
Die britische Serie "Adolesence" hat den Mord an einer Schülerin durch einen 13 jährigen Jungen als vierteiliges Psychodrama als One-Shot- Episoden erzählt und dafür viele Auszeichnungen erhalten. Dieses Sujet ist gar nicht so neu: Was wenn sich in Filmen, ganz gleich ob Thriller, Horror, Mystery oder Kriminalfilm, irgendwann Kinder als Täter entpuppen oder als Zeugen Verborgenes in sich tragen? Dieses Thema lässt sich leider nicht ganz ohne Spoilern behandeln, doch im Kino hat es eine lange Tradition, das Publikum mit der überraschenden Wende oder Erkenntnis zu überraschen, dass eigentlich unschuldige Kinder mit einem Mord in Verbindung gebracht werden.
Es ist ein sehr irritierendes Motiv welches in Filmen eine starke Wirkung entfaltet, weil sie bestimmte Grundannahmen, die wir als Erfahrungswert in uns tragen, radikal zerstört werden. Die moralische Einordnung von Kindheit und das Urvertrauen in die Unschuld von Kindern werden durch eine zentrale Täterenthüllung zum Ende eines Filmes massiv erschüttert. Plötzlich stellt sich die Frage nach der Schuldfähigkeit von Kindern neu und die eigentliche Schuld wird wenn das Kind der Täter ist, noch unerträglicher. Derartige Plots finden sich in unterschielichsten Genres wieder, vom klassischen Krimi über den Psychothriller, den Horrorfilm, den Mysteryfilm bis hin zum klassischen Film Noir Detektivfilm.
Filmstories wirken besonders stark, wenn es am Ende unerwartete Enthüllungen gibt und es sind nicht nur die Zuschauer, sondern natürlich auch die Handelnden Personen, allen voran die Erwachsenen, die etwas, was die Kinder in diesen Filmen in sich tragen, schlicht nicht erwartet haben. Sie versagen, Institutionen, die es eigentlich aus professioneller Sicht wissen könnten, versagen und natürlich werden all diese Charaktere auch von falschen moralischen Annahmen geleitet.
Je nach Genre gibt es natürlich unterschiedliche Herangehensweisen, etwa was die Erklärung, die innere Begründung für die Tat oder die Zeugenschaft angeht. Und manchmal begnet einem auch eine verwirrte Erzählhaltung, so etwa bei einem deutschen Krimi (wir verscheigen, welcher, um nicht zu spoilern), in welchem ein etwa zehnjähriges Mädchen, welches zwei Menschen brutal umgebracht hat, am Ende liebevoll vom Kommissar aus dem Haus des Schreckens geführt wird. Ja klar, ein Kind,- aber auch Kinder können Böses getan haben und das sollte eine gewisse professionelle Distanz nahelegen. Ob das von der Regie, dem Schauspieler oder den Drehbuchautoren (Autorin + Regisseur) so seltsam angelegt wurde, bleibt unklar.
Manchmal tauchen Kinder auch als Zeugen in Kriminalfilmen auf, die etwas gesehen haben, was niemand anderer weiß und die entweder noch gar nicht sprechen können, oder so traumatisiert sind, dass sie an diesen schrecklichen Erinnerungsort nicht zurückkehren wollen. Herausragendes Beispieldafür ist der US Thriller "Der einzige Zeuge" (Regie: Peter Weir, USA 1985) über einen siebenjähriger Amish-Jungen, der als einziger einen Mord gesehen hat, dessen Spuren mitten hinein in ein korruptes Polizei-Netzwerk führen.

Filmliste Kinder-Täter
- "The Bad Seed" (Regie: Mervyn LeRoy, USA 1956)
- "The Little Girl Who Lives Down the Lane" (Regie: Nicolas Gessner, USA 1976)
- "Mikey" (Regie: Dennis Dimster, USA 1992)
- "The Good Son" / "Das zweite Gesicht" (Regie: Joseph Ruben, USA 1993)
- "Funny Games" (Regie: MichaelHaneke Ö 1997)
- "The Devil’s Backbone" (Regie: Guillermo del Toro, 2001)
- "The Unsaid" (Regie: Tom McLoughlin, USA 2001)
- "We Need to Talk About Kevin" (Regie: Lynne Ramsay, USA 2011)
- "Orphan" (Regie: Jaume Collet-Serra, 2013)
- "Der Junge, der (k)ein Mörder ist" / Serie "Sinners" Staffel 2 (USA 2018)
- „Adolescence“ (Serie, USA 2025)
- "Das jüngste Geißlein“ (Freiburg Tatort, Regie: Rudi Gaul D 2025)
Filmliste Kinder-Zeugen
- The Third Man (Carol Reed, USA 1948)
- "Verbotene Spiele" (Regie: René Clément, F 1952)
- "Der einzige Zeuge" (Regie: Peter Weir, USA 1985)
- Fresh (Regie: Boaz Yakin, 1994)
- „Aus nächster Nähe“ (Jon Avnet, 1996)
- "The Sixth Sense" (Regie: M. Night Shyamalan, 1999)
- "City Of God" (Fernando Meirelles, Kátia Lund, USA 2003)
- "This is England" (Regie: Shane Meadows, GB. 2006)
- "An Amerikan Crime" (Regie: Tommy O’Haver, USA 2007)
- "Mirush" (Regie: Marius Holst, Nor. 2007)
- "The Uninvited" (Regie: Elizabeth Banks, USA 2009)
- "Cold Fish" (Regie: Sion Sono, Japan 2010)
- "Animal Kingdom" (Regie: David Michôd, Aus. 2010)
- "Die Stadt" (Regie: Ben Affleck, USA 2010),
- "Prisoners" (Regoie: Denis Villeneuve, USA 2013)
- „Der Polizist, der Mord und das Kind“ (Regie: Johannes Fabrick, D. 2017
- The Invisible Man – (Regie: Leigh Whannell, USA 2020)
- The Night House (Regie: David Bruckner, USA 2020)
Insbesondere die Zeugensituation von Kindern und Jugendlichen wird von Kino und Fernsehen recht häufig thematisiert. Dabei tauchen bestimmte Muster immer wieder auf: Ein Kind sieht oder hört ein Verbrechen, ist also Zeuge. Dadurch wird es Teil der Beweislage oder narrativen Motivation, es befindet sich möglicherweise sogar in Lebensgefahr. Das Kind leidet darunter oder muss mit den Folgen umgehen, dadurch steht es im Mittelpunkt der moralischen/psychologischen Handlung. In diesem Spannungsfeld spielen Erwachsene, die einen besonderen Zugang zu den Kindern aufbauen können, eine besondere Rolle. Nicht selten wird thematisisert, dass genau diese Erwachsenen nur deshalb einen so guten Zugang zu den Kindern haben, weil ihnen in ihrer Kindheit Ähnliches zugestoßen ist.

