
Unklare Wahrheiten
Es gab Zeiten, da konnten sich die Menschen weitgehend darauf verlassen, dass das, was sie in renommierten Publikationen und Medien erfahren haben, objektiv und mit dem Anspruch sauberer journalistischer Arbeit recherchiert war, der Wahrheit entsprach. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert, weil praktisch Jeder, der will, sich im Internet den Anstrich seriöser Berichterstattung geben kann, selbst wenn es sich um vordergründige Lügen und Falschinformationen handelt.
Früher in analogen Zeiten konnte man sich darauf verlassen, dass das was man in Dokumentarfilmen oder auf Fotos sah, authentisch war. Dann kamen die Digitalisierung von Fotographie und Film und die Bildbearbeitungsprogramme und plötzlich verloren sie ihren Beweischarakter. Inzwischen erzeugt die KI frei erfundene Situationen, Verhaftungen, falsche Zitate von Politikern in perfekter Videoqualität. Insbesondere in autoritären Ländern wie Russland wird jede Menge Medienmaterial auf diese Weise generiert, um die eigenen Bürger irrezuführen, sie falsche Dinge glauben zu lassen.
Subtiler als Propaganda
Während politische Propagandafilme meist so plump und durchschaubar daher kamen, dass man sie als solche gleich erkennen und die Inhalte relativieren konnte, ist das, was gezielt als Desinformation in Filmen und anderen Medienprodukten verbreitet wird, viel subtiler und schwerer identifizierbar. Desinformation arbeitet heute leiser, indirekter, nutzt andere dramaturgische Mittel, Perspektiven um Menschen emotional zu beeinflussen.
Ein ganz entscheidender Unterschied zu früherer Propaganda besteht darin, dass Desinformation nicht mehr nur einzelne falsche Inhalte (Fake News) propagiert, sondern sie erschafft komplette, falsche Wirklichkeiten. Und sie gibt sich nicht mehr zu erkennen, sie arbeitet vor allem mit Vereinfachungen und emotionaler Steuerung, welche langsamer und kontinuierlicher neue Sichtweisen konstruiert. Die moderne Desinformation haut keine falschen Fakten wie Schlagzeilen heraus, sondern sie vereinfacht Probleme in den Gesellschaften so, dass die damit verbundenen falschen Behauptungen irgendwie logisch wirken.
Besonderheiten
Im klassischen Film werden bestimmte Darstellungen aus einer klaren Perspektive erzählt und handwerklich durch die Kameraführung, die Schauspieler, die Erzählung und die Montage weitgehend so gestaltet, dass die Zuschauer eine Meinung vorgetragen bekommen. Desinformation arbeitet anders, bei ihr geht es vor allem um Dinge, die nicht gezeigt werden.
Man vermittelt und verstärkt bestimmte Meinungen, man ignoriert andere Haltungen und generiert Identifikationsfiguren. Vor allem die Wiederholung dieser Meinungen erzeugt in den Zuschauern klare Wahrnehmungsmuster und machen die Sichtweisen zur Selbstverständlichkeit. Damit führt nicht eine einzelne Aussage, sondern das aus vielen Einzelbausteinen geprägte Gesamtbild zur gewünschten Wirkung.
Geänderte Wirklichkeiten
Autoritäre Regimes wie Russland finanzieren staatsnahe Firmen welche den Auftrag haben, im In,- und Ausland Desinformationen in allen Medien und Chat-Gruppen zu verbreiten. Gerade Bilder und Videos sind hier besonders wichtig, weil Menschen ihnen mehr vertrauen, als Worten.
Selbst absolut zuverlässige Informationen werden durch Desinformation in ihrer Aussagekraft geschwächt, ja sogar in das Gegenteil der Wahrheit verdreht. Längst spricht man von Informationskriegen und dank Künstlicher Intelligenz haben diese ein ganz neues Level erreicht. Wer sich darüber wundert, welche merkwürdigen politischen Entwicklungen in der Welt seit ein paar Jahren zu beobachten sind, wie es sein kann, dass selbst gerichtlich verurteilte Straftäter, nachweisliche Lügner in absolute politische Führungspositionen kommen können, wird Desinformation ganz oben auf der Liste der Erklärungen finden.
Der entscheidende Wandel zu früher besteht neben den unendlichen technischen Möglichkeiten darin, dass Desinformation nicht mehr primär durch falsche Inhalte entsteht, sondern durch die Art und Weise, wie eine erlogene Wirklichkeit konstruiert wird. Und indem man diese kontinuierlich wiederholt, werden die Lügen zur angenommenen Wahrheit.
Höhere Kritikfähigkeit notwendig
Was die Bildsprache im Filmischen angeht, bedienen sich diese Videos genau der Mittel des Dokumentarischen wie sie auch von Doku-Fakes bzw. Mockumentaries verwendet werden. Eine wacklige Handkamera, natürliches, unperfektes Licht und die dokumentarische Anmutung sollen Wahrhaftigkeit suggerieren, sollen Vertrauen in den Zuschauern erzeugen. Längst sind die Zuschauer filmische Formate wie das Dokudrama und True Crime gewohnt, wo die Trennung zwischen Wahrheit und Fiktion fließend verläuft, was ein bewusst gewählter dramaturgischer Trick dieser Formate ist.
Die Desinformationen von heute erzählen ihre behaupteten Geschichten so, dass sie leicht verständlich und glaubwürdig wirken. Und weil sie geteilt und so von Freunden verschickt werden, erhöht sich die Glaubwürdigkeit, ohnen den Wahrheitsgehalt zu hinterfragen. Die KI hilft dabei, mehr Desinformation günstiger herzustellen und schneller und weiter zu verbreiten. Die Menschen müssen, wenn Sie sich ein ausgewogenes, wahrhaftiges Bild machen wollen, selbst kritisch recherchieren, das ist ein Aufwand, der entscheidend ist. Oft genug wiederholt, werden Lügen so zu festen Überzeugungen, selbst professionelle Zeitungs,- oder Fernsehredaktionen fallen immer öfter auf derartige Materialien herein.

