
Die Filmgeschichte kann, selbst heute noch, immer wieder mit überraschenden Entdeckungen aufwarten. Eine davon wird Anfang Oktober 2026 als Buch der Öffentlichkeit präsentiert, die "Faust Bibel": Der Filmarchitekt Robert Herlth hat zu den Dreharbeiten an "Faust" aus Fotos und Originalzeichnungen ein einmaliges Buch zusammengestellt, welches er dem Regisseur geschenkt hat. Robert Herlth attestieren Filmhistoriker "eine fast mystische Gestaltungskraft, die durch seine Kombination von künstlerischem Gespür, innovativer Gestaltung und atmosphärischer Dichte entstand". Die Art wie der Filmarchitekt mit Licht, Formen und Filmsprache umging, wie er die Motive mit Geheimnis, Zauber und Emotion ausstattete, war nicht nur bei seiner Arbeit an "Faust" absolut herausragend.
Robert Herlths Geschenk an Friedrich Wilhelm Murnau, lange verschollen, geraubt, versteckt, ein frühes "Making of" des legendären Faust Films ist nach 100 Jahren wieder zugänglich. "Faust" war der letzte Film den der Starregisseur in Deutschland drehte, er hatte einen Vertrag mit der Fox in Hollywood und würde dort den legendären "Sunrise" (USA 1927) drehen. Bereits wenige Jahre später am 11. März 1931 starb Murnau in Santa Barbara in Kalifornien bei einem Autounfall.
Die damalige "Faust" Verfilmung war ein Prestige-Projekt der UFA und sprengte damals deutlich die üblichen Budget-Rahmen. Interessanterweise dachte Murnau damals eigentlich an eine komplett internationale Besetzung, doch es gab durchaus schon damals politischen Druck und so besetzte Murnau letztlich Gösta Ekman, einen Schwedischen Schauspieler als Faust, Emil Jannings als Mephisto, Camilla Horn, die damals weitgehend unbekannt war als Gretchen und Yvette Guilbert, eine französische Schauspielerin, als Marth. Man muss dazu sagen, dass bedingt durch den Stummfilm und die breite internationale Verwertung von auch Deutschen Stummfilmen, es durchaus üblich war, internationale Schauspieler zu besetzen. Camilla Horn war eigentlich als Statistin gebucht und wurde dann während der Vorbereitungen zu dem Film überraschend von Murnau für die Rolle des Gretchens bestimmt.
Visuell war der Film herausragend, gemeinsam mit dem Kameramann Carl Hoffmann und dem Filmarchitekten Robert Herlth erdachte Murnau riesige Landschaften, Wolkenformationen, dämonische Erscheinungen, Doppelbelichtungen, Miniaturen und Überblendungen. Die meisten Film-Tricks mussten damals weitgehend direkt bei der Aufnahme mit der Kamera etwa als Spiegel,- oder Kaschtrick erzeugt werden. Herausragend etwa eine Aufnahme des riesenhaften Mephisto, wie er über der Stadt seine dunklen Flügel ausbreitet. Das Licht, der Nebel, die Architektur und die Schatten waren expressionistisch eingesetzt und waren Teil der filmischen Erzählung.
Bei der Premiere am 14. Oktober 1926 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin, bei der Murnau wegen seiner Arbeit in den USA gar nicht mehr anwesend sein konnte, wurde der Film mit Begeisterung aufgenommen, die Filmkritik damals war eher zurückhaltend in ihren Bewertungen. Man vermisste die philosophische Tiefe der literarischen Vorlage Goethes, erkannte aber zugleich auch Murnaus visuellen und erzählerischen Schwerpunkte, die mehr bei der Magie, dem Zauber, dem Licht und der Atmosphäre lagen. Gerade Murnaus Loslösung von einer rein theatralen Verfilmung wird heute an dem Film besonders geschätzt. Vor allem wegen der hohen Produktionskosten, galt er damals als finanziell wenig erfolgreich.

Und Zum 100 jährigen Jubiläum der legendären Stummfilm- "Faust" Verfilmung von Murnau wird nicht nur der Film in zahlreichen Zusammenhängen aufgeführt, es wird auch ein Buch erscheinen, welches die Arbeit und vor allem die Visualisiserungen dieses legendären Films nachvollziehbar macht. Was es genau mit dieser Faust-Bibel auf sich hat, hat Werner Sudendorf sehr eindrücklich in einem Essay herausgearbeitet.
Nach Ende der Dreharbeiten zu "Faust" am 24. März 1926 hatte der Filmarchitekt Robert Herlth Murnau ein selbst zusammengestelltes Buch mit Zeichnungen, Überlegungen, Notizen und Fotografien geschenkt. Dies war ein sehr besonderes Erinnerungsstück an die Zusammenarbeit bei dem Film. Auf etwa 100 Seiten hatte Robert Herlth die Geschichte der Verfilmung von "Faust" mit etwa 350 Fotos festgehalten. Darunter befanden sich auch die verschiedenen Masken die Emil Janings als Mephisto trug. Wegen der damals nicht vorhandenen digitalen Reproduktionstechniken war das Buch tatsächlich ein einmaliges Exemplar und damit von unschätzbarem filmhistorischem Wert. Doch so genial diese "Faust-Bibel" auch ausgestaltet war, für fast ein Jahrhundert lang blieb sie verschollen.
Die Suche danach gleicht einem Krimi und dauerte Jahrzehnte. Die Recherchen, maßgeblich schon im letzten Jahrhundert betrieben durch Lotte Eisner, die deutsch-französische Filmarchivarin, Filmhistorikerin und Filmkritikerin, haben zwar ergeben, dass der Bruder von F. W. Murnau, (Bernhard Plumpe) nach dessen Tod den Nachlass zunächst im Wohnhaus der Mutter und im zweiten Weltkrieg dann in einem Bunker in der Charlottenburger Droysenstrasse 15 untergestellt hatte.

Auf welche Weise die "Faust-Bibel" später in die Hände de früheren Filmproduzenten und späteren Gaststättenbetreibers Rolf Conscienze, gelangt sind, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, sein Lokal jedenfalls war auch bei zwielichtigen Gästen beliebt, vielleicht hatte auch Jemand das Buch gestohlen und an Conscienze verkauft. Dieser wieder verkaufte das Buch an einen gewissen Engelbert von Mallinckrodt, dessen Besitz dann wiederum von seinem Mitbewohner mehr als ein halbes Jahrhundert in Papier eingewickelt auf einem Schrank lagerte.
Eben diesem Mitbewohner fiel wohl 2013 auf, dass dieses Buch vielleicht von Wert sein könnte und gab sie an ein Auktionshaus zur Versteigerung. Zum Glück konnten Murnaus Erben die Versteigerung und damit vielleicht den Verlust dieses wichtigen Filmdokuments verhindern indem sie die Bibel juristisch als Teil des Nachlasses erklärten, was die im selben Moment zu Diebesgut machte. Und eben diese Erben haben dann die Bibel an die Cinémathèque Francaise verkauft, die sie damit in ihre Sammlung aufnahm.
Und nun, 100 Jahre nach der Uraufführung des Films, wird auch die Bibel, sorgfältig aufbereitet, als Buch von Mubi Editions und mit Beiträgen von Laurent Mannoni, Stefan Drössler, und K.J. Relth-Miller veröffentlicht. Robert Herlth beschrieb die Arbeit an "Faust" als ganz besondere Herausforderung und beschrieb seine gestalterische Arbeit daran als bislang beste Leistung. Auf vielen Seiten sind Herlths Entwürfe und die seines Kollegen und Mitarbeiters Walter Röhrig zu sehen. Die jeweilige Visualisierung einer Szene kam laut Herlth in enger Abstimmung zwischen Murnau, ihm selbst und dem Kameramann Carl Hoffmann zustande. Dabei zeichneten sich Herlths Entwürfe nicht durch Anhäufung von Details sondern vor allem durch eine visuell dichte Reduzierung auf das, was die maximale semiotische und emotionale Wirkung erzielte. Es ging ihm stets um die maximale Wirkung der jeweiligen Szenen.
Jubiläum
Am 14. Oktober 2026 zeigt die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung den Film in Wiesbaden, exakt hundert Jahre nach der Uraufführung des Films. Zum hundertjährigen Jubiläum wird es mindestens rund 70 öffentliche Aufführungen in 13 Ländern geben, von Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Skandinavien über Brasilien bis nach Kanada und in die USA reicht die Bandbreite. Eine zentrale Rolle bei den Jubiläumsaufführungen spielt hier die Cinémathèque française in Paris, die auch die Veröffentlichung der "Faust-Bibel" maßgeblich vorangebracht hat. Doch auch Spielorte wie Il Cinema Ritrovato in Bologna, das Museum of the Moving Image in New York, das Filmmuseum München, die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden, das MUBI FEST und das Babylon in Berlin, das Kino Regina in Helsinki sowie das Oslo Stummfilmfestival feiern mit. Allein eine nordamerikanische Jubiläumstour des Films wird mehr als 30 Aufführungen haben. Ungefähr zeitgleich geht die "Faust Bibel" von Mubi in den Verkauf.
Vielen Dank an Alexander Luckow für die Hilfe bei der Recherche und die Einwilligung zur Verwendung der Abbildungen
