
Sieht man sich Film- und Serien-Events, zum Beispiel Premieren - an, wird der eine odere andere wohl ein paar Influenzer erkennen, die am und auch auf dem roten Teppich umherschwirren. Mitunter sagt auch kein einziger Name einem etwas, obwohl diese ein Publikum von hundertausenden bis Millionen Menschen erreichen. Längst ist die Celebrity-Welle an Promis, die keiner und zugleich irgendwie dann doch der halbe Globus kennt, zu einem Running-Gag in den sozialen Medien geworden.
Wie schon im Artikel über Filme und Memes erwähnt ist die weite Online-Welt mittlerweile stark fragmentarisch. Der Erfolg vieler Creator begrenzt sich meist auf das Publikum einer Plattform. Da sich im Zuge dieser Entwicklungen auch ganze Zielgruppen auf den jeweiligen Plattformen konzentrieren, mussten die auch Film-Studios entsprechend auch ihre Vermarktung anpassen, um relevant zu bleiben. Zum einen erfolgt das natürlich über die eigenen Kanäle, aber auch Influenzer sind längst ein Teil der Werbe-Strategie, sind diese doch "frei" von den Social-Media-Leitplanken der großen Firmen.
Influenzer sollen den Firmen ein authentisches Gesicht geben ohne dass diese sich bei dem Versuch die Blöße geben. Es haben sich schon zahlreiche Firmen (nicht nur aus dem Filmbereich) mit ihren unbeholfenen Anbiederungsversuchen online ordentlich in die Nesseln gesetzt. Die Influenzer sind dabei eine menschliche Schnittstelle, die natürlich auch den Studios eine Möglichkeit bieten, sich indirekt durch Aktionen, exklusive Events, Merchandising und mehr als authentisch, cool und publikumsnah zu inszenieren. Auf dem Papier scheint das für beide Seiten eine Win-Win-Situation zu sein. Doch das Verhältnis zwischen Studios und Influencern ist bei Weitem nicht so glamourös, wie es in den Clips auf Instagram und Co. wirkt - und für beide Seiten auch von Abhängigkeiten und Spannungen geprägt. Das fängt schon dabei an, dass ein Influenzer, der zu einer Premiere eingeladen wird, wohl kaum ein schlechtes Wort über einen Film verlieren wird - man will ja schließlich auch zukünftig auf Premieren unterwegs sein - zur eigenen Unterhaltung, aber auch, um den eigenen Fans etwas bieten zu können.
Dementsprechend geben viele Influenzer, die vorab etwa Previews erhalten, in den meisten Fällen nicht ihre tatsächliche Meinung zu einem Film ab oder halten ihre Kritik möglichst lauwarm. Infolge dessen haben sich bereits zahlreiche Floskeln und Standardsätze ergeben, die betreffende Influenzer in Tweets, Podcasts etc. verwenden. Allgemeine Statements lassen dabei oft auf eine eher durchschnittliche bis unterdurchschnittliche filmische Qualität schließen. Sieht man sich beispielsweise Podcasts zu Kino-Flops an, haben diese doch einen gewissen unfreiwilligen Unterhaltungswert, wenn die Moderatoren krampfhaft und merklich bemüht versuchen, den Film zu loben.
Darin liegt natürlich ein Risiko für die Creator, die einen Spagat finden müssen, um gegenüber ihrem Publikum (nicht zu viel) Authentizität einzubüßen - ein Influencer ohne Publikum hat für die Studios schließlich auch keinen Nutzen. Umgekehrt kann die beschädigte Reputation eines Influenzers auch auf die Werbepartner zurückfallen. doch nicht alle Influenzer arbeiten mit den Studios bezieungsweise Werbepartnern zusammen. Es gibt auch Gegenbeispiele bei denen Content-Ersteller kritischer sind. Andere haben längst ihre Nische im (durchgehenden) Veriss von Hollywood gefunden - etwa TheCriticalDrinker, andere befinden sich wiederum irgendwo dazwischen und haben ihre ganz eigene Stimme gefunden, beispielsweise RLM - die Influencer-Landschaft ist selbst eben auch fragmentarisch.
Influenzer in Filmen
Längst spielen Content-Creator nicht mehr nur eine Rolle neben, sondern oft auch in Filmen. In der Regel spielen die Influenzer sich dabei selbst. Beispielsweise kommentieren in der Action-Komödie "Free Guy" (USA, 2021) Gaming-Youtuber wie der Ire JackSepticEye immer wieder virale Clips aus dem fiktiven Computerspiel und Handlungsort "Free City", in der ein NPC (Ryan Reynolds) plötzlich zum Helden wird. Im diesjährigen "Scary Movie 6" hat der Streamer Kai Cenat einen selbstironischen Auftritt, in dem er seine Internet-Karriere parodiert. Auch hier gilt ein ähnliches Prinzip wie mit der Werbung durch Influenzer, die hier zu Werbung mit Influenzern wird. Die jeweiligen Creator bewerben dabei aktiv und passiv den Film. Aktiv, wenn sie etwa auf ihren Auftritt verweisen oder klassisch den Film bewerben, passiv, indem sie in Trailern oder Vorschau-Clips zu sehen sind - und so natürlich deren Publikum zum Kinobesuch angehalten werden soll.
Die Influenzer-Auftritte haben aber neben der Werbung auch noch eine weitere Funktion, dass in diesem Fall der Film durch sie authentischer und näher am Zeitgeschehen stattfindet - zumindest in der Theorie. In "Free Guy" fühlt sich das Videospiel und die echte Welt drumherum realer an, weil echte Creator darauf reagieren und das Spiel spielen. Zugleich sind solche Szenen auch kostengünstig zu drehen, denn die Creator müssen zumeist nicht eingeflogen werden, sondern können die entsprechenden Szenen - so wie sie es ja auch auf Youtube, Twitch und Co. tun - von zuhause aus kommentieren.
Filme von Influenzern
Mitunter probieren sich die Online-Inhalteersteller auch an eigenen Langfilmen. Insbesondere die Frühphase dieser Versuche dürfte als ein goldener Sommer gelten, denn selten dürfte die Gurkenernte so groß ausgefallen sein. Filme wie Smoshs "Smosh: The Movie" (USA, 2015) oder die Komödie des - gelinde gesagt - äußerst umstrittenen Komikers Shane Dawson "Not Cool" (USA, 2014) zeigten, dass erfolgreiche Youtuber noch lange keinen erfolgreichen Filmemacher sein müssen. Beide Filme, die zudem recht günstig produziert wurden, fielen bei Kritikern und Publikum gnadenlos durch und hefteten YouTube-Filmen ein negatives Label an. Mit den Erfolgen von talentierten YouTubern wie Kane Parsons oder Curry Barker, die mit "Backrooms" (USA, 2026) und "Obsession" (USA, 2026) Mega-Hits landeten, wandelt sich das Bild jedoch aktuell - wobei Barker sich selbst trotz seiner Anfänge nicht als YouTuber bezeichnen möchte. Gaming-YouTuber Markiplier feierte mit seinem eigens produzierten und vertriebenen Horror-Film "Iron Lung" (USA, 2026) einen großen Achtungserfolg - auch wenn er die Kritiker eher weniger überzeugen konnte.
Der deutsche Film und Influenzer
Hierzulande haben sich natürlich auch einheimische Kreateure über die Jahre ein Publikum geschaffen: Die kreative Brachlandschaft namens YouTube Deutschland. Insgesamt hinkt diese traditionell qualitativ und zeitlich (gerade im Bezug auf Trends) dem US-Markt hinterher, was insbesondere im Rückblick auf die erfolgreichen 2010er Jahre auffällig wird. Dem Erfolg tat das jedoch keinen Abbruch. Dieser blieb einer anderen Landschaft wiederum nicht verborgen, die ebenfalls traditionell qualitativ und zeitlich dem US-Markt hinterherhinkt: Der des deutschen Films. Diese Symbiose bescherte dem deutschen Publikum mit dem Youtuber-Schaulaufen "Kartoffelsalat - Nicht fragen!" (DE, 2015) und weiteren kläglichen Versuchen wie "Bruder vor Luder" (DE, 2015) oder "Takeover - Voll vertauscht" (DE, 2020) ein ganz dunkles Kapitel deutscher Kinogeschichte.
Dieses setzt sich ein Stück weit in einem Trend fort, den die deutschen Studios im Hinblick auf Animationsfilme noch nicht aufgegeben haben: Influencer als Synchronsprecher. In der Regel können professionelle Synchronsprecher auf eine lange Ausbildung als Sprecher beziehungsweise Schauspieler zurückblicken. Ein Hintergrund, den Influenzer meistens nicht vorweisen können. Die daraus resultierende Diskrepanz ist merklich hörbar - vor allen Dingen, wenn Profis und Amateure in der gleichen Szene sprechen. Es wäre eine Sache, würden Creator eine Figur mit ein bis zwei Sätzen vertonen, mitunter werden diese aber für größere Neben- oder sogar Hauptrollen gecastet. Gleiches gilt natürlich auch für anderweitige Personen des öffentlichen Lebens, die ohne Qualifikation eine Sprechrolle bekommen. TV-Moderator Elton als Humpty Dumpty in "Der gestiefelte Kater" (USA, 2011) ist ein passendes Negativbeispiel.
Fazit: Influenzer sind auf unterschiedliche Weise zu einem wichtigen Teil des Film-Marketings geworden und das Film-Marketing ist wiederum ein wichtiger Bestandteil des Contents vieler Creator. Aus diesem Verhältnis können aber auch Abhängigkeiten und Rufschädigung hervorgehen. Die Zusammenarbeit zwischen Influenzern und Studios muss dabei nicht immer negativ sein - talentierte Creator können wiederum durch ihre Plattformen entdeckt werden und selbst eindrucksvolle und erfolgreiche Filme schaffen. Wird jedoch nur auf die Reichweite geachtet, kann sich das durchaus negativ auf die Qualität von Filmen auswirken - etwa, wenn unqualifizierte Persönlichkeiten als Synchronsprecher eingesetzt werden. Wer mehr über die Themen Filmmarketing - etwa durch Trailer - und Synchronsprechen erfahren will, wird hier fündig.
