Sounddesign

Sammeln und Finden

Akustische Fantasie ist eine eigenartige Sache. Klänge und Geräusche basieren stets auf gehörter Erfahrung – sie „gehören“ immer zu einem Lebewesen oder einem Objekt der realen Welt.

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Versuchen Sie, sich auf Ihre eigenen erinnerten Geräusche zu besinnen:

 

  • Das Klirren der Tonscherben, auf denen man als Kind in der stillgelegten Ziegelei herumstreunte.
  • Das scharfe Rascheln des trockenen Getreides beim verbotenen Durchqueren der Felder.
  • Die fernen Nebelhörner der Frachtkähne auf dem Rhein, die man beim Einschlafen hörte.

 

Ähnliche Hörerfahrungen haben sicher auch in Ihrer Erinnerung akustische Spuren hinterlassen.

 

Ein guter Film sollte auf der Tonebene mit ähnlicher Kunstfertigkeit gestaltet sein wie auf der Bildebene. Oft kommt es vor, dass für ganz bestimmte Ereignisse, ganz gleich ob sie im Bild zu sehen sind oder nicht, Geräusche oder Klanggebilde benötigt werden, die so in der realen Hörwelt nicht vorkommen, oder aber aus völlig anderen Zusammenhängen stammen.

 

Beispiel 1

Für die Vertonung von „Franta“, eine Tragödie und Literaturverfilmung nach Ernst Weiß, sollten Töne für Toncollagen gefunden werden: Die leidvolle Zeit des jungen Soldaten Franta im Lazarett bedurfte akustischer Intensivierung. Die realen Geräusche eines Lazaretts, wie das Klappern von Arztbesteck, hallende Schritte auf langen Fluren etc., halfen, die Situation akustisch zu lokalisieren.

 

Die Zustände des Fantasierens, die Vermischung Lazarettrealität mit Kriegsbildern, konnte dadurch aber nicht ausreichend akustisch dramatisiert werden. Nach langer Suche fand der Regisseur Tierstimmen aus der Antarktis, Rufe von Seelöwen, die auf unheimliche, unwirkliche Weise die gewünschten Emotionen transportierten.

Verliebte Seelöwen als Download (430 KByte)

 

Beispiel 2

Obstmord

In einer anderen Szene erleiden Franta und ein zweiter Soldat solche Hungersnot, dass sie auf einem Feld ein Rind in die Enge treiben und töten. Um Angstschreie und „Einstiche“ ins Fleisch aufzunehmen, begaben sich Tonmeister und Assistent mit Tonausrüstung zunächst in den städtischen Schlachthof. Nach einem halben Tag kehrten die beiden ohne einen einzigen tierischen Laut wieder zurück. Die Erfahrung, dass die Tiere in der Ahnung, was ihnen bevorsteht, keinen Laut mehr von sich geben, stand den beiden Tonleuten ins Gesicht geschrieben.


So wurde in der Vertonung ein „normales“ Muhen glücklicher Kühe auf einer Weide durch veränderte Geschwindigkeit (Pitch) so verändert, dass es angstvoll wirkte. Und der Einstich ins Fleisch? Auch hier erwartet die Fantasie mehr, als die Realität bietet. Das Geräusch hätte die Zuschauer kalt gelassen. Aber haben Sie schon einmal eine Pampelmuse (Grapefruit) ausgelöffelt?

Der Pampelmusenmord als Download (97 KByte)

 

Beispiel 3

Im Fernsehspiel „Endloser Abschied“ hat eine Alzheimer-Patientin vereinzelt Visionen. Gegenstände ihres Alltags überziehen sich mit einer grauen Schicht Staub oder Rauhputz. Der optisch hervorragend in der Paintbox erstellte Trick wirkte dennoch zu harmlos. Akustische Hilfe war von Nöten. Keines der Geräusche aus dem Archiv wollte passen. Bis der Regisseur eines Tages in der Kantine des Senders eine noch halbgefrorene Käsesahnetorte vorgesetzt bekam und die Gabel das erste Stück abtrennte...

Das Käsesahne-Grauen als Download (510 KByte)

 

Schulen Sie Ihr akustisches Gedächtnis, notieren Sie sich ungewöhnliche Klänge, die Ihnen im Alltag auffallen! Noch besser ist es, wenn Sie die Möglichkeit haben, diese Dinge aufzunehmen, per DAT oder Flashrekorder zum Beispiel. Man weiß nie, wann man diese Geräusche brauchen könnte...