Filmzensur

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    Hartmut Redotté als Filmarchivar in

    Hartmut Redotté als Filmarchivar in "Roll the Picture"

    In unserer visuell so stark geprägten Zeit ist der Film längst als eigenständige Kunstform anerkannt. Der Gedanke, den zeitgenössischen Filme bewahren zu müssen, entstand in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. 1936 wurde die Cinémathèke francaise gegründet mit dem Ziel, die nationalen Filmwerke zu archivieren. Ihre Väter Henri Langlois, Georges Franju und Jean Mitry gelten als Pioniere der Filmkonservation.

     

    Während andere Künste in Museen, bei privaten Sammlern und in Depots für Andere sichtbar aufbewahrt werden, lagern Frühwerke unserer Filmkultur zumeist in dunklen, gut gekühlten Filmlagern diverser Kinematheken bzw. Archive. Diese Institute katalogisieren darüber hinaus Stab- und Besetzungslisten, Kritiken, Reportagen von Dreharbeiten, Einspielergebnisse und vieles mehr, um damit diese kulturelle Erbe lebendig zu halten. In erster Linie aber denkt man natürlich an die Filme selbst, deren Erhalt zu den großen Herausforderungen im Wettlauf gegen die Zeit gehört.

     

    Rettung

    Zahlreiche Werke wurden im Lauf der Jahre rekonstruiert und vor dem endgültigen Verfall gerettet. Dabei werden die Film-Restauratoren mit vielfältigen Problemen konfrontiert. Häufig befinden sich Teile verschiedenster Fassungen eines bestimmten Stummfilms über die Welt verteilt als Fragmente in Archiven, aber auch trotz Sicherheitsrisikos (Nitrofilm) auf irgendwelchen Dachböden oder in Kellern. Jahrzehntelange Vorführungen, Zensur, Verfall und Verlust haben den Filmen enorm zugesetzt. Auch heute noch werden private Filmkopien überraschend Archiven angeboten, weil deren Besitzer das Sicherheitsrisiko (Nitrofilme können sich selbst entzünden) nicht mehr tragen wollen.

     

    Montagefragen

    Zunächst muss recherchiert werden, welche Materialien zu einem Film noch wo vorhanden sind. Gleichzeitig muss der ursprüngliche Aufbau (Schnitt) des Filmes ermittelt werden. Zahlreiche Fragmente eines solchen Filmes sind in falscher Reihenfolge oder lose zusammengefügt. In wenigen Fällen existieren noch sogenannte Zensurkarten, aus denen man sämtliche Zwischentitel der Stummfilme erkennen konnte. Ersatzweise werden zeitgenössische Filmkritiken mit Inhaltsangaben oder Notizen von Filmkomponisten zur Rate gezogen, in seltenen Glücksfällen existieren noch Drehbücher. Oft genug kann man den exakten Schnitt nicht mehr wiederherstellen und fügt Einstellungen dort ein, wo sie dem Sinn gemäß am Besten passen.

     

    Zwischentitel und Colorierung

    Zwischentitel

    Titeltafel

    Nur selten stehen die Original-Zwischentitel noch zur Verfügung. Da die Kopienfragmente aus der ganzen Welt stammen, und Stummfilm noch ein weltweiter Exportartikel war, finden sich in den verschiedenen Fassungen Titel in vielen verschiedenen Sprachen. So müssen die Zwischentitel meistens komplett neu hergestellt werden. Dafür müssen Schrift und Anmutung der Titeltafeln möglichst historisch genau nachgebildet werden. Zusätzlich versucht man, die ursprünglichen Einfärbungen mancher Filme wiederherzustellen. Je nach Szene und Örtlichkeit waren viele Filme eingefärbt. Dies erhöhte die Emotion oder die Dramatik und war in der Stummfilmzeit sehr verbreitet.

     

    Mechanische Probleme

    Die Kopien, die man zur Rekonstruktion verwendet, sind oft in einem erbarmungswürdigen Zustand. Wenn Nitro-Material vorhanden ist, so ist es meistens stark geschrumpft und damit für herkömmliche Kopiermaschinen nicht geeignet. Der verbreitetste Rettungsweg ist das Umkopieren in Trickstudios auf Sicherheitsfilm. Neben beschädigten Perforationen stellen auch die verblichenen Bildinformationen eine große Herausforderung dar.

     

    Verblichene Farben

    Werden Farbfilme rekonstruiert, so sind die Originalfarben immer extrem ausgeblichen und die Farbbalance völlig verschoben. Einer der ältesten Anbieter von Farbrestaurierungen ist die amerikanische Firma Cinetech, die sich den sogenannten RCI-Prozess (Restored Color Image Film Restoration Process) hat patentieren lassen. Dieses Verfahren erlaubt, weitgehend mit photochemischen Prozessen verblichene Farben wiederherzustellen. Dies ist momentan noch deutlich kostengünstiger, als die rechnergestützte, digitale Restauration. Die digitale Restauration eines abendfüllenden Filmes kann leicht 4-500.000 Euro kosten, der photochemische Prozess ist vergleichsweise mindestens 50 % günstiger.

     

    Digitale Rettung

    Archivar mit Filmdosen

    Archivar mit Filmdosen/Standbild aus "Roll The Picture"

    Wenn RCI nicht ausreicht, muss digital bearbeitet werden. Dann werden die alten Kopien oder negative Filmbild für Filmbild in hoher Auflösung eingescannt. Die Datenmenge für ein einzelnes 35mm-Bild kann bis zu 45 Mbytes betragen. In einem ersten Arbeitsschritt werden Klebeflecken, Risse und Kratzer entfernt. Dann wird von jeder Einstellung ein Referenzbild ausgewählt, welches als Basis für die Helligkeits- und Kontrastkorrektur dient. Eine automatische Bewegungsanalyse erkennt Bildstandsfehler und korrigiert sie aus. Eine Rauschunterdrückung reduziert Körnigkeit. Viele dieser Schritte werden von der Software automatisch ausgeführt. Auf diese Weise verschwinden Flecken und Staub, Bildstandsfehler, Kratzer, Dellen, Flackern durch Helligkeitsschwankungen, fehlende Einzelbilder werden durch errechnete Zwischenphasen ersetzt, grobes Filmkorn verschwindet.

     

    Fruchtbare Arbeit

    Oft dauert so eine Rekonstruktion mehrere Jahre, die Vorarbeiten und Recherche eingeschlossen. Manchmal geht sie einher mit der Rekonstruktion oder Neukomposition einer passenden Musikpartitur (Stummfilme liefen praktisch immer mit Musikbegleitung) so kann oftmals ein herausragendes Filmwerk nach mehr als einem dreiviertel Jahrhundert erstmals wieder öffentlich gezeigt werden. Beispiele sind Filme wie "Tagebuch einer Verlorenen" (G. W. Pabst) oder "Orlacs Hände" (mit Heinrich George). Darüber hinaus werden solche Filme auch im Fernsehen ausgewertet, wodurch die hohen Kosten der Rekonstruktion teilweise kompensiert werden können.

     

    Die meisten Institute stehen auch für Recherche, Analysen und Studien zur Verfügung. Für die Verwertung von Bildmaterial etwa in anderen Medien (Klammerteile, Ausschnitte) muss von Fall zu Fall verhandelt werden. Kommerzielle Archive, wie etwa Pathé Paris stellen gegen (stattliche) Gebühr auch Ausschnitte aus historischen Filmen zur Verfügung. Insbesondere für Dokumentarfilme, Spieldokumentationen und Werbung wird häufig auf derartige Archive zurückgegriffen.

     

    Netzwerk

    Staub

    Heutige Archivarbeit ist alles andere als verstaubt.

    Der Arbeit der weltweiten Filmarchive verdanken wir, dass uns großartige Filmwerke erhalten blieben. Viele von ihnen sind filmsprachlich von weit höherer Qualität, als die meisten Filme unserer Tage. Die mühsame Recherche per Brief, Telefon, Listen und zufälligen Gesprächen früherer Jahrzehnte ist der gezielten computergestützten Suche unserer Tage weitgehend gewichen. Um sich gegenseitig möglichst umfassend über die eigenen Bestände an Filmfragmenten, Fassungen, Filmzeitschriften und schriftlichen Informationen zu informieren, hat die International Federation of Film Archives (FIAF) diverse Datenbanken erstellt, in denen gezielt nach Titeln, Darstellern etc. gesucht werden kann. Die Datenbank "Treasures from the Film Archives" etwa umfasst ca. 35.000 Filmtitel, davon 21.000 Stummfilme. So hat auch das Internet zum internationalen Informationsaustausch und der Bewahrung des Wissens um das Filmerbe der Welt beigetragen.

     

  • Wann gab es die erste Filmzensur? Heute sind ihre Methoden feiner und weniger erkennbar, doch sie hat nie aufgehört

  • Vater der Medienkritik

    Fernbedienung

    Fernbedientes Leben

    Wer immer sich heute kritisch mit den Medien beschäftigt, kommt an den Thesen des amerikanischen Medienkritikers Neil Postman nicht vorbei. Bekannt wurde der ehemalige Volksschullehrer durch Bücher wie "Das Verschwinden der Kindheit" oder "Wir amüsieren uns zu Tode". Er war nicht der Erste, der sich mit dem Einfluss der Massenmedien auf die Gesellschaft beschäftigt hat, seine kritische Brille durch die er Medien und Menschen beobachtete war jedoch besonders Düster. Und doch ist das, was heute technisch möglich ist, um so viel perfider und gefährlicher, dass seine Kritik eigentlich nur ein vorsichtiger Anfang gewesen sein kann. Die Möglichkeiten der Manipulation sind durch die Rückkanäle internetfähiger Flatscreens so mächtig und undurchsichtig zugleich geworden, dass wir in dieser Hinsicht vermutlich noch viele Enthüllungen zu erwarten haben.

     

    Blinde Technik-Gläubigkeit

    Eine seiner zentralen Ideen, die der amerikanischen Technik-Gläubigkeit diametral entgegenstand, war, dass jede technische Erfindung stets sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringe. Auch, wenn seine Thesen durchaus die Realität schon mal etwas in seinem Sinne optimierten und wichtige Aspekte etwa zur Definition der Kindheit ausblendeten, so haben Sie in jedem Fall wichtige Diskussionen entfacht. Seine messerscharfe Kritik an den westlichen Gesellschaften stellte etwa in "Amousing Ourselves to Death" die These auf, dass die staatliche Zensur früherer Jahre, also das Vorenthalten von Informationen durch das Ertränken der Menschen in belanglosen Informationen, ersetzt wurde. Die permanente Fütterung mit neuen Bildern würde zudem in den Menschen das Geschichtsbewusstsein aufheben. "Die Amerikaner wüssten alles über die letzten 24 Stunden, aber so gut wie nichts über die vergangenen Jahrhunderte" folgerte Postman.

     

    Reizüberflutung

    Als Kulturpessimist wetterte er gegen die Allmacht der Medien, die Reizüberflutung durch die Fernsehwelt, gegen Manipulation, gegen falsche verlogene Scheinwelten, welche die Menschen kritiklos und verblendet werden lassen. Den positiven Eigenschaften des Fernsehens, etwa eine Demokratisierung des Zugangs zu Informationen, der stärkere kulturelle Austausch der Nationen untereinander oder die Meinungsvielfalt, standen für ihn viel schwerwiegendere Nachteile entgegen. Während die frühere, eher von Printmedien bestimmte Gesellschaft (textbestimmte Kulturen) sich mit Inhalten in Form von Kritik, Überlegung und Diskussion auseinandersetzte, seien die visuellen Inhalte unserer bildbestimmten Kultur erst gar nicht mehr geeignet, in Frage gestellt oder diskutiert zu werden. Dies aber sei Voraussetzung für eine eigene Urteilsbildung und damit für eine funktionierende Demokratie. Schauspielernde Politiker und zu Politikern mutierende Schauspieler á la Schwarzenegger belegen eindrucksvoll, dass Techniken, die bei der erfolgreichen Vermarktung von Waschlotion greifen, inzwischen auch Wahlentscheidungen beeinflussen. Es sind eben nicht mehr Ideen, die entscheidend sind, sondern nur noch Gesichter und deren Präsentation.

     

    Frühwarnungen

    Fernsehfenster

    Sendewelten

     

    Wer mit halbwegs klarem Verstand den Sturzflug an Qualität in den Medien der letzten Jahre verfolgt, begreift, wie berechtigt viele von Postmans Warnungen gewesen sind. Gameshows, Casting-Shows, Voyerismus-Container oder Lifestyle-Geschwafel gehen tagtäglich als unangefochtene Sieger im Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer gegenüber den eigentlich wichtigen Themen des Lebens hervor.

     

    Bereits in den achtziger Jahren warnte Postman vor einer "Infantilisierung" und Trivialisierung der Gesellschaft durch die kommerziellen Fernsehsender, deren einzige Prämisse die uneingeschränkte Unterhaltung der Zuschauer sei. Die Vermittlung von Informationen oder gar Wissen würden von diesen Sendern weitgehend zurückgedrängt zu Gunsten quotenorientierter Zerstreuung. Damit einher gehe der Verlust unserer Fähigkeit, uns auf längere sprachliche Argumentationen zu konzentrieren.

     

    "Denken kommt auf dem Bildschirm nicht gut an" war eine der provokanten Theorien des Neil Postman. Auch den hochfinanzierten neuen Techniken, etwa dem interaktiven Fernsehen, stand er äußerst kritisch gegenüber. Eine Illusion des Bedeutenden werde in Zusammenhang mit diesen Technologien geschaffen, die nicht gerechtfertigt ist. Was das Problem sei, das durch die neue Technologie gelöst werde, und wessen Problem es sei, waren seine Kernfragen in diesem Zusammenhang. Er zweifelte an, dass Menschen tatsächlich 500 bis 1000 Programme sehen wollten und sollten.

     

    Wir leben durch die Medien

    Die Medien und nicht mehr die Menschen selbst, so Postman, seien es, die durch lückenloses Werbefeuer und Entertainment das bestimmen, was wir erleben, welche Erfahrungen wir machen, was wir wissen, denken, empfinden und wie wir über unsere Nachbarn denken. Unsere alltägliche Sorge, ob wir mit unserer Kleidung, Frisur und den Turnschuhen den aktuell angesagten Klassenzimmer-, Arbeitsplatz-, oder Gesellschafts-Zwängen genügen, belegt auf recht eindrucksvolle Weise, wie richtig diese These war. Neil Postman war ein leidenschaftlicher Kämpfer für die menschliche Vernunft und gegen die Bevormundung durch die Medien. Seine Warnungen wurden und werden kontrovers diskutiert. Doch wie es scheint, ist der Wunsch der Menschen nach Zerstreuung und Ablenkung stärker als die Sorge um den Verlust der Kritikfähigkeit und der geistigen Freiheit.

     

Workshops 2019

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