
Arztbesuche sind ein gern genutztes Motiv in Filmen - und meistens entspricht der Doktor auch seinem positiven Bild, selbst ein Dr. House löst am Ende immer die Probleme seiner Patienten. Eine Ärzteschaft kommt im Film jedoch eher selten gut weg: Zahnärzte. Wohl keiner medizinischen Profession haftet solch ein negativer Stereotyp an, wie dem Gebiss-Doktor. Mund auf - wir blicken auf Zahnärzte in der Filmgeschichte.
In Filmen fanden sich bereits im frühen 20. Jahrhundert Patienten auf dem gefürchteten Stuhl wieder. Insbesondere im deutschen Kaiserreich beschäftigen sich erste Filme mit dem Thema. Diese Filme gingen kaum auf die Entwicklungen in der Zahnmedizin ein, sondern bedienten bereits von vornherein das Klischee. In "Beim Zahnarzt", einem kaum erhaltenen Kurzfilm von 1907, wird einem Mann der Zahn gezogen. Der Zahnarzt hat sichtlich Freude daran und zieht den nächsten. Die Zahnmedizin bedient also schon von Anfang an eine morbide Faszination und Fantasie, die Grauen und Komik vermengt. Das liegt sicherlich daran, dass Zahnschmerzen ein Übel sind, mit dem jeder schon einmal zu tun hatte. Zudem kam die Angst angesichts früherer Behandlungen, die noch ohne Betäubung etc. auskommen mussten, sicher nicht von ungefähr. Bis 1869 gab es den Zahnarzt im eigentlichen Sinne noch gar nicht, erst 1869 wurde der Begriff offiziel als Preußen erste Regularien für die Ausübung des Berufes festlegte. Erst 1910 mussten Dentisten nach dem Studium ein vier-jähriges Praktikum absolvieren, auch entstanden in dieser Zeit erste Lehrinstitute der Zahnheilkunde. Des Weiteren erklärt sich die filmische Faszination dafür, dass das Szenario Zahnarzt auch relativ einfach auf der Leinwand umzusetzen. In dem kaum noch erhaltenen "Fräulein Zahnarzt" von 1919 taucht bereits erstmals in der Filmgeschichte eine weibliche Zahnärztin auf. Ein weiterer deutscher Film zum Horror Zahnbehandlung entstand nach Ende des Ersten Weltkrieges: "Emil hat Zahnschmerzen" (DE, 1921). Der Kurzfilm bediente noch stärker die Slapstick-Elemente (etwa die Selbstbehandlung mit Wärme) und Klischees (der sadistische Arzt), die auch Hollywood-Komödien beeinflussten, in denen das filmische Bild vom Zahnarzt reproduziert wurde.
Ein ruinöses (Zahn-)Bild
Unterdessen entwickelte sich die Zahnmedizin in Theorie, Technik und Praxis immer schneller weiter. Neue, bessere Behandlungsmethoden wurden eingeführt, neue Betäubungen, unter anderem Lachgas, wurden verfügbar. In Filmen wurden diese Entwicklungen und Verbesserungen kaum beachtet. Das archaische Bild des Zahnarztes, der zudem meistens auch noch - bewusst oder versehntlich - zuerst den falschen Zahn zieht, blieb haften, wie Karamell in den Zahnzwischenräumen. Selbst wenn auf technische Veränderungen verwiesen wurde, die Angst vor dem Kabinett des Dr. Med. blieb - und damit auch eine einheitliche Struktur, die in vielen Komödien zu finden ist. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Kurzfilm "Nur mit Lachgas" (USA, 1928) mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Stan hat Zahnschmerzen und versucht diese, mit allen Mitteln loszuwerden. Weder eine Wärmeflasche, noch das Selbstziehen funktionieren - also muss der Geplagte zum Zahnarzt. Dort bekommen Stan und Oli eine Dosis Lachgas ab, verlassen die Praxis und geraten - dauerlachend - in ein Verkehrschaos, das mit einem anderen beliebten Gag des Duos endet: Das Auto der beiden versinkt in einer Baugrube.
Bis in die 1930er Jahre hinein gab es in Deutschland übrigens mehr Zahnärzte ohne akademische Ausbildung (13.000) als mit (10.000). In der NS-Zeit produzierte die UFA mehrere seichte romantische Komödien, in denen sich das Bild des Zahnarztes erstmals wirklich von vorhergehenden Versionen unterschied. Fortschrittlichkeit und Professionalität standen mehr im Fokus, Zähne wurden seltener gezogen und die Reparatur der Beisserchen war häufiger ein Motiv. Gegen Kriegsende hatten die Komödien auch den Zweck, ein Bild von Fortschrittlichkeit und Normalität angesichts der realen Situation aufrechtzuerhalten und von dieser abzulenken. Der Zahnarzt wurde in diesen Filmen auch gerne als eine "love-interest" dargestellt - ein Bild, dass sich neben der komödiantischen Darstellung ebenfalls zunehemend in Filmen etablieren sollte. Bemerkenswert ist, dass "Meine Herren Söhne" von 1945 den Filmauftritt einer weiblichen Zahnärztin zeigt.
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Während des Kalten Krieges änderte sich global viel, doch der Zahnarzt blieb in Ost und West eine Konstante. Zahlreiche BRD- und DDR-Filme bedienten weiterhin den Zahnarzt als komödiantische Figur. Insbesondere in der BRD wird der Fachmediziner im Film zum wandelnden Klischee, das für seichteste Komödien, Heimat- und Erotikfilme zum Repertoire gehört. Auch in der DDR waren Zahnärzte fast ausschließlich Nebenfiguren, die in ihrer Funktion als Reparateure des Lächelns die Zuschauer zum Lachen bringen sollten, insbesondere in Kinderfilmen. Obwohl in der DDR 50% aller Zahnmediziner Frauen waren, war der Kinderfilm "Nicki" von 1979 der einzige DDR-Film, der eine weibliche Ärztin zeigte, gespielt von Petra Hinze.
Jenseits des großen Teiches ist der Zahnarzt ebenfalls eine beliebte, wenn auch nicht großartig anders gestaltete Figur - und manchmal sogar der Protagonist. So spielt Steve Martin etwa in der Thriller-Komödie "Novocaine" (USA, 2001) einen Dentist, der von einer Patientin ausgenutzt wird, um ihr Medikamente zu verschaffen und dadurch in eine kriminelle Verschwörung gerät. Der Film zeigt den Zahnarzt als aufrechten Mann. Der Humor rührt weniger von der Profession, sondern dem Plot, in den der Protagonist verwickelt wird. In "The Little Shop of Horrors" (USA, 1986) spielte Steve Martin ebenfalls einen Kauleisten-Reparateur, der in der schwarzen Musical-Komödie als Antagonist fungiert und den Archetypus des sadisischen Zahnmediziners verkörpert, der mit Freude seinen Patienten Qualen bereitet. Das Klischee des saddistischen Zahnarztes ist natürlich nicht nur ein beliebtes Motiv für Comedy, sondern auch Horror, etwa in Brian Yuznas "The Dentist" (USA, 1996). Der Zahnarzt kann ohne große Erklärungen Furcht in der und Phantomschmerz in Zuschauerschaft auslösen, sind Zähne doch schließlich sehr schmerzempfindlich. Zudem lässt sich der figurengetriebene Sadismus leicht mit der klinischen Profession gegenübersetzen und in Einklang bringen. Auch das Arsenal an Werkzeugen, inklusive unangenehmer Geräusche wie dem Surren eines Bohreres, können - auch ohne sichtbare Eingriffe - effektiv die Emotionen und das Vorstellungsvermögen des Publikums lenken. Daher ist der Zahnarzt natürlich auch ein beliebter Antagonist. In Tim Burtons Remake von "Charlie und die Schokoladenfabrik" (USA, 2005), ist der Vater des Schokoladenfabrikants Willy Wonka ein strenger Zahnarzt (gespielt von Horror-Ikone Sir Christopher Lee), dessen Aversion gegen Süßigkeiten die Karriere des Sohnes beeinflusst.
Der zahnärztliche Besuch ist ja auch mit einer gewissen Intimität verbunden, die etwa in Filmen wie "Babel" verhandelt wird. Darin versucht die gehörlose, unverstandene Chieko bei einer Zahnkontrolle den behandelnden Arzt zu küssen.
Auch einige südkoreanische Dramen blicken auf die romantische Seite der Zahnbehandlung - Herz- und Zahnschmerz. In "Mr. Handy, Mr. Hong" findet sich in der Form des Doktors Yoon Hye-jin ein weiterer beliebter Mediziner-Archetypus, ist dre Dental-Experte ein erfolgreicher und arroganter Arzt (ebenfalls eine beliebte Figurenzeichnung), der nach einigen Rückschlägen aufs Land zieht und dort die warmherzige Hong Dusik kennenlernt, mit der er trotz zahlreicher Kabbeleien romantisch anbandelt.
