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Die Herstellung von Objektiven ist eine hohe Kunst. Die Berechnung der Linsen, die Mechanik des Gehäuses, die Glassorten und vor allem Schliff und Polierung der einzelnen Linsen sind es, was letztlich die Qualitätsunterschiede ausmacht. Nachdem so eine Linse fertig poliert wurde, was bei manchen Herstellern noch per Hand geschieht, wird sie ausgiebig getestet und wenn sie den Test passiert hat, vergütet.

Und genau darum geht es hier,- die so genannte Vergütung eines Objektivs, auf English spricht man von "Coated", einer Beschichtung einzelner Linsen. Dabei werden längst nicht nur die Frontlinsen vergütet, häufig werden auch einzelne Linsen im Inneren des Objektivs und durchaus auch auf der Vorder,- und Rückseite vergütet. Man kann die Vergütung übrigens oft an einem farbigen Schimmer erkennen, manchmal bläulich, grünlich oder auch Rosé.

 

Objektiv-Vergütung

 

Sinn klassischer Objektiv-Vergütungen

Welchen Zweck hat nun diese Vergütung? Nun sie ist eine Art Anti-Reflex Beschichtung und hilft, einige der auftretenden Abbildungsfehler von Objektiven zu  minimieren. Dazu zählen Reflexionen, Doppel,- oder Geisterbilder, Lichthöfe (Lens Flare)  und chromatische Aberrationen.

Das Abbild der Wirklichkeit, welches durch die Frontlinse in ein Objektiv gelangt, muss mehrere Linsen passieren, bevor es auf analogen Film oder einen digitalen Kamerasensor trifft. Nun hat Glas die Eigenschaft, zu spiegeln, das bedeutet, dass das Abbild nicht einfach nur durch die verschiedenen Linsen hindurch gelangt, sondern teilweise auch von diesen in die Gegenrichtung reflektiert wird. Selbst der Kamerasensor kann auftreffendes Licht reflektieren.

Das würde unweigerlich zu Lichtstreuungen und gar Doppelbildern führen und, der so genannte Transmissionsgrad der Linsen verschlechtert sich, denn alles Licht was zurück reflektiert wird, kommt der Belichtung des Films oder Kamerasensors nicht zugute. Deshalb werden Linsen mit Leichtmetallhalogeniden bzw. Magnesiumfluorid bedampft, das erzeugt eine nicht ganz so harte Glasoberfläche was die Reflexionen reduziert.

 

Moderne Verfahren

Das Prinzip kennt man schon über hundert Jahre, doch die früheren so genannten Einschicht-Vergütungen sind nicht vergleichbar mit modernen Technologien. Heute werden Linsen Mehrfach-Vergütet (Multi-Coated), dabei werden verschiedenartige, unterschiedlich dünne Schichten übereinander angebracht, die jeweils einen anderen Brechungsindex haben. Neben diesen Vergütungen, die eine möglichst glatte Oberfläche anstreben, gibt es neuere, so genannte Nano-Vergütungen, bei denen die Oberflächen der Linsen im Nano-Beriech, also extrem klein, aufgerauht werden.

Beim japanischen Hersteller Canon wird diese Technik übrigens Subwavelenght Structure Coating (SWC) genannt.

Auf diese Weise können viele Abbildungsfehler von Objektiven weitgehend auskorrigiert werden und ein Transmissionsgrad von bis zu 99,9 % erzielt werden. Im Prinzip also eine geniale Technologie, doch nicht wenige Kameraleute vermissen die Wirkungen, welche sie mit schlechter vergüteten Objektiven erzielen konnten.

 

Geliebte Abbildungsfehler

Wenn man etwa in einem Kriminalfilm eine Kamerafahrt macht und die Kamera fährt durch einen Lichtschein, etwa von einem Fenster oder durch einen Türspalt, so sieht das mit einem modernen, mehrfach vergüteten Objektiv relativ normal aus, so wie auch unser Auge es wahrnehmen würde. Die gleiche Fahrt sieht aber mit einem nur einfach vergüteten, in der Regel also älterem Objektiv, viel eindrucksvoller aus, weil dieses in den Momenten, in denen seitliches Licht auf die Frontlinse trifft, jede Menge Streulicht (Lens Flare) erzeugt, was irgendwie mehr nach Kino aussieht.

Was wären all die schaurig leuchtenden Lichtschächte, Türspalte, strahlenden Schlüssellöcher, Geheimlabore und landenden Außerirdischen der Filmgeschichte ohne die wunderbaren Streulichteffekte einfach oder gar nicht vergüteter Objektive gewesen?

Doch für alle, die gerade keine Außerirdischen Überstrahlungen visualisieren möchten, sind die hochvergüteten modernen Objektive natürlich ein Arbeitswerkzeug erster Wahl. Und da es sich eben nicht einfach nur um Glas handelt, sondern um hochkomplexe Oberflächen, ist bei der Reinigung der Objektive größte Vorsicht geboten. Durch falsche Reinigung ist schon so manche Vergütung zerstört worden...

 

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