
Der erste abendfüllende Animationsfilm kam nicht etwa aus den USA sondern aus Deutschland und war ein Scherenschnittfilm. Der Name Lotte Reiniger ist untrennbar mit den Scherenschnitt Filmen, jenen frühen Animationsfilmen verbunden, weil sie es war, die als Trickfilm Pionierin diese besondere Form des Animationsfilms kultivierte und hoffähig machte. Die Technik des Silhouetten-Animationsfilms hatte vermutlich der britische Filmer Charles Armstrong erfunden und in seinen Kurzfilmen „The Sporting Mice“ (1909) sowie „The Clown and His Donkey“ (1910) umgesetzt. Interessanterweise waren seine Figuren Weiß vor schwarzem Hintergrund, also nicht von hinten sondern von vorne beleuchtet und damit genau umgekehrt wie später Lotte Reinigers Scherenschnittfiguren.
Lotte Reinigers Leidenschaft, der Umgang mit der Schere und schwarzem Kartonpapier, war eine Handwerkskunst die viele Jahrhunderte lang sehr geschätzt wurde. Bereits als Kind hat sie Scherenschnitte hergestellt und da sie zugleich auch vom Theater begeistert war, baute sie sich ein kleines Schattentheater in welchem sie kleine Geschichten bis hin zu ganzen Shakespeare Stücken aufführte.
Dass daraus dann allerdings Filme wurden, ist einem großen Zufall zu verdanken. Lotte Reiniger ging als junge Frau auf die Max Reinhard Schauspielschule in Berlin wo sie hinter der Bühne häufig Silhouetten von den Schauspielern schnitt. Dies sah der Stummfilm-Regisseur und Schauspieler Paul Wegener (Der Student von Prag, Der Golem) und war sehr beeindruckt, wie sie Bewegungen auf Karton übertragen konnte. Er brachte sie mit einer Gruppe experimenteller Filmemacher zusammen, die sie mit der Filmtechnik vertraut machten.
So entstand 1919 ihr erster eigener Film, bei dem sie Scherenschnittfiguren deren Gliedmaßen durch Drähte beweglich verbunden waren in Einzelbildaufnahmen aufnahm. Diese Kartonfiguren lagen auf einer von unten beleuchteten Milchglasplatte, die Kamera war senkrecht darüber angebracht. Die aus schwarzem Karton ausgeschnittenen Figuren waren durch dünne Bleiplatten beschwert damit sie plan auf der Glasplatte lagen. Ihr Film "Das Ornament des verliebten Herzens" entstand bereits in Stop-Motion Technik, indem sie die Figuren jeweils minimal bewegte und jeweils eine weitere Aufnahme machte.
Die neuen technischen und erzählerischen Möglichkeiten, ihre Scherenschnittfiguren zum Leben zu erwecken, begeisterten die junge Lotte Reiniger so, dass sie kaum noch etwas anderes machte. In dieser künstlerischen Gruppe lernte sie Carl Koch kennen, den sie 1921 heiratete und der ihr künstlerischer und technischer Partner wurde.
Geschnittene Märchen

Relativ schnell legte sich Lotte Reiniger auch auf ihre Themenwelt fest: Märchen, Mythen und fantastische Geschichten. So verfilmte sie „Der fliegende Koffer“ (Regie: Lotte Reiniger, D, 1921), „Dornröschen“ (Regie: Lotte Reiniger, D, 1922) und bereits 1922, Jahrzehnte vor Walt Disney „Aschenputtel“ (Cinderella). Überhaupt finden sich in ihrem Werk diverse Titel, die erst Jahrzehnte später von der US Filmindustrie aufgegriffen wurden, so etwa auch „Doktor Dolittle und seine Tiere“ (Regie: Lotte Reiniger, 1928).
Die schwarzen Pappfiguren erlaubten Reingiger fantasievolle Gestaltungen. Ornamente, Pflanzen, Paläste, Zauberwesen und fantastische Landschaften bildeten eine künstlerisch individuelle Fantasiewelt.
Abendfüllend
Ihr Durchbruch aber war der Film „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, der erste abendfüllende Animationsfilm der Welt, den sie mit Hilfe des Bankiers und Förderers Louis Hagen herstellen konnte. In dessen Haus richtete er ihr und ihrem Team ein eigenes Filmatelier ein. Drei Jahre lange dauerte die Arbeit an dem Film und in ihrem Team waren wichtige avantgardistische Filmkünstler wie Walter Ruttmann, Berthold Bartosch und Oskar Fischinger. Auch Ihr Mann Carl Koch war in die Herstellung eingebunden.
Die ganze Produktion war technisch extrem aufwendig. Um eine gewisse räumliche Bildtiefe zu erzielen, erfanden Reiniger und ihr Team auch einen frühen Vorläufer der späteren Multiplan Kamera die Walt Disney "Schneewittchen" und spätere Zeichentrickfilme verwenden sollte. Durch diese Kamera waren mehrerer Ebenen möglich, auf denen Vorder, Mittel und Hintergrund getrennt voneinander platziert und animiert werden.
1926 war es so weit und „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (Regie: Lotte Reiniger, D 1926) kam in die Kinos. Allerdings war der Film zunächst noch kein kommerzieller Erfolg. Das lag vor allem daran, dass er von keinem großen Verleih vertrieben wurde. So dauerte es eine Weile bis sich die Qualität des Films per Mund zu Mund Propaganda herumgesprochen hatte. Regisseure wie Jean Renoir, Bertolt Brecht und Fritz Lang (Metropolis) waren begeistert von der neuen Kunstform. Insbesondere in England wurden ihre Filme in Folge sehr geschätzt. Reiniger hatte aus ihrem Talent als Kind eine neue filmische Kunstform entwickelt und hatte mehr als ein Jahrzehnt vor Walt Disneys Zeichentrickfilmen den abendfüllenden Animationsfilm zur Kunstform gemacht.
Großbritannien
Bereits in den 30er Jahren begann sie zunächst mit filmischen Arbeiten in Großbritannien, so etwa „The King's Breakfast“ (Regie: Lotte Reiniger, GB, 1936) als erstem in England hergestellter Film, später siedelte sie nach Großbritannien über und es begann in den 40er, 50er Jahren eine überaus umfangreiche Reihe an Märchenfilmen auch für das Fernsehen. Dabei hat sie so ziemlich alle Märchenfilmthemen durchdekliniert, die auch auf der anderen Seite des Atlantiks von Disney in Zeichentricktechnik umgesetzt wurden.
Doch auch in den 60er und 70er Jahren realisiserte sie weiter Scherenschnittfilme, so etwa „The Pied Piper of Hameln – Der Rattenfänger von Hameln“ (Regie: Lotte Reiniger, GB, 1960), „The Frog Prince“ (Regie: Lotte Reiniger, GB, 1961) beide gedacht als als Intermezzo für Theaterproduktionen. Weitere späte Filme waren „Wee Sandy“ (Regie: Lotte Reiniger, GB, 1962) „Cinderella“ (Regie: Lotte Reiniger, GB, 1963) „The Lost Son – Der verlorene Sohn“ (Regie: Lotte Reiniger, GB, 1974), „Aucassin and Nicolette“ (Regie: Lotte Reiniger, Kanada, 1975/76, ca. 15 Min.) „The Rose and the Ring“ (Regie: Lotte Reiniger, Kanada, 1978/79, ca. 22½ Min.)
Wiederentdeckung
Bei einigen ihrer letzten Filme arbeitete Lotte reiniger auch mit farbigen Hintergründen, vielleicht ein Zugeständnis an die immer farbiger werdende Fernsehwelt. In den 60er Jahren gabe es so etwas wie eine Wiederentdeckung der Filmkünstlerin in Deutschland. 1969 zeigte sie ihre Filme unter anderem in Frankfurt und München. 1972 wurde sie mit dem Filmband in Gold für ihr Lebenswerk und 1979 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zuletzt reiste sie viel, hielt Vorträge, unterrichtete junge Menschen. So war sie bis zuletzt mit Menschen zusammen, die ihre alte Kunst des Scherenschnittfilms liebten und verehrten. Ihr letzter Film entstand für das Filminstitut Düsseldorf, dessen für den Film begeisterter Leiter Klaus Jäger bei ihr den Film „Düsselchen und die vier Jahreszeiten / Die vier Jahreszeiten“ (Regie: Lotte Reiniger, Deutschland, 1980) in Auftrag gab. Ihr letztes Lebensjahr verbrachte Lotte Eisner wieder in Deutschland, in Dettenhausen bei Tübingen, wo sie 81 jährig verstarb.
Lotte Reiniger hat in ihrem Leben weit über 50 Scherenschnitt-Filme verwirklicht, von denen allerdings nur wenige abendfüllend waren. Darunter waren sogar Werbeclips,etwa für Nivea („Das Geheimnis der Marquise“ (Regie: Lotte Reiniger, D, 1922) und Mauxion („Die Barcarole“ (Regie: Lotte Reiniger, D, 1922) zu finden.
