Alles Anders
Dreharbeiten mit Kindern sind anders. Kinder lassen sich in den allermeisten Fällen nicht wie erwachsene Schauspieler inszenieren. Vielleicht gibt es hier und da Ausnahmen, wie etwa Seemab Gul über ihre Hauptdarstellerin in dem Film „Ghost-School“ berichtet, die seit ihrem dritten Lebensjahr agiert, doch im Allgemeinen unterscheidet sich die Regiearbeit massiv von der mit erwachsenen Schauspielern.
Wie schon bei erwachsenen Schauspielern ist das richtige Casten enorm wichtig. Hier sollte man unbedingt typgerecht besetzen und darauf achten, ob das Kind auch zuhören und reagieren kann. Ebenso wichtig ist, ob das Kind natürlich wirkt und Freude an Dreharbeiten hat. Nicht ganz unwichtig sind auch die Eltern,- wie gelassen und kooperativ diese sich verhalten.
Nach erfolgreicher Besetzung sollte Vertrauen zu den Spielpartnern und der Regie aufgebaut werden. Je nach Größe der Rolle muss man dafür vielleicht eigene Termine vor dem Dreh einplanen. Auch das Team am Filmset sollte durch eine ruhige Atmosphäre und Sensibilität mithelfen, den Dreh für die Kinder angenehm zu gestalten.
Kinder inszeniert man nicht
Die Herangehensweise ist eine ganz andere, statt die Kinder als Akteure zu inszenieren, ist es eher das Umfeld, die Situation um die Kinder herum, welche man inszeniert. Das beginnt mit der Kamera, die sich frei bewegen können sollte, um sich an der jeweiligen Position der Kinder ausrichten sollte. Hier bieten sich Steadicam, Gimbal oder auch Handkamera an. Längere Einstellungen und der Dreh mit mehreren Kameras sind hier weitere Hilfsmittel.
Dies gilt auch in Hinblick auf gewünschte Emotionen. Wenn man eine Situation mit den anderen Schauspielern so baut, dass dadurch auch die Vorstellungskraft der Kinder aktiviert wird, agieren diese auch anders. Sie sollten nie das Gefühl haben, dass man so tut als ob, sondern dass die Situation in der sie sich befinden echt ist.
Kinder arbeiten nicht mit irgendwelchen Emotionen sondern eher mit Arbeitsaufträgen. Statt ihnen zu sagen, sie sollen lachen, kann es manchmal helfen, ihnen das Lachen auf eine lustige Weise zu verbieten: Wehe wenn Du gleich lachst, wenn X das macht... Man kann fast sicher sein, dass das Kind losgiggelt.
- In diese Kategorie gehört auch die Methode, die Szene wie ein Spiel anzulegen. „Du darfst dich nicht erwischen lassen“ oder „Bring sie zum Lachen“ Zu den Aufträgen könnte auch gehören: "Versuche, nicht traurig zu sein".
- Eine weitere Methode, mit Kindern zu arbeiten, sind gemeinsame Geheimnisse. Man kann einem Kind sagen: Die anderen wissen nicht, was gleich los ist, du darfst es ihnen auch nicht sagen.
- Eine ähnliche Methode der Aufgabenvergabe an Kinder sind Wettbewerbe, Challenges etc.
- Kinder brauchen konkrete Ziele: Du willst, dass er dir glaubt, was du sagst.
- Oder man vereinbart mit dem Kind: Sie oder er (Mitspieler) darf es auf gar keinen Fall merken.
Arbeitsweise
- Regieanweisungen dürfen ruhig leise gegeben werden und sie sollten knapp sein. Viel Gerede schadet hier nur. Korrekturen sollte man eher an die erwachsenen Spielpartner richten.
- Von der Auflösung her macht es Sinn, auch viele Momente zu drehen, in denen die Kinder zuhören, reagieren, ohne selbst zu sprechen. Ebenfalls hilfreich ist es, die Szenen höher aufzulösen, damit man die stärksten Momente verwenden kann.
- Und nicht nur bei Kindern sind Lob und Bestätigung wichtige Hilfsmittel um die Motivation zu stärken.
- Generell ähneln diese Methoden auch jenen, mit denen man erwachsene Schauspieler auf intelligente Weise im Spiel begleitet.
- Wie auch bei den Erwachsenen, sind oft die ersten Takes besonders wertvoll. Deshalb kann es nicht schaden, auch schon Proben mitzudrehen. Man sollte eine Szene so gestalten, dass sie frisch und wahrhaftig wirkt, meistens sind die ersten Impulse der Kinder die besten.
- Auch kann es helfen, die Kamera nicht erst bei „Bitte“ laufen zu lassen, sondern vielleicht mit einem Zeichen an die Kamera, wann diese ein,- und ausgeschaltet werden soll.
- Grundsätzlich sollte man schnell drehen und ausreichend Pausen einbauen. Proben sollte man so wenig wie möglich.
Grundsätzlich kann man festhalten, dass Kinder keine Rollen spielen, sondern sich in Situationen verhalten. Deshalb sind auch Proben eher kontraproduktiv. Bestenfalls Stellproben, doch auch festgelegte Positionen bringen Kinder häufig aus dem natürlichen Spiel heraus, besser ist es wenn die Kamera nachkorrigieren kann. Kinder haben einen fantastischen Instinkt und eine endlose Vorstellungskraft. Manchmal kann man als Regieanweisung spielerisch eine Verzauberung, eine Verwandlung anstoßen, welche die Kinder näher an die beabsichtigte Filmfigur heranführt. So bekommt der Begriff "Schauspielen" bei Kindern noch mal eine ganz andere Ausdeutung.
