
Seemab Gul hat mit ihrem Film über die zehnjährige Rabia, die nicht hinnehmen will, dass ihre Schule geschlossen wurde, ein starkes Spielfilmdebüt präsentiert. Ghost School läuft in der Sektion Generation Kplus der 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin.
Der Film von Seemab Gul kommt im klassischen 4:3 Seitenverhältnis daher und erzählt von der zehnjährigen Rabia (Nazualiya Arsalan), die sich auf den Schultag vorbereitet. Die Mutter trennt rasch eine Naht auf, damit die Schuluniform noch passt. Dabei konzentriert sich die Kamera auf das Mädchen. Zauberhaft, wie sie ihrem kleinen Bruder erklärt wie sich der Mond um die Erde dreht.
Dann macht sich das Mädchen auf den Weg zur Schule, der kleine Bruder schaut ihr hinterher. Doch die Schule ist geschlossen, von drei Lehrern blieb nur einer übrig und nun ist die Schule zu. Die Eltern beschweren sich, weil das ihren Kindern schade. Die Schule und der Lehrer seien besessen, sagt der Schulaufseher. Eltern und Kinder werden nach Hause geschickt. Rabia erfährt von einem Mitschüler, es liege ein Fluch über der Schule. Ein Geist hat die Schule übernommen. Ihr Mitschüler wird deshalb eine Jungenschule im nächsten Ort besuchen, doch für Rabia bleibt der Weg versperrt. Großartig, welche Würde und welches klare Bewusstsein sie hat, dafür einzustehen, was sie für ihr Leben braucht. Und was sie herausfindet über all die Bauruinen in der Stadt. Man entdeckt all diese Dinge gemeinsam mit ihr.
Der Film begleitet Rabia dabei, wie sie darum ringt, diese Ihr künftiges Schicksal prägende Situation zu verändern. Ihre Mutter sagt, es sei zu gefährlich für Mädchen den Ort zu verlassen. Rabia soll eine Kanne zum Hafen bringen, für ihren Vater. Auf dem Weg schaut sie sich um, beobachtet die für eine Frau begrenzten Möglichkeiten, im Ort zu leben. Deshalb wird sie, im Verlauf des Films den Lehrer, den Landlord und den Dorfvorsteher aufsuchen um für ihre eigene Zukunft und die der anderen Mädchen zu kämpfen. Dabei begleitet die Kamera sie Immer wieder in Parallelfahrten, am Hafen entlang, auf der Suche nach dem Vater, einem Fischer oder auch wie sie sich dem Haus des angeblich verzauberten Lehrers nähert.
Die ganze Szenerie ist in ein sehr schönes, zärtlich behutsames Licht getaucht und die junge Schauspielerin verkörpert dieses mutige Mädchen so unaufgeregt und glaubwürdig, dass man mit ihr in diese seltsame Welt eintaucht, in welcher Schulen, Krankenhäuser und Universitäten ganz einfach über Nacht wegen Geiz, Korruption, was auch immer zu Geister-Häusern werden können. Kann man die Dinge nicht selber ändern, fragt sich Rabia. Hier und da schimmern Märchenmotive durch, die dem Mädchen Kraft geben, gegen Ignoranz, mittelalterliche Rollenmuster und Bevormundung anzukämpfen.

Seemab Gul hat sich bei der Geschichte, zu der sie auch das Drehbuch schrieb, vollständig auf das Spiel und die Kraft der Bilder eingelassen, die wenigen Dialoge sind gut gesetzt und wirken authentisch. Sie hat ihrer Hauptdarstellerin Freiräume gelassen, hat auf Wahrhaftigkeit, auf Authentizität gesetzt und damit ermöglicht, dass ein ganz besonderes Filmerlebnis entstehen konnte. Damit erlangt der Spielfilm eine Überzeugungskraft wie sie sonst nur starke Dokumentarfilme besitzen.
Ein Film, der auf die Kraft der Geschichte, der Charaktere, ihrer Gesichter vertraut und damit in eine ebenbürtige Fortsetzung von Filmen wie „Wo ist das Haus meines Freundes“ (Abbas Kiarostami Iran, 1987) oder „Eine Saison in Hakkari“ (Erden Kıral, Türkei 1988) einreiht. Die Regisseurin hat in „Ghost School“ stellvertretend durch Rabia, den Fokus auf die jungen Mädchen in vielen Regionen Pakistans und der Welt gelenkt, denen die Tür zu einem selbstbestimmten und gleichberechtigten Leben durch die Verweigerung von Bildung versperrt bleibt.
Rabia will sich diesem Schicksal nicht beugen und ringt um die Chancen für ihre Zukunft. Ein starker, wichtiger Film, der sich die Zeit nimmt, Gesichter zu beobachten, die junge Protagonistin beim Erkunden der sie umgebenden, angeblich vorbestimmten Welt zu begleiten und mit ihr auszuloten, wie sie sich daraus befreien kann. Damit macht der Film zugleich allen jungen Mädchen und Frauen Mut, sich ihre Zukunft nicht wegnehmen zu lassen.
Gesehen von Mathias Allary
In unserem YouTube Channel findet Ihr ein Interview mit der Regisseurin, Autorin und Produzentin Seemab Gul

