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Treppen, welche in Meisterwerken des Neorealismus Hürden darstellen, welche von der Last des Alltags erzählen. (KI-Illustration)

 

Warum sie filmsprachlich zu den stärksten Symbolen gehören und Filmgeschichte geschrieben haben. Sie kommen im Alltag der meisten Menschen irgendwie vor, erlauben es, Höhenunterschiede zu überbrücken und regeln den Zugang zu unterschiedlichen Ebenen. Ganz gleich ob aus Stein, Holz, Metall oder Glas, ob elektrisch oder in den Fels geschlagen, sie spielen im Leben vieler Menschen tagtäglich eine Rolle.

Während wir im Alltag nicht weiter darüber nachdenken, höchstens manchmal über die Anstrengung, welche Treppen verursachen können, gehören sie im Film mit zu den wichtigsten räumlichen Zeichen überhaupt. Denn bereits ihr Aufbau und ihre Funktion liefern aus sich heraus für jeden nachvollziehbare Bedeutungen an. Es gibt ein Oben und ein Unten, also Aufstieg oder Abstieg, es gibt damit auch so etwas wie Hierarchien und kann auch für Nähe und Distanz stehen. All das natürlich immer abhängig von der Filmgeschichte und den Figuren darin.

Der legendäre und viel zu früh verstorbene Münchner Filmkritiker Hans-Günther Pflaum war vor vielen Jahren zun Besuch im Movie-College, hatte Fragen wegen Ausbildungsmöglichkeiten für seine Tochter im Filmbereich. Er berichtete mir von einer Reise für das Goethe-Institut nach Burkina Faso, auf der er Filme von Fassbinder zeigte. Selbst in der Hauptstadt gab es kaum Treppen, so Pflaum. In einer Diskussion nach dem Film "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt" (Regie: Rainer Werner Fassbinder, D 1976), sei er gefragt worden, weshalb die Hauptfigur in der ersten Hälfte des Films fast immer Treppen nach oben und ab einer bestimmten Stelle fast immer nach unten gehe. Ein Umstand der bis dahin niemand aufgefallen war und der vielleicht nur in einem Land mit sehr wenig Treppen entdeckt werden konnte.

 

Machtverteilung

Die wohl berühmteste Treppe in der Filmgeschichte war die Treppe von Odessa im Film "Panzerkreuzer Potemkin" (Sergej Eisenstein). Hier symbolisiert die Treppe zugleich die herrschende gesellschaftliche Ordnung, der Aufbau der damaligen Gesellschaft wird eindrücklich visualisiert. Ganz oben auf der Treppe befinden sich die Soldaten, Stellvertreter der Staatsmacht und der Gewalt, unten ist das einfache Volk, auf der Flucht vor den Soldaten und als Opfer der Gewalt. Eisenstein, der eine besondere Dramaturgie vertrat, organisierte diese Szene als politisches Schaubild. Die Soldaten schreiten ohne Gnade von oben nach unten, drängen die Menschen zurück, töten jene die Widerstand leisten.

So drastisch waren Treppen nur selten im Kino zu Symbolen der Machtverteilung geworden, doch das Oben und Unten stand häufig für die Verteilung von Überlegenheit durch Macht, Kontrolle oder auch Kenntnis gegenüber der Unterlegenheit am unteren Ende der Treppenstufen. Und so haben Treppen auch von gesellschaftlichen oder psychologischen Aufstiegen oder auch Abstiegen, dem Niedergang von Filmfiguren erzählt.

 

Treppen können starke symbolische Qualitäten entwickeln und Übergänge zwischen verschiedenen Welten markieren (KI-Illustration)

 

Status

Man kennt das von Regierungsgebäuden, von Schlössern und anderen Prunkbauten, große, repräsentative Treppen dienen stets auch der Inszenierung von Status und Macht. Sie sollen bestimmte Menschen sichtbarer machen, als andere. Sie sind Showtreppen, Auftrittsmöglichkeiten innerhalb der Architektur. Stars, Herrscher, Brautpaare, Politiker präsentieren sich zur eigenen Inszenierung sehr gerne auf Treppen und vorzugsweise indem sie diese Treppen herunterkommen, den unten stehenden also das Gesicht zuwenden und sich diesen unten befindlichen Menschen annähern. Und natürlich kann man gesellschaftliche Unterschiede hervorragend über Treppen zum Ausdruck bringen.

 

Erkenntnis & Abgründe

Treppen haben in den meisten Fällen den Charkter des Übergangs, man gelangt von einer Etage, einem Zustand in eine andere, einen vielleicht anderen Zustand. Dazwischen liegen die Stufen, viele oder auch wenige, und dieser Weg wird filmisch nicht selten für Entscheidungen, Begegnungen und auch Wendepunkte genutzt. 

Ein Aufstieg kann eine Annäherung an Wissen und Erkenntnis bedeuten, nicht selten erlangen Filmfiguren durch den Aufstieg Zugang zu einer Wahrheit, die ihnen verborgen bleiben sollte. Das verschlossene Zimmer im Obergeschoss, der Dachboden, das Turmzimmer. So ein Weg hin zur Erkenntnis macht den Prozess natürlich viel spannender, als wenn man auf der gleichen Etage nur von einem Raum in einen anderen gehen müsste, umso mehr, wenn vielleicht noch die Gefahr besteht, dabei entdeckt zu werden oder wenn man sogar verfolgt wird. Man denke nur an die Treppen in Hitchcocks "Psycho" die an mehreren Stellen im Film die Grenze zwischen Sicherheit, Wissen und Gefahr markieren.

Umgekehrt kann der Abstieg auf einer Treppe genauso mit Bedeutungen aufgeladen sein, psychologisch etwa als Eintauchen in das eigene Unterbewusstsein oder in Abgründe, Verdrängte Geschehnisse, lange Verborgenes. Das Ganze hat natürlich nicht das Kino so erfunden, seit Jahrtausenden haben die Menschen diese Vorstellungen vom Himmel oben über unseren Köpfen und der Unterwelt unter unseren Füßen.

 

Treppen künden von früheren Machtverhältnissen (KI-Illustration)

 

Unsicherheit

Treppen haben nicht ohne Grund, häufig Geländer. Denn sie sind unsichere Bereiche, man kann stolpern, stürzen, muss vorsichtig gehen, um stabil zu bleiben. Der Film nutzt Treppen deshalb auch als visuelle Gefahrenquellen, die sogar tödlich sein können. Im "Exorzist" /Regie: xxxx ) sind die Georgetown-Stufen das perfekte Symbold für den Sturz in den Tod. In "Vertigo" (Regie: Alfred Hitchcock) lösen Treppenstufen in Scottie, der unter Höhenangst leidet, massive Panikattacken aus. Hitchcock hat dieses Wegbrechen jeglichen Vertrauens in die Stabilität der Treppenstufen perfekt visualisisert durch den nach dem Film benannten "Vertigo-Effekt", die gleichzeitige Schienenfahrt, deren Ausschnitts,- und Perspektivänderung durch eine optische Zoomfahrt komplett auskorrigiert wird. Genau dieser visuelle Effekt lässt auch für die Zuschauer das Treppenhaus zu einem bodenlosen, unsicheren Ort werden.

 

Wendeltreppe

Eine Sondersituation sind Wendeltreppen, nicht nur im Film, auch in der Realität. Denn sie führen uns nicht auf dem direktesten, kürzesten Weg von einem zum anderen Ort, weil sie kreisförmig immer wieder an eine bestimmte Seite führen, die man nur aus jeweils etwas höherer Position erneut wahrnimmt. Deshalb kommen Wendeltreppen zumindest im Film zusätzliche Bedeutungsmuster zu. Sie können visuell und psychologisch für Obsessionen, Erinnerungen, Sinnlosigkeit, Stete Wiederholungen, Schicksal oder auch innere Gefangenheit stehen.

 

Treppen im Kino

  • „Panzerkreuzer Potemkin“ (Regie: Sergei Eisenstein, Sowjetunion, 1925) – Die Treppensequenz von Odessa symbolisiert die Gewalt des Staates und die Ohnmacht des Volkes.
  • „Der müde Tod“ (Regie: Fritz Lang, Deutschland, 1921) – Gewaltige Stufen markieren die Übergänge in das Reich des Todes
  • „Metropolis“ (Regie: Fritz Lang, Deutschland, 1927) – Wieder sind es riesige Treppen und Gebäude auf unterschiedlicher Höhe welche die Trennung zwischen gesellschaftlichen Klassen visualisiseren.
  • „Die 39 Stufen“ / „The 39 Steps“ (Regie: Alfred Hitchcock, Großbritannien, 1935) – Das Treppenmotiv meint hier allerdings kein architektonisches Werk sondern einen Spionagering.
  • „Vom Winde verweht“ / „Gone with the Wind“ (Regie: Victor Fleming, USA, 1939) – Eine große Treppe zunächst in Tara sowie in der späteren Villa wird zur Kulisse von Macht, Leidenschaft und familiären Konflikten.
  • „Rebecca“ (Regie: Alfred Hitchcock, USA, 1940) – Die riesige Treppe von Manderley ruft immer wieder auch die Vergangenheit des Hauses wach.
  • „Citizen Kane“ (Regie: Orson Welles, USA, 1941) – Die Architektur von Xanadu, insbesondere die Treppen trennen Kane von seiner Umgebung.
  • „Das Haus der Lady Alquist“ / „Gaslight“ (Regie: George Cukor, USA, 1944) – Das Treppenhaus intensiviert den Eindruck von Gefangenschaft.
  • „Berüchtigt“ / „Notorious“ (Regie: Alfred Hitchcock, USA, 1946) – Die große Treppe am Ende ist Handlungsort von Flucht und einem Machtwechsels.
  • „Die roten Schuhe“ / „The Red Shoes“ (Regie: Michael Powell und Emeric Pressburger, Großbritannien, 1948) – Treppen visualisieren die Differenzen zwischen künstlerischer Berufung und persönlichem Leben.
  • „Boulevard der Dämmerung“ / „Sunset Boulevard“ (Regie: Billy Wilder, USA, 1950) – Norma Desmond braucht die Freitreppe in ihrem Haus für ihren herbeifantasierten Triumph
  • „Bei Anruf Mord“ / „Dial M for Murder“ (Regie: Alfred Hitchcock, USA, 1954) – Die Wohnung und ihre Zugänge sind Teil eines Mordvorhabens
  • „Die Nacht des Jägers“ / „The Night of the Hunter“ (Regie: Charles Laughton, USA, 1955) – Die Treppe als Übergang zwischen falscher Geborgenheit und Gefahr.
  • „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (Regie: Alfred Hitchcock, USA, 1958) – Im Glockenturm wird die Wendeltreppe zum Moment der Höhenangst
  • „Psycho“ (Regie: Alfred Hitchcock, USA, 1960) – Die Treppe im Bates-Haus führt zum Reich der Mutter
  • „West Side Story“ (Regie: Robert Wise und Jerome Robbins, USA, 1961) – Feuertreppen und Außentreppen sind Begegnungsorte und Zeichen von sozialer Enge.
  • „My Fair Lady“ (Regie: George Cukor, USA, 1964) – Die große Freitreppe in Higgins’ Haus erzählt von sozialen Hierarchien.
  • „Der Pate“ / „The Godfather“ (Regie: Francis Ford Coppola, USA, 1972) – Der Mord an Carlo wird durch räumliche Machtverhältnisse visualisiert
  • „Rocky“ (Regie: John G. Avildsen, USA, 1976) – Die Treppen vor dem Philadelphia Museum symbolisiseiren Rockys Willenskraft und seinen Triumph.
  • „Shining“ / „The Shining“ (Regie: Stanley Kubrick, USA/Großbritannien, 1980) – Die Treppe des Hotels visualisisert die wachsende Bedrohung durch Jack
  • „Die Unbestechlichen“ / „The Untouchables“ (Regie: Brian De Palma, USA, 1987) – Mit der Schießerei auf der Treppe der Union Station wird „Panzerkreuzer Potemkin“ zitiert
  • „A Better Tomorrow II“ (Regie: John Woo, Hongkong, 1987) – Beeindruckend choreographierte Schießszene auf einer Treppe.
  • „Der Pate III“ / „The Godfather Part III“ (Regie: Francis Ford Coppola, USA, 1990) – Die riesige Treppe vor dem Opernhaus in Palermo als Ort der Tragödie
  • „Das Haus der Vergessenen“ / „The People Under the Stairs“ (Regie: Wes Craven, USA, 1991) – Treppen und geheime Räume machen das Haus zu einem Labyrinth und erzählen von sozialen Hierarchien.
  • „Der Tod steht ihr gut“ / „Death Becomes Her“ (Regie: Robert Zemeckis, USA, 1992) – Der Treppensturz als Wendepunkt der schrillen Handlung.
  • „Die nackte Kanone 33⅓“ (Regie: Peter Segal, USA, 1994) – Parodie der Treppenszene aus „Panzerkreuzer Potemkin“
  • „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (Regie: Chris Columbus, Großbritannien/USA, 2001) – Die Treppen von Hogwarts die sich bewegen sind Teil der magischen Welt.
  • „Inception“ (Regie: Christopher Nolan, USA/Großbritannien, 2010) – Eine so nicht mögliche Treppe zeigt die Manipulation der Wahrnehmung auf.
  • „Grand Budapest Hotel“ / „The Grand Budapest Hotel“ (Regie: Wes Anderson, USA/Deutschland, 2014) – Was wären alte majestätische Hotels ohne Treppenhäuser ?
  • „Joker“ (Regie: Todd Phillips, USA/Kanada, 2019) – Eine Treppe als Sinnbild für Arthur Flecks Transformation.
  • „Parasite“ (Regie: Bong Joon-ho, Südkorea, 2019) – Treppen erzählen vom Aufstieg zur wohlhabenden Familie und gesellschaftlicher Klassifizierung
  • „John Wick: Kapitel 4“ / „John Wick: Chapter 4“ (Regie: Chad Stahelski, USA, 2023) – Die endlose Treppe zur Basilika als Prüfung des Protagonisten.

Treppen können, je nachdem, wie sie gezeigt und bespielt werden, gänzlich unterschiedliche Bedeutungen erhalten. Sie können von gesellschaftlichem Aufstieg und Abstieg, von Angst, von Bedrohung, Macht, Kontrollverlust, Hoffnung oder auch Selbstüberwindung erzählen. Damit sind sie filmsemiotisch betrachtet, absolute Multitalente.

 

Thema: Filmtheorie Dieser Beitrag gehört zum Themenbereich Filmtheorie. Mehr zur Filmtheorie
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