Regisseur Cristi Puiu

Der rumänische Regisseur Cristi Puiu gilt als kompromissloser Suchender nach neuen realistischen Erzählweisen

Anfang des neuen Jahrtausends haben Filmemacher aus Rumänien getan, was schon diverse Filmbewegungen anderer Länder vor ihnen getan haben,- sich von den Zwängen des kommerziellen Kinos loszusagen und kritische, unabhängige Filme zu produzieren. Eine Art Nouvelle Vague suchte sich von Bukarest aus ihren Weg...

 

Dabei waren die Orte, Situationen und Menschen, die sie in ihren Filmen zeigten, auf Grund der Besonderheiten der kommunistischen Ära des Landes für die restliche Welt so besonders und anders, war das Erzähltempo, was sich nahezu nach Echtzeit anfühlte, so entschleunigt, dass die internationale Filmkritik mit großer Aufmerksamkeit auf dieses andere Kino reagierte.

 

Starke Signale

Das korrupte Gesundheitssystem wird in Christi Puius "Der Tod des Herrn Lazarescu" eindringlich und gnadenlos minuziös geschildert, in dem der Protagonist von Klinik zu Klinik weiterverschoben wird, bis er schließlich stirbt. Regisseur Puiu lief in Cannes und holte dort prompt den Preis der Reihe "Un certain regard".

 

Korruption, Sittenverfall und schiere menschliche Not thematisierte Cristian Mungiu in seinem " Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage" und gewann damit in Cannes die goldene Palme. Letztlich ist sein Film ein Einblick in eine dunkle unmoralische und verdorbene Welt, die vielleicht zugleich die Zeit des Kommunismus und ihre Überreste in der behaupteten Freiheit gewährt.

 

In "Police, Adjective" scheint es zunächst nur um Ermittlungsarbeit der Polizei zu gehen, doch nach und nach wird klar, dass hier jemand hereingelegt werden soll, einem Jugendlichen soll eine Falle gestellt werden, die ihn für viele Jahre ins Gefängnis bringen soll. Cristi, ein junger Polizist will ihm diese Falle jedoch nicht stellen, was ihn selbst in Schwierigkeiten bringt. Ein präzise dokumentiertes Psychodrama, zugleich eine Studie über die Gerechtigkeit.

 

"Mutter und Sohn" von Călin Peter Netzer holte den Goldenen Bären in Berlin für sein Drama erstickender Mutterliebe im Oberschicht-Milieu. Ihr überbehüteter Sohn Barbu überfährt eines Tages bei einem Überholvorgang einen Jungen. All das, was von da an die Mutter tut, um ihren Sohn vor Bestrafung zu schützen, ist so eindringlich und bedrückend zugleich, dass es wehtut. Schließlich besucht sie die Familie des toten Kindes mit vorbereitetem Geld um diese von einer Anzeige abzuhalten.

 

"Tuesday after Christmas" von Radu Muntean zeigt Familienleben, Privates, zeigt Enge und gewährt Einblicke in eine familiäre Tragödie. Innere Konflikte eines Paares werden in kleinen Momenten des Zusammenseins, an scheinbaren Beliebigkeiten und Zufälligkeiten identifizierbar. Einerseits erzeugt der Film den Eindruck von Unbeteiligtheit der Kamera, andererseits sind bestimmte Bilder genauestens konzipiert. Damit liefert er einen Realismuseindruck trotz komplexer Konstruktion.

 

Die Wirklichkeit, ungeschönt und schmerzlich genau

Regisseur Cristi Puiu

In München hat Cristi Puiu seinen Film "Sierraleone" vorgestellt.

Die Filmemacher wollen uns mit ihren ungewöhnlichen Arbeiten Einblicke in den Stand der Entwicklung Rumäniens gewähren und bezeugen, dass die Befreiung von den alten Eliten des Ceaușescu-Regimes und dem politischen Geschachere längst nicht gelungen ist. Die Filme spielen in ihrem eigenen Land kaum eine Rolle, es gibt nur wenige Kinos und Kinokarten sind für Normalverdiener kaum erschwinglich.<

 

Die Beschäftigung mit den einfachen Menschen, die heruntergekommenen Wohnungen, Häuser, die unbefestigten Straßen aber auch das um Abgrenzung bemühte Bürgertum, all das erinnert an den italienischen Neorealismus, allerdings ohne das Temperament, die Eleganz und die überbordende Emotionalität der italienischen Vorbilder.

 

Die Rumänen erzählen in großer Sachlichkeit, dokumentarischer Präzision und teilweise stoischer Ruhe ihre Tragödien in denen die Protagonisten ständig mit Alltagsschwierigkeiten und deren Workarounds oder handfesten Verbrechen zu tun haben. Nicht wenige Rumänen fürchten, dass diese Filme auch wegen ihres großen Erfolges in europäischen Arthouse-Kinos den Ruf Rumäniens nachhaltig beschädigen könnten. Zudem wollen sie an die Probleme, die sie alltäglich erleiden müssen, nicht auch noch im Film erinnert werden.

 

Teilweise scheint es, als würden sich die einstigen Stars des neuen rumänischen Kinos immer weiter von ihren eigentlichen Inhalten entfernen und das Prinzip Echtzeit als alleinige Erzählprämisse beibehalten wollen. Man ist bei einigen Filmen einfach eine Zeit lang mit den Protagonisten zusammen, beobachtet sie bei verschiedenen Handlungen und verliert sie dann wieder aus den Augen. Ziele, Absichten oder ganz banal Handlung wird nicht mehr angeboten. Das ist eine andere Art des Erzählens, die nicht jeder über lange Strecken von über drei Stunden aushalten möchte. Andererseits ist es vielleicht eine der wenigen Möglichkeiten erzählerischer Erneuerung.

 

Sicherlich haben auch die finanziellen Bedingungen unter denen die Filme entstehen mussten, diese besondere dokumentarähnliche Erzählart hervorgebracht, damit steht das neue rumänische Kino mitten in besten Traditionen etwa der französischen Nouvelle Vague oder der italienischen Neorealisten.

 

Interview mit Cristi Puiu

Hier das Movie-College Interview mit Cristi Puiu, welches wir am Rande des Münchner Filmfests geführt haben: