MC18 NOV17x2

Social Media Icons Shop 55

Kinosaal Rot 4000
 
 

Filmstart: 19. Mai 2005

 

Regie: Cate Shortland

 

In Australien hat "Somersault" so gut wie alle Filmpreise abgeräumt, die es gibt. Und dagegen gibt es nicht viel einzuwenden. Denn auch wenn das Thema - Hurra: Erwachsenwerden - wieder einmal dasselbe ist, nimmt man doch dankbar zur Kenntnis, dass auch alte Geschichten immer wieder anders erzählt werden können.

Die 16-jährige Heidi (man glaubt gar nicht, wie süß dieser Name auf australisch klingen kann...) wohnt mit ihrer Mutter und deren Freund in einem kleinen Kaff. Auf der Suche nach Geborgenheit und Familie verwechselt sie Liebe mit Sex- und schafft es, selbst das bisschen Familie zu gefährden, das sie hat. Getrieben durch ihr schlechtes Gewissen reißt sie von zuhause aus und findet in einem Wintersportort eine neue Heimat. Die Motelbesitzerin Irene überlässt ihr das Appartement ihres Sohnes, der wegen Mord im Gefängnis sitzt, und als Aushilfe in einer Tankstelle findet Heidi Arbeit und eine Freundin. Auf ihren Streifzügen durch das Nachtleben trifft sie den Farmersohn Joe, der erst nach und nach merkt, dass Heidi ihm etwas bedeutet. Zum ersten Mal ist es Heidi ernst, sie weiß, was sie will; Joe ist mehr als nur eine Bekanntschaft. Joe jedoch, der unter Bindungsängsten leidet, kann sich nicht eingestehen, dass er sich verliebt hat. Als er sie von sich stößt, begeht Heidi wieder den alten Fehler. Sturzbetrunken nimmt sie gleich zwei Männer mit in ihre Wohnung. Als erst Joe auftaucht und Irene ihr am nächsten Morgen kündigt, ist die Katastrophe perfekt. Wieder hat sie das bisschen Geborgenheit zerstört, das sie erfahren hat. Doch etwas ist anders: Sie hat Freunde gefunden, Wärme erfahren. Und so lernt sie die wichtige Lektion, dass echte Liebe verzeiht- auch sich selbst.

In wunderschönen Bildern wird die australische Berglandschaft von der Kamera eingefangen. Die Natur mit ihrer ganzen Rauheit und Härte wird zum beeindruckenden Mitspieler. Neben der Naturkulisse ist es vor allem die Hauptdarstellerin, die diesen Film so sehenswert macht, denn nur wenige Schauspielerinnen hätten es auf so eindringliche, sensible Weise geschafft, dem verschlossenen Charakter der Heidi Ausdruck zu verleihen. Das Innenleben Heidis macht den Film aus, und es ist zu einem großen Teil Abbie Cornish zu verdanken, dass das nicht nicht nur nicht in die Hose geht, sondern sogar den besonderen Reiz von "Somersault" ausmacht.
Dieser Film ist nicht leicht genießbar, er geht an die Nieren, er berührt- und deshalb verzeiht man gerne auch ein paar Plattheiten in der Handlung, z.B. dass sowohl Heidi als auch Joe kurz eine rosarote Brille aufsetzen, um Abstand zur Realität zu nehmen. Auch die Darstellung der kindlichen Seite Heidis gerät etwas klischeehaft übertrieben (glockenhelle Klänge zum Tagebuch mit Glitzerbildern- gruselig, aber Gott sei Dank schnell vorbei).
Beeindruckend ist jedoch, wie ernsthaft die Geschichte dieser Selbstfindung erzählt wird. Weder sind zum Schluss alle Probleme geklärt, noch ist Heidi plötzlich ganz erwachsen. Und doch ist dieser tiefe innere Frieden, den sie erreicht hat, förmlich mit Händen zu greifen. "Somersault" hat wenig gemein mit typischen Coming of age- Filmen, wie es die Inhaltsangabe vielleicht suggeriert. Vielmehr  geht es um das emotionale Überleben eines Individuums in einer harten, bedrohlichen Umgebung, und die Art und Weise, wie dieses erzählt wird, ist höchst bemerkenswert.

 

Gesehen von Johannes Prokop

 

Kameraworkshop Banner 8 23 4000

Kameraworkshop Banner 8 23 4000

Weitere neue Artikel

Warum die kleinen Plastiksteinchen aus Skandinavien so viele Stop-Motion Filme hervorgebracht haben...

Wie man vor CGI und Computeranimationen mit Modelltricks und Einzelbildern Fantasiewelten erschuf

Weshalb Kunsträuber im KIno schon immer eine wichtige Rolle eingenommen haben

Eigentlich überrascht es uns kaum noch, dass auch die Flatscreen Fernseher unser Verhalten präzise überwachen...

Warum nur hat die generative KI so große Probleme bei der Darstellung von Händen und Füßen? Ein Versuch, das zu verstehen...

Wie rasant sich die Technik rund um die Unterdrückung unerwünschter Tonsignale entwickelt hat, ist kaum zu glauben...

Wie die Slapstick-Komödien zu den erfolgreichsten frühen Genres der Stummfilmzeit wurden und bis heute nachwirken

So wie einst die Nagra den Filmton revolutionierte, hatten die britischen Mischpulte die Arbeit an Filmsets radikal verändert.

Es ist schon etwas besonderes, wenn der Titel eines Films aus seiner Handlung oder seinen Dialogen entspringt...

Unsere Welt, das Leben um uns herum bietet unzählige spannende Geschichten, die geradezu danach rufen, verfilmt zu werden...

Streaming und Filmkultur: Wie legale Streaming-Seiten die Film,- und Medienwelt verändert haben

Krise oder Transformation? Ein Plädoyer für neue Formen des Dokumentarischen

Sie ist eine der ältesten Techniken, um realistische Animationen zu schaffen: Die 1914 erfundene Rotoskopie.

In Filmabspännen stehen oft viele Producer. Was machen die eigentlich alle und welche Unterschiede gibt es?

Was können sie und was können sie nicht? Rückblenden als Bruchstellen der filmischen Illusion

Welche Weihnachtsfilme werden wohl in diesem Jahr auf uns herniederschneien? Wir haben Euch den ultimativen Timetable zusammengestellt....

Der Begriff klingt bescheiden. Was macht ihn so entscheidend für die Fähigkeiten und das Funktionieren von Technik?

In diesem Interview erzählt uns der Regisseur Kevin Koch ein paar Hintergründe zu der Entstehung seines Films "Prince de la Ville", der auf der FOFS 2025 gezeigt wurde.