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Telenovela2 2000

 

Fließbandgefühle

Ein Begriff, mit dem zumindest hierzulande bis vor einigen Jahren noch niemand etwas anfangen konnte, eroberte Mitte der 2000er Jahre unsere Bildschirme. Dabei war die Telenovela gar kein neues, junges, sondern ein ziemlich altes Fernsehformat. Eigentlich bedeutet "Telenovela" (Spanisch) "Fernsehromane" und bezieht sich direkt auf die "Seifenopern", die amerikanischen Serien-Vorbilder. Vorläufer der Telenovelas waren im Hörfunk vorgelesene Romane, sogenannte Radionovelas im Kuba der 30er Jahre, melodramatische Fortsetzungsgeschichten. Hauptgrund für diese Eroberungswelle waren einmal mehr die Produktionskosten, die bei Telenovelas sehr niedrig sind im Vergleich zu regulären Serien oder gar Fernsehspielen.

Was ursprünglich als lateinamerikanisches Fernsehphänomen wenig Beachtung bei uns fand, wurde überraschend zum Vorbild für zahlreiche deutsche Daily-Produktionen. Natürlich sind inzwischen viele von ihnen genauso schnell verschwunden, wie sie kamen, doch einige sind bis heute lebendig.

 

Basics

Lange haben wir sie belächelt, haben den Versuch der ARD mit der "Sklavin Isaura" oder "Sinha Mossa" aus Brasilien zu punkten verächtlich kommentiert. Telenovela war das Synonym für schnell runtergedrehte, die Welt vereinfachende Geschichten.  Die Prinzipien "Arme unschuldige Schönheit trifft auf reichen Märchen-Industriellen-Chef verliebt sich und muss viele Widrigkeiten überwinden bis es zur Hochzeit kommt" oder "Auch gescheiterte, unehrenhaft verstoßene Kinder von Reichen sind liebenswerte Menschen" zogen sich durch praktisch alle Telenovelas. Wichtigste dramaturgische Regel war der kompromisslose Sieg der Guten am Ende jeder Staffel.

Paten für die Inhalte stehen Märchen und Melodramen. Dramaturgisch gesehen haben Telenovelas Ähnlichkeiten mit Serien, allerdings werden sie häufig aus der Perspektive der weiblichen Hauptfigur erzählt und laufen kontinuierlich auf die Auflösung der zentralen Liebes- und Familienkonflikte und mehrheitlich auf ein Happy End zu. Während aber Soaps eine offene, potenziell endlose Erzählung darstellen, handelt es sich bei Telenovelas eigentlich immer um geschlossene Stories, bei denen das Ende schon feststeht und die mit 100 bis 200 Folgen einige Monate lang hintereinander laufen.

Damit wird auch deutlich, welche Zuschauerkreise durch Telenovelas vornehmlich angesprochen werden sollen. Am Ende jeder Folge steht meist ein kurzes pseudodramatisches Ereignis, der berühmte "Cliffhanger", wodurch in den Zuschauern das Interesse geschürt wird, die nächste Folge einzuschalten, um zu erfahren, wie es weitergeht.

 

Spielregeln in den Ursprungsländern

Beziehungs,- und Familienkonflikte filmgerecht aufbereitet (KI-Illustration)

 

Die Akteure der bis zu 300 Folgen währenden Novelas waren anfangs häufig Laien, inzwischen spielen aber Profis, Telenovela-Stars. Es soll früher sogar vorgekommen sein, dass Texte nicht zwingend gelernt wurden, und in einigen Studios mit besonders hohem Output die Texte den Darstellern per Ohrhörer vorgesagt wurden, inklusive Handlungsanweisungen. Kein Problem bei durchgehend einfachen Handlungssträngen.

In früheren medienkritischen Analysen hat man Telenovelas teilweise als Beruhigungspille für sozial Schwache bezeichnet. Melodramatische Traumwelten boten danach Ablenkung von sozialen und politischen Problemen. Doch das trifft das Phänomen Telenovelas nur teilweise. Denn sie behandeln natürlich auch gesellschaftliche Fragen wie Klassenunterschiede, Familienstrukturen, Geschlechterrollen, Rassismus und haben ein breites Publikum. Führende Telenovela-Nationen sind Brasilien und Mexiko mit täglich bis zu sieben Stunden verfilmter Groschenromane.

 

Importierte Seifenblasen

Doch die Zeiten änderten sich. Ob es inzwischen hierzulande mehr Armenviertel gibt oder die Sparzwänge der Sender Billigformate plötzlich unausweichlich scheinen lassen, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass auch über die heimischen Fernseher eine Telenovela-Welle ungeahnten Ausmaßes hereinbrach. Dabei wurden nicht nur eingekaufte und synchronisierte lateinamerikanische Novelas wie etwa "Salome" (Story um eine Waisenkind-Tänzerin, die sich in einen Milliardärssohn verliebt) gesendet, sondern auch viele Eigenproduktionen, die von heimischen Produktionsfirmen wie der Bavaria oder Grundy-UFA im Eiltempo runtergekurbelt werden.

Mit „Bianca – Wege zum Glück“ hat tatsächlich das ZDF 2004 die erste deutsche Telenovela begonnen. Weitere Titel wie "Sophie-Braut wider Willen",  "Verliebt in Berlin", "Sturm der Liebe", Rote Rosen oder "Tessa -Leben für die Liebe" entstehen in rasantem Eiltempo. 43 bis 50 Minuten pro Tag abzudrehen ist Standard, ein Produktionsausstoß, die für szenische Serienproduktionen bisher als völlig absurd galt. Selbst der Klassiker "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" schafft es am Tag nur auf 25 Sendeminuten. Eine Arbeitswoche Drehzeit galt bisher als Minimum für Serien.

 

Fließband-Produktion

Hinter vielen Produktionen der deutschen Telenovelas standen die üblichen Großproduktionen: Grundy UFA TV oder auch die Bavaria. Die Innenmotive werden weitgehend in Studiokulissen gedreht, wahlweise in den Bavaria Studios oder in Potsdam-Babelsberg, das spart jede Menge Zeit. Die Kosten für etwa 50 Minuten Programm lagen Mitte der 2000er Jahre bei ca. 75.000-100.000 Euro, ein vergleichsweise kleiner Betrag.

Die industrielle Massenware fordert auch andere Produktionsmethoden. So werden die Drehbücher etwa von ganzen Teams oder vielen einzelnen Autoren geschrieben.  Meistens gibt ein Autor eine Handlungslinie vor, die dann von den anderen in die jeweiligen Folgen eingearbeitet wird. Für "Julia -Wege zum Glück" etwa schreiben Petra Bodenbach und ein nicht näher benanntes Autorenteam, für "Sophie -Braut wider Willen" Cornelia Deil-Sanoh und ihr Autorenteam.

Heute ist es selbstverständlich auf SSDs zu drehen, in den Zeiten des ersten deutschen Telenovela-Booms war das noch Neuland und einige Produktionen drehten bereits filebasiert. Dadurch entfielen sonst übliche Wartezeiten wie Eindigitalisieren oder Einspielen in der Postproduktion.

 

Was bleibt...

Was das Niveau angeht, brauchen sich die aktuellen deutschsprachigen Telenovelas, die teilweise in Koproduktion deutscher, österreichischer und schweizer Fernsehanstalten entstehen, nicht vor ihren südamerikanischen Vorbildern zu verstecken. Fürchten muss man sich allerdings vor einer neuen Generation von Fernsehzuschauern, die aus den zweifelhaften Erzählphilosophien Maßstäbe für ihr reales Leben gewinnen werden.

Ihre holzschnittartigen Figuren erinnerten anfangs in ihrer Differenziertheit eher an Comics, das Gute, das Böse, Reich und Arm. Romantik und Schicksal als Konzentrat medialer Glanzbilder. Inzwischen haben auch die Telenovelas ihre Ansprüche deutlich nach oben geschraubt.

 

Thema: Medienpädagogik Dieser Beitrag gehört zum Themenbereich Medienpädagogik. Mehr zur Medienpädagogik
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