)

    Als Einstellung: Etwa wenn durch verkantete Kamera klaustrophobische Gefühle oder durch wankende Handkamera der Einfluss von Alkohol, Halluzinationen etc. herbeizitiert werden. Wenn in „Vertigo“ der Detektiv John „Scottie“ Ferguson (James Stewart) Höhenangst bekommt.

     

    Als Tonelement: Eine Filmfigur ist in der Nähe eines Bahngleises aufgewachsen, sodass das wiederkehrende Geräusch eines vorbeipolternden Güterzuges an die Kindheit der Figur erinnert. Gleichermaßen kann der vorbeifahrende Krankenwagen an den Verlust eines guten Freundes erinnern etc.

     

    Als Dialogteil: Eine Filmfigur wurde durch bestimmte Sätze moralisch erniedrigt. Diese Formulierungen werden von einer anderen Person zu einem späteren Zeitpunkt im Film wieder verwendet.

     

    Als Musik: Unser Filmheld war in der Vergangenheit unsterblich verliebt. Seine Jugendliebe hat er aber aus den Augen verloren. Der Filmkomponist hat dieser Liebe jedoch ein musikalisches Motiv gewidmet, welches im Verlauf des Filmes immer wieder auftaucht, wenn der Held sich an seine alte Liebe erinnert, nach ihr sucht, oder sie sich ihm sogar zeigt, er die „Unbekannte“ aber zunächst nicht wiedererkennt. Im Film „Der dritte Mann“ steht die Zither-Musik von Anton Karas stellvertretend für Harry Lime (Orson Welles) oder bei „Krieg der Sterne“ (Musik: John Williams) Skywalkers „Anakin’s Theme“ – eine bezaubernde Melodie – für Anakins Abkehr vom Bösen. Es kann auch durchaus mehrere Leitmotive nebeneinander geben, wie „As Time Goes by“ (Musik: Max Steiner) und die „La Marseillaise“ in Casablanca anschaulich machen.

     

    Als thematische Verknüpfung: Innerhalb eines Filmes geschehen bestimmte Ereignisse stets zu bestimmten Daten (immer an Feiertagen, Geburtstagen, immer an Weihnachten, an Halloween etc.) oder eine Filmfigur wird immer wieder von ihrer (unrühmlichen oder tragischen) Vergangenheit eingeholt.

     

    Als Orte: An bestimmten Orten tritt etwas wiederkehrend ein. In Historien- und Fantasyfilmen werden gerne bestimmte Orte mit Eigenschaften belegt, an denen sich irgendein Geschehen wiederholt, so z. B. auf Schlachtfeldern oder Turnierplätzen.

     

    Ausstattung als Leitmotiv

    Ausstattung als Leitmotiv in 'Endloser Abschied' mit Hilde Ziegler" (Szenenbild: Annette Ganders, Regie: Mathias Allary)

    In der Ausstattung: Bestimmte Requisiten oder stilistische Elemente können andere Zusammenhänge symbolisieren. In „Endloser Abschied“ findet sich das fortschreitende Krankheitsbild einer Alzheimer-Patientin in einer verfremdeten Wohnwelt wieder. Für kurze Momente scheinen Alltagsgegenstände, ja sogar die ganze Zimmereinrichtung mit einer Art Rauhputz überzogen. Ein Sinnbild für die Krankheit.

     

    Als Farbe: In dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (Nicholas Roeg) wird die Farbe rot als Leitmotiv genutzt. In „Franta“ taucht ein bestimmtes Blauviolett als Wagenspuren im Sand, in der Uniform Frantas und in der Kleidung der Flüchtlingsfamilie wiederkehrend auf.

     

    Als poetisches Motiv: Die Zeit (Lebenszeit, Zeitdruck, Uhren) oder Gegensätze, Entfernung etc. tauchen in Variationen, die sich aufeinander beziehen, auf.

     

    Montageelement: Ein visuelles Motiv kehrt während des Films immer wieder, um z. B. die Obsessionen einer Filmfigur zu symbolisieren.

     

    Dies ist nur eine Auswahl der Möglichkeiten, man kann mit detektivischem Geschick in Filmen noch zahlreiche andere Varianten entdecken.

     

    Spurensuche

    Auf Ihrer eigenen Suche nach Leitmotiven in den Filmen, die Sie betrachten, sollten Sie sehr aufmerksam sein, um die Spur zu verfolgen. So etwas lässt sich idealer Weise mit Video oder DVD bewerkstelligen. Sie werden einige Sequenzen mehrfach anschauen, sich Fragen stellen.

     

    Welche Verknüpfungen oder Stimmungen erzeugen die Leitmotive?

     

    Auf welche Weise geschieht dies: aus sich selbst heraus oder in Verknüpfung mit den Filmbildern?

     

    Wann tauchen die Leitmotive auf?

     

    In welchem Verhältnis stehen sie in Bezug auf den gesamten Film?

     

    Bleiben die Leitmotive konstant, oder verändern sie sich, vielleicht sogar in Verknüpfung mit der dramatischen Entwicklung der Handlung?

     

    Nicht selten sind Leitmotive in Filmen unter der Oberfläche und nicht so leicht aufzuspüren. Nicht aufgeben, Sie wissen ja, in einem guten Film kann man auch beim x-ten Anschauen noch etwas Neues entdecken...

     

  • Lichtsetzung set500Erst durch das Licht wird die Geschichte, die man erzählen will sichtbar und zum Leben erweckt

  • Was wäre das Kino ohne Romanvorlagen? Besser,- Schlechter, Innovativer? Einblicke in ein Genre

  • Geschmähte Geliebte

    Nicole Ansari und Jan Kurbjuweit in Franta

    Nicole Ansari und Jan Kurbjuweit in Franta

     

    Lange Jahre hinweg war im Kino der Begriff Melodram das Synonym für Gefühlskitsch, auch wenn einige der weltweit größten Filmerfolge diesem Genre angehörten. "Der blaue Engel" (R: Josef von Sternberg, 1930), "Gone with the wind" (R: Victor Fleming, 1939) , "Written On The Wind" (R: Douglas Sirk), "Casablanca" (R: Michael Curtiz, 1942) und "All That Heaven Allows" (R: Douglas Sirk, 1954), "Dr. Schiwago" (R: David Lean, 1965) u. v. a. Die Filmkritik und die neuen Vertreter des europäischen Kinos der 50er und 60er Jahren standen dem Melodram häufig kritisch bis abwertend gegenüber.

     

    Erst in den 70er Jahren, als Rainer Werner Fassbinder seine uneingeschränkte Achtung für die Filme Douglas Sirks zum Ausdruck brachte, verlor das Filmmelodram etwas den Beigeschmack des Kitsches. Im Winter 1970/71 hatte Fassbinder, damals 25jährig, Sirk im Tessin getroffen - eine Begegnung die beide zutiefst beeindruckte. Fassbinder arbeitete daraufhin, während der übrige "neue deutsche Film" sich weitgehend in Intellektualität übte, an hoch emotionalen Stoffen nach dem Vorbild Douglas Sirks.

     

    Das Melodrama vor dem Film

    So richtig weiß niemand, wann es genau entstanden ist, doch als sicher gilt, dass es bereits lange vor dem Film beim breiten Publikum zu hoher Attraktivität gelangte. Es wird wohl irgendwo in der zweiten Hälfte des 18ten Jahrhunderts gewesen sein, als sich zum klassischen Theater-Drama und der Oper eine zusätzliche beide verknüpfende Gattung gesellte, das Melodrama (es gab diverse Vorstufen zum Melodram, etwa die "Comical Opera", die "Musical Romance" oder die "Burletta"). Im Gegensatz zur Oper, sangen die Charaktere nicht, ihre dargestellten und gesprochenen Handlungen wurden aber zur emotionalen Verstärkung von Musik begleitet.

     

    Mit dem Melodrama wurden Theaterbesuche weniger elitär, sie erschlossen sich dem Kleinbürgertum und erfüllten zugleich deren Sehnsüchte und Bedürfnisse. Den Zuschauern wurden Gefühle pur dargeboten, die durch Intensivierung, wenn nicht Übertreibung besonders einprägsam wurden. Die Guten waren durch und durch gut und die Bösen so schuftig wie irgend möglich.

     

    Vollendung im Film

    Junges Paar

    Zu wahrer Blüte gelangte das Melodram dann im Film. Bereits die frühen Stummfilme griffen auf die Steilvorlage der Theaterkunst zu und behandelten ähnliche Sujets. Dreiecksgeschichten, bei denen ein junges unschuldiges Mädchen durch einen reichen mächtigen oder einfach nur bösen Unhold bedroht wird und welches einen ehrlichen jungen Mann aus einfachen Verhältnissen liebt, wurden zuhauf verfilmt. Das melodramatische Ende sah dann beispielsweise so aus, dass der junge Geliebte den bösen Unhold tötet, damit das Mädchen zwar rettet, aber zugleich ihre Liebe unmöglich wird, weil der Retter ins Gefängnis muss.

     

    David Wark Griffith, dessen "Birth of a Nation" zu den großen amerikanischen Epen gehört, besetzte in diversen Filmen die Schauspielerin Mary Pickford als Prototyp der unschuldigen Kindfrau, die als armes, schutzloses Straßenmädchen oder Klosterschülerin doch stets moralisch unantastbar blieb. Pickford war in diesen Rollen so erfolgreich, dass sie selbst mit über 30 Jahren noch Zwölfjährige spielte. Erst als die Schauspielerin Lillian Gish Anfang der Zwanziger Jahre Karriere macht, steht eine neue Kindfrau bereit, sich den Widrigkeiten der Welt zu stellen. Griffith Schüler, Erich von Stroheim beginnt ebenfalls in den zwanziger Jahren, eigene Melodramen ("Foolish Wives", "Greed") zu verfilmen.

     

    Charakteristika

    Hauptziel der Protagonisten war meistens die Erfüllung von Liebe, welche dunkle Mächte, widrige Umstände, Naturgewalten, Ehrbegriffe oder böswillige Gegenspieler zu verhindern suchten. Wichtigstes Beiwerk waren (und sind) riesige, bewegende Gefühle, unerträgliche Schicksale und gute, leidende, zugleich tapfere Menschen. Ihre Liebe hält über alle Grenzen hinweg, selbst über den Tod hinaus. Nie war das Gefühl, die Sehnsucht vereinbar mit den Rollenbildern, den Klassen oder Rassenunterschieden. Generationenkonflikte oder berufliche oder persönliche Erfolge die auf Kosten der Familie, der Liebe oder Freundschaft gehen sind das Salz welches gerne in die Wunden der Hauptfiguren gestreut wird. Ein Happy End würde jedes Melodram zerstören, es muss einfach schmerzlich oder zumindest mit einem bitteren Beigeschmack ausgehen, damit man sich als Zuschauer gut fühlt.

     

    Junges Paar wird mit Messer bedroht

    Im Zentrum des Melodrams steht meist die weibliche Protagonistin, aus ihrer Perspektive und Emotionalität heraus erfahren die Zuschauer die traurig-schöne Weltensicht. Die Helden des Melodrams scheitern an ihren Sehnsüchten, die so nicht erlaubt sind in ihrer Weltordnung, weil sie mit Konventionen brechen oder aus ihrer kleinen Welt zu etwas Höherem streben. Aus einem guten Melodram möchte der Zuschauer seufzend aus dem Kino gehen mit der Frage auf den Lippen, warum die Welt nur so ungerecht ist. Auf Wunsch kann man zugleich Trost finden, dass die eigene Lebenssituation so schlecht dann doch nicht ist. Der Altmeister des Melodrams, Douglas Sirk sagte dazu: "Glück ohne Scheitern ist wie ein schlecht geschriebenes Gedicht."

     

    Eingeschränkte Palette

    Vielschichtigkeit der Personen ist häufig Gift für das Melodram, klare Typisierung, klare Erkennbarkeit von Gut und Böse sind Grundvoraussetzungen, die es im Melodram zu erfüllen gilt. Die voneinander so fernen Berufsstände treffen zusammen: Die Verkäuferin, die Krankenschwester, die Serviererin stecken vorzugsweise in argen Nöten. Der Arzt, der Architekt, der Maler, der Forscher, der Industrielle oder der Offizier, alle edel, gut, sensibel und moralisch unangreifbar sind zur Stelle um eine der Frauen zu erlösen. Das es nur Männer höheren sozialen Standes sind ist nur allzu logisch, wie wollte auch der Verkäufer, der Krankenpfleger oder der Kellner mit seinem wenigen Geld und der niederen sozialen Position irgendeine Form der Rettung bringen? Und selbst wenn sie es könnten, sie passen einfach nicht in das Erlösungsmuster, welches die in Not geratenen Frauen sich erträumen.

     

    Zerbrechen die Menschen, zerbricht auch die Erde

    Der Zuschauer wird Zeuge von Konflikten innerlich zerrissener Menschen mit sich selbst und der Welt. Gern genommen sind Situationen, in denen die Grundbedingungen für die Hauptfiguren durch äußere Umstände bereits besonders erschwert sind. Kriege, Bürgerkriege, Naturkatastrophen, Revolutionen, Verfolgungen oder soziale Unruhen, aus diesem Gewebe lassen sich vortrefflich Melodramen stricken. Ein wenig erinnert das an die Weltsicht der Romantik, an die Übereinstimmung innerer Befindlichkeiten des Menschen als Spiegel der Natur.

     

    Perspektiven

    Besonders ungebrochen ist die Geschichte des Melodramas bis heute im indischen und türkischen Film. Familienehre und Blutrache sind dort gängige Widrigkeiten der liebenden Hauptfiguren.  Doch auch diverse Fernsehserien, angefangen von "Forsythe Saga" über "Dallas", "Denver" bis "Beverly Hills 90210" arbeiten zuweilen mit den Erzählmustern des Melodrams.

     

    Pieta-Darstellung des Paares

    Heutige Kino- und Fernsehspiel- Regisseure haben zumeist keine Berührungsängste mit dem Melodram. Ob Kaurismäki, Tom Tykwer, Lars von Trier oder Almodovar, sie alle haben schon Melodramen verwirklicht. Beispiele: "Titanic" (R: James Cameron, 1997), "Magnolia" (R: Paul Thomas Anderson,1999), "Men of Honor" (R: George Tillman, 2000), "Sprich mit ihr" (R: Pedro Almodovar, 2002), "Breaking the waves" (Lars von Trier, 1996), "Dancer in the Dark", (R: Lars von Trier, 2000)  "Der englische Patient" (R: Anthony Minghella, 1996).

     

    Das Genre hat die engen, oft banalen Regeln seiner Anfangszeit längst überschritten und die Grenzen immer weiter ausgedehnt ja überschritten. Inzwischen haben sich so viele Variationen des Melodramas entwickelt, kritische, differenzierte, die Klischees geschickt umgehende, selbst Männerfilme, dass man gespannt sein darf, welche zukünftigen Meisterwerke dieses Genre noch hervorbringen wird.

     

     

     

     

  • Zusatzfinanzierung

    Über kaum einen Bereich der Zusatzfinanzierung beim Film herrscht soviel Unklarheit wie über Product placement. Einer, der sich damit wie kaum ein Anderer seit Jahrzehnten auskennt, Johannes Schultz, Leiter der Abteilung AV-Medien im Bereich Konzernkommunikation und Politik bei der BMW Group, München, erläutert umfassend dieses Instrument.

     

    „Harry, fahr' schon mal den Wagen vor.“

    Frühstückszene aus Liebe,Leben,Tod

     

    Wer kennt ihn nicht, diesen Satz bzw. meint ihn zu kennen. Der Satz, der dem berühmten Krimi-Kommissar Stephan Derrick unterstellt wird, ist tatsächlich nie gefallen. Wer immer ihn erfunden hat, macht damit Werbung für Product placement.

     

    Fast jeder weiß, dass mit dem Wagen ein BMW gemeint ist und dass Harry Klein der diensteifrige Assistent von DERRICK ist. Das weiß man sogar rund um die Welt, denn die Derrick-Serie des ZDF ist in 70 Sprachen synchronisiert worden, und somit weiß die Welt, dass deutsche Kriminalkommissare einen 7er BMW fahren.

     

    Ist das nun „Schleichwerbung“ für BMW oder für die Polizei und damit verboten, weil ja auch irreführend, denn deutsche Kommissare fahren durchaus auch Mercedes, VW, Ford und Opel. Oder ist der BMW ein dramaturgisch notwendiges Filmaccessoire und als solches erlaubt? Wo liegen die Grenzen zwischen Werbung, Filmrequisiten und Schleichwerbung. Wer profitiert hier von welcher Dienstleistung und steckt tatsächlich Profit dahinter? Die Beantwortung dieser Fragen ist für Filmschaffende und für die Hersteller der Markenartikel ganz hilfreich, eventuell auch lukrativ und kann dem einen ein Lob für besonders sorgfältige Ausstattung bringen und dem anderen Beachtungserfolg.

     

    Beginnen wir mit der Wortschöpfung „Product placement“ und zitieren aus der Magisterarbeit von Sabine Dabisch. (Tel. von Sabine Dabisch: (07732) 943 581):

     

    Begriffsdefinition Product placement (PP)

    „PP ist die Kommunikationsform eines Markenartiklers, bei der die kreative Einbindung eines Produkts (Marke) oder einer Dienstleistung durch visuelle und/oder verbale Platzierung in einem Spielfilm oder jeder anderen Programmform angewandt wird.

     

    Hierbei wird die Marke als notwenige, reale Requisite in den Handlungsablauf, unter Wahrung der originalen Filmsubstanz, integriert.

     

    Die Darstellung der Marke im positiven, redaktionellen Umfeld erfolgt gegen Geld oder vermögenswerte Leistungen unter Beachtung der ethisch-moralischen Grundsätze.“

    Was sind ethisch-moralische Grundsätze? Sicher nicht die biblischen 10 Gebote – siehe „rechtliche Situation“.

     

    Wie entsteht PP?

    In der Regel macht sich die Filmproduktion, eventuell der Regisseur, manchmal schon der Drehbuchautor Gedanken über die Ausstattung des Filmwerks. Welche Gegenstände sind erforderlich, um einer bestimmten Situation einen eindeutigen Charakter zu geben, das bestimmte Lokal-Kolorit, das historisch richtige Umfeld zu treffen oder auch die Filmrollen selbst zu unterstreichen?

     

     

    eine Hausfrau, eine Wissenschaftlerin, ein Rechtsanwalt, eine Richterin und wie sehen all diese Rollen aus, wenn ihre Akteure in privater Sphäre auftreten sollen? Welche Kugelschreiber, Füllfederhalter, Ringe, Ketten, Broschen, Schlipse tragen diese Menschen, welche Autos fahren sie? Teilweise stehen diese Dinge wohlweislich im Drehbuch, teils werden sie bei den Filmvorbesprechungen überlegt. Sicherlich wird darüber nicht erst am Drehort entschieden.

     

    Kurzum, welche Gegenstände/Produkte letztlich im Film erscheinen, ist von vornherein kein Zufall, es ist geplant, denn beim Dreh muss jedes Teil, das im Bild erscheinen soll, vorhanden sein und nicht erst gesucht und per Zuspruch entschieden werden.

     

    Der Requisiteur besorgt diese Gegenstände. Bevor er sie kauft, überlegt er, sie vielleicht zu mieten. Und bevor er sie mietet, findet er eventuell einen Hersteller, der sie ihm kostenfrei leiht und der sogar dafür Geld bezahlt, dass das Produkt im Film erscheint. Je deutlicher das Produkt allein durch seine Form auf den Hersteller hinweist, um so eindeutiger bringt es sich als Marke ins Bewusstsein der Zuschauer. Nachfrage und Angebot bestimmen dabei den PP-Preis. Der besteht nicht immer im Austausch von Geld, sondern wird oft mit einem Gegengeschäft kompensiert: Der Film wirbt in gewisser Weise für das Produkt. Das Produkt wiederum dient der klaren Positionierung und Charakterisierung einer Szene und ist in so einem Fall kostenfrei erhältlich, wenn beide Parteien ihre Interessen erfüllt sehen.

     

    Wenn das Angebot für das Erscheinen gewisser Produkte gering ist, die Nachfrage jedoch groß, dann zahlt der Produkt-Hersteller zusätzlich zur Produktleihe noch eine „Gebühr“ pro Sekunde Auftritt seines Produkts in der Szene. Je höherwertig das Produkt, je höher die Miete des Produkts ist und je seltener das Produkt verfügbar, desto eher muss der Filmproduzent für die Bereitstellung des Produkts zahlen. Hier profitiert dann der Film vom Image des Produkts. Je ausgewogener dieser Profit ist, wenn also der Film genauso viel Image vom Produkt erhält, wie er selbst dem Produkt gibt, um so gleichwertiger sind die Vorteile, die Filmproduzent und Hersteller haben. Man spricht vom gegenseitigen Imagetransfer. Die Interessen gleichen sich aus, ohne dass Geld fließt.

     

     

     

  • Berufe

    Immo Rentz und Mathias Allary

    Kameramann (Jörg Widmer) und Regisseur (Mathias Allary) bei Dreharbeiten zu “Liebe Leben Tod"

    Die schlechte Nachricht zuerst: Regie ist kein geschützter Beruf. Jeder kann sich Filmregisseur nennen, wenn man ihn Filme machen lässt. Beim Berufsbild Kameramann/-frau ist das zwar ähnlich, aber im Spielfilmbereich kann niemand seine Unfähigkeiten an der Kamera so leicht kaschieren, Fehler werden hier sofort sichtbar. Regieschwächen aber werden oft genug durch Eigenregie der Schauspieler und hochbegabte Regiekameraleute ausgeglichen. Es hat schon viele Filme gegeben, bei denen von der Regie außer: „Kamera ab, Ton ab und Bitte“ kaum weitere Äußerungen zum Gelingen des Filmes beigetragen haben.

     

    Die gute Nachricht: Die Mehrzahl der Regisseure verfügt über ordentliches bis hervorragendes Wissen um Kameratechnik und Bildgestaltung. Während die vorgenannten „ahnungslosen“ Regisseure ihre Kameraleute “einfach machen lassen”, wollen die gut ausgebildeten natürlich auch beim Bild mitgestalten. Wie also kann so eine produktive Zusammenarbeit zwischen Regie und Kamera aussehen?

     

    Begriffsbestimmung

    Der/die Kameramann/-frau ist u. a. zuständig für das Licht, den kreativen Einsatz des Aufnahmemediums (Filmmaterial/Video), die richtige Belichtung, die Bildkomposition, für die Kadrage der Bilder und die Bewegungen der Kamera. Der/die Regisseur/in ist zuständig für die Schauspielführung und die künstlerische Kontrolle aller gestalterischen Elemente. Die Regie ist also verantwortlich für den Film in seiner Gesamtheit. Dazu gehören auch die Bilder. Es handelt sich also um eine gemeinsame Anstrengung von Kamera und Regie. Kurzum: Zwei handwerklich-künstlerische Persönlichkeiten, die gemeinsam sich überschneidende Arbeitsbereiche haben, arbeiten beim Film zusammen.

     

    Die Arbeit mit Kameraleuten

    Zunächst einmal hängt der Beitrag der Regie zum Bild von deren Fähigkeiten in diesem Bereich ab. Es gibt Regisseure, die ihre Vorstellungen gar nicht mitteilen können oder wollen, die den Kameraleuten sagen: Nun mach mal! Vielen fehlt schlicht und einfach das Fachwissen oder die Erfahrung, um in diesem Bereich mitreden zu können. Das Wissen um die Bildaufnahme, wie man damit umgeht und wie man sich darüber abspricht, gehört zu den Basis-Werkzeugen der Regisseure. Andere wollen stets nur ihre eigene Vorstellung umgesetzt wissen und lassen Ideen und Konzepte des Kameramanns gar nicht erst zu. Manche würden am liebsten selbst die Kamera in die Hand nehmen und alles alleine machen. Damit verschenken Sie die Chance, etwas von den Fähigkeiten eines anderen zu lernen. Leider gibt es auch Regisseure, die über Bildgestaltung reden, ohne irgendeine Ahnung davon zu haben. So eine Arbeit ist dann besonders hart für die Kameraleute. Manchmal haben die Regisseure selbst von der Schauspielführung keine Ahnung und die Kameraleute geben diese, getarnt als Positionsanweisungen gleich mit. Auch wenn man auf Pressefotos merkwürdigerweise die Regisseure häufig an der Kamera sieht, haben sie da eigentlich gar nicht viel zu suchen. Wenn der Kameramann ausnahmsweise mal sagt "Schau mal durch, wie findest du das?", dann ist das in Ordnung. Wenn aber der Regisseur ständig auf dem Dolly mitfährt, dann stimmt irgend etwas nicht. Viele lösen den daraus resultierenden Konflikt mit einer Videoausspiegelung. Dann kleben dieselben Regisseure vor dem Monitor und haben noch immer keinen Schimmer von der Wirklichkeit vor der Kamera.

     

    Wie sag ich's?

    Die ideale Zusammenarbeit basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Darauf basieren alle hervorragenden Filme und das erklärt auch, warum Regisseure oft mit den selben Kameraleuten zusammenarbeiten. So hat etwa Bernardo Bertolucci meistens mit dem Kameramann Vittorio Storaro, Ingmar Bermann mit dem Kameramann Sven Nykvist oder Tom Tykwer mit Kameramann Frank Griebe gedreht. Regisseure, die nicht begreifen, dass ein Film als Teamwork einiger Kreativer entsteht, haben Wesentliches nicht begriffen. Kompetente, erfahrene Regisseure aber besprechen alle gestalterischen Mittel, von der Wahl der Brennweite über Bildkomposition, Kamerabewegungen und Licht. Der Schlüssel zur vertrauensvollen Zusammenarbeit liegt im Gespräch. Leider gibt es auch Regisseure, die sich nicht vermitteln (können oder wollen). Sie erwarten quasi von der Kamera seherische Fähigkeiten. Dabei kann man im Dialog vielfältige Mittel verwenden. Ob mal mit Fotos, Beispielen aus der Malerei, Grafik oder einfach anderen Filmen arbeitet, selbst wenn einem das Fachvokabular gänzlich fehlt, kann man sich trotzdem verständigen. Man sollte stets die Auffassungen des anderen respektieren und prüfen, die eigenen Ideen durch Überzeugungsarbeit zu vermitteln versuchen. Dass es dabei auch zu unterschiedlichen Haltungen kommt, ist selbstverständlich, der Dialog dient dann dazu, sich abzustimmen. Wenn gleichwertige Kreative zusammentreffen, helfen die Argumente, die man aufwendet, um den anderen zu überzeugen, ganz nebenbei, seine Vision von dem Film zu vervollkommnen.

     

    Zusammenhänge

    Dreharbeiten zu "Franta"

    Innerhalb eines Teams gibt es mehrere Gruppen, die enger zusammen arbeiten. Der Kameramann etwa ist auf engsten Dialog mit Licht, Kamerabühne und Kameraassistenz angewiesen. Auch zwischen Kamera und Regie sollte ein enger Zusammenhalt bestehen, damit eine gemeinsame optische Vision im Film ihren Niederschlag findet. Allerdings sollten die wichtigsten Gespräche vorab stattgefunden haben, vor Drehbeginn. Kamera und Regie sollten engste Vertraute während der Dreharbeiten sein, ihre Arbeitsbereiche sind unmittelbar miteinander verzahnt. Eine besonders schwierige Situation entsteht, wenn der Regisseur falsche oder schlechte Bildideen erzwingt und der Kameramann um den Irrweg weiß. Doch auch der umgekehrte Fall, eine technisch vielleicht einwandfreie, für den Stoff aber falsche Bildgestaltung, kann Regisseure (vorausgesetzt sie wissen, was sie tun) in große Konflikte bringen. Doch kaum etwas ist schlimmer für laufende Dreharbeiten, als wenn Kamera und Regie vor versammeltem Team über die Bildgestaltung streiten. In diesen Fällen ist es hilfreich, wenn es ebenso kreative Redakteure oder Produzenten gibt, die mit starkem Engagement erspüren, was für das Projekt richtig ist. Gemeinsam mit ihnen lassen sich viele, selbst scheinbar unversöhnliche Gegensätze wieder aufheben.

     

    Fazit

    Ein erfahrener Regisseur weiß, welchen Effekt welche Optik hat und spürt ob das Licht die gewünschte Stimmung transportiert. Es ist eine Gratwanderung, seine Visionen zu vermitteln, die Ideen anderer zuzulassen. Wichtig bleibt vor allem die künstlerische Kontrolle und die produktive Art, seine Vorstellungen mit denen der anderen Kreativen im Team sichtbar zu machen. Denn was immer auch die Gründe sein werden, warum ein Film misslang (das schlechte Drehbuch, die unprofessionelle Produktion, die schlechten Schauspieler), letztlich wird jeder sagen, es lag an der Regie.

     

  • Wo ist denn die Truhe mit den Goldstücken...?

    Wo ist die Truhe mit den Goldstücken?

    Szene aus dem Film: Mittelalter auf der Burg (Allary-Film, Tv & Media)

    Die Beschaffung, Organisation und Dekoration der Dinge, der Objekte, die im Motiv vorkommen, gehört zu den Hauptaufgaben eines Requisiteurs (Set Decorator). Dabei geht es nicht darum, irgendwie einen vorgefundenen oder vom Ausstatter gebauten Raum mit Alltagsgegenständen zu füllen, sondern vor allem darum, der Emotion, dem visuellen Stil des Films sowie historischen Aspekten gerecht zu werden.

     

    Ob die Schauspieler sich mit den Dingen, die bespielt werden, wohlfühlen, den Gläsern, aus denen sie trinken, den Telefonen, mit denen sie anrufen, oder den Stiften, mit denen sie schreiben, dies hängt vom Geschick des Requisiteurs ab. Außerdem prägen die Objekte im Bild durchaus auch die Anmutung einer Szene und tragen zur Charakterisierung der Filmfiguren bei.

     

    Aufgaben

    Schuhe prasseln auf Paul in dem Film

    Die Schuhe, die auf Paul (Jacques Breuer) in dem Film "Liebe, Leben,Tod" herniederprasseln hat natürlich die Requisite besorgt

    Anhand des Drehbuchs werden in Besprechungen mit der Regie alle erforderlichen Spielrequisiten besprochen. Der Requisiteur führt eine genaue Liste mit Szenennummern und Bezeichnungen für alle Objekte, die benötigt werden, und stellt sicher, dass die erforderlichen Objekte für den jeweiligen Drehtag auch am Set sind (Requisitenfahrzeug). Ob der Zuschauer einen mittelalterlichen Markt mit unzähligen Produkten wirklich im Film akzeptieren mag, ist Ergebnis gründlicher historischer Recherche und kreativer Beschaffung.

     

    Je nach Film können auch Waffenkunde (Attrappen), Militaria, Farblehre, Fahrzeugkunde (z. B. Oldtimer) etc. erforderlich sein. Vor allem aber bedarf es der Fantasie, die, eng an die Notwendigkeiten der Geschichte und des Bildkonzepts gelehnt, auch mit kleinem Budget Großartiges zu schaffen vermag. Handwerkliches Geschick sollte auch vorhanden sein, Requisitenarbeit am Set ist immer auch ein wenig Improvisation. Dinge rasch und ohne etwas zu beschädigen anbringen oder entfernen ist angesagt.

     

    Wie soll man Bilderrahmen an die Wände hängen, wenn man keine Nägel in die Wand schlagen darf? Ein sinnvoller Werkzeugkoffer muss am Set immer dabei sein. Lässt sich etwa ein in die Mauer eingelassenes Schild in der für den Mittelalter-Shot notwendigen Mauer nicht abschrauben, kann man es auch verdecken, abhängen oder schlimmstenfalls mit wasserlöslicher Abtönfarbe dunkel überstreichen.

     

    Fundus

    Es gibt “Scheckbuch“-Requisiteure, die grundsätzlich nur in einen Fundus gehen und dort alles finden und bestellen, was sie vorfinden. Da kann es schon vorkommen, dass Standard-Küchenhandtücher, die man im Kaufhaus für 8 Euro zu kaufen bekommt, beim Fundus nach 30 Drehtagen mit 95 Euro zu Buche schlagen. Oder Etagenbetten, die man gegen geringe Gebühr bei der Bundeswehr, dem Roten Kreuz oder in Jugendherbergen bekommen könnte, im Fundus 980 Euro Miete für 30 Tage kosten. Es gibt glücklicherweise aber auch solche Requisiteure, die auch in Geschäften, auf Flohmärkten und durch direkte Recherche (per Branchenbuch etc.) die optimalen und zumeist auch wirtschaftlichsten Lösungen finden. Und wenn sie Dinge im Fundus ausleihen, so wissen sie, was sie tun. Dann werden Requisiten nicht für die ganze Drehzeit, sondern nur wenige Tage länger als die Drehtage, in denen sie benötigt werden (Aufbau/Dreh/Rückbau), gemietet.

     

    Teamwork

    Ganz wichtig ist die Kommunikation mit den anderen Kreativen, insbesondere Kamera und Regie. Nur, wenn man den Ausschnitt kennt, der auch tatsächlich im Bild zu sehen ist, kann man die sorgfältig ausgewählten Objekte richtig platzieren. Oft muss auch in Zusammenarbeit mit dem Kameramann die genaue Position festgelegt werden. Kontakte und das Wissen, wo man was beschaffen kann, gehören zu den wichtigen Elementen des Jobs. Aber auch ein feinsinniger Umgang mit den Gegenständen des Alltags ist notwendig. Wer die Wohnung einer Rollenfigur ausstatten will, sollte auch ein Gefühl dafür haben, was für ein Mensch das wohl sein könnte.

     

  • Die Seele des Schauspielers

    Helmut Griem in dem Film „Endloser Abschied

    Helmut Griem in dem Film „Endloser Abschied"

     

    Der Beruf des Schauspielers ist, wenn er gewissenhaft und mit größter Sorgfalt ausgeübt wird, ein sehr schwieriger, ausschließlicher. Während in anderen Kreativbereichen stets das Werk im Mittelpunkt der Beurteilung steht, so ist es beim Schauspieler doch immer auch der Mensch selbst. Beurteilt wird letztlich der Mensch, man trennt das Arbeitsergebnis selten von der Person. Das macht den psychischen Druck aus in diesem Beruf.

     

    Doch die Definitionen des Berufes sind unterschiedlich. Während früher viel Handwerk und Können Vorbedingung zur Ausübung dieses Berufes waren, ist heutzutage oft das bloße und möglichst wiederholte Erscheinen auf dem Bildschirm Legitimation genug. Die meisten wirklich großen Schauspieler haben jedoch eine klassische Ausbildung und lassen es sich auch nicht nehmen, neben dem Film immer wieder auch auf der Bühne zu spielen. Vom finanziellen Aspekt her ist dies sicher nicht lohnend, doch für die Seele des Schauspielers umso mehr. Eine Vielzahl von Techniken, aber natürlich auch der Erfahrungsreichtum, ermöglichen es den Schauspielern, vielfältige Rollenfiguren glaubhaft zu verkörpern. Die Fantasie des Schauspielers nutzt dabei eigene Erfahrungen, Beobachtungen und Emotionen, um daraus Bausteine für seine Rollenfigur zu formen. Hinzu kommen sorgfältige Vorbereitung und Recherche.

     

    Katharina Thalbach in „Liebe, Leben, Tod

    Katharina Thalbach in „Liebe, Leben, Tod"

     

    Zudem gibt es einige Besonderheiten beim Film, Vorgehensweisen, Abläufe, Markierungen und Vorgaben, die an dieser Stelle erörtert werden. Es sind längst nicht immer die besten Vertreter ihres Standes, welche die meisten Rollen angeboten bekommen. Die Mechanismen des Marktes, bei denen auch Öffentlichkeitsarbeit, Agenturen und Beziehungen eine Rolle spielen, übernehmen auch beim Casting so manches Mal die Hauptrolle. Und dennoch eröffnen sich auch jenseits dieser Konventionen für echte Talente immer wieder Chancen, Ihr Können unter Beweis zu stellen.

     

     

    Im Bereich "Schauspiel" des Movie-College finden sich zahlreiche Seiten über die Technik und Kunst des Schauspiels.

     

  • Jan Kurbjuweit in

    Jan Kurbjuweit zusammen mit Daniela Lunkewitz in "Franta"

     

    Stimme geben

    Viele renommierte Schauspieler leihen ihre Stimme internationalen Kollegen, wenn deren Filme für die deutschsprachige Verwertung synchronisiert werden. Doch über die praktischen Abläufe, die Arbeitsbedingungen und Voraussetzungen ist allgemein wenig bekannt. Da in Deutschland sehr viel synchronisiert wird, gibt es entsprechend viel Arbeit, allerdings oft für die immer gleichen Stimmen...

     

    Der Schauspieler Jan Kurbjuweit berichtet in einem Interview des Movie-College darüber, wie er neben der Schauspielerei zum Synchronsprechen kam, welche Voraussetzungen diese Tätigkeit erfordert und wie der Arbeitsalltag aussieht.

     

    Schauspiel-Ausbildung

    Nach seiner Schauspiel-Ausbildung an der Folkwang Hochschule in Essen nahm Jan Kurbjuweit diverse Theater- Engagements in verschiedenen Städten Deutschlands an. Sein Filmdebüt gab er 1989 in Mathias Allarys Film "Franta", mit dem er bekannt geworden ist.
    Es folgten u.a. Rollen in "Regina auf den Stufen" (ZDF, Regie: Bernd Fischerauer), "Beweisnot" (ZDF, Regie: Nico Hofmann),"M" von Claude Chabrol und "Capitale de la Doleur" von Boris Wieland. Heute arbeitet er vor allem als Synchronsprecher in Berlin.

     

    Interview mit Jan Kurbjuweit

    Jan Kurbjuweit auf der Berlinale

    Jan Kurbjuweit auf der Berlinale

    Movie-College: Wie verlief Dein Werdegang nach dem Erfolg von "Franta"?

    Jan Kurbjuweit: Ich war danach in erster Linie fürs Fernsehen tätig. Nach "Franta" kamen von den verschiedenen Fernsehsendern sehr viele Angebote. Mich hat das damals aber alles völlig überrannt. Ich hatte weder eine Agentur noch irgendeine andere Art von Beratung. Das hatte zur Folge, dass ich mich erst mal zurückgezogen habe und erst später wieder eingestiegen bin. Allerdings auf einer anderen Ebene und nicht mehr so erfolgreich. Für das ZDF habe ich dann den 10-Teiler "Regina auf den Stufen" gemacht. Auch kam es zu einer Zusammenarbeit mit Nico Hoffman und Claude Chabrol.

     

    Movie-Colllege: Was für eine Ausbildung hast Du absolviert?

    Jan Kurbjuweit: Ich habe an der Folkwang Hochschule in Essen eine Schauspielausbildung gemacht. In den darauffolgenden Jahren habe ich u.a. in Heidelberg, Stuttgart, Berlin und Zürich Theater gespielt, bis Mathias Allary mich schließlich entdeckt hat.
    Vorher hatte ich mich gar nicht in Richtung Film bemüht. Eine Kollegin hatte mich überredet, dass ich für "Franta" vorsprechen soll. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir gerade eine Auszeit vom Theater genommen, um mich mehr meinen anderen künstlerischen Fähigkeiten zu widmen. Ursprünglich wollte ich Kunst und nicht Schauspiel studieren.
    Zur Schauspielerei bin ich erst durch eine langweilige "Faust"-Inszenierung unseres Abitur-Jahrgangs gekommen. Mich hat das "sich anbiedern" meiner Mitschüler so gestört, dass ich kurzerhand eine Gegeninszenierung gestartet habe und zwar den "Traum eines Schülers". Ich hab das Stück selbst geschrieben, gespielt und Regie geführt. Vorher war ich zwar in einigen Theater- Ag`s und habe auch mal bei einer Aufführung der "Dreigroschenoper" Schlagzeug gespielt. Aber erst da ist der Funke so richtig übergesprungen, dass ich mich anschließend bei der Folkwangschule beworben habe, bei der ich sogar gleich genommen wurde.

     

    Movie-College: Du arbeitest jetzt hauptberuflich als Synchronsprecher. Wie wird man Synchronsprecher?

    Jan Kurbjuweit: Indem man arbeitsloser Schauspieler ist, vom Theater möglicherweise genug hat oder nicht die entsprechenden Rollen angeboten bekommt. Man steht quasi auf der Strasse und würde gerne wieder drehen, doch leider bleiben die Angebote aus. Also hat man eigentlich gar keine andere Wahl, als sich ein wenig umzuschauen und versucht vielleicht etwas in Richtung Rundfunk, Hörspiel oder Synchron machen zu können. Ich bin über einen Kollegen zum Synchron gekommen. Der hat mich mit ins Studio genommen und ich hatte so die Gelegenheit mir alles in Ruhe anzusehen. Ich fand es dort äußerst spannend und sah außerdem die Möglichkeit mich noch weiter entwickeln zu können. Daraufhin habe ich beschlossen, dass ich dort einsteigen möchte.
    Man fängt mit sogenannten Mengeterminen an. Massenszenen werden von Mengesprechern synchronisiert. Manchmal kommt es dann auch zu Einzelterminen, wo beispielsweise ein Briefträger gesprochen werden soll. Es zeigt sich sehr schnell, ob man Talent hat und dem Druck der in den Aufnahmestudios herrscht, standhalten kann. Zuerst hört man in das Original rein, achtet auf den Rhythmus und die Art wie gesprochen wird. Ist die Person jünger oder schon älter, welchen Charakter hat sie. Dann wird das ganze einmal geprobt und gleich darauf aufgenommen.

     

    Movie-College: Kommt es dann auch zu Leistungs- und Konkurrenzdruck?

    Jan Kurbjuweit: Der Leistungs- und Konkurrenzdruck ist nicht zu verachten. Man kommt oft in Situationen, in denen man im Kreise der Kollegen aus der Menge heraus aufgefordert wird einen Einzelnen zu sprechen. In solchen Momenten darf man sich dann nicht aus der Ruhe bringen lassen und muss sich weiterhin gut konzentrieren.
    Wenn man dann vier oder fünf mal die geforderte Leistung nicht erbringt, ist man sehr schnell wieder draußen. Sonst wird das ganze zu teuer, denn der Regisseur, das Studio, der ganze Betrieb kostet viel Geld, da kann man sich Verzögerungen nicht leisten.

     

    Movie-College: Hast du vorher ein spezielles Stimmtraining gemacht?

    Jan Kurbjuweit: Während meiner Zeit an der Schauspielschule habe ich auch ein umfangreiches Stimm- und Sprechtraining bekommen. Diese Fertigkeiten sind für die Tätigkeit eines Synchronsprechers unerlässlich.

     

    Movie-College: Wir bekommen oft Anfragen von Leuten, die direkt Synchronsprecher werden wollen, also ohne den Weg über die Schauspielerei. Ist es sinnvoll, etwas zu synchronisieren, wenn man nicht den schauspielerischen Background hat, sich in die Figur auch einzufühlen?

    Jan Kurbjuweit: Soweit ich weiß, werden z.B. in Berlin von dem Regisseur und Schauspieler Joachim Kunzendorf spezielle Kurse angeboten. Von dort kommen dann öfter mal welche, aber meistens sind sie auch schnell wieder verschwunden. Die wenigsten schaffen es wirklich sich durchzusetzen. Man lernt vielleicht den Ablauf und ein paar Techniken, z.B. das Changieren. Das bedeutet, dass man mit der Stimme etwas drüber gehen muss. Mehr als beim alltäglichen Sprechen. Aber das alles ersetzt noch kein schauspielerisches Talent. Die meisten erfolgreichen Synchronsprecher sind Schauspieler. Allerdings gibt es auch Synchronsprecher, die bereits als Kinder angefangen haben und später nie eine Schauspielausbildung oder ähnliches absolviert haben.

    Synchronsprecherin

    Synchronsprecherin

     

    Movie-College: Was würdest du jemandem raten, der in Richtung Synchronsprechen gehenmöchte. Solche Kurse scheinen in Deinen Augen ja nicht so sinnvoll zu sein?

    Jan Kurbjuweit: Solche Kurse sind insofern sinnvoll, um überhaupt fürs Synchronsprechen mal ein Gefühl zu bekommen: Auf diese Weise kann man selbst herausfinden, ob man Talent dafür hat und es einem Spaß macht. Ich weiß das gerade junge Leute oft von den Kursen kommen, sich dann einem Aufnahmeleiter oder einer Firma vorstellen und einen Mengetermin bekommen. Dort müssen sie sich dann beweisen. Wenn sie allerdings nach zwei, drei oder viermal die geforderte Leistung nicht erbringen, bekommen sie so schnell keinen neuen Termin mehr. Das ist der Weg.

     

    Movie-College: Welche Möglichkeiten gibt es die Stimme fürs Synchronsprechen zu trainieren?

    Jan Kurbjuweit: Die Stimme trainiert man gar nicht so sehr. Viel wichtiger ist das man spielen kann. Sehr wichtig sind außerdem ein musikalisches Gehör und Einfühlungsvermögen. Man hört sich den entsprechenden Take an, achtet auf den Sprechrhytmus, versucht sich in die Situation hineinzuversetzen, damit man die Stimme glaubwürdig transportieren kann.

     

    Movie-College: Gibt es spezielle Agenturen, die Synchronsprecher vermitteln, an die sich auch der Nachwuchs wenden kann?

    Jan Kurbjuweit: Nein, in Berlin zumindest nicht. In der Regel geht man zu den Firmen und stellt sich dort bei den Aufnahmeleitern vor. Am besten mit einer Vita, Foto und einer Stimmprobe auf CD. Die beinhaltet verschiedene Texte, die man gesprochene hat, also z.B. etwas witziges, Werbung, Nachrichten. Vielseitigkeit ist dabei wichtig. Man sollte auch nicht so schnell aufgeben und wenn es sein muss alle Firmen kontaktieren um sich dort vorzustellen.
    Ich habe bei einer Firma einen Disponenten. Alle Firmen in Berlin wissen, dass dieser Aufnahmeleiter für mich zuständig ist und wenden sich an ihn, wenn sie mich für etwas buchen wollen. In der Woche bekommt er 20 Bewerbungen, wovon die wenigsten wirklich eine Chance haben. Deswegen ist es wichtig, dass man hartnäckig ist, immer wieder nachfragt und so im Bewusstsein bleibt. Das Beste ist allerdings wenn man bereits etwas vorweisen kann z.B. Werbung, Rundfunk etc.
    Um sich vorzubereiten, ist es sehr sinnvoll, sich so viele Filme wie möglich anzuschauen und dann genau darauf zu achten, wie diese Filme synchronisiert sind. Auch das laute Lesen von Büchern, Nachrichten oder Werbung kann sehr hilfreich sein.
    Man hört allerdings nie wirklich die Realstimmen, vielmehr gehen die Sprecher mit ihrer Stimme ein wenig drüber. Trotzdem darf es aber nicht künstlich klingen, sondern ehrlich.
    Es werden auch immer wieder neue Stimmen benötigt, deswegen sollte man sich nicht so schnell entmutigen lassen.

     

    Movie-College: Wie sieht es mit dem Hörfunkbereich aus?

    Jan Kurbjuweit: Früher haben sie für Ihre Archive immer wieder neue Stimmen gesucht, mittlerweile ist der Bedarf nicht mehr so groß.

    Movie-College: Was hast du bisher als Synchronsprecher gemacht?

    Jan Kurbjuweit:Sehr viele Zeichentrickfilme, aber auch Realfilme und Serien.
    Einmal habe ich z.B. für einen Zeichentrickfilm ein Staubwölkchen gesprochen. So etwas macht sehr viel Spaß, da man dabei spielen kann und verrückt sein darf. Wie klingt eine Staubwolke oder ein Papagei? Es ist ein schönes Gefühl, wenn man sieht, dass man der Figur auf dem Papier Leben einhaucht.

     

    Movie-College: Was machst Du lieber: Eigene Figuren kreieren oder von einer anderen Sprache ins Deutsche zu synchronisieren?

    Jan Kurbjuweit: Das ist schwer zu beantworten, da beides seinen Reiz hat.
    Der reale Film ist feiner und daher wahrscheinlich die größere Herausforderung, da der Zuschauer nicht merken darf das es synchronisiert ist, sondern denken soll, dass der das jetzt spricht. Spaß macht es natürlich wenn man in den Zeichentricks richtig Saft gegeben darf, man rumspielen kann. Eine Herausforderung war z.B. mal, als ich für eine Werbung einen Hund sprechen sollte, der erst real ist und winselt und dann auch richtig spricht.

     

    Movie-College: Kommt es auch vor das Du innerhalb einer Serie oder eines Films mehrere Personen sprichst? Ist es stimmlich machbar das man mehrere Rollen spricht?

    Jan Kurbjuweit auf der Berlinale

    Jan Kurbjuweit auf der Berlinale

    Jan Kurbjuweit: Bei den Mengeterminen spricht man auch mal mehrere verschiedene Typen. Das hört auch keiner, der Zuschauer kann es nicht unterscheiden.

     

    Movie-College: Hat es lange gedauert bis du von den Mengeterminen zu dem Punkt gekommen bist, an dem du davon leben konntest?

    Jan Kurbjuweit: Ich hab ziemlich schnell von den Mengeterminen leben können, die sind schon relativ gut bezahlt. Um mal einen Anhaltspunkt zu geben: Man hat einen Mengetag im Studio von 9-18 Uhr, ist dort den ganzen Tag über mit vielen Leuten zusammen, es ist dunkel und sehr anstrengend, wird aber gut bezahlt. Ich wurde damals mit 250 € am Tag bezahlt. Wenn du das hochrechnest: 2 Tage in der Woche... so hab ich mich damals finanziert.

     

    Movie-College: Ist das heute noch so?

    Jan Kurbjuweit: Es kann sein das die heute weniger zahlen, vielleicht 200 €. Und wenn man anfängt, dann Rollen zu sprechen, kommt schon einiges zusammen. Aber dafür muss man auch einiges sprechen. Hier in Berlin ist es so, dass man pro Take bezahlt wird und seit 1996 ist der Preis pro Take gleich, nämlich 2,50 €.
    Die großen Sprecher bekommen dann natürlich mehr oder handeln Pauschalen aus.
    Weitere Regeln sind, dass 1-10 Takes 50 € kosten. Früher gab es für die Anreise 25 € und für jeden Take bekam man dann 2,50 €. Im nächsten Schritt erhöht man die Grundgage: 150 € dafür, dass man kommt und 2,50 € für jeden Take. Die Kommgage erhält man jeden Tag neu.

     

    Movie-College: Ist man dann jedes Mal den ganzen Tag im Studio?

    Jan Kurbjuweit: Nein nicht unbedingt, man hat oft auch mehrere Termine an einem Tag in verschiedenen Studios. Je nachdem, wie man gebucht ist, hat man dann pro Termin eine Grundgage plus die gesprochenen Takes bekommen. Das ist nicht immer so, aber es kommt vor, dass sich das häuft.
    Das schöne in dem Beruf ist, dass man auch mal wieder freie Zeit hat. Mir kommt das sehr entgegen, da ich auch gerne mal in Ausstellungen gehe, Freunde besuche oder mich irgendwelchen Aktivitäten widme. Der Nachteil ist allerdings, dass man nicht weit im Voraus planen kann, da man immer erst abends die Termine für morgen weiß. Damit muss man umgehen können. Mich nervt es mittlerweile ein bisschen, da ich nicht so über mein leben entscheiden lassen möchte. Aber wenn man schon ein bisschen im Geschäft ist, kann man dem Disponenten auch schon mal sagen, dass man jetzt mal für zwei Tage nicht da ist.

     

    Movie-College: Ist Berlin die Stadt fürs Synchronsprechen oder gibt es da auch andere Städte?

    Jan Kurbjuweit: Es gibt viele Firmen in Berlin. Aber auch in München, Hamburg oder
    Frankfurt. Hannover ist eher Porno, mich hat das nie so gereizt. Vielleicht wäre es auch mal spannend, das zu machen.

     

    Movie-College: Verträgt sich denn Dein Image damit Porno zu Synchronisieren?

    Jan Kurbjuweit: Je vielseitiger desto besser. Da gibt es das Schubladendenken nicht so, wie es z.B. bei der Schauspielerei der Fall ist. Aber über das Synchronisieren von Pornos wird nicht so offen gesprochen, man kriegt es eher am Rande mit.

     

    Movie-College: Und nun unsere Letzte Frage: Du wohnst hier in Berlin, wegen dem Job oder des kulturellen Angebots?

    Jan Kurbjuweit:Wegen der Liebe und dann war es mit der Liebe aus und ich bin hier hängen geblieben. Dann hab ich mit dem Synchronsprechen angefangen, aber die kulturellen Angebote sind nicht zu verachten.

     

    Movie-College: Vielen dank für das Interview.