
Vor dem Schnitt
Die Arbeitsabläufe des analogen Filmschnitts wirken heute fast wie ein Blick in eine andere Zeit. Dennoch beruhen viele digitale Prozesse noch immer auf denselben Grundprinzipien: Material sichern, sichten, auswählen, schneiden, korrigieren und schließlich veröffentlichen. Schauen wir uns deshalb exemplarisch an, wie der Schnitt eines klassischen Spielfilms ablief.
- Das bei den Dreharbeiten belichtete analoge Filmmaterial (Negativfilm) wurde möglichst noch am selben Abend ins Kopierwerk gebracht. Da der Drehschluss oft erst spät war, verfügten viele Kopierwerke über Nachtannahmen, bei denen das Material beim Pförtner oder in speziellen Sicherheitsboxen abgegeben werden konnte.
- Am nächsten Morgen wurden die Filmbüchsen im Dunkelraum geöffnet. Das Negativmaterial wurde auf größere Spulen umgerollt aneinandergeklebt und anschließend chemisch entwickelt.
- Parallel dazu erstellte das Kopierwerk einen sogenannten Negativbefund. Dieser dokumentierte mögliche technische Probleme wie Kratzer, Staub, Flusen, Belichtungsfehler oder Beschädigungen des Materials. Bereits mittags konnte die Produktion meist telefonisch erfahren, ob die Aufnahmen technisch gelungen waren.
- Damit das gedrehte Material überhaupt betrachtet und geschnitten werden konnte, musste von dem Negativ eine Arbeitskopie (Positiv) hergestellt werden. Die Vorbereitung dieses Kopiervorgangs nannte man „Einrichten“.
Je nach Produktionsweise wurde entweder:
- das gesamte gedrehte Material kopiert (Kopierer) oder
- bereits vorsortiert („ausgemustert“).
Beim Ausmustern wurden nur jene Einstellungen berücksichtigt, die am Set als gelungen markiert wurden, etwa anhand der Notizen im Scriptblock in denen neben den jeweiligen Takes ein K (Kopierer) oder NK (Nicht-Kopierer) stand.
Oft bereits am Abend des nächsten Drehtages trafen sich Regie, Kamera, Ausstattung, Produktion, Regieassistenz und Kostüm im Kopierwerk zur Vorführung der Muster des Vortages. Diese sogenannten Dailies oder Muster dienten der Qualitätskontrolle und der kreativen Bewertung. Häufig war auch die Lichtbestimmung des Kopierwerks anwesend, um mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen.
Während der Vorführung, bei der auch meist die Cutter*Innen anwesend waren, entschied die Regie oft bereits:
- welcher Take bevorzugt wird,
- welche Einstellungen unbrauchbar sind,
- oder welche Szenen später besonders wichtig werden.
Die Regieassistenz notierte diese Informationen für den Schneideraum.
Der Schnitt
Im Schneideraum arbeitete man mit den Arbeitskopien (AK). Das Originalnegativ blieb aus Sicherheitsgründen im Kopierwerk. Geschnitten wurde an sogenannten Schneidetischen, in Europa war die Firma Steenbeck aus Hamburg der Marktführer, ihre Tische waren extrem zuverlässig und langlebig.
Im Schneideraum wurde zunächst Bild und Ton angelegt (synchronisiert). Der Ton, der entweder analog auf Schmalband aufgenommen wurde (Nagra/Stellavox) oder bereits digital, wurde für die Bearbeitung am Schneidetisch auf Perfoband (Magnetfilm) kopiert. Dieser war henauso lang wie der Film und so wurden am Schneidetisch Rollen in gleicher Länge mit der Arbeitskopie und dem Perfoton eingelegt, Zahnräder eingerastet und mechanisch verkoppelt. Diese vorbereitenden Tätigkeiten wurden meist von Schnitt-Assistent*Innen erledigt. Danach begannen die Cutter*Innen mit der eigentlichen Montage:
- Auswahl der besten Takes
- Rohschnitt
- Feinschnitt
- Abnahmen durch Regie, Produktion und Redaktion
Die Schnittassis waren während des gesamten Schnitte anwesend und übernahmen die Organisation des Materials. Nicht verwendete Takes wurden, zusammengerollt in Filmkartons einsortiert, Takes die gerade in Bearbeitung waren, hingen an Stiften (Pins) an einem sogenannten Filmgalgen. Von dort nahm man die jeweiligen Takes klebte sie mit einer Klebelade in die Schnittfassung, hing die Reste (Anfang und Ende eines Takes) zurück an den gleichen Stift zurück. Ganz so wie man es heute per Drag and Drop in Schnittprogrammen tut. War die Szene fertig, rollte man die Filmstreifen vom Galgen zusammen, befestigte an den Enden der Röllchen Büroklammern oder Gummibänder, beschriftete und sortierte sie zurück in den Filmkarton, auf dem außen die Szenennummern standen.
Die Technik des Filmschnitts hat sich stark verändert – der kreative Ablauf dahinter ist erstaunlich ähnlich geblieben.
