
Primäre Farbkorrektur
Farbkorrektur ist in manchen Bereichen relativ objektiv, in anderen Bereichen absolut subjektiv. Welche Einstellungen sind für die individuellen Bilder die besten? Welche Rolle spielt, wo das Endprodukt zu sehen sein wird: Kino, Fernseher, Streamingplattform, Smartphone, Tablet oder Festivalprojektion? Und welche Rolle spielen inhaltliche Aspekte wie Kultur, Modetrends oder individueller Geschmack?
Aufnahmen, die wir auf Film oder digital oft zu ganz verschiedenen Zeiten, Tagen, ja sogar Jahreszeiten drehen, unterscheiden sich häufig stark in Farbstellung, Helligkeit und Kontrast. Sie müssen aneinander angeglichen werden. So wird einerseits die notwendige visuelle Kontinuität erreicht, andererseits eine passende Bandbreite an Farben und Kontrast herausgearbeitet und zugleich der gewünschte Look für den Film gestaltet. Das kann bis zur durchkonzipierten Farbdramaturgie gehen.
Aber auch die Korrektur unzureichend ausgeleuchteter Aufnahmen oder ein fehlerhafter Weißabgleich können auf diese Weise bis zu einem gewissen Grad korrigiert werden. Dabei unterscheiden wir zwischen primärer und sekundärer Farbkorrektur. Die primäre Farbkorrektur bezieht sich auf das gesamte Bild und erlaubt, die Grundfarben der additiven Farbmischung, also Rot, Grün und Blau, zu beeinflussen. Sie erlaubt zudem die Kontrolle über Luminanzwerte, häufig getrennt nach Lift beziehungsweise Blacklevel, Gamma beziehungsweise Midtones und Gain beziehungsweise Highlights.
Die Einstellmöglichkeiten nützen aber nur so viel, wie das Ausgangsmaterial und das Wiedergabemedium hergeben. Ein 8-Bit-Codec mit starker Kompression lässt sich weniger weit korrigieren als RAW-, Log- oder 10-Bit-Material. Auch die Zielausgabe spielt eine große Rolle: SDR nach Rec.709, Kinoprojektion in DCI-P3 oder HDR in Rec.2020/PQ beziehungsweise HLG stellen unterschiedliche Anforderungen. Messinstrumente, sei es als Einzelgerät oder als Software-Visualisierung, helfen, die technischen Möglichkeiten sauber auszureizen.
Referenzbildschirm

What you see is what you get – diese Hoffnung erfüllt sich nur mit Einschränkungen. Fast jeder Computermonitor, Fernseher oder Projektor hat eigene Farbeinstellungen. Viele Geräte verändern zudem ihre Darstellung abhängig von Helligkeit, Energiesparmodus, Umgebungslicht oder Bildprofil. Damit fehlt ohne Referenz die zuverlässige Grundlage, beurteilen zu können, wie die Farben des Materials tatsächlich sind.
Deshalb ist ein kalibrierter Referenzbildschirm wichtig. Er sollte den gewünschten Farbraum möglichst vollständig und normgerecht darstellen können. Farbräume beschreiben den Bereich sichtbarer Farben, den ein System abbilden kann. Im SDR-Bereich ist Rec.709 weiterhin sehr verbreitet, für digitale Kinoprojektion spielt DCI-P3 eine große Rolle, während HDR-Workflows häufig mit Rec.2020 als Container arbeiten.
Heute sind hochwertige LCD-, OLED- und Mini-LED-Monitore weit verbreitet. Für professionelle Farbkorrektur sind jedoch nicht alle gleich gut geeignet. Entscheidend sind Kalibrierbarkeit, Farbraumabdeckung, Homogenität, stabile Helligkeit, korrekte Tonwertwiedergabe und bei HDR zusätzlich die maximale Leuchtdichte sowie das Verhalten in Spitzlichtern. Hersteller wie Eizo, Sony, Flanders Scientific, Canon, LG oder ASUS bieten Monitore an, die je nach Preisklasse für Farbkorrektur und Referenzbeurteilung geeignet sind.
Vorgehensweise
Wer die vielfältigen Möglichkeiten einer professionellen Farbkorrektur zum ersten Mal zu sehen bekommt, kann sich schnell überfordert fühlen und begreift, weshalb es einen eigenen Berufsstand für diese Aufgabe gibt. Es ist sinnvoll, bei der Farbkorrektur bestimmte Arbeitsschritte in einer nachvollziehbaren Reihenfolge abzuarbeiten. Das erleichtert den professionellen Umgang mit den Werkzeugen erheblich.
Ein typischer Ablauf besteht darin, zunächst Belichtung, Weißpunkt, Schwarzpunkt und Kontrast zu korrigieren, danach die Farbbalance herzustellen, einzelne Einstellungen aneinander anzupassen und erst anschließend den eigentlichen Look zu entwickeln. Moderne Programme arbeiten häufig mit Nodes, Ebenen oder Korrekturketten. Dadurch lassen sich technische Korrektur, kreative Gestaltung und finale Ausgabeanpassung besser voneinander trennen.
Belichtungskorrektur per Halbautomatik

Zunächst sollte man die Helligkeit der Aufnahme in Angriff nehmen. Unterbelichtete Aufnahmen müssen aufgehellt, überbelichtete abgedunkelt werden. Allerdings lassen sich ausgefressene Spitzlichter oder völlig abgesoffene Schatten nur dann retten, wenn im Originalmaterial noch Bildinformationen vorhanden sind. Was nicht aufgezeichnet wurde, kann auch die beste Farbkorrektur nicht rekonstruieren.
Viele Korrekturprogramme bieten Hilfen über Pipetten oder automatische Analysefunktionen. Mittels mehrerer Pipetten wählt man, je nach Programm, ein Schwarz, ein Grau und ein Weiß aus, falls das Bild sehr farbstichig ist – also Punkte, von denen man möchte, dass sie später als Schwarz, Grau und Weiß dargestellt werden. Es versteht sich von selbst, dass drei Messpunkte besser sind als nur einer. Wenn nur einer zur Verfügung steht, sollte man möglichst einen neutralen mittleren Grauton im Motiv auswählen.
In professionellen Farbkorrekturprogrammen stehen für die Regelung eine Vielzahl von Werkzeugen zur Verfügung: Lift, Gamma, Gain, Offset, Kurven, Log-Wheels, HDR-Wheels, Printer Lights oder Farbbalance-Regler. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Intensität der einzelnen Farbauszüge in ihrer Summe auch über Helligkeit und Dunkelheit des jeweiligen Bildpunktes oder Bereiches entscheidet.
Konkret werden in den Korrekturprogrammen häufig verschiedene Helligkeitsbereiche getrennt bearbeitet: Spitzlichter, Mitteltöne und Schatten. Der Gain- oder Highlight-Bereich berührt vor allem die hellen Bereiche, Gamma oder Midtones sprechen die mittleren Helligkeitsbereiche an und Lift beziehungsweise Blacklevel eher die Schatten und das Schwarz. Leider genügt es nicht, einfach nach Geschmack mit den Reglern herumzuprobieren. Man sollte berücksichtigen, dass nicht alle Einstellungen auf jedem Bildschirm und in jedem Zielformat korrekt wiedergegeben werden können. Hier kommt Messtechnik ins Spiel.
Falscher Weißabgleich
Farbstiche, ausgelöst durch fehlenden oder falschen Weißabgleich, kann man mit Grauwertkorrektur, Weißpunktkorrektur oder Farbbalance-Werkzeugen oft deutlich verbessern. Je nach Aufnahmeformat sind die Reserven unterschiedlich groß. RAW- oder Log-Material bietet hier meist deutlich mehr Spielraum als stark komprimiertes 8-Bit-Material.
Anpassung
Die bereits erwähnte Anpassung einzelner Einstellungen zueinander übernehmen Farbabstimmungstools. Diese dienen dem Vergleich und der Anpassung zweier Einstellungen zueinander. Vorab muss man sich entscheiden, welche Kurven, Farbräume oder mathematischen Modelle zur Anwendung kommen sollen: RGB, HSL/HLS, Gradationskurven, Log-Korrekturen oder moderne Color-Management-Workflows. Die Entscheidung hängt vom Material, vom gewünschten Look und vom Zielmedium ab.
Viele Programme arbeiten auch hier mit Pipetten, Referenzbildern oder automatischem Shot Matching. Der eine Wert ist die Vorlage, also der Wert, der einem zusagt und an den man die andere Einstellung angleichen möchte. Der zweite Wert definiert das Ziel, also den Bildteil, der entsprechend verändert werden soll. Hat man etwa mehrere Naturaufnahmen, so kann man in einer Einstellung eine optimal korrigierte Rasenfläche als Quelle auswählen und in der anderen Einstellung mit der Zielpipette ebenfalls eine Rasenfläche auswählen, die aber vielleicht zu hell, zu dunkel oder zu farbstichig ist.
Automatische Tools können helfen, ersetzen aber nicht den Blick des Coloristen. Besonders Hauttöne, Tageszeiten, Lichtstimmungen und dramaturgische Farbkonzepte müssen weiterhin bewusst beurteilt werden.
Sekundäre (= selektive) Farbkorrektur
Professionelle Farbkorrektursysteme erlauben auch eine sekundäre Farbkorrektur. Dabei werden nicht nur die Grundfarben Rot, Grün und Blau, sondern auch Mischfarben wie Gelb, Cyan und Magenta oder frei wählbare Farbbereiche beeinflusst. Zudem ist es möglich, einzelne Bildbereiche herauszugreifen – etwa über Farbqualifier, Masken, Power Windows, Tracking oder Luminanzbereiche – und diese unabhängig vom restlichen Bild zu korrigieren.
So lassen sich zum Beispiel Hauttöne verbessern, Himmel abdunkeln, einzelne Farben entsättigen, Augen leicht aufhellen oder störende Farbstiche in Teilbereichen reduzieren. Moderne Programme wie DaVinci Resolve, Baselight, Nucoda, Adobe Premiere Pro, Final Cut Pro oder Avid Media Composer bieten dafür sehr leistungsfähige Werkzeuge. Was früher teuren Spezialstudios vorbehalten war, ist heute wesentlich breiter zugänglich – die fachliche Beurteilung bleibt jedoch anspruchsvoll.
Grenzwerte

Vectorscope, Waveform-Monitor, Histogramm und RGB-Parade schaffen klare Aussagen darüber, ob Helligkeit und Farben im gewünschten technischen Bereich liegen. Inzwischen braucht man dafür nicht unbedingt reale Stand-Alone-Geräte. Professionelle Programme bieten sehr gute Software-Messgeräte zur Kontrolle der technischen Parameter.
Auf dem Waveform-Monitor wird die Helligkeitsverteilung über das Bild hinweg dargestellt. Hier kann man ablesen, ob Werte zu dunkel, zu hell oder außerhalb der gewünschten Norm liegen. Für SDR-Broadcast liegt der übliche legale Bereich ungefähr zwischen 0 und 100 IRE, wobei je nach Norm, Sender, Codec oder Workflow leichte Abweichungen möglich sind. Manche Systeme zeigen außerdem Superwhite- oder Superblack-Bereiche an, die bei der Auslieferung jedoch oft begrenzt werden müssen.
Zur Farbverteilung liefert das Vectorscope wichtige Informationen. Es zeigt Sättigung und Farbton an und hilft dabei, Farbstiche, Hauttöne und zu starke Chrominanz zu beurteilen. Die bekannten Markierungen für 75-Prozent- oder 100-Prozent-Farbbalken stammen aus klassischen Broadcast-Workflows und dienen weiterhin als technische Orientierung. Bei HDR, Streaming-Mastern oder Kinofassungen gelten jedoch zusätzliche oder andere Vorgaben.
Wenn Helligkeit oder Farbanteile außerhalb der erlaubten Bereiche liegen, spricht man im Broadcast-Bereich bis heute von illegalen Werten oder „illegal colors“. Solche Fehler können dazu führen, dass eine Produktion bei der technischen Abnahme beanstandet wird. Viele Programme besitzen automatische Videobegrenzer, also Limiter oder Gamut-Limiter, bei denen man Grenzwerte festlegen kann. Diese sollten allerdings nicht blind eingesetzt werden, weil sie Farben und Kontraste sichtbar beschädigen können.
Bei HDR-Material werden Grenzwerte nicht mehr nur in IRE gedacht, sondern auch in Nits beziehungsweise nach PQ- oder HLG-Kurven beurteilt. Deshalb ist es wichtig, vor Beginn der Farbkorrektur zu wissen, für welches Zielformat gearbeitet wird: SDR, HDR, Kino, Web, Streaming oder Broadcast. Gute Farbkorrektur ist daher immer eine Verbindung aus technischem Verständnis, gestalterischem Blick und Kenntnis des späteren Ausspielwegs.
