Drehorte: Weggedreht

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Drehort, die verstehen weder die Filmteams, noch die Zuschauer. Die Suche nach dem geeigneten Motiv war langwierig, die Verhandlungen mit den Besitzern über die Drehgenehmigung mühselig, und die Arbeitsbedingungen für das Team unbefriedigend. Und wofür das alles? Manchmal lässt sich diese Frage nur mit einem Achselzucken beantworten.

 

Von Bergen und Abgründen

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Da fahren komplette Filmteams für den Dreh einer ZDF-Traditionsserie an einen der schönsten Flecken in Tirol. Man karrt die ganzen LKW mit dem Licht, der Kamerabühne, die Masken und Kostüm-Wohnmobile kurz den ganzen Tross einer kommerziellen Dreh-Logistik dorthin, und quartiert sich in teuren Touristenhotels ein. Ein Tal wie aus dem Märchenbuch, wundersame Wolkenformationen, das ganze Team ist überaus angetan von der zauberhaften Location. Als die Filmmuster angeschaut werden, formen sich die ersten Gesichter zu Fragezeichen. Die Szene spielte im Innern eines Fachwerkhauses mit einer der schönsten Fassaden weit und breit, doch dies bleibt dem Zuschauer verborgen, weil sich die Szene im Innern abspielt. Ein Außenschuss wurde nicht gedreht. Und das zauberhafte Tal ist von Innen durch das Fenster auch nicht zu sehen. Kurz: Die Szene hätte genau so gut im Besprechungsraum der Produktionsfirma daheim gedreht werden können.

 

Architektonische Geheimnisse

Ein phantastischer Bürokomplex, die gesamte Konstruktion samt Versorgungsleitungen erschließt sich dem Betrachter durch eine hochkarätige Architektur. Das Team schleppt die Gerätekoffer an atemberaubenden Perspektiven, gläsernen Vexierspielen vorbei in das hintere Büro. Der Hauptdarsteller nimmt auf dem Bürostuhl vor eine hellen Wand Platz, nimmt den Telefonhörer in die Hand und telefoniert. Von der Exklusivität des Motivs wird der Zuschauer bedauerlicherweise nie etwas erfahren, den Schreibtisch hätte man auch beim Regisseur zu Hause drehen können.

 

Zwischen den Bildern verloren

Der millionenschwere Mehrteiler über jüngste deutsche Geschichte entsteht unter anderem in einem Berliner Nobel-Hotel. Zahlreiche Drehtage bei einer Motivmiete von 5000 Euro am Tag lassen schon einiges erwarten. Der Flair eines First-Class Hotels, die lokalen Besonderheiten, die Blicke aus den Fenstern auf die Hauptstadt. Doch die Ergebnisse lassen kaum erkennen, welch enormer Aufwand getrieben wurde. Gewiss: Man sieht ein wenig Hotel, aber mehr auch nicht. Einhellige Meinung des Filmteams: Das hätte man genauso gut in einem Zelt drehen können...

 

Fehlendes Bindeglied

Der Clou einer Szene aus einem Episodenfilm rund um ein „freundliches schwedisches Möbelhaus" ist die plötzliche Verwandlung der Cafeteria in eine Showbühne. Mehrere Darsteller sowie zahlreiche Komparsen, die zunächst speisen, beginnen plötzlich in der verwandelten Kantine zu swingen und zu tanzen. Die Showbühne wird von der Ausstattung aufwändig in die Cafeteria hineingebaut und perfekt ausgeleuchtet. Die Tanzeinlagen und das Playback funktionieren tadellos. So tadellos, dass sich der Zuschauer des fertigen Films an einem völlig anderen Ort wähnt. Man hat versäumt, den Übergang von Cafeteria zur Showbühne durch entsprechende Einstellungen, in denen beides, Showbühne und „normale" Cafeteria, zu sehen sind, zu zeigen. Das Zauberhafte an der Grundidee, die Metamorphose der Cafeteria, ist damit unwiederbringlich verloren.

 

Vor lauter Bäumen...

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Das Phänomen ist bekannt. Immer wieder vergessen auch erfahrene Filmschaffende, selbst an den beeindruckendsten Motiven, diese auch in angemessener Form im Bild zu zeigen. Die eigene Wahrnehmung des Drehortes mit all seinen Facetten wiegt einen in dem sicheren Gefühl, dieses in jedem Fall erfasst zu haben. Die neutrale Sicht des späteren Zuschauers hat man einfach nicht, weil man ja alles hautnah sieht und erlebt. Oft fällt das Fehlen von Bildern erst im Schneideraum auf, zu einem Zeitpunkt, an dem der Dreh bereits abgeschlossen ist.

 

Zeigt, was ihr habt!

Es ist gar nicht so einfach, dem Zuschauer ein Motiv angemessen ins Bild zu setzen. Räumliche Zusammenhänge, Anordnungen wollen erzählt sein. Und schließlich möchte man auch noch seine Schauspieler durch die Szene begleiten. Hier eine kurze Checkliste:

 

  • Das Motiv sollte für den Zuschauer erfassbar sein. Totalere Einstellungen (z. B. Establishing-Shots) eignen sich dafür besonders gut.

     

  • Der Zuschauer sollte ein logische Orientierung behalten. Diese muss nicht mit dem tatsächlichen Drehort übereinstimmen, sie sollte nur innerhalb des Films stimmig sein.

     

  • Richtungen und räumliche Anordnungen sollten konsequent beibehalten werden.

     

  • Ideal ist es, über die Handlung der Darsteller das Motiv einzuführen. Gelingt das nicht, kann man durch neutrale Zwischenschnitte oder „Subjektiven" einer Hauptfigur die Örtlichkeit ins Bild rücken.

     

  • Ankunft oder Abgang von Filmfiguren eignen sich häufig besonders gut, die Örtlichkeit visuell zu erfassen.

     

Ansichtssache...

Im Umkehrschluss lässt sich aus den Fehlern der millionenschweren Produktionen für absolute No-Budgets oder Produktionen unter Zeitdruck noch etwas anderes lernen: Man kann viele Motive auch auf einfache Weise andeuten. Wer kein Geld oder keine Zeit hat, nach Tirol zu reisen und dort zu vergessen, das Bauernhaus von außen zu filmen, der kann gleich die heimische Sitzecke der Großeltern mit ein paar alpinen Requisiten umdekorieren und dort drehen. Man braucht auch nicht zwingend eine echte Arztpraxis, eine echte Anwaltskanzlei. Es sind häufig nur einige wenige aussagekräftige Requisiten, die genügen, ein Ersatzmotiv glaubhaft zu gestalten. Die Personenwaage, das Anatomieposter an der Wand, Arztkittel und Stethoskop haben schon so manche Praxis, die Regalwand mit den Steuerakten so manche Kanzlei, für die Leinwand entstehen lassen.