Autokino

Zwischen den Laken

Pärchen im ersten Autokino

Pärchen im ersten Autokino

Am 6. Juni 1933 wurde das erste Autokino weltweit eröffnet. Das Camden-Drive-In im Staat New Jersey. Sein Erfinder, Richard Holingshead erwarb ein Patent auf seine Idee. Holingshead hatte lange experimentiert, mit einem Kodak-Projektor auf dem Dach seines Autos und Bettlaken zwischen den Bäumen im heimischen Garten. Dabei ist er auf diverse Probleme gestoßen: Wie verhindert man, dass die vorderen Autos den hinteren die Sicht versperren? Er testete die richtigen Abstände der Fahrzeuge voneinander, entwickelte kleine Rampen für die Vorderräder um eine leichte Neigung jedes Fahrzeugs zu erzielen.

 

Während die Kinos jener Zeit noch aufwändige, Theatern ähnelnde teure Paläste waren, die eher in Stadtzentren eingerichtet wurden, ließen sich Autokinos auch in ländlichen Gegenden relativ preiswert verwirklichen. Die ersten Jahre hörte man den Ton von Außenlautsprechern. 1941 entwickelt RCA Lautsprecher, die man ins Auto einhängt, ein Verfahren, welches sich ab 1946 in allen Autokinos durchgesetzt hat.

 

Die goldenen Zeiten

Die 50ties waren die große Zeit der Autokinos. Man entwickelte bewegliche Standheizungen damit die Open-Air Kinos das ganze Jahr über spielen konnten. 1953 werden in zwei Kinos 3-D Filme angeboten. Bis 1958 wächst in den USA die Zahl von 1000 auf 4000 Open-Air Kinos. Zur gleichen Zeit schließen 5000 konventionelle Kinos in den USA. Man fuhr in Papas Chevy oder Cadillac ins Kino, vorzugsweise mit offenem Verdeck (with the top down) und fühlte sich auf wundersame Weise fast wie eine Figur aus einem James Dean-Film.

 

Autokino Leinwand

Leinwand des Autokinos Aschheim, bei München. Hohe Bäume verdecken die Sicht auf die Leinwand für Zaungäste

Was machte den Erfolg der Open-Airs aus? Ganz bestimmt spielte der Autokult jener Jahre eine gewisse Rolle. In jenen Jahren träumte man davon, vom Arzt über die Bank und die Behörden irgendwann alles am Autoschalter erledigen zu können. Das preiswerte Vergnügen für die ganze Familie, Haustiere eingeschlossen, die Freiheit beim Kinoschauen zu essen, oder zu rauchen kamen hinzu. Vor allem aber verdankten die "Ozoner", wie man die Open Airs liebevoll nennt, ihren Erfolg der Prüderie Amerikas. In einem Land, wo man auch heute nicht in der Öffentlichkeit küsst, (wo die Polizeistreife, wenn ein Pärchen etwas länger im Auto sitzt, hält und fragt, ob alles in Ordnung sei), bot die Privatsphäre des eigenen Autos im Open-Air Kino mehr Möglichkeiten der Annäherung. Besonders beliebt waren die trashigen Horrorfilme dieser Zeit. Double Feature Horror Shows garantierten zahllose Momente in denen die Freundin bei ihrem starken Begleiter Schutz suchen musste.

 

Themenpark Ozoner

Autokino Leinwand

Blick auf die Leinwand

Neben den PKW- Positionen gibt es auch spezielle Parkplätze für die Pickups, die Mini-Vans, die sonst den anderen die Sicht auf die Leinwand versperren würden. Je nach US-Bundesland geht die Saison heute etwa von April bis Oktober. 500 bis 1000 Autos finden auf so einem Gelände Platz, das größte im Bundesstaat New York kann 1200 Autos aufnehmen. Die Preisgestaltung variiert. Manche berechnen pauschal das Fahrzeug (carload admission-price) und dann können so viele Personen wie hineinpassen zuschauen, bei anderen kostet jeder Zuschauer 1 bis 5 Dollar, Kinder haben meistens geringen oder freien Eintritt. Die geburtenstarken Jahrgänge in den USA brachten auch die Familien in die Autokinos. Spielplätze und Miniatureisenbahnen werden für die Kinder eingerichtet. Kinder konnten im Schlafanzug schauen und Sommerabende waren an der Luft viel angenehmer als im stickigen Kino.

 

Viele "Ozoner" bieten ein ausgiebiges Rahmenprogramm, von Restaurants, Talent-Shows über Pony-Karussels bis zu Minigolf reichte die Bandbreite der Attraktionen. Werbedias, die so genannten "Intermission Stills" sind auch heute noch häufig Grafiken im Stil der 50er, 60er Jahre, forderten in der obligaten Pause in der Mitte des Filmes zum Kauf von Erfrischungen auf. Popcorn, Schokosterne und Colabecher waren Pflicht. Pommes Frites, Fried Chicken, Barbecue Sandwichs, Hamburger, Pizza oder Ice-Cream konnten bei einigen Kinos sogar vom Wagen aus bestellt und an eingehängten Tischen verzehrt werden.

 

Kultig

Die Ausstattung dieser Kinos ist eine Frage des Stils. Selbst wenn man modernisiert, so bleibt der Look so weit wie möglich erhalten. Beliebt waren die Lautsprecher an Säulen, die jeweils zwei Fahrzeuge beschallen konnten. Nach der Vorstellung wurde stets der freundliche Hinweis projiziert, doch vor dem Wegfahren die Mono- Lautsprecher wieder an die Säulen zu hängen. Auch heute noch werden Autokino-Lautsprecher vorzugsweise im Chrom oder Alu-Look der 60ties verkauft. Heute kommt der Ton oft kabellos über FM über das Autoradio, oft auch wahlweise synchronisiert oder in der Originalfassung. Doch zu Zeiten der eingehängten Lautsprecher hieß es nach dem Film grundsätzlich: "Please remember to replace the speaker on the post before you leave the theatre"

 

Die Filme der 60er 70er zielten vor allem auf ein Teenager-Publikum. Beach- oder Highschool-Filme bestimmten das Programm der Leinwände, die kontinuierlich zurück gingen. Vor allem der Umstand dass irgendwann jeder einen Fernseher Zuhause stehen hatte, und die klassischen Kinos mit Klimaanlagen ausgestattet wurden, ließ die Zahl der Autokinos mehr und mehr sinken. Einige Kinofilme, wie "The last Picture Show" haben dem Autokino sogar ein Denkmal gesetzt.

 

Heimspiele

Das erste Autokino Europas steht in Deutschland und ist noch immer in Betrieb. Es wurde 1960 in Grafenbruch bei Frankfurt eröffnet. Vielleicht war es kein Zufall, dass dies ausgerechnet in der Nähe amerikanischer Kasernen geschah. Die Autokinos in Köln Porz und Essen wurden 1968 und 69 eröffnet und bieten 1100 Fahrzeugen Platz. Filmvorführer Heinz Schmidt, der in Köln Porz für die Technik verantwortlich ist, war von Anfang an dabei. Er begann als Servicefahrer mit rollenden Würstchen-Bonbon und Eiswagen. An den Ständern für die Lautsprecher gab es Kippschalter für den Platzservice. Wenn Zuschauer die betätigten, leuchtete ein grünes Lämpchen auf und die fahrbaren Snacks wurden direkt ans Auto geliefert.

 

In der Anfangszeit wussten viele Eltern nicht, was Autokinos sind, wenn Sie ihren Kindern das Auto geliehen haben. Es war die Zeit in der manche Eltern von Nachbarn wegen Kuppelei angezeigt wurden, wenn diese ihre Sprösslinge allein ins Jugendzimmer ließen. Heinz Schmidt kann sich an manche Szenen erinnern, wo besorgte Eltern vorbeikamen und nachschauten, was denn ein Autokino eigentlich sei. Erschreckt darüber, dass die jungen Leute da ja ganz allein zusammen im Auto saßen, forderten sie den Vorführer auf, doch sofort die Tochter über Lautsprecher ausrufen zu lassen. Doch der verwies souverän auf die Pause in der das Licht angeht und da, so Schmidt, waren die Mädels so schlau und haben sich im Imbiss- Bereich versteckt. Szenen wie diese ließen damals den Ausdruck Knutschkino entstehen.

 

Bevor die amerikanischen Fast-Food-Ketten hierzulande eröffneten, waren die Autokinos die einzigen Bezugsquellen für Hamburger, ohne Zweifel ein weiterer Grund ihrer ursprünglichen Beliebtheit. Österreichs erstes Autokino eröffnete 1966.

 

Autokino Einfahrt

Einfahrt des Autokinos Aschheim, bei München

Heute gibt es bedauerlicherweise immer weniger Autokinos. Frankfurt, Essen, Köln, Brandenburg, Dresden, München Aschheim sind einige der verbliebenen Outdoor-Spielstellen. Die Besucherzahlen sanken und die Erträge waren, trotz Nutzung der Flächen auch als Floh- oder Gebrauchtwagenmärkte kaum geeignet steigende Grundstücksmieten zu kompensieren. Das Autokino Nürnberg schloss 2002 weil der Pachtvertrag für das Gelände auslief, das in Hamburg schließt am 19. Juni 2003 für immer die Tore.

 

Während die Leinwände in den Multiplexen schrumpfen, standen die Autokinos stets für große Projektionsflächen, bis zu 600qm haben die größeren Plätze. Und auch die Lichtleistung der Projektoren, die bis zu 7000 Watt aufweisen, kann selbst schlechte Wetterbedingungen vergessen lassen. Regen stört die Projektion überhaupt nicht, das Licht geht einfach durch die Tropfen durch. Etwas anders verhält es sich mit den Autoscheiben. Schon so mancher ließ einen Film lang die Scheibenwischer laufen und stand danach mit leerer Autobatterie da. Dabei hat Vorführer Schmidt einen genialen Tipp für Autoscheiben bei Regen: Einfach einen Apfel oder eine Kartoffel durchschneiden und damit die Scheibe einreiben. Das verändert die Oberflächenspannung und es bilden sich keine Tropfen auf dem Glas. Überhaupt wird in den meisten Autokinos praktisch das ganze Jahr hindurch gespielt, lediglich Heilig Abend, Silvester, Rosenmontag und Karfreitag bleibt die Projektionskabine geschlossen.

 

Einen Film Open Air anzuschauen ist einfach eine größere Erfahrung als im klassischen Kino. Der romantische, der nostalgische Aspekt unterm Sternenhimmel Filme zu erleben ist nach wie vor unvergleichbar.