Spielfilm

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  • Die Nominierungen für den europäischen Filmpreis, der am 9. Dezember verliehen wird, stehen fest. Mit deutschen Filmen sieht es eher mau aus...

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  • Die HFF wird im Juli 50 Jahre alt, doch wider Erwarten findet man online sehr wenig über die Geschichte der Hochschule. Grund genug, daran etwas zu ändern...

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  • Nicole Ansari-Cox stand schon mit 19 Jahren (1988) in der Hamburger Kampnagelfabrik auf der Bühne und spielte anschließend in Zürich, Wien, London, Berlin und Venedig Theater. Hier spricht sie mit dem Movie-College.

  • Der zweite Teil des Interviews mit Nicole Ansari.

  • Katze und VideokameraSie sind zumeist stumm, aber im Kino längst nicht so unsichtbar, wie man beim ersten Gedanken meinen würde. Katzen und ihre Auftritte in Filmen...

  • Zu den schönsten Orten an denen ein A Festival stattfinden kann gehört Locarno, die Filmgemeinde trifft sich am Lago Maggiore

  • Interview mit Maja Classen über ihren Film "OSDORF"

    Maja Classen

    Maja Classen

    Wir unterhielten uns mit Maja Classen über ihren Abschlussfilm "Osdorf", der auf der Berlinale in der Sektion PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO seine Premiere feierte.

     

    Movie-College: Wie bist Du zu diesem Thema gekommen?

    Ausgangspunkt war das Präventionsprojekt "Gefangene helfen Jugendlichen". Als ich davon gehört habe, fand ich das super interessant. Gerade den Ansatz: ´Es sind nicht Sozialarbeiter oder Lehrer, die Jugendlichen etwas erzählen, sondern Gefangene die selbst dort waren, wo die Jugendlichen jetzt sind. Sie laden die Jugendlichen ins Gefängnis ein und reden mit ihnen. Daraus entstand auch die ursprüngliche Idee dieses Projekt voll und ganz zu begleiten. Das ist aber leider nicht zu hundert Prozent aufgegangen. Wie das bei Dokumentarfilmen eben oft so ist. Man legt mit einem Konzept los, aber verschiedene Dinge funktionieren dann einfach nicht. Dann findet man aber neue Geschichten und die sind dann wie Geschenke. So habe ich auch die beiden Protagonisten gefunden, die dann die eigentlichen Hauptpersonen geworden sind.

     

    Movie-College:Der Bruder von Alican, der im Gefängnis sitzt und bei dem Projekt mitgemacht hat, wollte nicht mehr gefilmt werden. Ist deswegen die ursprüngliche Idee gescheitert?

    Nein, das geschah alles erst im Nachhinein. Es war so, dass wir die Gruppe selbst in ihrem Gruppenprozess begleiten wollten. Mitten im Drehen aber sagten die beiden Anführer plötzlich, sie seien gegen den Film. Worauf sie auch schlechte Stimmung in der Gruppe und auch gegen mich persönlich gemacht haben. Ich wollte und konnte aber nicht mit Leuten drehen, die keine Lust dazu hatten. Das funktionierte einfach nicht. Also konnten wir die Gruppe, so wie den Besuch im Gefängnis als sehr wichtige Episode erzählen, aber es hätte nicht mehr funktioniert, dass das allein den ganzen Film trägt. Mit Siar und Alician war das dann schnell klar. Die beiden überzeugten schon beim Drehen und auch am Ende im Schnitt. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Protagonisten sympathisch sind, sonst funktioniert ein Film nicht. Und bei den Beiden waren sich einfach alle einig, auch der Cutter, dass sie den Film tragen.

     

    Movie-College:Es gab letztes Jahr die Geschichte mit der Rütli Schule, die auch in den Medien sehr aufgebauscht wurde. Das war ja auch ein sehr wichtiger Aspekt für Dich, die Rolle und Präsenz der Medien. Kannst Du darüber noch etwas erzählen?

    Der Vorfall an der Rütli Schule war letztes Jahr im Frühling, da hatten wir schon 3 Monate abgedreht. Es gab zum einen die Geschichte mit der Rütli Schule hier in Berlin und während wir in Osdorf drehten kam es zu den Unruhen in den Pariser Banlieus. Kurz bevor wir zum Drehen nach Osdorf kamen, waren ziemlich viele Reporter der Boulevardpresse dort gewesen, mit denen die Jugendlichen sehr negative Erfahrungen gemacht haben. Sie sind zum Beispiel bezahlt worden, um Gewaltposen einzunehmen. Dementsprechend war auch die Haltung mit der man uns zunächst begegnet ist. Viele waren misstrauisch und haben gesagt, sie wollen nicht immer auf diese Art und Weise dargestellt werden. Andere wiederum haben genau dieses Klischee vor der Kamera repräsentiert. Auf der Straße sind uns sogar kleine Kinder vor die Kamera gesprungen, die in die Kamera geboxt haben und dazu schrieen: "Wir sind die heftigsten". Außerdem haben uns die Jugendlichen immer wieder angeboten Schlägereien zu initiieren und meinten, "das ist es doch, was ihr sehen wollt. Darum geht es hier doch!" Es hat eine Zeit gedauert, bis sie gemerkt haben, dass das nicht ist, was uns interessiert, sondern dass wir wissen wollen, wie sie als Menschen sind, woher sie kommen, wieso sie in diesen kriminellen Strukturen sind usw. Irgendwann ist dann der Groschen gefallen und die Jungs wurden offener.

     

    Movie-College:Das Vertrauen spielt in diesem Fall ja eine große Rolle. Hat es lange gedauert, bis Du eine gewisse Vertrauensbasis aufgebaut hattest, so dass sie ihr Macho-Gehabe ablegten und auch ehrliche Antworten gaben?

    Bei den zwei Hauptprotagonisten, Siar und Alican, hat das gar nicht lange gedauert. Als ich die ersten Gespräche mit Ihnen geführt habe, war schon klar, die haben Lust. Interessant an Ihnen war, dass sie zwei Seiten von sich zeigten. In der Gruppe legten sie schon so eine gewisse Attitüde an den Tag, die aber im Einzelgespräch verschwunden ist. Und sie hatten dann auch kein Problem mehr nett zu sein. Das formulieren sie dann ja auch vor der Kamera ganz offen. Siar sagt: "Wenn ich hier so nett bin wie zu euch, dann bin ich auf der untersten Stufe. Dann bin ich ein Knecht. Das geht nicht! Ich muss mich hier hocharbeiten." Oder Alician, der sagt: "Ich habe das alles gemacht um meinen Namen hoch zu bringen. Ich wollte Anerkennung." Und dass sie das selber auch so erkennen, das fand ich erstaunlich und toll.

    Maja Classen

    Maja Classen

     

    Movie-College:Kannst Du etwas über deine Arbeitsweise erzählen. Hast Du Dich vor dem eigentlichen Drehbeginn viel vorbereitet, recherchiert, ein bestimmtes Drehkonzept entwickelt? Oder seid Ihr einfach losgegangen und habt euch vor Ort informiert? War das Drehen strukturiert oder spontan?

    Am Anfang habe ich sehr viel vorbereitet und es verlief alles sehr strukturiert. Allerdings musste ich den ursprünglichen Plan ja über den Haufen werfen, weil das mit dem Gefängnis nicht geklappt hat. Daraufhin bin ich sehr offen losgegangen und die Struktur hat sich erst wieder im Schnitt gefunden. Deswegen hat die Arbeit im Schneideraum auch sehr lange gedauert. Ich denke aber, das ist typisch für Dokumentarfilme.

     

    Movie-College:Im Film zeigst Du Videoeinspielungen, die u.a. zeigen, wie ein einzelner Junge von einer Gruppe verprügelt wird. Sind das Originale, die die Jugendlichen selbst gedreht haben? Warum hast Du sie in den Film mit eingeflochten?

    Das sind Handyfilme von den Jugendlichen. Ich habe ja schon erzählt, dass wir abgelehnt haben bei Prügeleien dabei zu sein und dass Prügeleien für die Kamera initiiert werden. Denn die Jungs haben zwar von ihren Gewalttaten erzählt, aber das war filmisch nie spürbar. Irgendwann meinten die Jungs zu mir, sie könnten auch Filme machen und hielten mir diese Videos unter die Nase. Wir haben dann im Schnitt beschlossen sie zu nehmen, obwohl auch das ein moralischer Konflikt gewesen ist. Denn die Jungs könnten es so verstehen, dass man sie dafür belohnt. Wenn man aber einen Film über ein solches Thema macht, dann kann man einfach nicht die Gewalt ganz außen vor lassen, man muss sie auch filmisch spürbar machen.

     

    Movie-College:Die Jungen erzählen, dass sie ab und an auch mit Mädchen abhängen. Warum hast Du sie nicht gezeigt? War das beabsichtigt?

    Überhaupt nicht. Es war tatsächlich so, dass Mädchen nie dabei waren, wenn sich unsere Jungs getroffen haben. Ich hatte den Eindruck, dass sie das sehr getrennt behandeln: sie haben zwar Freundinnen und flirten, aber sie treffen sich nur mit ihnen alleine. Zu den Treffen mit den Jungs werden die Mädchen nicht mitgenommen. Das was sich da abspielt sollen sie nicht mitbekommen. Das ist eine ganz komische Doppelmoral. Einerseits sind Mädchen nicht Leute mit denen man sich befreundet, andererseits muss man sie aber auch schützen. Und die, die dann genauso hart drauf sind, wie die Jungs selbst, werden dann als "Junkie Bitches" bezeichnet und vor ihnen hat man dann auch keinen Respekt. Ich habe schon darüber nachgedacht als nächstes einen Film über die Mädchen zu machen. Als zweiten Teil.

     

    Movie-College:Glaubst Du, dass dieser Film vielleicht auch eine pädagogische Hilfe für die Jungs sein kann? Dass sie von ihrem Lebensstil wegkommen, sich selbst reflektieren und dadurch ein "legaleres" Leben führen werden?

    Ich glaube nicht durch den Film. Das wäre schön, wenn ein Film das leisten könnte. Die beiden (Hauptprotagonisten, Anm. d. Red.) sind auf einem guten Weg, aber das ist noch lange nicht stabil. Wir haben vor ein Folgeprojekt mit ihnen zu machen. Etwas Semidokumentarisches. Ihre Geschichten von ihnen selber gespielt, in ihrer Umgebung, aber mit fiktiven Elementen gemischt, sodass die Fiktion wie ein Schutzmantel ist. So können wir mehr erzählen, denn es gab einiges, was wir in diesem Film nicht erzählen konnten. Wenn man sich im kriminellen Milieu bewegt, gibt es Sachen, die man nicht zeigen kann, weil man sonst Protagonisten gefährdet. Ich glaube, wenn das klappt, und wir dieses Projekt finanziert bekommen, dann könnte das tatsächlich eine Motivation sein, da raus zu kommen. Dann wären sie in einem kreativen Prozess eingebunden, der auch als soziales Projekt funktionieren kann. Aber ich würde vorsichtig damit sein, wie viel Wirkungskraft ein Film wirklich hat. Ich glaube viel wichtiger sind Förderprogramme. Und ich glaube, das Hauptproblem ist, dass es eine Gettoisierung gibt, Viertel in denen nur arme Menschen leben. Dort herrschen gewisse Straßencodes, bei denen man als Jugendlicher gezwungen ist mitzumachen, wenn man nicht der Außenseiter sein will. Ich finde da müsste man ansetzen.

     

    Wie ist es, wenn man gleich mit seinem Abschlussfilm auf der Berlinale landet?

    Es ist schon toll, weil es so ein kleiner Film ist, mit einem Mini-Budget. Wir waren auch immer nur zu viert unterwegs. Da ist es natürlich besonders, wenn man auf die Berlinale eingeladen wird. Das ist eine Auszeichnung. Ich glaube, dass es ein gutes Sprungbrett ist. Leben kann ich davon leider noch nicht.

  • Während früher der Filmnachwuchs ausschließlich nach Hof strebte, hat sich über die Jahre das Saarbrücker Max Ophüls Festival zu einer mindestens genau so spannenden Plattform entwickelt.

  • Interview mit Michel Kammoun, Regisseur des Films "Falafel"

    Michel Kammoun

    Michel Kammoun

    Movie-College (MC): "Vielleicht erzählen Sie uns erst einmal, wie das Projekt ins Leben gerufen wurde."

     

    Michel Kammoun (MK): "Wissen Sie, jeder Film hat seine eigene Geschichte, es ist Inspiration, es ist eine bestimmte Idee die man hat und nicht mehr aus dem Kopf bekommt, und man fühlt, dass man diesen Film machen will. Es beginnt alles mit dem Schreiben. Ich hatte die Charaktere, ich hatte diese Epoche über die ich reden wollte, und eigentlich kam alles sehr schnell. Ich war sehr inspiriert von diesem Thema, und so schrieb ich den ersten Entwurf recht zügig. Später, beim zweiten Entwurf, ging ich wirklich ins Detail und ließ die Ideen reifen. Die Produktion war ein ganz anderes Abenteuer" (lächelt).

     

    MC: "Sie zeigen sehr viele junge Menschen in Ihrem Film. War es Ihre Absicht, ein Gesellschaftsporträt zu zeichnen, indem Sie die Jugendlichen in Beirut zeigen?"

     

    MK: "Ja genau, es geht um eine gewisse Zeit. Der Film spielt im Jahr 2004, der Bürgerkrieg ging 1990 zuende. Wobei  es kein Film über den Krieg ist, sondern über die Menschen und über das Land - das ist neu für den Libanon. Es gibt viele Filme über den Krieg. Ich habe einen Kurzfilm über den Krieg gemacht, aber nach 15, 20 Jahren Frieden wollte ich einen Film über das Land und seinen Alltag, seine Gesellschaft machen, über die neuen Dinge im Libanon, und dabei auch all die kleinen Probleme und Details aufzeigen, die diesen neuen Alltag ausmachen. Und das wollte ich durch die Augen junger Menschen zeigen, denn sie geben an, was passiert, sie sind das Potenzial der Zukunft."

     

    MC. "Der Film ist also repräsentativ für die libanesische Jugend heute?"

    MK: "Ja, durch die Perspektive des Films erzählen die Menschen ihre Geschichte. Es ist kein anstrengender Film, es ist kein Film der über Alles und Jeden spricht, oder von der Vergangenheit erzählt. Es ist ein Film über einige Jugendliche und ihre Art, ihr Land heute zu sehen."

     

    MC: "Wie wurde der Film dort aufgenommen?"

     

    MK: "Es wurde gut angenommen, die Kritiken waren ebenfalls sehr gut, und der Film blieb vier Monate in den Kinos. Es lief alles sehr gut."

     

    MC: "Lassen Sie sich von anderen Filmen oder Kunstwerken, also von fremden Arbeiten inspirieren, oder kommen Ihre Filmideen immer von Ihnen selbst?"

     

    MK: "Ja wissen Sie, wir haben keine lange Filmtradition, es gibt keine Vorarbeiter, auf die wir zurückschauen können, sondern eine große Lücke. Wir können uns nicht auf einen Hintergrund altgedienter Filmemacher stützen. Ich denke, so geht es (m)einer ganzen Generation von Regisseuren, aber um von mir selbst zu reden: Ich wurde mit Kino aufgezogen, ich habe seit meiner Kindheit Tausende von Filmen gesehen. Das Kino hat mich immer begleitet und so bildete ich mir meine eigene cineastische Welt. Denn leider haben wir keine eigene libanesische Filmkultur. Vielleicht ändert sich das, vielleicht haben wir in zehn Jahren eine eigene, neue und dynamische Filmsprache, für die wir heute den Grundstein legen und auf die wir uns berufen können.

     

    Heute haben wir nur einzelne libanesische Filme mit sehr unterschiedlichen cineastischen Sprachen, weil das Kino hier noch so jung ist. Es gab in den 50ern und 60ern eine ganze Menge Filme aus dem Libanon, aber es waren Werbeproduktionen, z.B. Panarab- Koproduktionen mit Stars aus jedem arabischen Land im mittleren Osten. Es waren Filme ohne jeden künstlerischen Anspruch, die nur gedreht wurden, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Dieses kommerzielle Kino kennen wir heute nicht mehr, weil es keinen künstlerischen Hintergrund hat, höchstens ein etwas exotisches Flair.

     

    Jetzt kommt eine neue moderne Sprache auf, wir haben heute Zugriff auf internationale Filme, wir sehen Produktionen aus Europa, Asien und den Staaten. Es hängt von der Sensibilität einer jeden Person ab, von welcher Schule sie sich berührt fühlt, von welchen Filmen oder Filmemachern, von vielen verschiedenen Parametern natürlich, von der Kunst ebenso - alle möglichen Ausdrucksformen."

     

    MC: "Haben Sie eine ganz persönliche Art, an ein Projekt heranzugehen?"

    MK: "Natürlich gab es eine klare Idee. Ich komme vom Kurzfilm, habe viele Kurzfilme gemacht, also kommen mein Stil und meine Ausdrucksweise auch vom Kurzfilm. Ich habe diese Art, mich des filmischen Alphabets zu bedienen, weitergeführt. Ich habe meine eigene Vorstellung davon."

     

    MC: "Können Sie uns darüber ein wenig mehr erzählen, wie Sie mit Musik, Licht und Ton umgehen?"

     

    MK: "Ich weiß nicht ganz, wie ich darüber reden soll. Wir sprechen hier von der cineastischen Sprache, und wie man sich ihrer bedient, um einen Film auf die Leinwand zu bringen. Wenn ich spreche, denke ich nicht vorher über meine Wortwahl nach. Natürlich ist meine Filmsprache durchdacht und auch präzise. Ich denke, ich kann diese Frage zum Teil beantworten. Es ist nicht so einfach, über meine Arbeitsweise zu reden, es ist sehr intim, finde ich.

     

    Also, eine Sache, die ich präzisieren kann, ist die Atmosphäre - sie ist die Seele des Films. Ich gehe stark ins Detail, achte sehr auf die Geräusche und arbeite sorgfältig mit der Kamera, weil ich mit beiden sehr gerne arbeite. Ich arbeite intensiv an einer speziellen Atmosphäre, die dem Film innewohnt. Jedes Mal - ich denke, das merkt man meinen Kurzfilmen an - möchte ich, dass man meinen Film nicht nur ansieht und dann aus dem Kino geht. Ich sehe es als kleines Experiment an. Ich mag es, die Zuschauer in den Film mit hineinzuziehen. Zum Beispiel ist "Falafel" für mich ein Film, der im Kino gesehen werden muss, an einem dunklen Platz, an dem die Zuschauer sich auf eine ganz spezielle Art mit dem Film identifizieren können, an dem sie die Möglichkeit haben, in die Handlung einzutauchen. Ich frage die Zuschauer nach etwas. Ich denke, wenn man ins Kino geht, um sich einen Film anzuschauen, ist die Auffassung eine ganz andere. Wenn man sich 90 Minuten lang einen Film angesehen hat, dann bleibt am Ende mehr als Charaktere, es bleibt ein Gesamteindruck, ein "Ensemble". Darauf achte ich sehr, wenn ich arbeite, wie die Zuschauer reagieren werden. Dabei arbeite ich aber nicht FÜR die Zuschauer, sondern für mich. Ich mache einen Film, den ich selbst liebend gern anschauen würde - weil ich nun einmal cinephil bin und diesen Hintergrund habe."

     

    MC: " Wie sind Sie an die Produktion herangegangen - Sie erwähnten, dass in Beirut eine mangelnde Infrastruktur die Dreharbeiten erschwert."

     

    Michel Kammoun im Gespräch
    Michel Kammoun im Gespräch mit dem Movie-College

    MK: "Es ist ein Abenteuer, denn man beginnt mit nichts. Es war ein großes Risiko, ich wollte diesen Film aber unbedingt machen, es war mir ein Bedürfnis, auch wenn es mit großen Anstrengungen verbunden war. Dann wiederum ist es eine große Freude, den fertigen Film zu sehen; gerade weil es so schwierig war, weiß man das Ergebnis umso mehr zu schätzen.

     

    Ich habe den Film mit quasi "no budget" finanziert, mit so gut wie gar keinen Finanzierungsmitteln. Es gab einen Kreis von Menschen, mit denen ich arbeiten wollte und die mit mir arbeiten wollten, weil sie meine Arbeiten kennen und mich bei diesem Projekt, diesem Abenteuer begleiten wollten. Die Crew, jeder der Schauspieler - es waren eine Menge - hatte seine eigene Motivation, dabei zu sein. Jeder einzelne von ihnen war eine große Hilfe. Weil sie alle wollten, dass dieser Film entsteht, konnte ich ihn ohne Geld realisieren.

     

    Zwischen Dreh und Schnitt lagen fast zweieinhalb Jahre. 2004 haben wir gedreht, 2006 war die erste Kopie fertig. Es war eine Frage der Finanzierung- wenn das Geld alle war, mussten wir warten, bis wir neues hatten. Die Postproduktion zog sich sehr lange hin. Ich habe das alles in Beirut gemacht, Bild und Ton bearbeitet. Print, Dolby und Mixage haben sich dann in Europa abgespielt."

     

    MC: "Wo haben Sie Ihre Schauspieler gefunden?"

     

    MK: "Das kam ganz darauf an. Die meisten von ihnen sind ausgebildete Schauspieler, wenn auch mit unterschiedlichen Erfahrungen. Der Protagonist zum Beispiel, Toufik, wird von Dimitri gespielt, der frisch von einer Theater-Akademie kommt und in "Falafel" seine erste große Rolle spielt. Er ist sehr talentiert.

     

    Das Casten war eine lange Angelegenheit, es gab ja viele Rollen zu besetzen. In manchen Fällen wurden wir sofort fündig, in anderen haben wir sehr viele Personen vorsprechen lassen, weil ich auch sehr wählerisch bin. Ich arbeite mit meinen Gefühlen, mit meinem Instinkt, also war es nicht einfach, die richtige Person zu finden. Viele von ihnen kannte ich schon vorher und wusste, wie ich sie einsetzen wollte, bei anderen war es schwierig. Die junge Frau, die Jasmin spielt, ist gar keine Schauspielerin. Andere sind in Libanon bekannte Schauspieler, die dabei sind, weil ihnen das Drehbuch gefallen hat."

     

    MC: "Werden Sie auch zukünftig mit ihnen arbeiten?"

    MK: "Ja, sicher. Ich bin wirklich sehr glücklich mit dem Casting, sehr zufrieden mit der Gruppe. Ich liebe die Schauspieler und ich liebe das Regieführen, ´´la mise-en scène´´."

     

    MC: "Wie gehen Sie da heran, wie ist Ihr Umgang mit den Schauspielern?"

     

    MK: " Ich sage immer: Die halbe Arbeit ist getan, wenn ich die Schauspieler ausgewählt habe. Wenn das Casting gut war, werde ich beim Dreh entspannt sein. Natürlich kommt es auch auf den Schauspieler an, jeder von ihnen ist eine eigene Persönlichkeit und muss unterschiedlich betreut werden.

     

    Wir haben sehr viel geprobt, und dafür gab es einen guten grund. Wissen Sie, es ist ein Low-Budget-Film, und es ist dazu noch ein Nachtdreh. Normalerweise hat man nur mit einem dieser Probleme zu kämpfen, steht für einen Nachtdreh mehr Geld zur Verfügung. Hier aber hatten wir kaum Zeit, denn die Leute mussten bezahlt werden. Ich hatte also sehr wenig Zeit und ein kompliziertes Drehbuch.

     

    Die Lösung war, ausgezeichnete Schauspieler zu haben, und gut vorbereitete. Und es waren so viele! Die Charaktere mussten stehen. Die Leute sollten ja nicht sich selbst spielen, sondern eine Rolle übernehmen. Wir haben mit den meisten von ihnen etwa einen Monat vor Dreh die Szenen geübt."

     

    MC: "Wie lange dauerte der Dreh?"

     

    MK: "Etwa sechs bis sieben Wochen. Sechs Wochen waren geplant, aber an den ersten vier Drehtagen tauchten eine ganze Menge technischer Probleme auf, also waren die Aufnahmen nicht gut und wir haben die Negative herausgenommen und mussten alles noch einmal drehen."

     

    MC: "Der Film enthält sehr viele dynamische Aufnahmen, bewegte Kamerafahrten zum Beispiel, oder Aufnahmen auf dem Fahrrad. Das ist für einen Low-Budget eher ungewöhnlich."

    MK: "Ja, das war aber auch sehr spannend. Ich denke, und hoffe, dass man beim Schauen des Films nicht an das Budget denkt. Ob der Film gut ist oder nicht, hängt nur von dem ab, was man sieht.

     

    Aber für uns war es eine noch viel größere Herausforderung, einen guten Film zu machen, weil einfach kein Geld da war. Es gibt beispielsweise überhaupt kein Licht in dem Film. Wir haben das Licht in Szene gesetzt, nichts künstlich hinzugefügt - bis auf die letzte Szene, bei der wir einen Dolly benutzt haben.

     

    Immer wieder mussten wir Lösungen finden und aus dem Nichts heraus arbeiten. Gleichzeitig habe ich das sehr genossen, es war sehr aufregend. Für mich zählt das Ergebnis - ein gutes, in meinen Augen."

     

    MC: "Sagen Sie uns ein bisschen mehr über das Licht?"

     

    MK: "Wir haben das zusätzliche Licht geschaffen, für jede einzelne Szene. Wir haben nicht ausgeleuchtet. Wir hatten einen Kameramann und eine Frau, die sich darum gekümmert hat. Ich sagte ihr, welche Vorstellung ich von einer Szene hatte, und sie setzte es ohne Unkosten um, zum Beispiel die genaue Positionierung von Neonlicht. Wir haben mit dem gearbeitet, was da war. Selbst die Straßen wurden von mir gecastet (lacht), weil sie das richtige Licht haben mussten. (….)"

     

    MC: "In dem Film tauchen auch viele "Untergeschichten" auf, die ein Eigenleben besitzen."

     

    MK: "Das stimmt. Der Film handelt von Willen und Verwirklichung, von Versprechen und deren Einlösen. Die Liebesgeschichte zum Beispiel, die anfangs auftaucht, ist zunächst nicht mehr als das Versprechen einer Liebe, die erst mal im Standby verharrt. Die Rache ist nicht mehr als das Versprechen eines Racheaktes, das Aussprechen des Willens zur Rache. Der Film zeigt den Willen, Dinge zu verändern.

     

    Es geht um die heutige Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen des Alltagslebens. Es geht um den Lebenswillen der Libanesen, gezeigt anhand der Geschichte einiger Jugendliche, und dadurch auch der Älteren - eine gewisse Spannung innerhalb der Gesellschaft. Es gibt also einen Widerspruch, der einer der Gründe für mich war, diesen Film zu machen. Die Struktur ist gefährlich, denn wenn man Widersprüchliches mischt, wird es kompliziert. Der ganze Film ist so, und das war auch meine Absicht. Es gibt hier nicht die klassische Drei-Akt-Handlung, sondern ich habe diesem Film zwei Akte gegeben…eine gewisse Herausforderung, wenn man seinen ersten Langzeitfilm dreht.

     

    Ich freue mich, dass die Leute den Film schätzen, trotz seiner ungewöhnlichen Struktur. Es gibt ein Vorher und ein Nachher, und auch wenn der Übergang sehr weich ist, ist es trotzdem eine Kurve. Es gibt keine Vorbereitung für die Explosion, die Gewalt ist auf einmal einfach da.

    Der Eindruck, den der Film macht, seine Seele, berührt die Problematik des Versprechens. Der Film endet JETZT. Die Handlung spielt in einer einzigen Nacht, ein Auszug, aber man könnte diese Konzentration auf einen längeren Zeitraum übernehmen, auf ein ganzes Leben. Dieser Auszug, dieser Schnappschuss ist wie ein ganzes Leben in einer einzigen Nacht.

     

    Das Leben eines libanesischen Jugendlichen, für das es keine Lösung gibt - niemand hat eine Lösung für diese Problematik - deswegen endet der Film hier. Niemand weiß, was am nächsten Tag geschieht, und es liegt auch nicht in meinem Interesse, das zu zeigen. Ich denke, die Stärke liegt in den drei Spannungspunkten, an denen sich der Film aufhängt. Man muss unter die Oberfläche gehen, zwischen den Zeilen lesen. Man kann den Film horizontal lesen, oder aber vertikal - das ist es, was ich weitaus interessanter finde, all die versteckten Hinweise."

     

    MC: "Das Geheimnisvollste an der ganzen Handlung ist ja der "Falafel"…"

     

    MK: "Ich wollte eine Art Straßenphilosophie durch das Element des Falafels zeigen. Wir haben den Straßenverkäufer, der Falafel anbietet und seine eigene Theorie über die Welt hat, und dessen ganze Welt auch aus Falafel besteht. Falafel steht an jeder Stelle in seinem Leben. Dieser Mensch ist ein Philosoph und erklärt alle möglichen Begebenheiten anhand eines Falafels. Diese Figur, und auch andere, z.B. der Friseur, sind inspiriert von lebenden Menschen. Im Libanon gibt es eine ganze Menge davon, Menschen mit Charakter, die ihre eigene Auffassung von der Welt haben und sie auch gerne einem anderen mitteilen, und sei es ein Fremder.

     

    Sie können dort ein Eis kaufen oder in ein Taxi steigen und eine Menge über die Welt erfahren, verrückte Geschichten, die man einfach glauben muss. Ich denke, dass liegt auch an den unruhigen Zeiten, die Menschen versuchen vielleicht, ihren Platz, ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Aus dieser Motivation heraus reden sie mit dir. Es ist also wirklich eine Geschichte von hier, und das hat mir ermöglicht, das Drehbuch so authentisch zu halten." (…)

     

    "Es beginnt alles mit dem Schreiben. Wenn ich mir eine Figur ausdenke, möchte ich, dass sie, auch wenn wir sie im Film nur zwei Minuten sehen, so realistisch wie möglich ist. Ich arbeite an psychologischen Details. Selbst wenn wir die Figur im Film nur wenige Minuten sehen, kann sie wichtig für den Film sein, und die Art, in der wir sie in Erinnerung behalten, setzt sich aus ihrer Art zu Denken und ihrem Verhalten zusammen, und der Position, die sie im Film einnimmt:"

     

    MC: "Jetzt wo Sie den Film beendet haben und viel herumgereist sind und den Film vorgestellt haben, haben Sie schon Pläne für weiter Projekte?"

     

    MK: "Ja, Filme, Filme, Filme…im Moment reise ich und gebe "Falafel" den Raum, den er braucht, aber ich denke schon an zwei weitere Projekte, zwei weitere Filme, die zu Vollzeitprojekten werden, wenn ich fertig mit dem Reisen bin."

     

    MC: "Werden die auch wieder eine speziell libanesische Thematik haben?"

    MK: "Der erste sicherlich, beim zweiten bin ich mir noch nicht ganz sicher, er könnte auch den Fokus etwas mehr auf Europa haben."

     

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Workshops 2019

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