
Wir, Nico Hofmann und ich, die uns eine kleine Schwabinger Wohnung teilten, waren junge Filmstudenten an der HFF München, als wir Ende der 70er Jahre einige der Vertreter*Innen des früheren Deutschen Films, genauer gesagt des Stumm,- und NS-Films vor 1945 aus geringer Distanz zu sehen bekamen. Dazu gehörte in einem Seminar der Regisseur Arnold Fanck, der diverse Bergfilme mit Leni Riefenstahl inszenierte, als auch in unserm Lieblingsitaliener „Il Gattopardo“ der unweit eines von der HFF angemieteten Schneideraums war, Leni Riefenstahl selbst und ihren vier Jahrzehnte jüngeren Partner Horst Kettner. Riefenstahl besaß eine Wohnung in der Tengstraße, von dort aus war es nur ein Katzensprung zum Restaurant Il Gattopardo. Dort saß sie fast jeden Mittag, jahrelang.

Während wir im HFF Seminar (auch gegenüber Arnold Fanck) unsere geballte Verachtung für die Nazi-Filmer zum Ausdruck brachten, begnügten wir uns beim Mittagstisch beim Italiener mit kritischer Beobachtung. Man mag es kaum glauben, aber bevor die Goethe Institute den damaligen „Jungen Deutschen Film“ in die USA trugen, war Riefenstahl wahrscheinlich die einzige deutsche Regieperson, die wirklich bekannt war. All die immigrierten Deutschen Filmschaffenden wie Sirk, Siodmark, Murnau, Lang etc. wurden ja schnell als Fast-Amerikanische Regisseure assimiliert.
Begonnen hatte sie als junge Schauspielerin, vor allem in in den Bergfilmen "Der heilige Berg" (Arnold Fanck 1926), "Der große Sprung" (Arnold Fanck 1927), "Die weiße Hölle vom Piz Palü" (Arnold Fanck 1929), "Stürme über dem Mont Blanc" (Arnold Fanck 1930) sowie "Der weiße Rausch." (Arnold Fanck 1931), "Das blaue Licht" (Béla Balázs 1932) und "SOS Eisberg" (Arnold Fanck 1933). Der Bergfilm war ein in den 1930er Jahren in Deutschland beliebtes Genre. Ab 1933 begann sie damit, Propagandafilme im Auftrag der Nationalsozialisten und des Propagandaministeriums zu drehen.
Nachdem die NSDAP in Deutschland die Macht übernommen hatte, wurde Lenni Riefenstahl damit beauftragt, eine „Reichsparteitagstrilogie“ zu drehen. Es entstanden zwischen 1933 und 1935 die Propagandafilme "Der Sieg des Glaubens", "Triumph des Willens" und "Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht". "Triumph des Willens" wurde 1935 als beste ausländische Dokumentation bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig prämiert und erhielt den Grand Prix auf der Pariser Weltfachausstellung.
Fragwürdige Einzelleistung
Anschließend drehte Riefenstahl mit hohem finanziellen und technischen Aufwand (Hundert Kameraleute, darunter Hans Ertl und Walter Frentz) "Olympia" einen zweiteiligen Dokumentarfilm über die Sommerolympiade Berlin 1936, der 1938 herauskam. Der Film war eine außerordentliche Teamleistung, die doch die Bahnen, Gräben und Kräne für die vielen bewegten Kameras, konzipierte der legendäre Filmarchitekt Robert Herlth.
Tatsächlich stammten die visuell ästhetischen Konzepte von Olympia weitgehend von dem Kameramann Willy Zielke. Dieser konzipierte zahlreiche visuelle Ideen, die "Olympia“ ausmachten. So etwa die ungewöhnliche Kameraperspektiven, die besondere Lichtdramaturgie, extreme Zeitlupenaufnahmen und auch poetische Betonung der Körperlichkeit, insbesondere die antiken Statuen zu Beginn. Im Verlauf der Produktion kam es zum Streit zwischen Zielke und Riefenstahl. Der den Film so entscheidend prägende Kameramann Zielke wurde wenig später entmündigt und in die psychiatrische Anstalt München Haar zwangseingeliefert, die damals NS Vorgaben umsetzte.
Leni Riefenstahl nahm die gestalterische Leistung allein für sich in Anspruch. Für den Film erhielt sie die Coppa Mussolini (benannt nach dem damaligen Diktator Italiens, Mussolini) auf den internationalen Filmfestspielen in Venedig und diverse andere Auszeichnungen. Erst Jahre nach seinem Tod wurde der künstlerische Anteil Willy Zielkes an "Olympia" entsprechend anerkannt und gewürdigt.

Künstlerischer Deckmantel
Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde Leni Riefenstahl in Kitzbühel, wo sie ein Haus besaß, verhaftet und von den Amerikanern verhört. Sie kehrte nach Kitzbühel zurück wo sie 1946 ausgewiesen wurde und zunächst in den Schwarzwald und dann nach München umzog. Wie so viele Stars des nationalsozialistischen Kinos wurde sie für ihr Haltungen und die unverholene Propaganda nicht belangt. Der Regisseur Veith Harlan (Jud Süß) war der einzige dieser Personengruppe, der wegen seiner Arbeiten vor Gericht wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (1949) angeklagt wurde. Doch er wurde freigesprochen, weil er angeblich unter politischem Zwang gehandelt hatte. Leni Riefenstahl blieb ein solcher Prozess erspart. Nach 1945 hat Leni Riefenstahl keine weiteren Filme mehr realisieren können, ihre Nähe zum Nationalsozialismus verhinderte weitere Projekte für das Kino oder das Fernsehen.
Riefenstahl hat es Zeit ihres Lebens irgendwie geschafft, sich als unpolitische Filmkünstlerin darzustellen, obwohl sie einige der aufwändigsten Propagandafilme der Nazi-Ära wie etwa „Triumph des Willens“ (Parteitag der NSDAP 1934) oder auch „Olympia“ gedreht hat, für den sie sogar bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet wurde. Selbst wenn man ihr den reinen Kunstaspekt bei der Herstellung und Uraufführung ausgerechnet an Hitlers Geburtstag abnehmen würde, irritiert es doch zutiefst, dass sie ihre Arbeiten für die Nazis nie bereut hat.
Dabei wurde schon lange vor ihrem Tod ihre Darstellung der unpolitischen Künstlerin wiederlegt, sie war eine überzeugte Nationalsozialistin mit besten Kontakten zu Hitler und Goebbels. Im Alter von 101 Jahren starb Leni Riefenstahl 2003 in ihrem Haus in Pöcking, in der Nähe von München. Man muss wohl konstatieren, dass ihre wahrscheinlich größte schauspielerische Leistung die vehement aufrecht erhaltene Legende von der unpolitischen Künstlerin war, mit der die überzeugte Faschistin ihre schuldhafte Beteiligung an der Nazi Propaganda zeitlebens kaschierte.
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