
Viele Dokumentationen erzählen von Filmen, die nie oder in anderer Form als gedacht, das Licht der Leinwand erblickten. Schwerer Regen setzt ein und verwandelt den eben noch staubig-trockenen Boden in eine schlammige Flut, die alles, was nicht niet-und nagelfest ist, davonreisst. Es ist der Moment, in dem Terry Gilliams Herzensprojekt, "The Man Who Killed Don Quixote" sprichwörtlich ins Wasser fällt. Festgehalten in der Dokumentation "Lost in La Mancha" (USA, 2002), in der der Perfektionist Gilliam angesichts einer, in jeglicher Hinsicht, katastrophalen Produktion an den Rand des Wahnsinns gerät. Aus dem fertigen Material des nie fertiggestellten Epos und den Set-Einblicken kann man sich - als Filmfan sicher wehmütig - vorstellen, wie Gilliams ursprüngliche Adaption mit Johnny Depp und Vanessa Paradies wohl ausgesehen hätte. Wahrscheinlich wäre sie allemal erfolgreicher gewesen als Gilliams zweiter Versuch von 2018, die die Produktionsgeschichte selbst in den Kampf gegen Windmühlen einbaute - und krachend an den Kassen und bei der Kritik durchfiel. Terry Gilliam reiht sich damit in eine Reihe von Filmemachern ein, deren Projekte nie- oder eben nie in ihrer ursprünglichen Version umgesetzt wurden, während "Lost in La Mancha" einen der bekanntesten Vertreter eines Doku-Genres um eben solch ein Szenario darstellt.
Mick Jagger - völlig abgespaced
Noch viel schräger und nur auf dem Papier zustandegekommen: Alejandro Jodorowskys "Dune". Die Version des chilenischen Exzentrikers wäre ein bizarres, mehrere Stunden umfassendes Monumentalwerk geworden, das bereits in der Konzeptionsphase zu einer teuren Angelegenheit war - zwei Millionen Dollar gab der Regisseur bereits zu diesem Zeitpunkt aus. Das ursprünglich angesetzte Budget von 15 Millionen US-Dollar wäre sehr wahrscheinlich überschritten worden. Jodorowsky plante ausufernde Sets, gestaltet von Chris Foss und dem späteren Xenomorph-Designer H. R. Giger, einen Soundtrack von Pink Floyd und vor allen Dingen einen höchst-prominenten Cast. Dieser sah Salvador Dali als Imperator Shadam, Orson Wells als Baron Harkonnen und Mick Jagger als Feyd-Rautha vor. Paul Atreides hätte von Jodorowskys Sohn Brontis gespielt werden sollen - zum Zeitpunkt der Konzeptionsphase gerade einmal zwölf Jahre alt. Finanzielle Hürden wie auch Absagen ließen das Mammut-Projekt im Sand verlaufen. Die Rechte liefen aus, die sich Dino DeLaurentis sicherte - es folgte 1984 David Lynchs "Dune", der ebenfalls auf einen hochrangigen Cast, Musik von Toto und eindrucksvolle Sets blicken konnte - und floppte. Selbiges Schicksal wäre wahrscheinlich auch der 70er-Jahre-Version nicht erspart geblieben. Ohnehin wäre wohl nicht mehr allzuviel "Dune" in "Dune" gewesen, hatte der chilenische Eigenbrödler doch mitunter sehr bizarre Einfälle und ein anderes Ende im Kopf. Die findet man natürlich auch in David Lynchs Version, die bei allen Produktionsquerelen doch dessen unverkennbare Handschrift trägt - die dann aber doch besser in das von Frank Herbert ersonnene Universum passen als die von Jodorowsky. Trotz des Misserfolges waren beide "Dunes" nicht für die (gemolkene) Katz. David Lynch kehrte durch den Flop zum Arthouse zurück und schuf unvergessene Filme, während 70er-Version durch ihre Konzepte zu einer wichtigen Inspirationsquelle nachfolgender Sci-Fi-Filme wurde, deren Einfluss sowohl in Lynchs als auch Denis Villeneuves "Dune" von 2021 sichtbar ist. Unterhaltsam aufgearbeitet wurde die ganze Produktionsgeschichte in der 2013 erschienenen Doku "Jodorowsky's Dune" von Frank Pavich.

Superman Lives
Zwischen 1996 und 1998 bahnte sich mit "Superman Lives" ein Megaprojekt an. Zu diesem Zeitpunkt waren im Zuge des Erfolges von Tim Burtons "Batman" 1989 zahlreiche Comic- und Superheldenfilme entstanden, die qualitativ und finanziell mehr oder weniger erfolgreich waren. Kevin Smith, bekennender Comic-Fan und dank seines Indie-Hits "Clerks" von 1994 in Hollywood angekommen, sah Potential für eine Neuauflage von "Superman", dessen Erstverfilmung durch Richard Donner 1978 den Grundstein des Superhelden-Kinos legte. Smith pitchte seine Idee dem Produzenten Jon Peters, der Warner Brothers ins Spiel brachte. Bereits in der Konzeptphase kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Smith und Peters, auch, da letzterer angeblich seltsame Forderungen stellte. So sollte Superman nicht fliegen und am Ende gegen eine riesige mechanische Spinne kämpfen. Tim Burton war als Regisseur geplant, Nicolas Cage - selbst großer Supermanfan - als titelgebender Superheld. Auch hier gestaltete sich bereits die frühe Produktionsphase als ein organisatorisches und finanzielles Desaster. Allein Cage erhielt einen 20 Millionen Dollar pay-or-play-Vertrag - also die Zusicherung, egal ob der Film zustande kommt oder nicht, dass der Schauspieler ausbezahlt wird. Unterdessen brachte Tim Burton Wesley Strick an Bord, der Smiths Drehbuch stark umschrieb. Stricks Skript wirkte auf das Studio in der Umsetzbarkeit finanziell zu riskant und so wurde Dan Gilroy für einen weiteren Drehbuchentwurf herangezogen. Gilroy senkte so die erwarteten Kosten von 190 auf 100 Millionen US-Dollar - immer noch zu hoch für Warner Brothers, die das Projekt 1998 schließlich aufgaben. Grund dafür war der kolossale Flop von "Batman & Robin" (USA, 1997), der das Image von Comicverfilmungen stark ramponierte, welches sich durch die Erfolge von "Blade" (USA, 1998), den "X-Men"-Filmen und Sam Raimis "Spider-Man" (USA, 2002) nach und nach wieder wandelte. 2015 blickte die Doku "The Death of "Superman Lives": What Happened?" auf die schwierige Produktion zurück. Nicolas Cage war dann doch noch im Superman-Kostüm auf der Leinwand zu sehen - wenngleich er bei der nicht minderen Produktions- und Kassenkatastrophe "The Flash" (USA, 2023) auch nicht mehr in dieses schlüpfte. Cages Kurzauftritt als Superman kommt nämlich vollständig als CGI-Modell aus dem Computer.
Clouzot's Inferno
1964 erhielt Henri-George Clouzot, der sich in den 1950ern mit Filmen wie "Le Salaire de la Peure" (1953) und "Les Diaboliques" (1955) profilierte, ein unbegrenztes Budget von Columbia Pictures für seinen nächsten Film: "L'Enfer". Auch hier wurde die Produktion von zahlreichen Problemen geplagt, weshalb die Produktion nach nur drei Wochen abgebrochen werden musste. Serge Bromberg nutzte das gedrehte Material für einen halb-dokumentarischen Film, der 2009 veröffentlicht wurde.
Fernab der Visionen
In eine ähnliche Kerbe schlagen auch Dokumentationen über Filme, die zwar zustande kamen, aber ebenfalls auf eine schwierige Produktionsgeschichte zurückblicken - die das jeweilige Werk wiederum stark verändert haben. Beispiele hierfür finden sich in "Lost Soul: The Doomed Journey of Richard Stanley' Island of Dr. Moreau" (USA, 2014), die auf die absurd-katastrophalen Dreharbeiten des Sci-Fi-Horrorfilms "The Island of Dr. Moreau" zurückblickt. Der Filmdreh wurde von schlechtem Wetter, Studioeinmischungen und den notorisch unberechenbaren Launen Marlon Brandos geplagt und Richard Stanley schließlich durch "Ronin"-Regisseur John Frankenheimer ersetzt -Stanley war unterdessen undercover weiter am Set.
Weitere Beispiele:
- - "Shirkers" (SGP, 2018): Die Regisseurin Sandi Tan ergründet, warum ihr Indie-Film im Jahre 1992 gestohlen wurde.
- - "Tigrero: A Film That Was Never Made" (USA, 1994): Jim Jarmusch begleitet den Regisseur Samuel Fuller in den brasillianischen Dschungel - hier wollte Fuller in den 50ern einen Film drehen, der nie entstand.
- - "An Accidental Studio" (GB, 2019): Doku über HandMade Films, die Monty Python's "Das Leben des Brian" (GB, 1979) davor bewahrten, sich ebenfalls in die Liste der nie verwirklichten Filme einzureihen - jeder nur ein Kreuz.
- - "How "How Star Wars Was Saved in the Edit" Was Saved in the Edit" (USA, 2023): Video-Essay über die umstrittene Kurz-Doku, die sich auf das angebliche Produktionsdesaster rund um den ersten "Star Wars"-Film bezieht.

