Motivwahl

Örtlichkeit und Szenen

Geschlossene Räume können Enge und Eingeschlossenheit ausdrücken.

Geschlossene Räume können Enge und Eingeschlossenheit ausdrücken.

Filme setzen sich aus einer Vielzahl von Szenen zusammen. Entsprechend müssen auch die Drehbücher, auf denen die Filme basieren, eine Szenenstruktur aufweisen. Für die Gestaltung ist zunächst einmal wichtig:

 

  1. An welcher Stelle in der Geschichte befindet sich diese Szene?
  2. An welchem Ort, welchem Motiv findet diese Szene statt?
  3. Welche Örtlichkeit mit unserem Helden/unserer Heldin ist ihr vorausgegangen, welche wird ihr folgen?
  4. In welcher Befindlichkeit, an welchem Punkt seines/ihres Weges durch die Geschichte befindet sich unser Filmheld/unsere -heldin?
  5. Welche Entwicklung wird in dieser Szene vorangetrieben?
  6. Welchem Zweck dient diese Szene?

 

Besonders für junge Autoren fällt es nicht immer leicht zu entscheiden, wo eine Szene endet und eine neue beginnt. Man kann diese Frage räumlich beantworten. Wenn man sich räumlich an einen anderen Ort begeben muss, um die Fortsetzung der Handlung zu verfolgen, so beginnt eine neue Szene. Auch der Wechsel von Innen nach Außen bedeutet meistens einen Szenenwechsel.

 

Grundlegende Angaben

Die formale Gestaltung von Drehbuchseiten ist ja bereits an anderer Stelle beschrieben. Die Szenenzeile gibt Auskunft über Tageszeit, Örtlichkeit und Innen/Außen. Letzere Position war besonders früher im amerikanischen Studiosystem wichtig, um die Kosten und den Aufwand eines Projekts bereits beim Überschlagen der Seiten erfassen zu können. Innenmotive wurden damals fast automatisch im Studio gebaut und waren damit preiswerte und wetterunabhängige Motive. Außenmotive galten eher als aufwändig und teuer; Drehbücher wurden auch nach diesen Kriterien ausgewählt.

 

Heute ist das anders. On Location zu drehen ist in Europa Standard und die Geräte sind heute viel handlicher als noch vor 50 Jahren. Sie dürfen sich also in der Entscheidung, ob innen oder außen gedreht wird, absolut frei bewegen.

 

Orte und Assoziationen

Ein weites Feld kann die Charaktere schutzlos und ausgeliefert erscheinen lassen.

Ein weites Feld kann die Charaktere schutzlos und ausgeliefert erscheinen lassen.

Bedenken Sie dabei, dass ein Innenmotiv häufig Enge, Eingeschlossenheit, Gemütlichkeit, Schutz oder Intimität signalisiert. Außenmotive vermitteln dagegen Weite, Öffentlichkeit, Ferne, Freiheit oder auch Schutzlosigkeit. Die genaue Bewertung hängt natürlich immer von der Geschichte und der konkreten Örtlichkeit ab. Büros strahlen Arbeit, Archive den Zugang zu persönlichen Daten, belebte Straßen Geschäftigkeit oder Labors Forschung aus.

 

Ob Kirchen, Hinterhöfe oder Kanalisation: Örtlichkeiten transportieren aufgrund unserer Erfahrungen eine ganz eigene Bedeutung. Ganz gleich, ob unsere Filmfiguren diese Bedeutung akzeptieren oder brechen, die Grundaussage bleibt bestehen. Auch wenn diese ein Picknick auf einem Friedhof abhalten, bleibt es ein Friedhof.

 

Man sollte sein Motiv möglichst auch nach dem Zweck auswählen, welchen die betreffende Szene erfüllt. In welche emotionale und auch physische Situation soll unser Held/unsere Heldin in der Szene versetzt werden? An welchem Ort, der innerhalb der Filmgeschichte glaubhaft bleibt, wäre die gewünschte Wirkung besonders gut zu erzielen? Soll ein frisch verliebtes Paar sich in einer romantischen Locanta näher kommen oder dürfen sie ihre Gefühle im Ernteeinsatz auf der Ladefläche eines LKW und unter den strengen Blicken der Dorfältesten nur vorsichtig signalisieren? Ein gut gewähltes Motiv kann bereits einen wichtigen Teil der Szene mittragen.

 

Orte in der Szenenzeile

Die Örtlichkeit sollte nur knapp genannt werden. Beschreibungen wie etwa „Ein alter, verfallener Backsteinturm“ sind eindeutig zu lang. „Alter Turm“ genügt völlig.

 

Nur beschreiben, was wichtig ist

Seien Sie bei Ihren Beschreibungen nicht zu detailverliebt! Gerade bei einem Drehbuch sollten Details (Adjektive, Adverbien) stets Dinge unterstreichen, auf die man den Leser oder Zuschauer aufmerksam machen möchte. Wenn man nur in Beschreibungen schwelgt, weil man diese so hübsch findet, verfehlt man sein Ziel, eine klare Geschichte zu erzählen. Wie kann man testen, ob die Beschreibungen stimmig sind?

 

Stellen Sie sich vor, im Film wären ihre Beschreibungen auch tatsächlich im Bild zu sehen. Nehmen wir eine Sequenz wie:

 

“Robert geht langsam zwischen den rostigen, aufeinander gestapelten Autowracks hindurch und schaut dabei dem noch immer atemlosen Georg forschend an. Einige der Wracks auf dem langgestreckten Gelände scheinen noch aus den 60er Jahren zu stammen, sogar der alte Chrom blitzt hier und da noch durch. Nicht weit von einer Baumreihe zieht Georg langsam den Schlüssel zu einem Bankschließfach aus einem roten Umschlag.“

 

Was sollte die Kamera denn wirklich zeigen? Die Vorstellung, dass die beiden Filmfiguren zwischen gestapelten Autowracks hindurchgehen, ist als Bild denkbar und erzählt dem Zuschauer, dass wir uns auf einem Schrottplatz befinden. Doch die Geschichte mit den 60er Jahren und dem Chrom ist definitiv überflüssig. Wenn Sie unsere Testfrage befolgen, würde dies bedeuten, die Kamera müsste ein paar Autowracks aus den 60ern zeigen und vielleicht sogar noch als Detail irgendwelche Chromteile. Und dass der Platz lang ist, kann man auch getrost weglassen. Auch die Baumreihe darf, so sie nicht zur Handlung gehört, getrost gestrichen werden. Auch dies wären beides Aufnahmen, die einfach nicht benötigt werden.

 

Kontraste beleben die Geschichte

Je nach Geschichte können Sie Ihre Filmfiguren durchaus auch in sehr kontrastierende Örtlichkeiten bringen. Das kann die Dynamik Ihrer Geschichte ungemein erhöhen. Versuchen Sie sich bei der Wahl stets auszumalen, was sich für Ihre Figuren aus dieser Örtlichkeit für Situationen ergeben könnten. Versetzen Sie Ihre Filmfiguren in Örtlichkeiten, die ihnen vertraut sind, können sie sich sicher bewegen. Platzieren sie dieselben Figuren aber in völlig fremden, ihnen ungewohnten Orten, ergeben sich plötzlich völlig neue Möglichkeiten. Ob es der Wildjäger ist, der plötzlich in der Großstadt landet oder das Straßenmädchen, welches sich im Luxushotel zurechtfinden soll. Gut gewählte Örtlichkeiten erzählen manchmal die Szene fast wie von selbst. Die Filmgeschichte nährt sich unentwegt davon.

 

Der Ort und sein Wetter

Die Auswahl der Wettersituation nimmt Einfluss darauf, wie es den Filmfiguren an ihrem gewählten Ort ergeht. Das romantischste Picknick kann im Wolkenbruch ruiniert werden oder aber die durchnässten Filmfiguren einander noch näher bringen. Regen oder starker Wind kann noch mehr Kälte und Unbehaustheit in eine Situation bringen, kann Fußspuren verwischen, kann einen Verlierer noch verlorener aussehen lassen.

 

Orte vermitteln Zeitgefühl

Darüber hinaus können sie auch das Tempo innerhalb einer Szene mitbestimmen. Eine halb verfallene Tankstelle an einem einsamen Highway vermittelt ein anderes Tempo als die Wartehalle eines Großflughafens oder ein Fischmarkt. Außerdem können Sie durch die Wahl weit voneinander entfernter Orte oder wechselnder Tages- oder Jahreszeiten auch indirekt Aussagen über die Zeitabstände innerhalb Ihrer Geschichte treffen. Sie haben die Macht, durch die Wahl Ihrer Örtlichkeiten Ihre Filmfiguren auf vielfältige Weise zu steuern.