Schmuddel-Look

  • Die Kamera unterstützt den Stil

    Ausschnitt aus der Episode „Am Rande“ (Midsommar Stories), Kamera: Christian Reitz

    Ausschnitt aus der Episode „Am Rande“ (Midsommar Stories), Kamera: Christian Reitz

    Der Stil eines Filmes, seine örtliche und zeitliche Zuordnung ist ganz häufig verbunden mit technischen und gestalterischen Vorgaben von Kamera, Licht und Ausstattung. Die Filterung, das Aufnahmematerial, zitierte Stilmittel bestimmter Länder oder Epochen geben Filmen eine ganz bestimmte Anmutung, einen „Look“.

     

    Ob man den Zuschauer mitten in die Farb- und Bilderwelt der 70er Jahre hineinwerfen will, a la „Austin Powers“, oder in die 20er-Jahre-New-Orleans-Stimmung in „Pretty Baby“, der Kamera-Look prägt entscheidend die Glaubwürdigkeit der erzählten Geschichte. Darüber hinaus können bestimmte Milieus oder Wertesysteme, edle, fremdartige, armselige, futuristische, amateurhafte oder beispielsweise dokumentarische durch Faktoren, die mit der Kameraarbeit zusammenhängen, transportiert werden.

     

    Auf diese Weise können bewusst Künstlichkeit, der Eindruck einer Soap, von Werbung, einer glaubwürdigen Reportage, von privat gedrehten Schmalfilmen, Live-Übertragungen etc. erzeugt werden. Manche Filme spielen sogar mit verschiedenen Stilmitteln gleichzeitig, wie etwa Woody Allens „Zelig“, in dem pseudo-historische Aufnahmen verschiedenster Epochen nachgestellt wurden.

     

    Größenunterschiede: Katharina Thalbach und Jacques Breuer in „Liebe, Leben, Tod“

    Größenunterschiede: Katharina Thalbach und Jacques Breuer in „Liebe, Leben, Tod“ (Regie: Mathias Allary)

    Die Abbildung durch die Kamera

    Sauber/Schmutzig – Groß/Klein – Dick/Dünn – Nichts ist, wie es wirklich ist...

    Eine technische Erklärung für alle Veränderungen gibt es nicht, aber sicher ist:
    Die Kamera manipuliert so manches. Eines der Phänomene ist, dass es sehr schwierig ist, durch die Kamera etwas ärmlich, schäbig oder heruntergekommen aussehen zu lassen. Entweder es sieht künstlich aus, zu gewollt, oder aber sogar interessant, hübscher und freundlicher als real. Um etwas auf der Leinwand elend aussehen zu lassen, muss man manchmal die Ausstattung überhöhen, damit es richtig wirkt.

     

    Relative Maße

    Größenunterschiede: Katharina Thalbach und Jacques Breuer in „Liebe, Leben, Tod“

    Sehr viele internationale Filmstars (Belmondo, Delon, Cruise etc.) sind relativ klein. Warum fällt uns das in den Filmen nicht auf? Die Kamera wird meistens in Augenhöhe der Schauspieler oder sogar mit leichter Untersicht aufgestellt.

     

    Wenn diese Schauspieler Szenen mit großgewachsenen Schauspielern haben, werden manchmal am ganzen Boden erhöhte Laufstege errichtet, damit der Größenunterschied nicht auffällt.

     

    Viele Schauspieler sind sehr, sehr schlank. Man möchte ihnen fast etwas zu essen reichen, wenn sie leibhaftig vor einem stehen. Im Film sehen sie aber völlig wohl genährt aus und man würde nie auf die Idee kommen, sie seien extrem mager. Im Gegenteil: Jemand mit einer im allgemeinen Sinn „normalen Figur“ sieht im Film bereits füllig aus. Die Kamera verfremdet die Wahrnehmung. Es ist wichtig, diese Phänomene zu berücksichtigen, sonst kann es sein, dass man völlig andere Wirkungen erzielt, als beabsichtigt.

     

    Schmuddel-Look ] [ Überbelichtung ]
     
     
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    Der Look und die Farbe

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    Jochen Striebeck in „Midsommar Stories" - Monochromer Bildeindruck durch Kamerafilter und Gegenfilterung

    Der „Look“ eines Filmes hat immer auch mit der Wiedergabe der Farben zu tun. Manchmal werden künstlerische Entscheidungen für einen bestimmten Hersteller aufgrund der Farbbalance getroffen. Je nach Filmsujet passen unterschiedliche Farbstellungen besser zu einer Produktion. Ein amerikanisches Road-Movie verlangt eher nach den kräftigen amerikanischen Blau- und Rottönen, ein historischer Film über die Nachkriegszeit eher nach entsättigten, fast schwarzweißen Farben.

     

    Auch, wenn nur noch selten auf analogem Film gedreht wird, so sind die Prinzipien dahinter auch heute für das digitale Grading weiterhin die Basis. Bis zum Jahrtausendwechsel stellte Kodak Eastman seine Filmmaterialien noch in zwei unterschiedlichen Farbstellungen her. Eine in den USA für den amerikanischen Markt für wärmere Hauttöne und die andere in Frankreich für den europäischen Markt mit etwas neutralerer Abstimmung. Da praktisch alle Farbfilmmaterialien auf Kodak-Eastman-Patenten beruhen, also sehr ähnlich aufgebaut sind, und alternative Farbmaterialien wie Orwo oder Agfa vom Kinofilmmarkt verschwunden sind, sind die Gestaltungsmöglichkeiten durch die reine Materialwahl begrenzt. Will man heute eine Geschichte in der Zeit des Kalten Krieges in Osteuropa spielen lassen, so stehen die Farbmaterialien, die den Look der damaligen lokalen Filmproduktionen erzeugten, gar nicht mehr zur Verfügung. Wie kann man es heute schaffen, die Aufnahmen nicht zu bunt, zu aktuell aussehen zu lassen? Welche Möglichkeiten bieten sich heute an, dennoch einen „Schmuddel-Look“ herzustellen.

     

    Kamerafilter und Optiken

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    Farbigkeit moderner Farbfilme widerspricht der tristen Location 

    Will man den Aufnahmen einen leichten Sepia-Touch geben, so wie bei alten Fotografien,färbt ein „Chocolate“-Filter die Bilder etwas bräunlich ein. Zusätzlich kann man mit leichten Diffusor-Filtern (Weichzeichnern) die Kontraste etwas abschwächen.

     

    Auch die Wahl der Optiken kann einen entsprechenden Look unterstützen. Objektive, die etwas weicher abbilden, etwa die älteren Cooke-Festoptiken, reduzieren die Farbintensität und helfen damit, die Aufnahmen etwas älter aussehen zu lassen.

     

    Ausstattung und Kostüme

    Die Kostüme, die Dekorationen und die Requisiten sollten möglichst farbreduziert sein. Grau-, Grün oder Brauntöne bieten sich an. Farbige Kleidungsstücke sollten entfärbt werden, oder in schwarzem Tee eingeweicht werden („geteet“.)

     

    Oldschool-Verfahren: Das Filmmaterial

    Kaum mehr gebräuchlich und doch sind diese Verfahren der Ursprung heutiger digitaler Farbkorrektur: Da sollte man frühzeitig mit den Lichtbestimmern des Kopierwerks sprechen und sich beraten lassen. Wenn nicht die hohen Kontraste und Brillanz modernster Materialien gewünscht werden, so gibt es auch spezielle Pastell-Materialien (Fuji). Materialien mit höherer Empfindlichkeit weisen etwas größeres Filmkorn auf und sehen damit eher so aus wie Farbmaterialien früherer Jahre. Auch die gezielte Kombination zwischen Aufnahmefilm (Negativ) und dem Kopiermaterial (Positiv) hilft, die Farbigkeit zu steuern. Möglichkeiten, die Gradation des Materials weicher zu machen, bietet auch die sogenannte Vorbelichtung des Filmmaterials.

     

    Kopierwerk

    Die Möglichkeiten der Farbbeeinflussung im Kopierwerk schwanken je nach Aufwand deutlich in den Kosten. Die Lichtbestimmung ist die günstigste Variante, sie muss ohnehin gemacht werden, ganz gleich ob natürliche oder veränderte Farbigkeit gewünscht wird. Die Gestaltungsmöglichkeiten in Richtung „Schmuddel-Look“ sind allerdings begrenzt.

     

    Eine deutlich die Produktionskosten erhöhende Variante ist die sogenannte Bleichbadüberbrückung. Diese kann sowohl bereits bei der Entwicklung der Negative (Aufnahmefilm) als auch bei der Herstellung der Kopie (Positivfilm) vorgenommen werden. Dabei handelt es sich um eine Beeinflussung des chemischen Entwicklungsprozesses, um die Farben stumpfer und verblasster aussehen zu lassen. Das Bleichbad (besteht aus: Wasser, Ammonium-Eisen, Ammoniumbromid und Mercaptotriazol) erfolgt normalerweise nach der Farbentwicklung. Ein Bleichbad wandelt entwickeltes, metallisches Silber in leichtlösliches Silbersalz, welches danach im Fixierbad mit anschließender Wässerung aus der Schicht entfernt werden.

    • Entwickeln im Farbentwickler mit Kupplerlösung

    • Stoppen der Entwicklung (10 sec)

    • Bleichen

    • Fixieren (3 - 5 min)

    • Wässern

     

    Die Farben werden weniger grell, wirken gedeckter, als wäre Schwarz beigemischt und haben einen rauen Charakter.

     

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    An der optischen Bank werden Schwarzweiß- und Farbintermed übereinander kopiertl  

    Das dritte und teuerste Verfahren im Kopierwerk arbeitet mit der optischen Bank (z. B. Oxberry). Dabei dürfen nur Systeme mit präzisestem Bildstand zum Einsatz kommen, da ein und dasselbe Filmbild übereinander kopiert wird. Hier sind Erfahrungen aus dem Videobereich (Bildmischer) auf die Kopiertechnik übertragen worden. Von dem auf Farbnegativ gedrehten Film wird sowohl ein schwarzweißes Zwischenpositiv auf Separation-Material, als auch ein farbiges Intermed Positiv hergestellt. In einem weiteren Arbeitsschritt werden beide Materialien auf ein Negativmaterial kopiert. Je nach Anteil des schwarzweißen und des farbigen Materials kann man von reinem Schwarzweiß bis zu farbigem Eindruck alle Zwischenstufen wählen. Ein zur Hälfte schwarzweißer und zur Hälfte farbiger Anteil erzeugt einen sehr überzeugenden historische Eindruck. Auch in Form von Blenden kann man stufenlos zwischen Schwarzweiß und Farbe hin- und herwechseln. Allein schon wegen der Kosten der Intermed- Materialien ist dieser Prozess sehr kostspielig. Er erlaubt aber auch die größten Gestaltungsmöglichkeiten.

     

    Farbkorrektur, Video

    Wurde auf Video gedreht oder der Film abgetastet oder gescant, so bietet die elektronische Farbkorrektur mit den bekannten Werkzeugen noch viel stärkere Möglichkeiten der Farbsteuerung. Sie bietet programmierbare Einzelszenenkorrektur.

     

    Entsättigung, Kontrastteuerung und selektive Beeinflussung der Farbsättigung sind heutzutage Standard. Weiß- und Schwarzwert (ab wann etwas als Grau oder Schwarz gilt), die Gradation (wo der mittlere Grauwert liegt), die Farborte (wo die Veränderungen greifen sollen, ob in dunklen (Shadows), mittleren (Midtones) oder hellen (Highlights) Bildbereichen) können justiert werden. Für die Farbanteile kann man die Sättigung (Saturation, Chroma) und den Farbwinkel (Hue) einstellen.

     

    So ziemlich alles, was man mit einem ordentlichen Grafikprogramm am Computer an Fotos beeinflussen kann, lässt sich auch an modernen Videoprozessoren (z. B. DaVinci Renaissance, Quantel, Pogle Platinum, Kopernikus,) einstellen. Doch auch preiswertere oder sogar kostenlose Systeme, die auf PC-Basis laufen, wie Apple Final Cut, Avid Xpress oder Premiere bringen mächtige Werkzeuge mit , mit denen ein Schmuddel-Look auf Video-Ebene realisierbar ist.

     

Workshops 2019

Viel Kreatives vor? Mit Movie-College Hands-On Workshops Filmlicht, Filmton/Location Sound, Kamera, Drehbuch u.v.a, kann man sein Knowhow spürbar verbessern und stärkere Filme machen.