
Mit seiner Figur Monsieur Hulot schaffte der Filmemacher Jacques Tati in den 1950ern seinen großen Durchbruch und wurde zu einem der beliebtesten und bedeutsamsten Filmemacher der französischen Nation. Der tapsige Onkel - Mantel, Hut und Pfeife als Markenzeichen - orientierte sich an den Stummfilmgrößen des frühen Kinos, während er selbst als Inspiration für Rowan Atkinson diente, der dem Vorbild in Anlehnung an "Les Vacances de Monsieur Hulot" (FR, 1953) mit "Mr. Bean's Holliday" (GB, 2007) Tribut zollte. Dieser Monsieur Hulot stolperte durch ein Frankreich, das sich im Zuge gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen rapide veränderte. Ab den 1960ern wollte Frankreichs damaliger Präsident und Kriegsheld Charles de Gaulle Paris zu einer Metropole der Moderne umformen, ließ daher zahlreiche alte Gebäude abreissen und durch funktionale, brutalistische Bauten ersetzen. Tati griff diese Entwicklungen 1967 in dem größten und teuersten Projekt seiner Karriere - und bis dato auch der französischen Filmgeschichte - auf: "Playtime". 17 Millionen Francs kostete das Megaprojekt, für das hunderte Mitarbeiter wiederum selbst riesige Sets bauen mussten, um die filmische Dystopie eines modernistischen Paris zu verwirklichen.
Die Farbe Grau
Dieses Paris erblüht in allen Variationen der Farbe Grau. Jedes einzelne der brutalistisch-funktionalen Gebäude ist exakt gleich gebaut jede Person sieht gleich aus - und wird ständig mit Hulot verwechselt. Dieser erscheint zu einem Termin in einem der seelenlosen, perfekt (über-)designeten, klinisch-sterilen Bürotürme, die Monumente wie den Plont Alexandre im wahrsten Sinne in den Schatten stellen. Diese neuen Wahrzeichen werden einer US-Reisegruppe als die neuen Sehenswürdigkeiten präsentiert, die den Eifelturm allenfalls für eine Sekunde in einer Spiegelung der endlosen Glasfassaden zu sehen bekommt. Unterdessen gestaltet sich für Hulot schon die Platznahme im Warteraum gestaltet sich als eine Mammutaufgabe. Der Portier muss zig Knöpfe an einer unübersichtlichen Maschine betätigen, um einen Mitarbeiter zu rufen, der nach schier endloser Warterei Hulot schließlich wiederum die Tür zum Wartebereich öffnet. Dort wird er vergessen.
Auf seiner Suche nach dem Mitarbeiter stolpert er in wunderbar komischen Situationen durch die Absurditäten des modernen Arbeitsalltags, in denen die Angestellten teils wie Roboter agieren, in dem manche gar nichts und andere hunderte Aufgaben in irrem Tempo Aufgaben erledigen müssen. Dabei herrscht paradoxerweise durch die Mechanismen und (Miss-)Kommunikation ein dysfunktionales Durcheinander, das der angestrebten Ordnung innewohnt. Tati fängt dieses Durcheinander mit einem unvergleichlichen Gespür für Timing und Präzision ein - oft aus der Distanz, sodass oft eine Wimmelbild-artige Szenerie entsteht, die an allen Ecken und Enden voller Witz, Charme und Seltsamkeiten steckt. In diesem Großraum-Labyrinth ist es nun nicht mehr Hulot, der, wie in den vorhergehenden Filmen, unbeabsichtigt für Chaos sorgt, sondern die Welt um ihn herum.
Der Regisseur inszeniert diese Welt mit einer unbekümmerten Verspieltheit und einer ansteckenden Energie. Dabei lässt Tati aber auch immer wieder Raum zum Atmen und reflektieren. Insbesondere eine Sequenz, in der Hulot von einem alten Armee-Kameraden zu sich nach Hause in einen ultra-modernen Apartment-Komplex eingeladen wird, der durch seine riesigen Wohnzimmerfenster fast wie ein Zoo-Gehege wirkt, regt ohne Worte und allein durch die visuelle Inszenierung auch nachdenkliche Töne an, die dem Film jedoch nie die Leichtigkeit nehmen.
Der Triumph des Chaos
Das Chaos der Arbeitswelt findet schließlich seinen Höhepunkt in der Eröffnung eines Nachtclubs - der noch nicht einmal fertiggebaut ist und voller architektonischer Fehler steckt. Die Klima-Anlage ist defekt, die Kellner können sich nicht über ihre Zuständigkeiten abstimmen und bauliche Mängel erwecken die alte gallische Furcht wieder, der Himmel könne einem auf den Kopf fallen. Hier triumphiert schließlich das menschliche über das technische, im Chaotischen offenbart sich das Warme, durch das das zuvor so graue Viertel in strahlend-bunten Farben aufgeht. Es ist der magische Abschluss eines wahrlich wundervollen, unglaublich lebhaften Films, der staunen lässt und an dessen Ende man - wie ein Tourist nach einem schönen Urlaub - fast wehmütig sofort wieder zurückkehren möchte.
Gesehen von Tristan Rembold

