
Nicht nur im echten Leben für die meisten von uns, auch für Kinofiguren sind Ferien ganz besondere Situationen. Wir haben uns das mal näher angeschaut. Urlaub oder auch Ferien sind ein überraschend reichhaltiges Filmmotiv. Am interessantesten sind sie, wie so oft im Kino, als Ausnahmesituation. Wenn die Filmfiguren aus ihrem gewohnten Alltag ausbrechen und die Ferien zu einer Herausforderung der besonderen Art werden. Dramaturgisch bieten die Begrenzungen (räumlich und zeitlich) „begrenzten Raumes“.
Das bietet einige interessante Eigenschaften. Der Zeitraum, die ablaufende Zeit, die fremde Umgebung, das nahende Ende der Ferien, die Rückkehr in den blassen Alltag. Plötzlich werden Beziehungen hinterfragt, völlig Fremde lernen sich kennen – oder aus dem Traumurlaub wird eine Katastrophe. Wir betrachten hier nicht unbedingt Filme, die an Urlaubsorten spielen, sondern solche, wo das Prinzip Urlaub im Zentrum des Geschehens steht. Einige Filme tragen es sogar im Titel, dass die Feriensituation zentral für die Handlung wird, so etwa in dem legendären "Die Ferien des M. Hulot" (1953, Jacques Tati), ein Klassiker unter den Urlaubskomödien. Auffällig viele Filme aus Frankreich, Italien und Spanien tragen "Vacances" bzw. "Vacanze" oder "Vacaciones" im Titel.
Manchmal kann man Menschen-Konstellationen in Urlaubssituationen wie in einem Herbarium studieren und analysieren, kann ihre Schwächen, ihre Sehnsüchte und Ängste aufeinanderprallen lassen, kann Schicksalhaftes am Horizont heraufziehen lassen. Manchmal entstehen neue, vielleicht auch unerwartete Beziehungen, manchmal ertragen Menschen das ständige Zusammensein während der Ferien nicht und Beziehungen zerbrechen. Nicht selten enden Urlaube ungut, manchmal sogar tödlich.
Erinnerungen und Innenwelten
Ferienfilme sind meistens auch zugleich Sommerfilme. In Aftersun (2022) verbringen ein Vater und seine Tochter den Urlaub in einem türkischen Ferienresort. Auch wenn es wenig äußere Handlung gibt, so passiert umso mehr in den Innenwelten und die erwachsene Tochter erinnert sich an Dinge im Verhalten ihres Vaters, die sie als Kind nicht verstand. Auch in "The Lost Daughter" (2021) wird ein Badeurlaub zum Auslöser für Erinnerungen, Fragen von Mutterschaft und Schuld. Menschen reisen in die Ferien, um anschließend verändert in ihr normales Leben zurückzukehren.
Erster Sex und Erwachsenwerden
Zahlreiche Filme verlagern ihre "Coming of Age" Themen in die Ferien. Besonders prominente Beispiele sind "Summer of '42" (1971), "Dirty Dancing" (1987), "Call Me by Your Name" (2017) und "The Way Way Back" (2013). Nicht selten geht es um Jugendliche, die sich während eines gemeinsamen Urlaubs mit den Eltern vielleicht zum ersten Mal von diesen emanzipieren.
Gerade im europäischen Film, insbesondere in Frankreich in den 1960er bis 1990er Jahren, hat die erste sexuelle Erfahrung, gedeutet als Schwelle zwischen Jugend und Erwachsensein, einen festen Platz in vielen Ferienfilmen. Erst durch die Ausnahmesituation des Urlaubs wird diese Grenzüberschreitung oder auch nur der Wunsch, die Sehnsucht danach, möglich.
Elemente wie Verliebtheit, Scham und Unsicherheit, ein erster Kuss, das erste sexuelle Begehren, Zurückweisung oder auch Eifersucht haben Regisseure wie Eric Rohmer auf vielfältige Weise filmisch durchdekliniert. Filme wie „La Collectionneuse“ (1967), „Pauline am Strand“ (1983) oder „A Summer's Tale“ (1996) seien hier nur beispielhaft genannt.
Eine wichtige Rolle kommt in diesen Versuchsaufbauten der Gefühle der zeitlichen Begrenzung zu. Vieles, was im normalen Leben längere Zeit in Anspruch nehmen würde, muss in den kurzen Ferienwochen viel schneller geschehen, weil das Ende der Ferien naht. Ein perfektes dramaturgisches Druckmittel, das alles, auch die Emotionen, intensiviert.
Tödliche Ferien
Wenn man an diverse Agatha-Christie-Verfilmungen denkt, befinden sich dort der Superdetektiv Hercule Poirot, das oder die Opfer und auch die möglichen Täter zumeist auf einer Urlaubsreise, so beispielsweise in "Rendezvous mit einer Leiche" (Michael Winner, 1989) auf einer Reise im Nahen Osten, als die tyrannische Witwe Emily vergiftet wird. Nach gleichem Strickmuster unternimmt Hercule Poirot in "Tod auf dem Nil" (Regie: Kenneth Branagh, 2022) eine Kreuzfahrt auf dem Nil und wie das Schicksal und Agatha Christie so will, wird eine junge, reiche Frau ermordet, was den Meisterdetektiv auf den Plan ruft. Und auch in "Das Böse unter der Sonne" (1982) befindet sich Poirot in einem Urlaubsmodus, als in einem mondänen Luxushotel auf einer Insel ein Mord geschieht.
Doch nicht nur im klassischen Detektivfilm-Genre, sondern auch in anderen Krimi-Formaten eskalieren in Urlauben Konflikte. Man denke nur an "The Talented Mr. Ripley" (1999), "A Bigger Splash" (2015), "Old" (2021), "Speak No Evil" (2022) oder auch "The Beach" (2000).
So zeigt die genauere Betrachtung des Phänomens "Ferien im Film" deutliche Veränderungen auf. Aus dem mondänen Ferienaufenthalt in den 1930er Jahren und Jacques Tatis feiner Beobachtung des Massentourismus wurden Erzählungen aus Familienurlauben, Roadmovies, aber auch Dramen oder Thriller.
Deutsche und Österreichische Wirtschaftswunder-Urlaubsfilme
Sie bedienten ab den 50er bis weit in die 70er Jahre die Sehnsüchte der Menschen und versetzten ihre Protagonisten in zahlreiche mehr oder weniger bedeutsame Ferienabenteuer. Da wurde gewandert, fuhr man auf Booten über den Rhein und feierte das Nichtstun. Dabei stand nicht nur das Sehnsuchtsland der Nachkriegsdeutschen, Italien, im Mittelpunkt, auch Ferien im eigenen Land, etwa an Seen, am Rhein oder auch am Meer galten als durchaus attraktive Locations. Mit der finanziellen Erreichbarkeit der Traumziele für jedermann verschwanden die Ferien dann für eine Weile von den deutschen Leinwänden.
Liste mit Ferien-Titeln
Nicht immer geht es um Ferien und Urlaub, wenn einer dieser Begriffe im Filmtitel auftaucht. In einigen wenigen wird der Begriff "Ferien" oder "Vacation" eher metaphorisch verwendet. Doch mehrheitlich steckt in den Filmen auch drin, was ihr Titel verspricht.
- „Holiday“ (Regie: Edward H. Griffith, USA 1930)
- „Holiday“ (Die Schwester der Braut) (Regie: George Cukor, USA 1938)
- „Urlaub auf Ehrenwort“ (Regie: Karl Ritter, D 1938)
- „Ferien vom Ich“ (Regie: Hans Deppe, D 1940)
- „Les Dernières Vacances“ (Die letzten Ferien) (Regie: Roger Leenhardt, F 1948)
- „Summer Holiday“ (Regie: Rouben Mamoulian, USA 1948)
- „Last Holiday“ (Ferien wie noch nie) (Regie: Henry Cass, GB 1950)
- „Vacanze col gangster“ (Das große Ferienabenteuer) (Regie: Dino Risi, I 1951)
- „Ferien vom Ich“ (Regie: Hans Deppe, BRD 1952)
- „Roman Holiday“ (Ein Herz und eine Krone) (Regie: William Wyler, USA 1953)
- „Les Vacances de Monsieur Hulot“ (Die Ferien des Monsieur Hulot) (Regie: Jacques Tati, F 1953)
- „Ferien in Tirol“ (Regie: Wolfgang Schleif, BRD 1956)
- „Ferien auf Immenhof“ (Regie: Hermann Leitner, BRD 1957)
- „Urlaub auf Ehrenwort“ (Regie: Wolfgang Liebeneiner, BRD 1958)
- „Summer Holiday“ (Regie: Peter Yates, GB 1963)
- „Ferien vom Ich“ (Regie: Hans Grimm, BRD 1963)
- „OSS 117 prend des vacances“ (Regie: Pierre Kalfon, F/BR 1970)
- „La vacanza“ (Regie: Tinto Brass, I 1971)
- „Une semaine de vacances“ (Eine Woche Ferien) (Regie: Bertrand Tavernier, F 1980)
- „National Lampoon’s Vacation“ (Die schrillen Vier auf Achse) (Regie: Harold Ramis, USA 1983)
- „Vacanze di Natale“ (Regie: Carlo Vanzina, I 1983)
- „Vacanze in America“ (Regie: Carlo Vanzina, I 1984)
- „National Lampoon’s European Vacation“ (Hilfe, die Amis kommen!) (Regie: Amy Heckerling, USA 1985)
- „National Lampoon’s Christmas Vacation“ (Schöne Bescherung) (Regie: Jeremiah S. Chechik, USA 1989)
- „Vacanze di Natale ’90“ (Regie: Enrico Oldoini, I 1990)
- „Vacanze di Natale ’91“ (Regie: Enrico Oldoini, I 1991)
- „Vacanze di Natale ’95“ (Regie: Neri Parenti, I/USA 1995)
- „Ferie d’agosto“ (August Vacation) (Regie: Paolo Virzì, I 1996)
- „Vegas Vacation“ (Regie: Stephen Kessler, USA 1997)
- „Vacanze di Natale 2000“ (Regie: Carlo Vanzina, I 1999)
- „Summer Holiday“ (Regie: Jingle Ma, HK 2000)
- „Johnson Family Vacation“ (Familie Johnson geht auf Reisen) (Regie: Christopher Erskin, USA 2004)
- „Last Holiday“ (Noch einmal Ferien) (Regie: Wayne Wang, USA 2006)
- „The Holiday“ (Liebe braucht keine Ferien) (Regie: Nancy Meyers, USA 2006)
- „Urlaub vom Leben“ (Regie: Neele Vollmar, D 2006)
- „Ferien“ (Regie: Thomas Arslan, D 2007)
- „Vacaciones en Familia“ (Family Holiday) (Regie: Ricardo Carrasco, RCH 2014)
- „Vacation – Wir sind die Griswolds“ (Regie: John Francis Daley, Jonathan Goldstein, USA 2015)
- „Urlaub mit Mama“ (Regie: Florian Froschmayer, D 2018)
- „Vacances“ (Vacations) (Regie: Béatrice de Staël, Léo Wolfenstein, F 2022)
Filmliste Titelgebend
Man wird dem Phänomen nicht gerecht, wenn man lediglich die Filme listet, in denen der Begriff im Titel vorkommt. Zahlreiche weitere Filme müssen an dieser Stelle genannt werden.
- "Roman Holiday" (1953, William Wyler)
- "In Summertime" (1955, David Lean)
- "Bonjour Tristesse" (1958, Otto Preminger)
- „Ich denke oft an Piroschka“ (Regie: Rudolf Jugert, BRD 1960)
- „La Collectionneuse“ (Regie: Éric Rohmer, F 1967)
- „Tod auf dem Nil“ (Regie: John Guillermin, GB 1978)
- „Das Böse unter der Sonne“ (Regie: Guy Hamilton, GB 1982)
- „Pauline am Strand“ (Regie: Éric Rohmer, F 1983)
- „National Lampoon's Vacation“ (Regie: Harold Ramis, USA 1983)
- „Rendezvous mit einer Leiche“ (Regie: Michael Winner, GB/USA 1988)
- „A Summer's Tale“ (Regie: Éric Rohmer, F 1996)
- „The Talented Mr. Ripley“ (Regie: Anthony Minghella, USA 1999)
- „The Beach“ (Regie: Danny Boyle, GB/USA 2000)
- „Alle Anderen“ (Regie: Maren Ade, D 2009)
- „Force Majeure“ (Regie: Ruben Östlund, S/F/N/DK 2014)
- „A Bigger Splash“ (Regie: Luca Guadagnino, I/F 2015)
- „The Lost Daughter“ (Regie: Maggie Gyllenhaal, USA/GR 2021)
- „Old“ (Regie: M. Night Shyamalan, USA 2021)
- „Speak No Evil“ (Regie: Christian Tafdrup, DK/NL 2022)
- „Tod auf dem Nil“ / Remake
- (Regie: Kenneth Branagh, USA/GB 2022)
- „Aftersun“ (Regie: Charlotte Wells, GB/USA 2022)
Im Serienbereich gibt es natürlich ebenfalls diverse Varianten, wie man Schicksalhaftes an einem Ferienort oder während einer Ferienreise zusammenführen kann. Ob es das Deutsche Traumschiff (seit 1981) ist oder das Hotel Paradies (1990) auf Mallorca, Ferien in Serie erfreuen sich großer Beliebtheit.
