Movie-College Logo

Handy Frau

 

Es ist ein offenes Geheimnis,- die Medienindustrie in den USA arbeitet seit Jahren unter Hochdruck an neuen vertikalen Dramen. Smartphone-Serien wie "The Golden Pear Affair" mit mit den Stars Nick Ritacco und Alyona (Pixie USA) feiern auf TikTok oder Instagram enorme Zuschauerzahlen. Das Micro-Drama hat 55-Episodenfolgen und man kann es auch im Web anschauen.

Lange Zeit war die Welt für die großen Medienunternehmen in Ordnung, doch das hat sich geändert. Weil immer mehr Filme mobil angeschaut werden, arbeitet die Medienindustrie an neuen Formaten. Wir alle haben ein Smartphone in der Tasche oder Handtasche und können theoretisch jederzeit ein Vertikal-Drama beobachten. Wir verbringen inzwischen mehr Zeit mit den Smartphones als mit Fernsehern und Flatscreens. Kommen jetzt Handy Blockbuster? Weltweit versuchen Medienkonzerne die junge Generation, die vor allem auf TikTok, Insta und YouTube unterwegs ist, mit neuen Formaten zu erreichen. Es sind Mikro-Drama-Produktionen.

Die Vorgaben sind relativ klar, das Zeitfenster pro Programmeinheit soll nicht über wenige Minuten gehen und die Inhalte von kurzen szenischen (Fiktion) Videos über Reality TV bis hin zu News reichen. All das soll einerseits hochwertig produziert sein und andererseits aber auch den Lokk & Feel von üblichen Youtube Videos haben. Also ein Spagat.

Dass die großen Studios händeringend nach neuen Formaten suchen, liegt an den gravierenden Verschiebungen in der Medienindustrie. Von Hollywoods Kinomacht verlagert sich der Mainstream immer mehr zu Streamingdiensten. Und die jungen Leute gehen immer mehr von klassischen Leinwand,- und Flatscreen TV Erlebnissen hin zu allerlei neuen Plattformen und Apps.

Dabei kann es sich um kleine Einzelstücke handeln oder auch um serielle Formen. Was die Länge angeht, so kennt man die kurzen Erzähleinheiten schon länger aus den Serien. Dort müssen die Drehbuchautoren schon seit Jahrzehnten kleine dramaturgische Untereinheiten schreiben, welche die dauernden Werbeunterbrechungen berücksichtigen. Die kurzen Erzählblöcke gibt es also schon im System, nur die Verpackung und möglicherweise auch das Bildformat (Hochformat Filme) werden angepasst oder es wird für verschiedene Auswertungen unterschiedlich zugeschnitten..

 Frau schaut im Zug Film auf dem Handy

 

Zu frühe Startups

Ein US-Startup, ein Streamingdienst namens "Quibi" sammelte 2019 bereits reichlich Startkapital von Medienkonzernen und Investoren ein, die diesen Trend nicht verschlafen wollen. Wie der Name schon andeutet, ging es um "Quick" und das soll nicht nur die kurze Form, sondern auch die Produktionsweisen und Zeitläufe charakterisieren. Viele Abläufe der klassischen Produktionshäuser sollten hier ihre Gültigkeit verlieren. Die neuen kurzen Formate bieten natürlich auch Möglichkeiten für Experimente und neue Herangehensweisen. "Quibi" kam vermutlich zu früh und hatte etwas Pech weil ausgerechnet in der Zeit während der Corona-Epedemie einfach viel weniger Menschen an Bahn,- und Bushaltestellen standen um dort kurze Videos anzuschauen. Zudem hatte "Quibi" viel Geld verbrannt, um hochkarätige Zahlungen an prominente und teure Filmemacher, die als Aushängeschild dienen sollten, etwa an Antoine Fuqua um ein 15 Millionen Dollar teures Projekt zu produzieren. Letztlich gab Quibi auf und verkaufte seine Bibliothek an Roku.

 

Neu und anders

Bei den neuen Playern am Sternenhimmel der Vertikalvideos läuft vieles anders. Zunächst einmal geben sie für die einzelnen Produktionen weitaus weniger Geld aus, als "Quibi" das tat. Komplette Serien kosten häufig 250.000 Dollar oder weniger, und werden von Produktionen umgesetzt, und von Schauspieleren gespielt, welche meist nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Das bedeutet, dass eher unbekannte Schauspieler agieren und dass die Filmteams viel kleiner sein können, als es die US-Gewerkschaften vorschreiben. Die größeren Produktionsfirmen haben ihren Sitz außerhalb der USA, so etwa ReelShort (China) oder Holywater Tech (Ukraine).

Plattformen sind: My Drama, Reel Shorts und andere. Die Devise lautet: "Kürzer ist besser." Die vielen Episoden , die in etwa zweiminutige Teile zerlegt sind, bilden zusammen meist eine abendfüllende Geschichte. Die Serien sind aufgeteilt in kurze Episoden von 2-3 Minuten Länge, erste Folgen kann man meist kostenfrei, sogar auf TikTok oder Instagram sehen, wer dran bleiben will, landet dann oft an einer Paywall. Danach kostet es dann beispielsweise 9,99 USD um weiterzuschauen. Finanziert werden solche Serien allerdings häufig auch noch von anderer Seite. Wie in der Frühzeit der Fernseh-Soaps werden die neuen Verticals auch gerne von der Kostemtik oder Reinigungsmittel-Industrie mitfinanziert. Die Serie "The Golden Pear Affair" beispielsweise heißt nicht ohne Grund so. Es gibt einen passenden Einkaufsbereich in dem Fans u.a. den japanischen Deostick Gold Pear kaufen können.

Natürlich folgen solche kurzen Episoden leicht veränderten Dramaturgien und müssen die Zuschauer möglichst schnell in das Geschehen hineinziehen. Bei "The Golden Pear Affair" ist man innerhalb weniger Sekunden im Geschehen und wird sehr schnell mit zentralen Konflikten konfrontiert. Gleich zu Beginn sieht man die Protagonistin Sophia in einem Hochzeitskleid trägt und hört ihr Voiceover: "Ich bin dabei, einen Mann zu heiraten, den ich noch nie getroffen habe. Und wenn ich es nicht tue, stirbt meine Zwillingsschwester.“ Der Plot zielt ab auf die Hauptusergruppierung: Frauen über 35 die dem Publikum für Liebesromane nicht unähnlich sind.

 

Formatfragen

Hochformat-Dramen erobern derzeit die Smartphones

 

Da man Handys sowohl hochkant als auch quer halten kann, sollte es beispielsweise bei "Quibi" jeweils Streams in beiden Höhen-Seitenformaten geben. Die App erkannte automatisch, wenn das Handy gedreht wird und schaltete auf den entsprechenden Stream um. Das ist für die Serverseite noch relativ leicht lösbar, es müssen schlicht zwei Streams bereitgestellt und eine Positionserkennung ausgelesen werden. Infografiken oder Werbebanner können mit dem Drehen des Handys dynamisch im Bild verschoben werden, eine clevere Anpassung.

Für die Aufnahmeseite aber bleiben doch ein paar Fragezeichen. Jeder Kameramann, jede Kamerafrau muss bei der Kadrage wissen, für welches Format das Bild eingerichtet werden soll. Für zwei so unterschiedliche Seitenformate wie 16:10 oder 10:16 den richtigen Ausschnitt zu finden, bedeutet in jedem Fall Kompromisse machen zu müssen. Beiden Varianten gemeinsam ist, dass der kleine Bildschirm Panoramaaufnahmen und Totalen eher ausschließen und Halbnahen und Nahen als Einstellungsgrößen bevorzugen wird.

 

Erfolgsformate?

Vielen Profis sind die nicht gewerkschaftlich organisierten Sets ein Dorn im Auge und auch die häufig schlechte Qualität der schnell produzierten Geschichten missfällt vielen in der Branche.

Tatsächlich weiß Niemand in der Branche wirklich, was funktionieren wird, genauso weiß man aber auch, dass man handeln muss, wenn man nicht das junge Publikum verlieren möchte. So investieren alle wichtigen Studios und Produktionsfirmen in die Entwicklung solcher Clips, natürlich sind sie nie sicher vor den falschen Versprechungen selbsternannter Hip & Jung Spezialisten, welche die Angst der Konzerne zur Aufbesserung des eigenen Kontos nutzen.

Ob in diesen neuen Formaten auch Inhalte jenseits vom Mainstream, ob da kreative Independent-Filme Platz haben werden, wird sich zeigen. Die Konzerne haben eine Menge Geld in die Hand genommen um Filmemacher, die vorher bereits erfolgreich Teenie,- und Mainstream Formate für klassische Medien hergestellt haben, für die neuen Miniformate zu gewinnen.

 

Thema: Medien Dieser Beitrag gehört zum Themenbereich Medien. Mehr zu Medien
Weitere Inhalte zu Medien, Film und Kommunikation findest Du im Akademie-Bereich sowie in unseren Workshops.