
Die Verjüngung der Fersehens
In den letzten Jahren verdichtet sich der Eindruck, dass das Fernsehen die Jugendlichen in Deutschland verloren hat. Zu groß ist die Konkurrenz durch Social Media und Streaming. Zwischen schwindenden Aufmerksamkeitsspannen und Secondscreening scheint für die lineare Fernsehstrukturen früherer Tage kein Platz mehr zu sein. Um das begehrte junge Publikum erreichen zu können, muss sich das Fernsehen bzw. in erster Linie die Inhalte des Fernsehens, also verändern. Sendungen und Austrahlungsformen müssen an die Gewohnheiten der jüngeren Generation angepasst werden. Der dadurch in den Sendeanstalten angeschobene Prozess wird zum Teil als „Youthification“, zu Deutsch würde man schlicht Verjüngung sagen, bezeichnet. Im Zuge dieser bedienen sich die Fernsehsender verschiedener Strategien.
Zusammen mit den Influencern
Eine dieser Strategien ist die Zusammenarbeit mit Internetberühmtheiten, sogenannten Influencern. Zu diesen haben die jungen Zuschauer vermeintlich eine deutlich stärkere Bindung als zu den meisten altbekannten Fernseh- und Filmgesichtern. Bei diesen Kooperationen sind zwei Vorgehensweisen etabliert. Entweder versucht die Sendeanstalt ein komplett neues Format mit einem Influencer als Gesicht der Sendung zu etablieren oder sie gliedert den Influencer in ein bereits bestehendes Format ein, um Publikumsreichweite des letzteren zu verbessern. Beispielsweise produzierte die ARD von 2021 bis 2025 3 Staffeln der Serie „Alemania“ für ihre Mediathek. Bei dieser Sendung agierte der durch seine Beteiligung am berühmten You-Tube-Kanal Y-Titty bekannt gewordenen Komiker Phil Laude als Hauptdarsteller und Show-Runner. Beim ZDF hingegen besetzte man die Influencerin Julia Beautx ab der 7. Staffel der Drama-Serie „Frühling“ für eine wiederkehrende Nebenrolle. Dass die betroffenen Influencer ihre Auftritte im Fernsehen euphorisch bei ihren Internetauftritten bewerben, führt zu einer weiteren Strategie der Youthification.
Über alle Medien hinweg
Die transmediale Vermarktung von Inhalten stellt im digitalen Zeitalter ein wichtiges Standbein für die Sendeanstalten dar. Da man droht, die Jugendlichen an Social Media zu verlieren, bricht man kurzerhand selbst in diese Gewässer auf. Neben den Kanälen, die mittlerweile alle großen Sender in den gängigen sozialen Netzwerken betreiben, wurden vermehrt auch Ansätze des trans-medialen Erzählens versucht. Die Serie „Druck“ wurde zum Beispiel in Form von Clips, welche zeitgleich zur erzählten Zeit veröffentlicht wurden, in vermeintlicher Echtzeit auf YouTube ausgestrahlt und zusätzlich durch Inhalte auf für die fiktiven Serienfiguren angelegten Instagram-Kanälen und in WhatsApp-Chatverläufen erweitert. Weitere Apsekte dieses Ansatzes können Spotify-Playlisten mit den lizensierten Musikstücken einer Serie oder das Provozieren von Fan-Edits durch bewusst inzenierte Szenen sein, wie es der Streaming-Dienst Netflix mit der Tanzsequenz in der Serie "Wendesday" vormachte. Transmediales Erzählen ist allerdings mehrheitlich eine Kopfgeburt, die bei der jungen Zielgruppe größtenteils nicht funktioniert.
Immer auf Abruf
Auch die Ausstrahlung von Formaten außerhalb des linearen Fernsehprogramms scheint für die Sender immer relevanter zu werden. So besitzen die großen Akteure des deutschen Fernsehens allesamt Internetauftritte zur On-Demand-Austrahlung ihrer Sendungen. Anders als von Früher bekannt können hier Inhalte, soweit verfügbar, jederzeit abgerufen werden. Die Bindung an einen strengen Sendeplan ist also Geschichte. Für diese Zwecke besitzen die öffentlich rechtlichen Sender wie besipielsweise ARD und ZDF Mediatheken. ARTE besitzt sogar einen eigenen YouTube Kanal, der tagtäglich mit Inhalten des Senders bespielt wird. Besonders weit gehen die Öffentlich-Rechtlichen mit ihrem Jugendangebot Funk. Die seit 2016 laufende Initiative zur Akquirierung 14- bis 29-Jähriger Zuschauer findet ausschließlich auf zugehörigen Social-Media-Kanälen und in den Mediatheken statt. Fast so als hätte man bei ARD unhd Co. bereits akzeptiert, dass das lineare Fernsehen der Vergangenheit angehört. Durch private Sendeanstalten wurden sogar hauseigene Streamingplattformen gegründet, die in den von Netflix und Co. bekannten Abomodellen die Programme gleich mehrerer Sender der Produktionshäuser vereinen. Namentlich handelt es sich hier um die Platformen Joyn der ProSiebenSat.1 Media SE und RTL+ von RTL Deutschland.
Der ausbleibende Erfolg
Diese Bemühungen scheinen allerdings weitgehend erfolglos. Zieht man die JIM (Jugend, Informationen, Medien) Studie zu Rat, so fällt auf, dass das Fernsehen weiter an Relevanz verliert. In der Befragung zur Mediennutzung deutscher Jugendlicher gaben 2025 nur noch 32% aller Befragten an, mindestens einmal in der Woche lineares Fernsehen zu verwenden. Dies stellt nicht nur einen geringen Wert, sondern im Vergleich zu den Vorjahren auch einen Rückgang dar. Während man es beim Fernsehen erstaunlicherweise schafft, die jüngsten Zuschauer am Bildschirm zu halten, sind vermeintliche Bemühungen zur Aktivierung der jugendlichen Zuschauerschaft offenbar vergebens. So schafft es in besagter Studie 2025 YouTube auf Platz 1 der Medien, welche die Befragten zum Konsum von Sendungen, Serien und Filmen verwenden und erreicht dabei den doppelten Prozentwert des linearen Fernsehens. Die Hoffnung für das Fernsehen schwindet, wenn sich in den nächsten Jahren niemand eine neue, wirksame Strategie ausdenken kann.
