
Im Grunde genommen sind fast alle Filme auf die eine oder andere Weise politisch, was also ist gemeint, wenn wir uns dem politischen Film an dieser Stelle widmen? Nun ein Genre im klassischen Sinne ist es nicht, schließlich fehlen dafür generelle, eindeutig definierte Merkmale. Es ist vielmehr eine Erzählhaltung die man seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in vielen Facetten wiederfinden kann. Stets ist der politische Form Ausdruck eines Kinos, welches Machtverhältnisse aufzeigt, sie behandelt oder vielleicht auch reproduziert. Politischer Film will nicht nur politische Dinge aufzeigen, er will zugleich auch selbst politisch agieren.
Dabei muss man allerdings die Trennlinien hin zu Propaganda, die ja ebenfalls politisch motiviert ist, genau im Auge behalten. Bereits ein sehr frühes Beispiel des politischen Films, „Panzerkreuzer Potemkin“ war eine geschickte filmische Konstruktion die politisch emotionalisierte und die Stimmung der Zuschauer ganz klar durch Rhythmus und Fokussierung lenkte. Es machte die Zuschauer des Films natürlich wütend, wenn sie die legendäre Szene auf der Treppe in Odessa sahen, in der unschuldige Menschen von Soldaten niedergeschossen werden. Ein weiteres bekanntes Beispiel für Propaganda aus der Filmgeschichte ist „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl. Eigentlich ist auch „Der große Diktator“ von Chaplin Propaganda, aber weil es ein Aufruf zur Humanität ist, zugleich ein mutiger Denkanstoß und eine grandiose Satire auf den Faschismus.
Unbeliebte Verwandte
Propagandafilme sind in ihrer Botschaft stets eindeutig und versuchen die Zuschauer emotional zu erreichen und zu aktivieren. Politische Filme sind da zumeist ambivalenter, sie geben dem Publikum die Möglichkeit, sich aus teilweise widersprüchlichen Perspektiven ihre Meinung selbst zu bilden. Damit werden die Zuschauer gezwungen, selbst aktiv mitzudenken und eine eigene Haltung zu entwickeln, statt eine vorgefertigte (Propagandafilm) blind zu übernehmen.
Größere Themen
Während der klassische Kinofilm in der Regel individuelle Geschichten und Schicksale erzählt, geht es beim politischen Film um mehr. Hier repräsentieren Individuen größere gesellschaftliche Strukturen oder es kommen erst gar keine Individuen als Filmhelden vor, so wie im „Panzerkreuzer Potemkin“. Relativ grob kann man den politischen Film in verschiedene Varianten einteilen.
- Propagandafilm
- Poltthriller
- Gerichtsfilm
- Investigativfilm
- Gesellschaftsdrama
- Essayfilm
- Politsatire
- Politischer Dokumentarfilm
Welche Wirklichkeit wird wie gezeigt?
Viele politische Filme zeigen die Wirklichkeit, welche die Filmemacher zeigen wollen, sie heben manche Dinge hervor und lassen andere weg. Grundsätzlich sind sie so angelegt, dass sie Wissen und Erkenntnis erzeugen und sichtbar machen, wie schwierig es ist, freien Zugang zu diesen zu erhalten. Zugleich sind sie natürlich gestaltet, sie haben eine bestimmte Form und allein dadurch können sie niemals neutral sein.
Man hat Kameraausschnitte, Schwenks, Fahrten bewusst ausgewählt und die Kameras nur zu bestimmten Momenten und nur in bestimmte Richtungen aufnehmen lassen. Der Ton, das Schauspiel und die Montage wurden bewusst gestaltet. Das gilt gleichermaßen für den Spielfilm wie für den Dokumentarfilm, ganz objektiv kann keiner sein.
Doch nicht nur die Auswahl der Elemente eines Filmes sondern die Sichtbarkeit der Filme selbst ist politisch. Da inzwischen die Streaming Anbieter immer mehr verbreitet sind, folgt die Auswahl, was dort gezeigt wird, erfolgsorientierten Algorithmen. Was also filmisch erzählt und gezeigt wird, hängt immer mehr von der Datenlage und dem Massengeschmack ab. Die unter der Motorhaube digitaler Streamingplattformen arbeitenden unsichtbaren Mechanismen machen also massiv Politik.
Politthriller

Häufiger erzählen Filme von der Aufdeckung von politischen Skandalen, die Filme begleiten dann ihre Hauptfiguren als individuelle Rechercheure im Auftrag der Wahrheit, der Erkenntnis. Beispielhaft sei hier „Die Unbestechlichen“ zu nennen, in welchem die journalistische Recherche die Handlung ausmacht und das zunehmende Wissen der Journalisten klassische Action ersetzt . Die Zuschauer recherchieren förmlich mit hin zur Aufdeckung der Watergate Affäre.
Die Zuschauer sind, wie bei fast jedem politischen Film nicht nur emotional, sondern auch moralisch und erkenntnisbildend gefordert, sie sollen und müssen aktiv mitdenken. Will man die Qualität eines politischen Films bewerten, dann sollte man ihn nicht nur an seiner Message messen, sondern vor allen daran, wie stark sie in den Zuschauern Denkprozesse hervorrufen können. Wenn sie Argumente liefern, aus denen die Zuschauer sich eine Meinung bilden können, werden Zusammenhänge sichtbar gemacht. Damit kommt es auf die Gestaltung der Wahrnehmung an. Filme sind häufig angelehnt and reale Ereignisse, haben eine dokumentarische Anmutung, auch wenn sie inszeniert sind und werden damit selbst zu politischen Werkzeugen .
Politische Filme drehen sich nicht nur um Individuen sondern um politische Systeme, um Institutionen und Behördenoder sonstige unsichtbare Machtmechanismen. Nicht selten geht es dabei um einzelne Filmfiguren, die sich gegen ein System stellen. In vielen Filmen stehen die Recherche, die Enthüllung/Aufdeckung und die wachsende Erkenntnis im Mittelpunkt. Letztendlich können politische Filme wahlweise die Zuschauer aufklären oder sie manipulieren. Welche Macht sie konkret haben ist umstritten. Meinungsbildung funktioniert so gut wie nie allein durch einen einzelnen Film, es ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen medialen und privaten Erfahrungen. Noch ist das so. Jedenfalls solange die Medien vielfältig bleiben und nicht durch gezielte Beschränkungen politisch gelenkt werden, wie sie derzeit wieder auf dem Vormarsch sind.
Filmliste
- "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" (Regie: Stanley Kubrick , USA 1964)
- "Z" (Regie: Costa-Gavras, FR, ALG 1969) – politischer Mord und Vertuschung
- "Die Unbestechlichen" (Regie: Brian De Palma, USA 1987)– Watergate, Journalismus vs. Macht
- "Wag the dog" (Regie: Barry Levinson, USA 1998)
- "Hotel Rwanda" (Regie: Terry George, USA 2004) – Genozid und internationale Untätigkeit
- "Der ewige Gärtner" (Regie: Fernando Meirelles, USA 2005)– Pharmaindustrie & Ausbeutung
- "Good Night, and Good Luck" (Regie: George Clooney, USA 2005) – Medien vs. McCarthyismus
- "In the Loop" (Regie: Armando Iannucci, GB 2009)
- "The Big Short" (Regie: Adam McKay, USA 2015) – Finanzkrise erklärt erzählerisch innovativ
- "Snowden" (Regie: Oliver Stone, USA 2016) – Whistleblowing & Überwachung
- "Don't Look Up" (Regie: Adam McKay, USA 2021) – Satire auf Politik & Medien
- "One Battle after another" (Regie: Paul Thomas Anderson, USA 2025)

